Predigt zu Psalm 146 am Sonntag Judika: ''Loben ist das Ausatmen des Glaubens''

plus: Gebete, Lesungen, Lieder


© Mario Alberto Magallanes Trejo / sxc.hu

von Martin Filitz, Halle

Gottesdienst am Sonntag, dem 25. März 2012 um 10.00 Uhr in der  Ev.-ref. Marktkirche in Lage/Lippe – Sonntag Judika

Predigttext: Psalm 146
Predigtlied: EG 302
Schriftlesung: Magnificat, Lukas 1, 59-66
Wochenspruch: Matthäus 20,28
Wochenpsalm: Psalm 146
Wochenlied: Psalm 146 - Genf

Eingangswort

Wir beginnen diesen Gottesdienst am Sonntag Judika im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Unsere Hilfe uns unser Anfang stehen im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, der Bund und Treue hält ewiglich und der nicht preisgibt die Werke seiner Hände.
Amen

Eingangslied: EG 622,1-5

Eingangsgebet

Barmherziger Gott
Bei dir ist die Quelle des Lebens
Lebensmut und Lebenskraft kommen aus dir
Was uns aufrecht hält
Und uns nicht verzweifeln lässt
Verdanken wir deiner Freundlichkeit
Wir danken dir
Für alles, was du uns gibst
Auch wenn wir undankbar sind
Wenn wir deine Gaben nicht zu schätzen wissen
Wenn wir meinen, es sei unsere Tüchtigkeit
Dass wir ein Anrecht hätten darauf,
dass es uns gut geht und es uns an nichts fehlt
Bitte vergib unseren Undank
Dass wir lernen,
die kleinen und die großen Dinge aus deiner Hand zu nehmen
und dich in unserem Leben über alles zu lieben
und dir zu vertrauen.
Amen

Psalm 146 (im Wechsel gesprochen EG 762)

EG 629,1-4

Heidelberger Katechismus Frage 34

Warum nennst du ihn »unseren Herrn«?

Er hat uns mit Leib und Seele
von der Sünde und aus aller Gewalt des Teufels
sich zum Eigentum erlöst und erkauft,
nicht mit Gold oder Silber,
sondern mit seinem teuren Blut,
indem er sein Leben für uns gab.

Lied zur Predigt
EG 635,1-4

Predigt über Psalm 146 (NGÜ)

Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele! 2 Ich will den Herrn loben mein Leben lang, für meinen Gott singen und musizieren, solange ich bin.
3 Verlasst euch nicht auf Mächtige, nicht auf irgendeinen Menschen, bei dem doch keine Hilfe zu finden ist! 4 Wenn er den letzten Atem aushaucht, so wird er wieder zu Erde, und am selben Tag ist es vorbei mit all seinen Plänen. 5 Glücklich zu preisen ist, wer den Gott Jakobs zum Helfer hat, wer seine Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, setzt, 6 auf ihn, der Himmel und Erde erschaffen hat, das Meer und alles, was darin lebt, auf ihn, der für alle Zeiten die Treue hält.
7 Den Unterdrückten verschafft er Recht, den Hungernden gibt er Brot. Der Herr befreit die Gefangenen, 8 der Herr öffnet die Augen der Blinden, der Herr richtet Gebeugte auf, der Herr liebt Menschen, die seinen Willen tun. 9 Der Herr behütet die Fremden, Waisen und Witwen stärkt und erhält er; aber den Weg derer, die ihn verachten, macht er zu einem Irrweg. 10 Auf ewig herrscht der Herr als König, dein Gott, Zion, jetzt und in allen künftigen Generationen. Halleluja!


Liebe Gemeinde,
Loben ist eine Grundäußerung des Glaubens. Dabei ist das Lob Gottes nicht das erste Wort. Das erste Wort ist das Wort Gottes selbst, das Licht aus dem Dunkel werden ließ, das dem Nichts sagte, das es sei, das Fleisch wurde und Menschengestalt angenommen hat. Das ist das Erste Wort Gottes, und es wird auch das letzte sein. Aber das Wort der Menschen, das auf dieses erste Wort folgt, ist das Lob. Den groß machen, wenn auch nur mit meinen Worten, der in Wirklichkeit groß ist. Meine Seele erhebe den Herrn und mein Geist freue sich Gottes, meines Heilandes – so singt Maria.

Loben ist das zweite Wort, und das erste, das Menschen auf die Tat Gottes hin zu sagen haben. Loben ist ausatmen. Loben ist das Ausatmen des Glaubens.

Wir sind die meiste Zeit unseres Lebens damit beschäftigt, einzuatmen, wahr- und aufzunehmen. Wo bekomme ich die Informationen, die mir weiterhelfen? Wo gibt es interessante Sonderangebote? Welche Nachrichten bewegen die Welt? – alles Atemzüge auf der Jagd nach Leben, atemlose Atemzüge.

Aber das wissen auch jeder und jede: Wer immer nur einatmet, der hyperventiliert, wie es heißt,  der kommt wirklich in Atemnot. Den Trends hinterherhecheln kostet Kraft und Lebenszeit, immer nur Luft holen, um den wechselnden Anforderungen des Lebens genügen zu können, das lässt den Atem stocken.

Einatmen kann jeder – die Kunst ist es, auszuatmen!

Im Lob Gottes atmet der Glaube aus. Wenn die Seele Gott lobt, dann ist sie ganz bei Gott und findet ganz zu sich selbst. Dann ist für den einen Moment nichts anderes wichtig.

Ganz bei Gott sein und ganz bei sich selbst. Man vergisst immer wieder, wie lebensnotwendig dieses Ausatmen ist. Wie gut es der Seele tut. Darum diese häufigen Erinnerungen in den biblischen Psalmen: Lobe den Herrn meine Seel, und vergiss nicht! Vergessen ist der Todfeind des Glaubens und damit auch er Todfeind des Lebens. Denn wer Gott vergisst, der vergisst das Leben und der vergisst auch sich selbst.

Darum, vergiss nicht, lobe, atme aus. Ausatmen braucht Zeit! Ausatmen heißt nicht: hecheln! Ausatmen schafft einen heilsamen Abstand zu den Dingen, die mich beschäftigen. Ausatmen ist ein Akt der Freiheit. Wer es vergisst, der macht sich zum Sklaven der Dinge und der Meinungen, der Interessen und Angst, Wichtiges zu verpassen.

Aber was ist das Wesentliche? Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Fürsten sind es nicht! Was wie Macht glänzt, das kann morgen schon hinweggefegt sein vom Zorn der Menschen, von veränderten politischen Bedingungen. Manchmal geht das ganz schnell, gleichsam über Nacht. Manchmal dauert es länger. Dann folgt der Wechsel erst nach grausamen Massakern, brutalsten Verletzungen der Menschenrechte. Daran hat sich seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte nur wenig geändert. Aber den Wechsel aufhalten, kann man vielleicht, ihn verhindern: niemals!  Fürsten sind Menschen, vom Weibe geboren und kehren um zu ihrem Staub! Das gilt für Fürsten, die sich als Herrscher von Gottes Gnaden fühlen wie für demokratisch gewählte Regierungen. Wer seine Hoffnung auf die Politik setzt, der wird die Hoffnung oft verändern und neu formulieren müssen- Wer von der Politik das Heil erwartet. Der wird sich verlassen und enttäuscht wiederfinden. Und vielleicht kann überhaupt nur derjenige mit der demokratisch verliehenen Macht sachgerecht umgehen, der genau weiß, wie begrenzt und vorläufig diese Macht ist, und der sich nicht an sie klammern muss wie ein Ertrinkender an den Rettungsring.

Loben heißt: den groß machen, der in Wirklichkeit groß ist. Die antike Judenheit hat eine Fülle von hebräischen Gedichten zusammengetragen, von denen 150 aufgeschrieben und in die Texte der biblischen Schriften aufgenommen worden sind.
Gott tut, was Fürsten und andere Mächtige nicht können: er macht die Blinden sehend. Das ist Glaubenserfahrung! Blind ist ja nicht nur, wem das Augenlicht fehlt. Blind ist auch, wer keine Augen mehr für die Welt und die Menschen hat, sondern nur noch einen Blick für sich selbst und die eigenen Interessen hat. Blind ist, wer in allem nur sieht, was es kostet, dem das Geld über alles geht und der nur noch in Börsenkursen und Bewertungen von Rating Agenturen, Milliardenbürgschaften denken kann. Ob je einer, der das Elend Griechenlands bejammert, einmal daran gedacht und sich daran erinnert hat, wie herzzerreißend schön der Sonnenuntergang am Kap Sunion ist? Griechenland ist wirklich mehr und deutlich etwas anderes als Schuldenkrise und Korruption.

Gott speist die Hungrigen, singt der Psalm. Schlimm genug, dass wir es nicht tun. Wir schauen zu über große Entfernungen. Man zeigt uns die Elendslager im Süden Kenias, ohne dass wir unser Wohnzimmer verlassen müssten. Noch keine Generation vor uns hat so viel gesehen und so viel gewusst. Als wir weniger wussten und weniger hatten sind wir hilfsbereiter gewesen. Gott speist die Hungrigen.
Den groß machen, der in Wirklichkeit groß ist: So verstehen es die Psalmen der Hebräischen Bibel, so versteht es auch Maria, die ihr Lied vom Lobe Gottes singt: Meine Seele erhebe den Herrn und mein Geist freue sich Gottes, meines Heilandes  der Psalm eines jüdischen Mädchens, das Loblied, das den Blick ganz von sich selbst weg richtet auf den, von dem allein Leben, Kraft und Segen kommt. Das ist die Sache des Psalms, das singt und sagt er wieder und wieder. Und er singt und sagt es so, dass andere mit einstimmen können, dass sie mitbeten und auch die Psalmen weitersingen und weiterbeten können. Der Kanon der Psalmen ist offen, er ist nicht geschlossen: er setzt sich fort, wenn die junge Frau Maria ihr Lied singt, wenn die Engel Gottes die Ehre des Ewigen rühmen, wenn Paulus Lieder der jungen christlichen Gemeinde in seinen Briefen zitiert. Und die biblischen Palmen setzen sich fort, wenn ihre Texte  in den Klöstern in lateinischer Sprache gesungen werden zu den festgesetzten Tagzeiten vom frühen Mittelalter bis auf den heutigen Tag. Und die Psalmen setzen sich natürlich fort, als Luther seine Nachdichtungen veröffentlicht: Ein feste Burg ist unser Gott. Für Martin Bucer und für Johannes Calvin sind die Psalmen das eine Gesangbuch der Reformierten Kirche. In den Psalmen Israels kommt die ganze Welt zur Sprache, und so kommt sie auch vor Gott: Das überschwängliche Lob, das Himmel und Erde, ja das die Ganze Schöpfung umfasst, die Geborgenheit Gottes, die mir näher ist als ich mir selber bin: von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. (Psalm 139), aber auch die tiefe Verzweiflung: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? –am Kreuz  mit den Worten des 22. Psalms. Der Psalm beklagt die Gottlosigkeit der Gottlosen und er will nicht verstehen, warum es denen, die Gott offen verachten, so gut geht, und warum der Gerechte leiden muss.

Martin Bucer und Johannes Calvin Sie lassen die biblischen Texte in französischer Sprache nachdichten und von den hervorragenden Kirchenmusikern Straßburgs und später auch der Genfer Komponisten vertonen. Die Komponisten, unter ihnen Wolfgang Dachstein und Matthias Greitter legen Wert drauf dass die Psalmen auch wirklich singbar werden, dass sie sich nach der Gemeinde richten und nicht die Gemeinde an komplizierten Melodien scheitert. So verschafft sich der alte hebräische Psalter eine neue französische und niederländische und auch deutsche Stimme. „Gott mit seinen eigenen Worten loben“ schreibt Johannes Calvin in einer Vorrede zum Psalmenkommentar. Es sind neue Klänge – keine Mönchsmusik, keine Expertenmusik mehrstimmig und so kompliziert, dass man dem Text nicht mehr folgen kann, weil manche Textsilben sich über Seiten hinziehen. Im Genfer Psalter kommen Text und Musik zusammen. Das Volk, das Kirchenvolk wird Subjekt im Gottesdienst, selbstbewusst und ganz in er Schrift wurzelnd. Gottesdienst ohne Priester – das geht. Gottesdienst ohne Gemeinde – das geht nicht.

Überall soll es in diesem Jahr in der Evangelischen Kirche um Reformation und Musik gehen. Das ist vielleicht gar nicht der einzig richtige Blickwinkel. Vielmehr geht es um Reformation und Gemeindegesang. Es geht um die Entdeckung des Volkes Gottes im 16. Jahrhundert und darum, dass dieses Volk Gottes auch seine eigene Stimme hat und sie im Gesang der Gemeinde zum Klingen bringt.

Und wenn es für uns aus der musikalischen Tradition etwas zu lernen und zu gewinnen gibt, dann dies, dass wir singen lernen, einstimmen in die alten und die neuen Lieder. Im Gesang klingt das Lob Gottes auf dem Grund der eigenen Seele wieder. Der Gesang schafft heilsamen Abstand, er tröstet, ermutigt, weckt auf und bringt zur Ruhe.

Keine Zeit vor der unseren war so voller Musik. Kein Kaufhaus, das mich nicht beschallt, die Toiletten mancher Restaurants werden ebenso beschallt wie die Behandlungsräume mancher Zahnärzte. Musik überall. Aber Gesang findet öffentlich außer in den Gottesdiensten nur noch im Karneval und in den Fußballstadien statt. Und dort, wo das Singen wirklich helfen könnte, in den Trauergottesdiensten und Trauerfeiern, kommt die Musik mehr und mehr von der CD – nein, singen wollten wir eigentlich nicht, obwohl es für uns gut sein könnte, uns helfen in Trauer und Leid eine Sprache zu finden.!

Musik ist Hintergrund in unserer Welt, sie ist Dekoration. Musik ist Sache von professionellen Musikerinnen und Musikern, die es wirklich können. Das kann mutlos machen, wenn man die Psalmmotetten des Heinrich Schütz hört und den eigenen eher kümmerlichen Gesang damit vergleicht. Aber darauf kommt es nicht an.

Die Psalmen der Bibel wollen auf dem Grund der Seele widerklingen, und das können sie nur, wenn sie auf diesem Grund der Seele auch ankommen. Das geschieht, wenn wir sie klingen lassen, wenn wir ausatmen und mit der Entspannung der entweichenden Luft den Worten Klang geben. Das können die alten, bewährten Genfer Palmen sein, deren Gesang uns mit vielen reformierten Gemeinden in der Welt verbindet. Das können die großartigen Nachdichtungen sein, so wie Paul Gerhardt einige der biblischen Psalmen in seinen Liedern neu zum Klingen gebracht hat. Du meine Seele, singe, wohl auf und singe schön! Und vielleiht werden wir auch andere, neue Psalmen finden, die die Gemeinde zu ihren eigenen Psalmen macht, und die das umfassende Lob Gottes in die übernächste Generation trägt. Wie das klingen wird, ist vielleicht noch nicht deutlich erkennbar. Verstummen wird die christliche Gemeinde nicht. Das wäre gegen ihr Wesen, gegen ihre Geschichte, gegen ihre ur-eigenste Gestalt.

Psalmen lernt man nicht kennen, wenn man sie nicht übt, wenn man sich ihnen nicht aussetzt, sie klingen lässt.

Lobe den Herrn, meine Seele so fängt es an – immer wieder, auch wenn es lange vergessen war. Lobe den Herrn, meine Seele!  Erinnere dich, was Gott für dich getan hat, nimm dir Zeit, atme aus. Es wird dir gut tun, und der Gemeinde tut es auch gut, wenn sie immer wieder neu anfängt mit dem Lob Gottes. Denn: Vergessen führt ins Exil – das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung.
Amen

Predigtlied

Fürbitten

Treuer Gott, lieber Vater im Himmel
Unser Glaube kommt aus deiner Liebe
Du schenkst dich uns selbst
Selbstlos und ohne Vorbehalte
Wir bitten dich:
Bewahre uns den Glauben
In den Tücken des Alltags
Wenn er bewährt sein will
Wenn er angefragt und angefochten wird

    Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich!

Vor dir denken wir an die Menschen,
die keinen glauben mehr haben,
die meinen, nichts und niemandem mehr trauen zu können
die sich eingegraben haben in ihrem Unglauben
Brich du auf, was sich verhärtet hat
Gib ihnen glaubwürdige Zeugen,
dass sie in ihrem Unglauben schwankend werden

    Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich!

Wir denken an die Menschen,
die der Glaube an Menschen und Mächte in die Irre geführt hat
die sich verrannt haben: politisch oder religiös
wo der Glaube an eine menschenverachtende Ideologie
die Vernunft und die Barmherzigkeit verstellt haben
   
Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich!

Wir denken an die Menschen, die aus dem Glauben leben,
die mit Ernst Christen sein wollen
die versuchen, ihren Glauben in der Welt zu leben
stärke du sie mit deinem Wort
dass ihr Mut nicht sinkt
und der Glaube sie in Schwierigkeiten trägt

    Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich!

Gemeinsam rufen wir dich an mit den Worten,
die Christus uns gelehrt hat:

Unser Vater im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Schlusslied 634, 1-3

Segen

Herr, segne uns und behüte uns.
Herr, laß dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Herr, erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden.
Amen


Domprediger Martin Filitz, Halle, März 2012