Frage 73

Predigt von Pastor Michael Ebener, Göttingen

"Warum nennt denn der Heilige Geist die Taufe das 'Bad der Wiedergeburt' und die 'Abwaschung der Sünden'?"

Gott redet so nicht ohne Ursache.
Er will uns damit lehren:
wie die Unsauberkeit des Leibes durch Wasser,
so werden unsere Sünden
durch Blut und Geist Christi hinweggenommen.
Ja vielmehr:
Er will uns durch dies göttliche Pfand
und Wahrzeichen
gewiss machen,
dass wir so wahrhaftig
von unseren Sünden
geistlich gewaschen sind,
wie wir mit dem leiblichen Wasser
gewaschen werden.

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.


Da ist ein Zusammenhang von Wasser und Geist. 

Meditation Pur.

"Meditation Pur" steht hier. (Packung Badezusatz wird hochgehalten.)
"Weihrauch. Vanille.
Vollkommene Ruhe für Körper, Geist und Seele."

Und weiter: "Das entspannende Kneipp Gesundheitsbad Meditation Pur hilft Ihnen zur Ruhe zu kommen und wieder die eigene Mitte zu finden. Natürliches ätherisches Weihrauchöl und wertvoller Vanille-Extrakt entfalten einen warmen, balsamisches Duft, der sie abschalten und einen Moment der Stille genießen lässt."

„Alles was wir brauchen, um gesund zu bleiben, hat uns die Natur geschenkt.“ Zitat Pfarrer Sebastian Kneipp.

So steht es auf dieser Packung Badezusatz.
Soll man danach „Amen“ sagen?

Wasser und Geist im religiösen Bewusstsein

Dabei ist der Zusammenhang von Wasser und Geist uralt.
Viele Religionen kennen rituelle Waschungen zu bestimmten Tag- und Festzeiten.

Für den frommen Hindu ist es das Bad im Ganges: Er taucht unter, er taucht auf, wie neu geboren, von allen Sünden rein. Und wenn seine sterblichen Reste von diesem ins nächste Leben fließen, dann auch im Lauf des heiligen Flusses.
Aber wir müssen nicht nach Indien!
Nur ein paar Häuserzüge von hier, in der Roten Straße, findet sich versteckt in einem Privathaus eine jüdische Mikwe - ein rituelles Bad, das für die Reinigungsvorschiften im jüdischen Festkalender unabdingbar ist und das die bösen Zeiten überdauert hat, weil man es nicht von einer Waschküche unterscheiden konnte.
Und in Geismar war es immer Ehrensache, dass die Kindstaufe mit frischem Quell vom Thie zu geschehen hatte.
Und bei mir im Amtszimmer steht tatsächlich eine kleine Plastikmadonna, von Taufeltern verstohlen zugesteckt mit dem schuldbewussten Zugeständnis, das sei Wasser aus Lourdes, und der dringlichen Bitte, ob man das Kindlein denn nicht damit taufen könnte.
Das Ampüllchen ist nun leer …

Ja, da ist ein Zusammenhang von Wasser und Geist!

Das dreiste Unterfangen „Katechismus“

Das weiß auch der Heidelberger Katechismus, unsere reformierte Bekenntnisschrift aus dem Jahre 1563, ein volles Menschenleben älter als der Jacobitaufstein und in zwei Jahren aller reformierten Orten mit einem halbrunden Jubiläumsjahr zum 450. Geburtstag bedacht und gefeiert.

Ich mag Katechismen. Unseren Heidelberger mit seinen 129 Fragen und Antworten, aber auch die beiden von Luther, und den von Comenius, und den von Brenz. Ich liebe dieses dreiste Unterfangen: Den ganzen Glauben in einem kleinen Büchlein von weniger als hundert Seiten!

Ich tue das aber mit einer wichtigen Einschränkung, die reformierte Bekenntnisse immer prägt: Vorbehaltlich weiterführender Schrifterkenntnis…, heißt es da an vielen Stellen.
Und ich verstehe das so, dass wir uns von den Vorderen im Glauben ruhig sagen lassen können, was gilt, aber nie davon befreit sind, das alles mit eigenem Verstand und für die eigene Zeit neu nach- oder umzusprechen - vorbehaltlich weiterführender Schrifterkenntnis.

Mit unserem Christsein schreiben wir sowieso an jedem Tag unseres Lebens einen eigenen Katechismus, darin finden sich die Bibelverse, Liedstrophen, Dichterworte, Bilder, Gedanken und Empfindungen, die uns durchs Leben tragen.
Für mich und viele Reformierte sind die ersten Worte des Heidelbergers auch eigener Katechismus – Frage 1, erster Teil:
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? -
Dass ich mich Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland
Jesus Christus gehöre.

Heidelberger Katechismus, Frage 73

Die Frage 73, die den Zusammenhang von Wasser und Geist ausleuchtet und auf den wir nun zurückkommen, findet sich nicht in meinem eigenen Katechismus.

Das mag daran liegen, dass wir bei unserem Katechismusstudium im Konfirmandenunterricht der reformierten Diaspora in Lüneburg nicht sehr weit über die erste Frage hinausgekommen sind. Aber das reicht ja: Was kann einem denn, wenn man weiß, wer sein einziger Trost ist?

Und doch lese ich mit Ihnen heute Morgen sehr gern Worte der reformierten Tradition, die das Nachdenken wert sind, und die uns bei Wasser und Geist weit über wellness und chill-out, über Vanille und Weihrauch hinausführen.

Heidelberger Katechismus, Frage 73:
Warum nennt denn
der Heilige Geist die Taufe
das „Bad der Wiedergeburt“
und die „Abwaschung der Sünden“?

Gott redet so nicht ohne große Ursache.

Er will uns damit lehren:
Wie die Unsauberkeit des Leibes durch Wasser,
so werden unsere Sünden
durch Blut und Geist Christi hinweggenommen.

Ja vielmehr:
Er will uns durch dies göttliche Pfand
und Wahrzeichen
gewißmachen,
dass wir so wahrhaftig
von unseren Sünden
geistlich gewaschen sind,
wie wir mit dem leiblichen Wasser
gewaschen werden.

Taufe ist etwas anderes…

Taufe als „Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“ hat Gewicht, das muss man erst einmal wirken lassen.

„Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“ ist etwas ganz anderes als das, was wir gemeinhin mit der Taufe verbinden, allzumal wenn wir an die Taufen unserer kleinen Kinder denken, deren Köpfchen wir über den Jacobitaufstein und über die Taufschale der reformierten Gemeinde gehalten haben: Unsauberkeit, unsere Sünden, Blut und Geist Christi, geistlich gewaschen?

Taufe als „Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“ ist etwas anderes als ein schönes Geburtsfest mit Freunden und Verwandten, dazu die Tasse Jakobs Krönung - zur Taufe nur das Beste.

Taufe als „Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“ ist etwas anderes als der rituell ausgedrückte Dank dafür, dass unter der Geburt alles gut gegangen ist: Mutter und Kind wohlauf und auch der Vater in der neuen Rolle eingefunden.

Taufe als „Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“ ist etwas anderes als Bitte um Gottes Segen und Beistand, wenn man spürt, wie wenig man dieses kleine Leben in der Hand hält, wie wenig man es bewahren kann:
Denn Gott hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Psalm 91, 11f.

Taufe als „Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“ ist auch etwas anderes als nur eine Frage von Kirchenmitgliedschaft und der in diesem Zusammenhang mit freundlichen jungen Eltern so leidig oft diskutierten Frage, ob der aus der Kirche ausgetretene Onkel nicht doch Pate sein könne; er sei der beste Mensch, den es weithin gäbe. Unbenommen…

Taufe als „Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“ ist eine Provokation! - - - Zumindest für mich, denn aus genau diesen Gründen sind meine beiden Kinder doch als Babys getauft worden: Freude über das Lebensgeschenk, Dank für alles Überstandene, Bitte um Segen und Bewahrung, Aufnahme in die christliche Gemeinde – und zwar genau in dieser Reihenfolge!

Taufe ist mehr!

Es ist nicht nötig, sich seine Beweggründe zur Taufe diskreditieren zu lassen, aber es kann doch hilfreich sein, mit dem Heidelberger zu lernen: Taufe ist mehr!

Es besteht ein Zusammenhang von Wasser und Geist: „Bad der Wiedergeburt“ und „Abwaschung der Sünden“.
Wenn die Taufe so gedeutet wird, dann macht das den Bezug zum Karfreitag deutlich – was in der Taufe geschieht, hat mit der Erlösung des Menschen zu tun, mit Christi Werk am Kreuz.

Wir müssen damit rechnen, dass der Hindu am Ganges diesen Zusammenhang von Wasser und Geist heute leichter durchschaut, sinnvoller findet, als der Otto-Normal-Christ in Göttingen.
Dieser Otto-Normal-Christ glaubt zwar an den lieben Gott, aber er glaubt nicht mehr, dass seine Sünde etwas wäre, das ihn von Gott trennt und das durch Christi Blut abgewaschen werden müsste. Der Otto-Normal-Christ hat vergessen, dass bei „Sünde“ nicht an Kuchendiät und Straßenverkehr, überhaupt Verkehr, gedacht ist, sondern das Ganze sich schon sprachlich von „synd“ und „sund“ ableitet, althochdeutsch für „Graben“, und deshalb das markiert, was zwischen Gott und Menschen steht.
Das ist aber so.
Und deshalb wird der Heidelberger nicht müde, diesen Zusammenhang von Wasser und Geist zu betonen: Die christliche Taufe hat mit der Vergebung der Sünden zu tun! Und zwar nicht am Rande, sondern zuallererst. Für diese Vergebung der Sünden, die uns in der Predigt zugesagt wird, ist die Taufe „Pfand und Wahrzeichen“ - „Wahrzeichen und Siegel“ Frage 66. Mit der Taufe geschieht nichts anderes, als das, was uns in der Predigt verkündigt wird, aber es geschieht anders. Wir Menschen sind für das Heil auf verschiedenen Kanälen ansprechbar und Gott nutzt seine Möglichkeiten, denn er will ja, dass wir unsere Straße fröhlich ziehen – dass wir frei sind von dem, was uns nach Christi Kreuz das Leben nicht mehr schwer machen soll.

Zwei Verben gliedern unsere Katechismusfrage: lehren und gewißmachen. Wir Reformierten haben diesen Schlag ins Pädagogische, und ich stehe voll dahinter: Gefühle können andere besser; wir sagen „Amen“, wenn wir verstanden haben!

Die Taufe, die beiden Sakramente, sind ein pädagogisches Unterfangen Gottes, damit wir besser verstehen, was in Christus für uns geschehen ist.
Brot und Wein und Wasser sind Brot und Wein und Wasser, aber sie lehren uns etwas, machen uns gewiß – das Schmecken und Spüren, das Plätschern hilft dem Verstehen auf: Unsere Sünden sind durch Blut und Geist Christi hinweggenommen, unsere Sünden sind geistlich gewaschen – wie die Unsauberkeit des Leibes durch Wasser, wie wir mit dem leiblichen Wasser gewaschen werden.

Im übertragenen Sinne sind alle Getauften mit dem Blut Christi gewaschen. Durch den Tod Christi am Kreuz haben wir von Gott die Vergebung der Sünden geschenkt bekommen.
Ob uns Heutigen dieser Gedanke gefällt, kann man mit dem Katechismus nicht diskutieren. Aber ein anderer Akzent wird auch uns einleuchten: Es ist nach dem Heidelberger dabei nie an die Sünden gedacht, die ein Mensch bis zu seinem Tauftag begangen haben mag! Bei Babys oder Kleinkindern wäre das auch schlicht verrückt. Das ganze Leben hindurch darf der Mensch sich an das Werk Christi erinnern, das ihm und den Beistehenden mit seiner Taufe sinnenfällig bezeugt ist.

Die beste Tauferinnerung ist deshalb das Anschauen der Taufe eines anderen Menschen, klein oder groß, in der Mitte der Gemeinde!
Die Taufe geschieht nicht allein am Täufling, sie nutzt auch den Zuschauern. Schade, dass uns solch ein Täufling heute fehlt! Taufe entfaltet ihre Wirkung, erfüllt ihren pädagogischen Zweck, ohne dass man mit dem Taufwasser in Berührung kommen muss. Durch das bloße Anschauen weist sie hin „auf das einmalige Opfer Christi, das für uns am Kreuz geschah“ Frage 67. Das klingt so mystisch, dass man uns Reformierten das kaum zutraut, aber genau das ist es, was wir mit „Erinnerung“ im Sinne von Vergegenwärtigung meinen, wenn wir betonen, was uns an den Sakramenten wichtig ist.

Der Zeitpunkt der Sündervergebung ist nicht der Tauftag, nicht der Augenblick des Taufens, sondern das war der Karfreitag, an dem Christus starb. Wer das nachspricht, wer dem nachspürt, mit dem Verstand und mit dem Herzen, unter Wasser und Geist, dem gehört die Vergebung.
Und das immer wieder, das ganze Leben hindurch.

Taufe ist mehr als Dank und Segen.
Viel mehr.
Aber gerade darin - - - Dank und Segen.
Amen.

 

Gehalten am 9. Oktober 2011 in der ev.-lutherischen Kirche St. Jacobi, Göttingen