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Wie kauft man in Frankreich einen Heidelberger Katechismus?
Von Wilhelm Straßmann
2013 wird die Evangelische Kirche in Deutschland ein Fest feiern: 450 Jahre Heidelberger Katechismus. Die ersten Vorbereitungen haben begonnen und so bekam ich im letzten Sommer eines Tages eine Mail vom Reformierten Bund mit der Frage, ob ich nicht bei einem meiner alljährlichen Besuche in Frankreich einen "Catéchisme de Heidelberg", also das französische Exemplar des Heidelberger Katechismus, besorgen könne. Man sammle gerade für das Festjahr verschiedene Übersetzungen, und eine französische hätte man besonders gern!
Natürlich sagte ich sofort zu. Mit dem Heidelberger Katechismus bin ich schließlich selbst schon früh in Berührung gekommen.
Ich bin in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hannover groß geworden, das vornehmlich mit evangelisch-lutherischen Menschen bewohnt war. Mein Vater legte aber großen Wert darauf, das ich schon in der Schule aus dem Heidelberger Katechismus lernte, während meine Mitschüler Luthers kleinen Katechismus gebrauchten. Das brachte mir in der Schule viel Ärger ein, da die Lehrer und Lehrerinnen damals wenig Verständnis aufbrachten. Reformiert in einer lutherischen Umwelt: was ist denn das für eine Sekte?
Im Konfirmandenunterricht mussten wir dann viele Fragen und Antworten aus dem „Heidelberger“, wie wir ihn nannten auswendig lernen. Ob wir das alles auch verstanden hatten, wurde nicht gefragt. Aber immerhin: den Heidelberger in Frankreich zu besorgen war für mich eine Ehrensache.
Ich stellte mir diese Aufgabe auch sehr leicht vor. Gehört doch der Heidelberger Katechismus auch in den Reformierten Kirchen in Frankreich zu den Glaubensgrundlagen. So schrieb ich zuversichtlich eine gute Freundin im Ardèche in Frankreich an. Ihr Großvater war reformierter Pastor und ich besitze aus seinem Nachlass ein dickes Buch mit dem Titel „Im Morgenrot der Reformation“, gedruckt im Jahre 1912. So fand ich die Idee nicht schlecht, für das Jubiläum einen altehrwürdigen Catéchisme de Heidelberg von pastoralem Gebrauch zu bekommen. Leider war meine Hoffnung umsonst; es gab kein Exemplar.
So wandte ich mich an eine befreundete Familie im Ardèche. Deren Kinder waren inzwischen konfirmiert und ein gebrauchter Katechismus aus Kinderhand wäre doch auch nicht schlecht. Aber auch diese Bitte war erfolglos: zu meinem großen Erstaunen hatten die Kinder nichts aus dem Heidelberger gelernt.
Darauf wandte ich mich an einen Pastor im Ardèche. Der kannte immerhin den Catéchisme de Heidelberg, aber er verwendete ihn nicht in der Ecole Biblique, wie der Konfirmanden-unterricht dort heißt. Nach seiner Auskunft ist das nicht mehr üblich, man lehrt lieber das Evangelium und die Ausübung christlicher Traditionen. Aber immerhin hatte er ein Unterrichtsbuch zum Heidelberger, das er mir leihweise zur Ansicht per Post zusandte. Außerdem gibt es jetzt in Frankreich nach seiner Auskunft ein neues Exemplar „Un catéchisme protestant“ das jetzt genutzt wird. In der Hoffnung, das in diesem Buch der Heidelberger mindestens versteckt enthalten ist, habe ich mir dieses Buch besorgt. Aber der Heidelberger war nicht drin.
Im September war ich dann in Frankreich. Ich ging zunächst in die renommierte Buchhandlung am Chateau in Aubenas. Dort kannte man keinen Catéchisme de Heidelberg. Ich erzählte dem Buchhändler, warum ich unbedingt ein Exemplar haben muss und das der Katechismus für die Reformierten in Deutschland so wichtig ist, wie die Deklaration der Menschenrechte für die französische Revolution. Daraufhin war er gern bereit, mir zu helfen und suchte seinen Computer nach allen möglichen und denkbaren Stichworten ab. Leider ohne Erfolg.
So fuhr ich dann nach Privas, der Hauptstadt des Departements Ardèche. In der Gendarmerie erkundigte ich mich nach der größten und besten Buchhandlung. Auch dieser Buchhändler war sehr hilfsbereit, nachdem ich mein Sprüchlein aufgesagt hatte. Leider auch hier ohne Erfolg. Aber es gibt ja in Privas die staatliche Bücherei des Präfekten, das ist der Vertreter des Staates im Departement. Hier musste ich mir erst einmal anhören, dass die Bücherei nicht für das Publikum geöffnet ist. Aber als ich meine Geschichte vorgetragen hatte, war man zu dritt hilfsbereit; auch wieder ohne Erfolg.
Von Freunden erfuhr ich nun, dass am nächsten Sonntag in den Ruinen der Bourg de Boulogne ein Antiquariat veranstaltet werden soll. Dort also hin. Ich konnte jetzt den ganzen Nachmittag im literarischen Erbe Frankreichs herumstöbern, aber auch hier ohne Erfolg. Ich wandte mich dann an den Veranstalter, der wusste nichts, aber er bemühte sein Handy, weil er einen kannte, der einen kannte, der Bescheid wusste. Der verwies mich an ein großes Antiquariat in einer Stadt am Rande des Naturparks Vercors.
Da ich ohnehin vorhatte, 10 Tage durch den Naturpark zu wandern, lag es auf der Hand, dass ich am Schluss meiner Wanderung dort vorbei fuhr. Es war leicht, das Gebäude zu finden: ich ging einfach zur Gendarmerie und die führte mich mit einer Polizei-Eskorte direkt zum Gebäude. Das war allerdings geschlossen, weil das Antiquariat unter Zwangsverwaltung stand. Aber ein Hinweisschild mit Anschrift und Telefonnummer des Konkursverwalters war außen am Gebäude angebracht. Den rief ich an und erzählte mein Problem. Er kam sofort, öffnete mir die Bibliothek und gab mir Gelegenheit, mich zwei Stunden lang umzusehen. Es gab viel interessantes zu sehen, nur eben keine Catéchisme de Heidelberg.
Jetzt war meine Frankreichzeit vorbei und ich hatte nichts erreicht. Aber zu Hause angekommen, nahm ich mir mein französisches Kirchengesangbuch „Arc en Ciel“ zur Hand. Dort stand ja die Anschrift des Herausgebers in Lyon. Vielleicht hatte der ja einen Heidelberger. Ich schrieb ihn an und schilderte mein Problem. Wenige Tage darauf erhielt ich eine e-mail vom Direktor persönlich. Sein Verlag hatte kein Exemplar, aber er gab mir eine Anschrift in Aix-en-Provence; dort würde man mir möglicherweise helfen. Schade, dass ich die Anschrift nicht hatte, als ich in Frankreich war; eine Gelegenheit, nach Aix-en-Provence zu fahren, nutze ich immer gern. So schrieb ich hin und bekam keine Antwort. Ich schickte dann im Wochenabstand drei e-mails hinterher. Auch hier bekam ich keine Antwort. Erst nach einigen Telefonanrufen hatte ich endlich eines abends einen freundlichen Menschen am Telefon. Er verwies mich jetzt an einen Herausgeber im Departement Drome, nicht weit von Naturpark Vercors entfernt.
Dort konnte ich gleich ein e-mail hinschicken und bekam auch prompt Antwort. Catéchisme de Heidelberg? Kein Problem: ich solle nur per Internet bestellen. Ich mailte zurück, dass ich doch per mail bestellt habe, ob denn das nicht genüge. Nein, das genügt nicht, wurde ich belehrt, ich müsse per www.usw.usw. bestellen. Gut, das habe ich also aufgerufen und hatte auf dem Bildschirm nun den Datendschungel, durch den ich auch schon in deutsch nicht durchkomme; und nun auch noch in französisch.
Also rief ich dort noch einmal an und bekannte meine Dummheit. Mein Telefonpartner war ein netter Mensch. Er machte mich darauf aufmerksam, dass eine Bestellung aus organisatorischen Gründen nur per Internet möglich sei und forderte mich auf, dieses Programm aufzurufen. Dann leitete er mich durch den Datendschungel und tatsächlich: ich wurde meine Bestellung los und bekam auch umgehend eine Bestätigung per e-mail.
Genau einen Tag vor Heiligabend war der Katechismus per Post da. Es war eine Neuauflage und die Verfasser, zwei junge Theologen verwiesen in ihrem Vorwort auf die Tatsache, dass sie es für nötig erachteten, das Glaubenswissen wieder zu stärken und deshalb einen Neuauflage des Catèchisme für nötig hielten. Wie wahr!
Wilhelm Straßmann
Im Januar 2011


