Frage 74

Taufansprache von Pfarrerin Ulrike Scholtheis-Wenzel, Bad Sobernheim

"Soll man auch die kleinen Kinder taufen?"

Ja;
denn sie gehören ebenso wie die Erwachsenen
in den Bund Gottes und seine Gemeinde. 1. Mose 17, 7

Auch ihnen wird,
nicht weniger als den Erwachsenen,
in dem Blut Christi
die Erlösung von den Sünden Mt 19, 14
und der Heilige Geist,
der den Glauben wirkt,
zugesagt. Lk 1, 14-15 / Ps 22, 11 / Jes 44, 1-3 / Apg 2, 39

Darum sollen auch die Kinder
durch die Taufe, das Zeichen des Bundes,
in die christliche Kirche
als Glieder eingefügt
und von den Kindern der Ungläubigen
unterschieden werden, Apg 10, 47
wie es im Alten Testament
durch die Beschneidung geschehen ist, 1. Mose 17, 14
an deren Stelle im Neuen Testament
die Taufe eingesetzt wurde. Kol 2, 11-13

 

Liebe Tauffamilie, liebe Gemeinde!

Wie ein kleines Kind trägt der Kurfürst den Katechismus im Arm! Seht dort: in unserem Kirchenfenster! Wie ein kleines Kind drückt Friedrich III ihn an sein Herz. Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden kennt ihn schon: unsern Friedrich und seinen Heidelberger Katechismus. Mit 44 Jahren folgte er als Kurfürst seinem kinderlosen Onkel Ottheinrich. Mit seiner Frau Marie und seinen elf Kindern brachte er frischen Wind und neues Leben in das Heidelberger Schloss. Und als guter Landesvater sorgte er sich in einer Zeit großer religiöser Unruhe um inneren Frieden in seiner Kurpfalz. Darum der Katechismus. Sein Herzensanliegen. Sozusagen sein zwölftes Kind.

Friedrich selbst war ein heller Kopf. Unser Fensterkünstler Meistermann hat das wunderbar hervor gehoben*: ein heller Kopf... Mit seinem Katechismus wollte er den Verstand und das Wissen seiner Landeskinder schulen. Glaube ist eine gewisse Erkenntnis! Davon hörten wir am letzten Sonntag. Friedrich war ein heller Kopf und er hatte ein warmes Herz. Viele nannten ihn „Friedrich den Frommen“. Für ihn war der Glaube nicht nur eine Frage von Wissen und Macht – wie für die meisten im 16. Jahrhundert –, für ihn war der Glaube auch ein herzliches Vertrauen, ein persönlicher Trost. Unser Kurfürst war ein wahrer Christ mit Kopf und Herz, mit Verstand und Vertrauen.

Natürlich verfasste er den Katechismus nicht selbst. Dafür holte er den 25 jährigen Zacharias Ursinus nach Heidelberg, einen blitzgescheiten, einen weltgewandten jungen Mann. Und dafür gab es ja auch die Professoren an seiner Universität. Aber – das ist historisch verbürgt – der Kurfürst diskutierte selbst mit, was allen Lehrern und Pfarren zur religiösen Richtschnur werden sollte. Zum Beispiel diese Frage: Soll man auch die kleinen Kinder taufen?
Liebe Gemeinde, da waren sich die Protestanten uneins, damals wie heute. Am rechten Flügel sozusagen die Lutheraner: pro Kindtaufe! Wird doch an einem Säugling die Rechtfertigung ohne Verdienst so deutlich. Am linken Flügel dann die Täufer, die Schwärmer: contra Kindtaufe. Was zählt das Sakrament ohne eigenen Verstand und Glauben? Und die Heidelberger? Zu welchem Schluss kamen der elffache Vater und seine jungen Professoren?

„Soll man auch die kleinen Kinder taufen?" 
Antwort: "Ja! Denn sie gehören ebenso wie die Erwachsenen in den Bund Gottes.“
Das ist ein biblisches Argument! Die Kinder gehören in den Bund Gottes. Das muss ich wohl noch sagen: Friedrich, unser Kurfürst, war ein sehr guter Bibelkenner. Und er bestand darauf, dass alles, was im Katechismus steht, biblisch gut begründet ist. Die Bibelstellen ließ er gleich dazu schreiben, um alle Leser zu animieren, selbst die Heilige Schrift aufzuschlagen. Der Heidelberger Katechismus ist ein Religionsbuch, das von der Bibel her kommt und wieder zur Bibel hin führt.

Nun ist das mit der Taufe der kleinen Kinder so: sie steht nicht in der Bibel! Nicht ausdrücklich jedenfalls. Sie erinnern sich vielleicht an das Anspiel der Konfirmanden, an die Verlegenheit des Kurfürsten, der behauptete: das steht da, aber nicht wusste, wo. Das Neue Testament erzählt uns nur die Taufen von Erwachsenen, von Menschen, die selbst wussten, was sie taten. Hier und da lesen wir: „Er ließ sich taufen und sein ganzes Haus!“ das ist aber auch schon alles. Damit sind Kinder denkbar. Nicht ausgeschlossen. Zur Regel wurde die Kindertaufe erst im 4. Jahrhundert mit Augustin und seiner Lehre von der Erbsünde. Aber das ist eine eigene, andere Geschichte.

Der Katechismus jedenfalls konnte sich schlecht auf die biblische Praxis der Kindertaufe gründen. Darum gründete er sich auf die biblische Theologie des Bundes. Daneben schrieb Zacharias Ursinus: 1.Mose 17. Ausrufezeichen. Nachlesen! Da lesen wir von Abraham, mit dem Gott einen ewigen Bund schließt. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“, sagt Gott. „Das ist mein Bund. Daran binde ich mich. Und als äußeres Zeichen gilt die Beschneidung.“
Christus, so lese ich weiter im ersten Vers des Neuen Testaments, war Abrahams Sohn, beschnitten natürlich, ein Kind des Bundes. Er trug den Segen Gottes zu den Völkern. Durch ihn sind wir alle in den Bund hinein gekommen. Und unser Zeichen ist die Taufe. Das gilt auch für Kinder.

Liebe Familie Geiß, Ihr haltet Eure erste Tochter Josefine im Arm. Liebe Familie Corell, Ihr drückt Euren ersten Sohn Tim-Anthony ans Herz. Ihr bringt die beiden zur Taufe. Ihr möchtet, dass die Kleinen – ebenso wie die Erwachsenen – zur Gemeinde gehören. Und genau so sagt das auch der Katechismus: sie sollen Kinder des Bundes sein. Sie sollen gehalten und getragen werden von einem Netz aus Glauben, Liebe und Hoffnung. Sie sollen aufwachsen in einer Gemeinschaft, die Fehler zulässt und Vergebung einübt. Sie sollen verbunden sein mit allen Menschen, die Gottes Geist zum Frieden bewegt.

Apropos Geist! Die Heidelberger kannten sich – wie gesagt – in der Bibel bestens aus. Und Ursinus notiert neben der Tauffrage Jesaja 44,3: „Gott spricht: Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre. Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“ Und dann schlägt der junge Professor einen gewagten Bogen zu Apostelgeschichte 10,47: „Petrus spricht: Kann auch jemand denen die Taufe verweigern, die den heiligen Geist haben wie wir?“
Schlau, schlau, liebe Gemeinde! Und ein wunderbarer Gedanke obendrein: Kinder tragen Gottes Geist in sich vom ersten Atemzug an. Sie gehören in seinen Bund von Anbeginn. Warum sollten sie nicht getauft werden?!

Könnte am Ende einer einwenden: Wenn ein Kind von Anbeginn in den Bund gehört, warum muss es dann getauft werden, wenn es so klein ist?
Ein richtiger Einwand!
Liebe Gemeinde, der Katechismus mit seiner Theologie beweist tatsächlich nicht die Notwendigkeit der Kindertaufe, sondern schlicht ihre Zulässigkeit. Ganz auf der Linie des Zürcher Reformators Zwingli. Auf diese Einschränkung ließ sich Friedrich ein, der helle Kopf. Und er war sich im Herzen doch sicher, es genau richtig gemacht zu haben, als er seine fünf Töchter und sechs Söhne im zartesten Alter zur Taufe trug.

Liebe Familien Corell und Geiß,
genauso frohgemut tragt Ihr heute Tim-Anthony und Josefine zur Taufe. So klein sie sind, die Taufe ist ein Zeichen, das sich nie verliert und das sie immer erinnern soll: wir sind Kinder des Bundes! Wie die Erwachsenen gehören wir zum großen Volk Gottes. Wie die Erwachsenen tragen wir den Geist Christi, den Geist der Liebe und des Friedens im Herzen. Amen.

Gehalten am 22.09.2013 in der Matthiaskirche Bad Sobernheim.

* Fensterbild von Georg Meistermann in der Matthiaskirche in Bad Sobernheim. Das Bild stellt den pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. mit dem Heidelberger Katechismus im Arm dar. Friedrich wurde 1515 in Simmern geboren.