Frage 86

Predigt von Pastor Klaus Kuhlmann, Braunschweig

"Warum sollen wir gute Werke tun?"

Weil Christus, nachdem er uns mit seinem Blut erkauft hat, uns auch durch seinen heiligen Geist erneuert zu seinem Ebenbild, damit wir mit unserem ganzen Leben uns dankbar gegenüber Gott für seine Wohltat erweisen und er durch uns gepriesen wird. Danach auch, dass wir bei uns selbst unseres Glaubens aus seinen Früchten gewiss sind und mit unserem gottgefälligen Leben unsere Nächsten auch für Christus gewinnen."


Eine spannende Frage, liebe Gemeinde:

- „Warum sollen wir gute Werke tun?“
- ‚Warum sollen wir Gutes tun?’
- ‚Warum sollen wir ethisch handeln?’

Ja, warum?

Ist das überhaupt eine Frage, die man ernsthaft stellen kann?
‚Dumme Frage! Natürlich sollen wir Gutes tun, das ist doch selbst-verständlich!’

Aber einmal abgesehen davon, dass es wohl keine dummen Fragen gibt:
Was ist denn selbstverständlich bei uns?
Ist heute überhaupt etwas selbstverständlich?

Mir scheint es zum Beispiel ganz und gar nicht selbstverständlich, dass Benachteiligte unter einem besonderen Schutz der Gesellschaft stehen.
Vor etwa einem Jahr sprach der Vorsitzende der FDP in der Diskussion um die Hartz-IV-Gesetze „von spätrömischer Dekadenz“ und unterstellte, dass eine Erhöhung des Regelsatzes Hartz-IV Bezieherinnen und Bezieher zu einem Lotterleben verführen könnte. Wenn gegenwärtig um eine Erhöhung um 5 Euro verhandelt wird, will es mir nicht in den Sinn, wie dies dem Luxus Tor und Tür öffnen könnte…

Ich habe den Eindruck, dass wir uns inzwischen von Vielem, was in der Vergangenheit einmal zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens gehörte, verabschiedet haben, und finde deshalb die Frage des „Heidelberger“ hochaktuell:
„Warum sollen wir gute Werke tun?“

Der Heidelberger Katechismus entfaltet diese Frage sehr sorgfältig, und man muss mehrmals lesen und hören, um seinem Gedankengang folgen zu können. Also: hören wir zu und schauen wir hin!


I.
„Von der Dankbarkeit“

So lautet die Überschrift über den dritten Teil des „Heidelberger“, der mit unserer Frage eingeleitet wird.

Ich merke auf:
Mein Handeln, mein gutes Handeln hat also etwas mit Dankbarkeit zu tun.

Wem bin ich dankbar, liebe Gemeinde?
Meinen Eltern, die mir das Leben geschenkt haben, und die mir so viel Wertvolles mit auf den Weg gaben?
Lehrer für ihre Glaubwürdigkeit?
Freunde und Freundinnen, weil ich bei ihnen einfach sein kann, wie ich bin?
Menschen, mit denen ich Glück teilen durfte und darf?
Einer Kirche, in der es Freude und Sinn macht, zu dienen?

Wem sind Sie dankbar, liebe Gemeinde?

Dankbar sein, so verstehe ich die Frage des „Heidelberger“, ist immer etwas Zweites, ist immer wie eine Antwort. Denn wenn ich dankbar bin, antworte ich auf etwas, was mir geschenkt worden ist.

Dankbarkeit, das ist in der Bibel die Antwort darauf, dass Gott liebt und frei macht.


So heißt es im 5. Buch Mose:
„Nicht weil ihr zahlreicher wäret als alle anderen Völker, hat sich der HERR euch zugewandt und euch erwählt - denn ihr seid das kleinste von allen Völkern -, sondern weil der HERR euch liebte…“ (5. Mose 7,7.8a)

„Darum halte das Gesetz, die Satzungen und Rechte, die ich dir heute gebe, und handle danach.“ (5. Mose 7,11)

Oder in Psalm 103:

„Lobe den HERRN, meine Seele,
und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen.
Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Der all deine Schuld vergibt
und alle deine Krankheiten heilt,
der dein Leben aus der Grube erlöst,
der dich krönt mit Gnade und Erbarmen,
der dich mit Gutem sättigt dein Leben lang.“

Weil Gott uns soviel Gutes tut, dürfen wir ihn loben.

Dankbares Lob ist die Antwort des biblischen Menschen darauf, dass Gott sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat, und das Halten der Gebote ist eine grundlegende Form der Dankbarkeit.

So sagt es die Bibel, und darin folgt ihr der Heidelberger Katechismus. Das Einhalten der Gebote ist keine fromme Pflichterfüllung, sondern geschieht mit „Lust“ und kommt aus tiefstem Herzen, weil das Leben in Freiheit gut gestaltet werden will.

„Die zehn großen Freiheiten“ – so hat der Theologe Ernst Lange seine Auslegung der Gebote treffend überschrieben.

Ich bin dankbar – weil ich geliebt wurde und werde.
Ich bin dankbar – weil ich befreit wurde und werde.
Und in Dankbarkeit versuche ich, das Leben zu gestalten.


So lebt der biblische Mensch und der, der sich vom biblischen Geist prägen lassen will, und so sagt es auch der „Heidelberger“:

„Da wir nun aus unserem Elend
ganz ohne unser Verdienst
aus Gnade durch Christus erlöst sind…“

Von daher kommen wir, von daher leben wir:
Von unserer Befreiung aus unserem Elend.

Und diese Befreiung hat seinen Ursprung nicht etwa darin, dass wir etwas Außergewöhnliches vorzuweisen hätten –
besondere Frömmigkeit etwa oder großen materiellen Reichtum –
nein:
„ganz ohne unser Verdienst – aus Gnade“.

Gott hat uns in seinem Sohn Jesus Christus gnädig, liebevoll angeschaut.
Wir sind in seinen Augen „angesehen“.
Die Evangelien erzählen davon, wie Jesus Menschen anblickt, aufrichtet und in das Leben schickt.

Das ist unsere Grundlage.
Von daher kommen wir, von daher leben wir:
Von unserer Befreiung aus unserem Elend.


II.
Und die Konsequenzen dieser Grundlage fächert der „Heidelberger“ nun auf:

„Wir sollen gute Werke tun,
weil Christus,
nachdem er uns mit seinem Blut erkauft hat,
uns auch durch seinen Heiligen Geist
erneuert zu seinem Ebenbild…“

Was für ein Horizont, was für eine Verheißung:
zum Ebenbild Christi erneuert zu werden!

Jesus Christus nicht nur unser Herr, sondern auch unser Bruder.
Geschwisterlich nah und verbunden.
Wie ein Gewand, in das wir uns hüllen können:
„Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen“, schreibt Paulus im Brief an die Galater (3,27).

„…damit wir mit unserem ganzen Leben
uns dankbar gegen Gott
für seine Wohltat erweisen
und er durch uns gepriesen wird.“

Unser ganzes Leben!

„Herz und Mund und Tat und Leben“ –
so hat es Johann Sebastian Bach in einer wunderbaren Kantate (BWV 147) vertont:

„Herz und Mund und Tat und Leben
Muss von Christo Zeugnis geben
Ohne Furcht und Heuchelei,
Dass er Gott und Heiland sei.

Wohl mir, dass ich Jesum habe,
O wie feste halt ich ihn,
Dass er mir mein Herze labe,
Wenn ich krank und traurig bin.
Jesum hab ich, der mich liebet
Und sich mir zu eigen gibet;
Ach drum lass ich Jesum nicht,
Wenn mir gleich mein Herze bricht.“

Lob Gottes, das ist die eine Blickrichtung, liebe Gemeinde.


III.
Die andere Blickrichtung schaut auf uns selbst.

Wir sollen eigene Gewissheit erhalten:

„Danach auch,
dass wir bei uns selbst unsers Glaubens
aus seinen Früchten gewiss werden…“

Der „Heidelberger“ meint, dass wir an den „Früchten“ unseres Glaubens gewiss, also sicher werden können, dass wir glauben.
Aus meinen Taten könne ich Rückschlüsse über meinen Glauben ziehen, ja noch mehr:
an meinen Taten könne ich ablesen und sicher werden, dass ich glaube.

„Praktischer Rückschluss“ hat man diesen Gedankengang genannt, („syllogismus practicus“), und dieser Gedankengang hat schließlich dazu geführt, dass Menschen an ihrem Wohlstand ihre Erwählung meinten ablesen zu können.

Warum denkt der „Heidelberger“ an dieser Stelle so gewagt?

Ist es das verständliche Bedürfnis nach Sicherheit und Gewissheit?

Ich weiß nicht, ob meine Annahme stimmt, aber ich kann mir Folgendes vorstellen:

Zu der Zeit, als der „Heidelberger Katechismus“ entstand, wurden in Frankreich die Protestanten unterdrückt und verfolgt; viele flohen aus ihrem Land, und viele flohen auch in die Kurpfalz.

Ist es denkbar, dass der „Heidelberger“ auch diese Verfolgten und Flüchtlinge vor Augen hat, die Hab und Gut und Heimat verloren hatten und sich fragten:
‚Was ist noch sicher? Was ist noch gewiss?’

Und könnte es ein, dass der „Heidelberger“ diese Menschen trösten will, wenn er hier sagt:
„Wenn ihr recht handelt und aufrecht lebt, so ist dies ein sicheres Zeichen für euren Glauben. Wenn ihr auch alles verloren habt – euren Glauben nicht, das könnt ihr an euren Taten ablesen, wenigstens da sollt ihr sicher sein.“

Man hat die Lehre des „Praktischen Rückschlusses“ oft und mit Recht kritisiert, und doch sollte man die Frage und das Bedürfnis nach Sicherheit und Gewissheit nicht vorschnell abtun.

„Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“ (Psalm 34,9)

Wir brauchen diese Gewissheit immer wieder.


IV.
Liebe Gemeinde!
Christliches Leben, christliche Existenz geschieht nicht im luftleeren Raum.

Andere fragen uns, befragen uns.
Neugierig, skeptisch, kritisch, erwartungsvoll.

Deutschland, Europa, so ist immer wieder zu hören, wird zu einem neuen Missionsgebiet. Doch wie kann „Mission“ angemessen geschehen?

Der „Heidelberger“ antwortet:
„…mit einem Leben, das Gott gefällt,
(um) unsern Nächsten auch für Christus (zu) gewinnen.“

Was für ein schönes Bild von Mission:
Unser Leben als Vorbild.
Vielleicht aus der Stille.
Glaubwürdig.
Gewinnend.

Nicht mit steilen dogmatischen Thesen, sondern mit einem Leben, „das Gott gefällt“.

Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal:
„Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen:
Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ (Mai 1944)

Einfacher kann es doch nicht sein, oder?

Amen.

 

Gehalten am 23. Januar 2011 in der Ev. – ref. Bartholomäuskirche Braunschweig