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Calvin-Predigten

Was gibt’s denn schon umsonst? Fragen wir Johannes Calvin

Predigt zu Römer 4,3-8 von Ilka Werner, Neuss

Gott ''vernichtet mit seiner Barmherzigkeit unsere Ungerechtigkeit'', sagt Calvin. Mit dieser Gnade Gottes im Alltag der Welt zu leben, das heißt: ''Von dem, was wir umsonst bekommen haben, sollen wir umsonst weitergeben.'' Aber was tun, wenn der Druck am Arbeitsplatz, wenn der Druck in der Kirche, gegen den Trend zu wachsen, uns so erdrückt, „dass die befreiende, aufrichtende Botschaft der Gnade nicht mehr wirken kann“? – ''Lassen gegen den Trend'': ''nichts machen um den Preis des Zusammenbruchs'', ''uns genügen lassen an dem, was wir brauchen und uns wirklich wünschen'' …

3 Denn was sagt die Schrift? »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.« (1.Mose 15,6) 4 Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. 5 Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.
6 Wie ja auch David den Menschen selig preist, dem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke (Psalm 32,1-2): 7 »Selig sind die, denen die Ungerechtigkeiten vergeben und denen die Sünden bedeckt sind! 8 Selig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet!« Römer 4,3-8

Liebe Gemeinde,
was gibt´s schon umsonst? Machten wir eine Umfrage auf dem Markt, so würden wir wohl hören: Umsonst? Nichts, oder jedenfalls fast nichts. Billig will ich, würden wir hören, kleine Preise und Schnäppchen, ab und zu eben etwas so gut wie umsonst, dann kann man sich mit wenig Geld viel leisten. Nachdenkliche Stimmen würden wir hören, was hier billig ist, ist anderswo zu Hungerlöhnen teuer produziert und oft genug für wenig Geld und mit großen Folgen für die Umwelt von Kontinent zu Kontinent geflogen worden: Wir hassen teuer. Geld regiert die Welt, würde jemand sagen, und eine andere: Wenn es was sein soll, ja, dann kostet es auch was. Und irgendwann fiele auch der Satz: Umsonst ist nur das Himmelreich!

Umsonst ist nur das Himmelreich.
Und jetzt kommt alles auf die Betonung an: Dass da nicht so ein Abtun mitschwingt, als sei das Himmelreich das Allerunwichtigste und sowieso unbewiesene Träumerei und nur darum umsonst.
Alles kommt auf die Betonung an: Dass da ein Staunen mitschwingt und eine klare Hoffnung, weil doch die Gemeinschaft mit Gott das Wichtigste ist und mit Gott im Reinen zu sein den Himmel auf Erden bedeutet, und der – gerade und nur der - ist umsonst: ein Geschenk.

In der richtigen Betonung steckt die Ur-Erkenntnis der Reformation, der Durchbruch Martin Luthers in seinem Ringen darum, ein guter Mensch zu sein und Gottes Gnade zu verdienen: Der Zugang zum Reich Gottes, zu seinem Heil, ist für uns umsonst. Eintritt frei.
Und Reich Gottes oder Himmelreich oder Heil meint nicht etwas, was nach dem Tod ist oder auch nicht, etwas, was uns hier und jetzt schnuppe sein kann, Reich Gottes oder Himmelreich meint die Zugehörigkeit zu Gott jetzt und hier, sozusagen eine doppelte Staatsangehörigkeit: Wir können Weltbürgerinnen und Weltbürger sein und gleichzeitig Himmelsbürgerinnen und Himmelsbürger. Und das letztere umsonst. Sozusagen steuerfrei.
So verkündet Luther: allein die Gnade Gottes – und nicht unsere Wohlanständigkeit und unsere Werke, offenbart durch Jesus Christus in der Heiligen Schrift – und nicht durch unsere Vernunft ergründet, macht zu Himmelsbürgerinnen und Himmelsbürgern, alle, die daran glauben.

Luther kommt dazu, indem er immer wieder im Römerbrief liest:
„Denn was sagt die Schrift: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet.
Wer eine Leistung erbringt, dem wird der Lohn nicht aus Gnade ausbezahlt, sondern weil er ihm zusteht.
Wer jedoch keine Leistung vorzuweisen hat, aber an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.
So preist auch David den Menschen selig, dem Gott Gerechtigkeit zugesteht, ohne auf seine Taten zu sehen:
Selig, deren Missetaten vergeben und deren Sünden zugedeckt wurden. Selig die, deren Sünde der Herr nicht anrechnet.“

Mit den biblischen Vokabeln Sünde, Vergebung und Gerechtigkeit wird hier das gleiche „Umsonst“ ausgedrückt: Die Gottesgemeinschaft, die Gerechtigkeit, wird denen geschenkt, die an Gott glauben, wie Abraham, ohne Taten und Leistung und Wohlanständigkeit.

Allein durch Glauben.
Mehr noch, die Sünde, das gottabgewandte Leben, die bösen und gedankenlosen Taten und Worte, die Gottlosigkeit, werden nicht angerechnet, sondern vergeben. Allein aus Gnade.

Umsonst.

Das dürfen wir uns gesagt sein lassen. Heute, am Reformationstag. Im Römerbrief. Von Luther. Und auch von Johannes Calvin, dem Jubiläumsreformator dieses Jahres. Der ist da ganz einig mit Luther und schreibt zu unserem Predigttext: „Und wiederum wird hier gesagt, dass Gott uns rechtfertigt, indem er uns Sündern umsonst vergibt, und mit seiner Liebe die würdigt, denen er mit Recht zürnen könnte: er vernichtet nämlich mit seiner Barmherzigkeit unsere Ungerechtigkeit.“ Und weiter: „Es bleibt also für uns unverändert beim wunderschönen Satz, dass der durch Glauben gerechtfertigt ist, der durch die gnädige Sündenvergebung vor Gott gereinigt ist. Außerdem kann von daher gefolgert werden, dass diese gnadenhafte Gerechtigkeit das ganze Leben hindurch andauert.“

Aber was bedeutet der wunderschöne Satz im Alltag der Welt, wie leben wir mit und von diesem Satz, mit und von diesem Geschenk Gottes? Das ist der Akzent der Theologie Calvins, in der theologischen Sprache „Heiligung“ genannt, und das ist auch die Frage, die wir uns jedes Jahr zum Reformationstag stellen, stellen sollten: Wie vernichtet Gottes Barmherzigkeit unsere Ungerechtigkeit? Calvin, Reformator der zweiten Generation und mit der Aufgabe betraut, das kirchliche und soziale Leben in der durch französische Glaubensflüchtlinge auf die doppelte Einwohnerzahl angewachsenen, überfüllten Stadt Genf zu gestalten, konnte die Botschaft von der geschenkten Gnade von Luther fast schon fertig übernehmen. Was ihm darüber hinaus besonders am Herzen lag, war die verbindliche Gestaltung des christlichen Lebens. Man sollte es den von Gott so großzügig Beschenkten doch abspüren im Alltag, wie sie von dem Geschenk weitergeben. Sie müssten doch von Dankbarkeit erfüllt sein.

Wie vernichtet Gottes Barmherzigkeit unsere Ungerechtigkeit?
Calvin kämpfte dafür, dass die sichtbare Kirche möglichst weitgehend so gestaltet wird, dass sie dem Geschenk Gottes Ehre macht. Und er sorgte dafür, dass die Botschaft von der Vergebung der Sünden im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Bereich Früchte trug: die gerecht Gemachten engagieren sich für die soziale Gerechtigkeit. Mittellos ankommenden Flüchtlingen verschafft Calvin Existenzgründungskredite, auf sein Betreiben hin begrenzt der Stadtrat die Zinsen auf 5%, die überdies nur bei Erfolg fällig werden; Misserfolg wird nicht privatisiert, Erfolg auch nicht: Eigentum ist sozialpflichtig. Für die Kinder der Armen werden Lehrer angestellt, damit Familien nicht Generationen lang von Almosen leben müssen. Wer um sein Vermögen spielt, Abhängige ausbeutet oder sich mit der Schwiegermutter prügelt, wird vor das Konsistorium geladen und ermahnt oder mit Abendmahlsausschluss bestraft. Die meisten von uns hätten ihn nicht besonders gemocht, den Calvin, denn er war streng und nicht sehr lebenslustig. Aber er legt sich mutig auch mit ausgesprochen einflussreichen Personen an. Auch über die große historische Entfernung hinweg wird spürbar, dass für ihn die Frage nach der Bewährung des Glaubens im sozialen und gesellschaftlichen Alltag eine entscheidende Rolle spielte. Von dem, was wir umsonst bekommen haben, sollen wir umsonst weitergeben.
Mehr: weil wir in der Beziehung zu Gott alles geschenkt bekommen, können wir die Verantwortung übernehmen für die Beziehung zu den anderen Menschen, die Verantwortung für die Gestaltung der Welt. Weil wir Himmelsbürgerinnen sind – umsonst und steuerfrei, können wir der Welt dienen, mit Zeit und Kraft, mit Spenden und Kirchensteuern. Auf diesen Zusammenhang legt Calvin die Betonung, in der Sache wieder ziemlich einig mit Luther.

Und die Betonung auf diesen Zusammenhang zu legen, können wir von Calvin heute lernen. Denn ich denke, in der Praxis geht er uns oft verloren.
Dazu zwei Eindrücke, Momentaufnahmen im Oktober 2009:
Der eine:
Der Blick auf unsere Kirche. Wir sollten es ja gehört haben, das Wort von der umsonst geschenkten Gnade. Aber angesichts der dauernden Spardebatten verhallt es immer öfter ungehört. Die Haushalte werden knapper, Pfarrstellen werden weniger, Kirchenmusiker-, Jugendmitarbeiter- und Küsterstellen werden gekürzt oder verschwinden. Auf die Gründe will ich hier nicht zu sprechen kommen, mir geht es darum, dass dieser Rückbau eine geistliche Herausforderung ist, der wir kaum gewachsen sind. Als die ersten Sparsynoden stattfanden, hatte ich gerade meine Ausbildung fertig, vielen geht es ähnlich. Will sagen: es gibt viele haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende in unserer Kirche, die nur das Wenigerwerden kennen – und den Druck des Trotzdem. Gegen den Trend arbeiten wir, als gelte es, die Himmelsbürgerschaft zu verdienen. Die EKD ruft in der Visionsschrift Kirche der Freiheit zum Wachsen gegen den Trend auf – und die Einzelnen sind oft genug tief erschöpft und überanstrengt, entmutigt und ausgebrannt. Immer öfter werden Leute von der Arbeit in der Kirche – und in den Schulen zumindest ist es ähnlich – krank. Mich erfüllt das mit tiefer Sorge, denn es zeigt ja eins: der Druck wird so stark, dass die befreiende, aufrichtende Botschaft der Gnade nicht mehr wirken kann. Der Zusammenhang geht verloren, und damit wird die Verantwortung für die Welt zu groß.
Wie kann es da geschehen, dass der wunderschöne Satz von der geschenkten und weitergebbaren Gerechtigkeit nicht ein wunderschöner Satz in theologischen Büchern bleibt, sondern wunderschöne, na, es reicht schon, schöne Wirklichkeit wird? Was können wir tun, so dass das Umsonst der Gottesgemeinschaft bewahrt wird? Ich habe, was das angeht, wahrlich nicht die Weisheit mit Löffeln gegessen, also rate ich mir selbst zuerst, wenn ich aufrufe zum Lassen gegen den Trend.
Lassen gegen den Trend, das heißt: nichts machen um den Preis des Zusammenbruchs, das heißt allerdings nicht: liegenlassen, wird sich schon selbst erledigen. Es kommt auch hier auf die Betonung an: Lassen gegen den Trend, das heißt, bewusst Dinge nicht mehr zu tun, oder seltener zu tun, oder mehr von den Dingen zu tun, die innerlich satt machen. Das heißt, eine einzige Grundentscheidung zu treffen: Nie das Nötigste von dem, was innerlich satt macht, auch noch absagen, so dass man verhungert. Was immer es ist, Gottesdienst, Gebet, Joggen, Supervision. Diese Grundentscheidung zu treffen ist die geistliche Aufgabe.
Und auf der Basis dieser Grundentscheidung sorgfältig überlegen: was ich tun muss; worin ich mich mit anderen zusammentun kann; was andere tun können; zwei-, dreimal im Jahr etwas Altes aufgeben und etwas Neues anfangen; ein paar Dinge dabeihaben, die über den Tellerrand schauen lassen. Sie können die Liste weiterführen, sie ist nicht originell. Wir müssten uns nur trauen, sie zu verwirklichen, im Vertrauen auf die Gnade. Darum:
Lassen gegen den Trend. Damit die Gnade wirken kann.

Und das andere: Das finanzkrisenbedingte Umdenken scheint schon wieder aufzuhören, die Zeitungen melden: die Gier ist zurück, die neue Koalition setzt ganz auf Wachstum. Auch hier Wachsen gegen den Trend. Und damit die Gefahr der Verengung des Blicks, weg von der Verantwortung für die ganze Menschheit, weg von der Verantwortung für den ganzen Menschen, weg von der Verantwortung für die ganze Welt. Hier ist der Zusammenhang in Vergessenheit geraten: Viele – innerhalb und außerhalb der Kirchen - glauben nicht mehr, dass die Himmelbürgerschaft geschenkt ist, und sind darum nicht reich genug, der Welt zu dienen mit Kraft und Geld. Und dann können sie nicht die Verantwortung für die Welt übernehmen, sondern wollen nur für sich – wenn es schon keinen Himmel gibt – ein Schlaraffenland schaffen. Billig will ich. Da ist es wieder.
Und dann lassen Menschen sich, weil sie sonntags einkaufen möchten, alltags zum Kostenfaktor machen, und merken nicht, wie ihre Seelen verhungern. Da fliegen andere für ein Wochenende in die Sonne und wollen nicht wahrhaben, dass damit die Lebensgrundlage ihrer Kinder irreparabel zerstört wird. Da kaufen wir gedankenlos billig im Discounter, und fragen uns nie, wie noch viel weniger als die Verkäuferinnen hier die Lohnsklavinnen in Asien oder sonst wo bekommen. Für ein Schlaraffenland. Weil wir den Himmel verloren haben.
Wie vernichtet da Gottes Barmherzigkeit unsere gedankenlose Ungerechtigkeit? Was können wir tun? Einmal mehr: Lassen gegen den Trend. Uns genügen lassen an dem, was wir brauchen und uns wirklich wünschen. Das aufspüren, was uns wirklich wichtig ist. Keine Rundum-Askese und kein Konsumekel, keine Verzichtappelle, aber ein, zwei Dinge auswählen und lassen, bewusst lassen. Etwa weniger fliegen. Oder, wer beruflich fliegen muss, bei atmosfair einzahlen und den CO2 Verbrauch kompensieren. Etwa Klamotten aus biologisch angebauter Baumwolle kaufen. Oder. Oder. Oder. Jedenfalls: Etwas lassen. Gegen den Trend. Das weitet den Blick auf das Ganze. Das macht, dass wir nicht unsere Seele und unseren Körper vergessen, nicht die Verbundenheit der Kontinente und Generationen.
Ab und zu ein langes Wochenende einfach zu Hause bleiben. Nichts tun. Damit die Gnade wirken kann.

Damit wir den Zusammenhang spüren können: Gottes Barmherzigkeit vernichtet unsere Ungerechtigkeit. Darum können wir gerecht sein und leben. Und die Barmherzigkeit wird uns nicht nur einmal geschenkt, und dann müssen wir sehen, wie wir klarkommen mit der Ungerechtigkeit unserer Welt, sondern wir bekommen sie immer wieder, immer wieder vernichtet Gottes Barmherzigkeit unsere Ungerechtigkeit und wir können neu anfangen, gerecht zu sein und zu leben.
Weil wir doch darauf vertrauen dürfen: Umsonst ist nur das Himmelreich. Darum können wir das, was wir haben, für die Welt geben. Und es wird reichen.

Alles kommt auf die Betonung an: Dass da ein Staunen mitschwingt und eine klare Hoffnung: Uns ist der Himmel geschenkt. Und die Welt anvertraut. Amen.


Dr. Ilka Werner, Predigt in der Christuskirche Neuss im Reformationsgottesdienst 2009
 

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