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Calvin-Predigten

Streit um die Taufe in Genf: Mt 28,16-20

Predigt von Dr. Achim Detmers

Calvins Abschiedsreden vor den Pfarren und Ratsherren reflektiert vor den Genfer Auseinandersetzungen um die Kirchenreform

Mt 28,16-20: »Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.«

Liebe Gemeinde,
mit diesen Worten endet das Matthäusevangelium. Es sind die letzten Worte, die Jesus an seine Jünger richtet. Jesus sagt, wie weit seine Autorität reicht, welche Aufgabe seine Jünger haben und was Ihnen verheißen ist. Solchen letzten Worten kommt in der Regel große Beachtung zu. Und so ist es auch mit den letzten Worten Jesu im Matthäusevangelium. Sie sind in der christlichen Kirche so wichtig geworden, dass sie bei jeder Taufe als Einsetzungsworte gesprochen werden. Jeder Pfarrer, jede Pfarrerin und fast jedes Gemeindeglied kennt diese letzten Worte Jesu. Und jedes Nachdenken über die Taufe orientiert sich an ihnen. Die Worte Jesus sind einfach zu verstehen. Sie sagen:
Gott handelt in der Taufe an uns als Vater, durch seinen Sohn und in der Kraft des Geistes. Durch die eine Taufe werden Menschen aus verschiedenen Völkern mit diesem Gott verbunden, der im Himmel und auf Erden die Macht hat uns zu beschützen. Zugleich verpflichten wir uns mit der Taufe auf ein Leben in der Nachfolge Jesu. Und dieser Nachfolge ist verheißen, dass Jesus bei uns bleiben wird bis an das Ende aller Tage.
So oder so ähnlich lassen sich die letzten Worte Jesus auslegen. Doch wie so häufig in der Geschichte der christlichen Kirche kam es bei der Frage der konkreten Umsetzung zu Streitereien. Denn Jesus sagt nichts über Taufsteine, über Taufkerzen, über Taufpaten, über Nottaufe oder über die Kindertaufe. Vor allem in der Reformationszeit wurde sehr intensiv über diese Fragen nachgedacht. Es wurde gefragt, ob die christliche Kirche noch auf dem rechten Weg des Evangeliums sei. Martin Luther und andere haben diese Fragen mit allem Nachdruck gestellt und auf einer Reform der Kirche bestanden.
Welche Konflikte es dabei gab, möchte ich Ihnen in der Predigt anhand eines Reformators vorstellen, der hier in Deutschland nicht so bekannt ist wie Luther. Ich meine den Genfer Reformator Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag die Evangelische Kirche in Deutschland vor wenigen Tagen groß gefeiert hat.
Wie gesagt, Calvin ist nicht so bekannt, und deshalb muss ich ihn zunächst vorstellen, bevor ich auf die Fragen zur Taufe zurückkommen kann. Ich will das tun mithilfe der letzten Worte, die von Calvin überliefert sind [Hinweis auf die bildliche Darstellung der Abschiedsszene von Joseph Hornung 1831]:
»Nachdem Johannes Calvin den anwesenden Ratsherren und Pfarrern für ihre Mühe gedankt hatte, dass sie zu ihm gekommen sind, erklärte er zunächst, dass er stets das Verlangen hatte, noch einmal zu ihnen zu sprechen. Daraufhin sagte er: Es könnte so scheinen, als ob ich mich zu sehr in den Vordergrund stelle und es mir nicht derart schlecht geht, wie ich glauben machen möchte. Aber ich versichere Euch, dass ich – so sehr ich mich früher schon überaus elend gefühlt habe – mich dennoch niemals in einem solch schwachen Zustand befunden habe, wie es jetzt der Fall ist. Wenn man mich anfasst, um mich nur auf das Bett zu legen, werde ich bewusstlos und falle sofort in Ohnmacht. Auch leide ich unter einer Kurzatmigkeit, die mich immer mehr erdrückt. Bevor mich Gott zu sich nimmt, wollte ich darum noch gerne zu Euch sprechen.«

Liebe Gemeinde,
schon aus diesen ersten Worten erfahren wir, dass der Genfer Reformator zeitlebens gesundheitliche Schwierigkeiten hatte. Bereits in jungen Jahren litt Calvin unter Migräne und Magenproblemen. Und in späteren Jahren kamen Nierenkoliken und die Gicht hinzu. Weil in Genf so viel zu tun war und weil Calvin gerne gearbeitet hat – manchmal bis zur Erschöpfung – , ist Calvin nicht sehr alt geworden. Er war ein Workaholic und hat seinen 55. Geburtstag nicht mehr erlebt. Auf seinem Sterbebett konnte Calvin kaum noch sprechen; er war kurzatmig geworden und litt an blutigem Auswurf beim Husten. [Hinweis auf das Bild von Hornung: 2 Männer stützen Calvin, der linke lauscht den leisen Worten Calvins; vor dem Bett der Stuhl Calvins aus dem Auditorium, den Calvin wegen seiner Gicht benutzt hat]
Calvin war katholisch getauft worden; sein Vater arbeitete für den Bischof in Noyon, und eigentlich hätte Calvin katholischer Priester werden sollen. Aber dann kam die Reformation von Deutschland auch nach Frankreich. Und der französische König ließ die Protestanten blutig verfolgen. Daraufhin verließ Calvin mit 26 Jahren seine französische Heimat für immer. Er floh zuerst nach Basel und kam dann nach Genf. Wie es ihm dort ergangen ist, erzählt er weiter auf seinem Sterbebett:
»Als ich zum ersten Mal in die Genfer Kirche kam, war so gut wie nichts vorhanden. Man predigte, und das war schon alles. Man suchte wohl nach Götzenbildern und verbrannte sie. Aber es gab keine Reformation. Alles befand sich in einem wüsten Durcheinander. Ich habe hier unter erstaunlichen Kämpfen mein Leben verbracht. Zum Spott wurde ich abends vor meiner Tür mit fünfzig oder sechzig Gewehrschüssen begrüßt. Was meint Ihr, wie das einen armen und furchtsamen Schüler, wie ich es immer war, erschrecken musste? Bald darauf wurde ich aus dieser Stadt verjagt und zog nach Straßburg, von wo aus ich nach einiger Zeit wieder zurückgerufen würde.«
Wir sehen: Reformator sein war damals kein wohlgefälliger Beamtenjob, sondern mit handfesten Auseinandersetzungen verbunden. Luther stand unter dem Schutz seiner Kurfürsten. Aber Calvin war in Genf ein Ausländer und bekam erst wenige Jahre vor seinem Tod das Bürgerrecht. Bis dahin versuchte der Stadtrat immer wieder, die Reformen zu hintertreiben. Einmal wurde Calvin sogar aus Genf vertrieben. Der Grund war ein Streit über die Kirchenreform. Der Stadtrat wollte nämlich eine Angleichung der Kirchenordnung an die der Stadt Bern, mit der Genf verbündet war. Und das hieß z.B.: Statt Brot beim Abendmahl sollte es wieder Hostien geben, und auch die Taufsteine sollten wieder in der Kirche aufgestellt werden. Diese waren nämlich mit Heiligenbildern versehen und waren zu Beginn der Reformation entfernt worden. Nicht dass Calvin grundsätzlich gegen Taufsteine war, aber der Stadtrat hatte das alles angeordnet, ohne vorher mit dem Kirchenrat zu sprechen. Die Genfer Pfarrer erhoben Protest und ignorierten die Anordnung des Stadtrates.
Am darauffolgenden Sonntag sollte das Abendmahl gefeiert werden, aber die Pfarrer weigerten sich und wurden daraufhin aus der Stadt verbannt. Calvin ging enttäuscht nach Straßburg und wurde dort Pfarrer der französischen Flüchtlingsgemeinde.
In Straßburg musste sich Calvin nun zum ersten Mal sehr intensiv mit der Taufe auseinandersetzen. Denn die Stadt am Rhein war damals eine der Hochburgen der täuferischen Bewegung. Die Täufer lehnten die Taufe von Kindern ab. Ihrer Auffassung nach könne ein Mensch erst dann getauft werden, wenn er zum Glauben gefunden habe. Und das sei bei unmündigen Kindern nicht der Fall. Zudem zweifelten die Täufer an, dass es sich bei der Taufe der katholischen Kirche um eine rechtmäßige Taufe gehandelt habe. Und sie forderten eine erneute Taufe.
Calvin jedoch fürchtete nichts mehr, als dass die evangelische Kirche durch solche Sonderlehren gespalten würde. Er hielt den Täufern entgegen, dass schon im Alten Testament die Kinder beschnitten wurden und deshalb das Sakrament des Neuen Bundes – die Taufe – keinesfalls den Kindern vorenthalten werden dürfe. Allerdings gestand Calvin den Täufern zu, dass viele Christen zwar als Kinder getauft wurden, aber nur wenig über den Inhalt ihres Glaubens wussten.
Weil Jesus sage »Taufet sie und lehret sie halten alles, was ich Euch befohlen habe«. Deshalb legte Calvin besonderen Wert darauf, dass die Kinder und Jugendlichen im christlichen Glauben erzogen würden. Wichtig waren ihm dabei Taufpaten, die sorgfältig ausgewählt wurden. Und durch einen kirchlichen Unterricht sollten die Kinder zu mündigen Christen heranwachsen.
Auf diese Weise konnte Calvin viele Täuferfamilien in Straßburg überzeugen. Darunter war auch eine junge Witwe mit ihren zwei Kindern; ihr Name war Idelette de Bure. Calvin hat sie später geheiratet. An gemeinsamen Kindern haben die beiden nur ein einziges gehabt – den kleinen Jacques, der aber wenige Wochen nach seiner Taufe starb. Auch Calvins Frau Idelette starb nach nur 9 Jahren Ehe. Calvin hat diesen Verlust sehr betrauert, aber nie wieder geheiratet. Bis zu seinem Tod lebte er 15 Jahre lang als Witwer.
Doch hören wir weiter auf die Abschiedsrede Calvins:
»Ich habe mich darum bemüht, das mir von Gott anvertraute Wort in ganzer Reinheit zu verkündigen. Dabei habe ich viele Schwächen gehabt, die Ihr ertragen musstet. Und selbst all das, was ich getan habe, ist im Grunde nichts wert. Darum bitte ich Euch, dass Ihr mir das Schlechte verzeiht. Wenn es aber auch etwas Gutes gegeben hat, so richtet Euch danach und befolgt es! Achtet weiter darauf, dass kein Streit und keine bösen Worte zwischen Euch aufkommen. Und ich bitte Euch, nichts zu verändern oder Neues einzuführen.«

Liebe Gemeinde,
Calvin macht hier noch einmal deutlich, dass er bei den Genfer Reformen nur eine Autorität zulassen wollte – die Heilige Schrift. Bei den Genfern aber hatten sich viele Traditionen eingebürgert, die für Calvin mit dem Wort Gottes nicht vereinbar waren. Und hier kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den alteingesessenen Genfern und den überwiegend französischen Pfarrern. Leider war Calvins Temperament nicht immer dazu geeignet, solche Konflikte in der Gemeinde gütlich zu lösen. Calvin neigte zur Rechthaberei und konnte auch schon mal ausfallend werden. Dass er dafür auf seinem Sterbebett um Nachsicht bat, war durchaus angemessen.
Von den vielen Konflikten in Genf möchte ich Ihnen vier vorstellen, die etwas mit der Taufe zu tun hatten:
Zum einen bestand Calvin darauf, dass die Taufe in einem Gemeindegottesdienst stattfinden muss. Er wandte sich damit gegen die verbreitete Praxis, die Taufe im engen Familienkreis zu feiern. Da die Taufe die Aufnahme in die Gemeinde sei, dürfe die Gemeinde bei der Tauffeier nicht außen vor bleiben, so Calvin.
Zum anderen lehnte Calvin die Nottaufe ab. In der katholischen Tradition war es üblich, dass schwächliche Kinder gleich nach der Geburt sicherheitshalber von der Hebamme getauft wurden, weil sie sonst bei einem frühen Tod als nicht errettet galten. Calvin dagegen betonte, dass Gottes Gnade auch außerhalb des Taufwassers wirke und deshalb keine Notwendigkeit bestehe, eine Nottaufe vorzunehmen.
Und drittens wandte sich Calvin gegen alle späteren Zusätze bei der Taufe. Jesus habe in seinen Einsetzungsworten allein die Taufe mit Wasser befohlen. Die besondere Einsegnung des Wassers, die Verwendung von Salböl und Taufkerzen lehnte Calvin ab. Diese Zusätze würden den einfachen Taufakt mit Wasser zur Nebensache machen.
Und viertens gab es in Genf einen großen Konflikt um die Taufnamen. In der Kirchenordnung heißt es dazu:
»Nun gibt es hierzulande gewisse Namen, die unauflöslich mit Götzendienst und Zauberei zusammenhängen, wie ›Claudius‹ oder die Namen der sog. drei Könige; auch wurden Bezeichnungen von göttlichen Amtsträgern als Namen verwendet, wie ›Johannes Baptistus‹ oder ›Engel‹, und drittens wurde sogar das Wort ›Schweißtuch‹ Menschen als Namen gegeben – ein untragbarer Unfug.«

Liebe Gemeinde,
Sie können sich vorstellen, dass die Genfer zunächst einmal befremdet waren von dem Pfarrer aus Frankreich, der mit dem Hinweis auf die Bibel alte Traditionen hinterfragte.
Auf dem Sterbebett in der Darstellung von Hornung sieht Calvin ganz harmlos aus, wenn er auf die aufgeschlagene Bibel neben seinem Bett deutet. Aber für viele Genfer, die in dem alten katholischen Glauben aufgewachsen waren, war die konsequente Reformation nach dem Wort Gottes auch eine Zumutung:
- wenn sie keine Tauffeiern mehr im Familienkreis abhalten sollten,
- wenn ihre Kinder vielleicht ungetauft starben,
- wenn es keine Taufkerzen mehr gab und altbewährte Vornamen nicht mehr geduldet wurden.
Calvin aber hielt es für wichtig, eine klare Grenze zum römisch-katholischen Glauben zu ziehen und allein das Wort Gottes gelten zu lassen. Calvin war hier gewiss sehr viel konsequenter als Luther. Und die Auseinandersetzungen waren entsprechend hart. Calvin wusste das und bat deshalb auf seinem Sterbebett um Nachsicht für seine manchmal schroffe Art. Aber er ermahnte die Ratsherren und Kollegen, die eingeschlagenen Reformen nicht wieder rückgängig zu machen.

Und im letzten Teil seiner Rede macht Calvin dann noch mal deutlich, was es bedeutet getauft zu sein. Er sagt:
»Wenn der Herr uns glückliche Tage schenkt, wollen wir uns darüber freuen. Aber wenn wir von allen Seiten angegriffen werden und uns an die hundert Übel zu umringen scheinen, dürfen wir nicht aufhören, uns ihm anzuvertrauen. Denn es gibt keine höhere Macht als Gott, der der König der Könige und Herr aller Herren ist.«
Und in der Mitschrift von den letzten Worten Calvins heißt es dann:
»Danach bat Calvin den gütigen Gott darum, er wolle uns leiten, immerfort regieren, seine Gnade unter uns mehren und sie zu unserem Heil und zum Heil dieses ganzen armen Volkes wirksam werden lassen. Anschließend nahm er Abschied von allen Brüdern, die ihn einer nach dem anderen mit der Hand berührten und sämtlich in Tränen ausbrachen. Geschrieben am 1. Mai 1564, des Monats und Jahres, in dem er am 27. Tag verstarb.«

Liebe Gemeinde,
die letzten Worte Jesu hören wir heute bei jeder Taufe. Und besonders tröstlich ist der letzte Satz: »Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.« Auch Calvin wusste sich als treuen Schüler Christi, dass ihm diese Verheißung galt. Dass er im Leben und im Sterben auf den vertrauen konnte, auf dessen Namen er getauft wurde. Das drückte Calvin auch mit seinen letzten Worten aus:
»Der gütige Gott wolle uns leiten, immerfort regieren, seine Gnade unter uns mehren und sie zu unserem Heil und zum Heil dieses ganzen armen Volkes wirksam werden lassen.« Amen.

(Die Predigt wurde gehalten am 19.7.2009 in der Walpurgiskirche zu Alsfeld anlässlich der Eröffnung der Calvin-Wanderausstellung)
 

 

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