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'Wüstenerfahrungen, oder Manna: Was ist das?' (Ex 16,2f.11-18)

Zum 7. Sonntag nach Trinitatis

© Pixabay

Predigt im Vereinshaus der Evangelischen Gemeinschaft Haiger-Langenaubach am 15.07.2018 von StR Dr. Dennis Schönberger

Liebe Gemeinde,

unser Text hat im Neuen Testament weitergewirkt: in der „Speisung der Fünftausend“ (Joh 6,1-15) und in der Beschreibung Jesu als „Brot des Lebens“ (Joh 6,30-35). Beide Texte sind für diesen vorgeschlagen. Ich habe die alttestamentliche Erzählung gewählt, da sie mir wegen der Wüstenerfahrungen lebensnah erschien und in das besondere Verhältnis Israels zu seinem Gott einführt.

Der Sonntag steht unter dem Satz: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Eph 2,19): Heidenchristen wohnen seit der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi mit Juden und Judenchristen zusammen in einem Hause, denn die Juden sind die „Heiligen Gottes“. Israel ist „Eigentumsvolk Gottes“ und wir sind, wie Paulus in Röm 11 schreibt, mithineingenommen in das gemeinsame Haus, bestehend aus Kirche und Synagoge. Die Kirche hat erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt, dass sie von ihrer Wurzel getragen wird und nicht sich selbst trägt; schon gar nicht auf Kosten oder zum Leidwesen der Juden. Dass der christliche Antijudaismus zu kritisieren ist, ist ein Verdienst der Nachkriegszeit. Er war über Jahrhunderte Gewohnheit nicht nur in der Politik, sondern auch in den Kirchen. Ich erwähne das zu Beginn, um den Blick dafür zu schärfen, auf was wir uns einlassen, wenn wir Ex 16,2f.11-18 verstehen möchten. Wir stellen unseren Text zuerst in den ihm eigentümlichen Kontext:

Er steht zwischen dem Pessach, dem Auszug aus Ägypten und der Rettung am Schilfmeer auf der einen Seite (Ex 12-14) und der Offenbarung des Gesetzes und des Bundes auf der anderen Seite (Ex 19-24). Die Kapitel 15 bis 18 bilden eine Einheit, die einsetzt mit dem Lobgesang des Moses (vgl. Ex 15), an den sich die Erzählung vom wunderbaren Himmelbrot anschließt (vgl. Ex 16). Die Kapitel 17 und 18 sind als direkte Vorstufen des Weges zum Berg Sinai und damit zur Gabe der Zehn Gebote aufzufassen. Die Abschnitte Ex 15,22-7,16 sind in der katholischen Einheitsübersetzung als „Weg zum Sinai“ überbeschrieben, sodass Ex 16 hier als Übergang aufgefasst werden kann, der in der Befreiung der Israeliten aus dem „Sklavenhaus Ägypten“ gründet (vgl. Ex 1-11) und auf die Lebensgestaltung der Gemeinde in der Wüste abzielt, wozu dem Volk Gottes Weisungen gegeben wurden (vgl. Ex 20). Das Buch Exodus endet mit der Beschreibung der Funktion des Zeltheiligtums, also des „Zeltes der Begegnung“ (zwischen Gott und Mose) und dem Gottesdienst des Volkes mit seinen diversen Opferriten (vgl. Ex 19-24).

Während die Kapitel 12 bis 14 als Fundament der Gemeinde zu gelten haben, widmen sich die Kapitel 19-21 dem Leben der Gemeinde unter Gottes Weisungen. Nichts anderes bedeutet das Wort Tora. Was die Grundlegung des Gemeindelebens betrifft, ist zu sagen, dass die VV. Ex 3,14 – „Ich werde sein, der ich sein werde“ – und Ex 14,14 – „Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein“ als Vorzeichen vor der besonderen Beziehung zwischen dem erwählenden Gott und seinem erwählten Volk zu lesen sind. Der Gott Israels hat einen Namen, doch dieser Name ist ein Geheimnis. Jahwe ist „Gott mit uns“ und entzieht sich doch zugleich all unseren Versuchen, seiner habhaft zu werden, sich seiner (religiös oder politisch) zu bemächtigen, denn nur er selber kann und wird seinen Namen heiligen. Er ist der, der sich Israel geoffenbart hat als der Gott, der von uns aus nicht festzulegen ist und zwar weder auf die Gegenwart noch auf die Zukunft. Dies ist der Grund dafür, warum das Judentum Gottes heiligen Namen nicht ausspricht, sondern ihn mit Adonai übersetzt. Aller Weisheit Anfang ist und bleibt im Judentum die Ehrfurcht Gottes (vgl. Spr 1,7).

Neben dem Namen Gottes ist sein Handeln, sind seine Werke von Bedeutung, die in Ex 14,14 als kriegerisch beschrieben werden. Der Gott Israels ein Kriegsgott? Er streitet; aber nicht für sich, sondern für Israel und gegen all jene, die Israel schaden wollen. Ägypten ist im Buch Ex nicht nur eine kriegerische Feindmacht Israels und auch nicht nur Synonym für ein System der Unterdrückung und Menschenrechtsverletzung. Ägypten ist in der Gestalt des Pharao ein tragischer Antipode Gottes, der, indem er Gottes Volk versklavt, seinen „Augapfel“ antastet und darum nicht ungeschoren davonkommt, sondern unter Gottes Gericht steht, wie die Zehn Plagen zeigen (vgl. Ex 5-11). Der Gott Israels ist also in der Weise der lebendige Gott, dass er als der, der mit Israel ist, für Israel ist. Deshalb ist der Kontext unserer Erzählung so wichtig: Manna fällt nicht einfach vom Himmel. Das Himmelsbrot ist eingebettet in die großen Taten des Schöpfers. Darum heißt es im Anschluss an die wunderbare Errettung am Schilfmeer (Ex 14,31): „So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte. Und das Volk fürchtete den HERRN und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.“ Es fällt dreierlei auf:

  1. Israel sieht Jahwes Macht. Es ist nicht nur die Macht, die aus Unterdrückung befreit, sondern auch die Macht, die alle Feinde tötet, wie wir vorhin feststellten. Diese Macht ist schrecklich für die, die Jahwe nicht verehren und für die er nicht streitet, die nicht Werkzeuge seiner Liebe, sondern seiner Rache und seines Gerichtes sind.
  2. Israel fürchtet Jahwe. Die Furcht Gottes ist, wie gesagt, der Anfang der Weisheit (vgl. Spr 1,7). Diese Furcht ist nicht blinde Angst, sondern Anbetung Gottes. Deshalb der Lobgesang des Moses im Anschluss an Ex 15: der Lobgesang des Moses stellt eine lyrische Unterbrechung der Handlung des Exodusbuches dar. Wir, die Hörer u. Leser des Wortes Jahwes, sollen dazu aufgerufen werden, über Gottes Werke nachzudenken – sowohl über die konstruktiven (die Befreiung aus der Sklaverei) als auch über die destruktiven (die Zerstörung des ägyptischen Heeres). Der Gott Israels und der Kirche ist kein harm- und zahnloser Gott, sondern der Herr der Geschichte. Er hat „helle“ und „dunkle“ Seiten: seine Wege sind nicht unsere Wege. Höben wir nur die „hellen“ oder nur die „dunklen“ Seiten hervor, würden wir seine Werke verkürzen, seinen Namen entehren und dem in Ex 3,14 offenbarten Geheimnis zu nahetreten.
  3. Israel vertraut Jahwe und Moses. Der Begriff „Glaube“ ist im Alten Testament selten. Er wird meist durch andere Ausdrücke umschrieben. Dass es sich beim Glauben neben Erkenntnis um Vertrauen handelt, ist vor allem daran zu erkennen, dass das Volk, das in Gefangenschaft gelebt hat, sich dem Gott anvertraut, der es befreit. Während es in Ägypten mit einer Vielzahl von Göttern konfrontiert war, die es allesamt nicht retteten, erinnert Mose Israel an den einen und wahren Gott. Es ist der Gott der Erzväter und -mütter. Sein Name ist JHWH. Er allein wird Israel aus der Sklaverei befreien. Mose ist sein Knecht und doch auch Bezugsperson für das Volk in seiner Beziehung zu dem Heiligen, denn Moses ist, was im Neuen Testament Christus ist: Mittler zwischen Gott und Mensch (vgl. 1Tim 2,5). Darum genießt er so viel Vertrauen wie Gott.

Ex 15,24 belegt, dass dieses Vertrauen nicht lange währt: „Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken?“ Nicht erst nach, sondern schon vor unserer Erzählung ist Israel bedroht. In der Wüste ist das nichts Ungewöhnliches. Israels Murren ist aber Anzeichen dafür, dass in der Beziehung zwischen ihm und seinem Gott etwas nicht stimmt. Das zeigt Ex 16,2: in der „Wüste Sin“ (Ex 16,1) wird das Volk erneut murren und ist doch erst 45 Tage mit seinem Gott unterwegs und obwohl Gott bei Tag und Nacht („Wolken- und Feuersäule“ in Ex 13,17-22) um sein Volk her ist, ja, inmitten seines Volkes lebt (in der Bundeslade) und für es sorgt, klagt es ihn dennoch wiederholt an. Wieso das? Und wie wirkt sich diese Klage auf die Betroffenen und ihre Beziehung aus? Kommen wir zu den Wüstenerfahrungen angesichts der Abwesenheit Gottes und damit zum Recht der Klage in Ex 16,2f.

Wüstenerfahrungen angesichts der Abwesenheit Gottes – Vom Recht der Klage in Ex 16,2f. Was verbinden wir mit dem Wort „Wüste“. Für einige unter uns sind die Temperaturextreme von Bedeutung: tagsüber 40 bis 50 Grad, nachts um 0 Grad. Andere denken bei Wüste an eine Einöde, an ein lebensbedrohliches Umfeld. Natürlich gibt es auch Oasen, doch wer hat nicht schon von einer Fata Morgana gehört? Vielleicht gibt es aber auch einige, die bei Wüste an Wanderung und Nomadendasein denken. Und in der Tat: so, wie Israel nach dem Zeugnis des Alten Testamentes 40 Jahre in der Wüste herumirren musste, weil es Gott nicht gehorsam war, ist das Leben der Gemeinde Israels von einer fortwährenden Wanderschaft geprägt. Das Volk Gottes in der Welt ist das wandernde Gottesvolk, das seine Heimat im Himmel hat. Dass das Alte Testament in seiner Gesamtheit die zwölf Stämme Israels als „wandernde Existenz“ bezeichnet, ist daran zu erkennen, dass die Stämme in JHWH ihre Stammesgottheit verehren und das in menschenfeindlicher Umgebung. Es ist die „Unverfügbarkeit und Unheimlichkeit der Weiten des Wüstenlandes“, in der der Gottesdienst stattfindet, der in Israel häufig zum Götzendienst entartet, wie in der Erzählung vom goldenen Kalb (vgl. Ex 32) nachzulesen. Dass die Wüste unheimlich ist, zeigt auch der Sündenbockritus Lev 16,101: die dem Widder aufgeladenen Sünden des Volkes sollen in der Wüste verschwinden. Eine größere räumliche Trennung des Volkes von seinen Verfehlungen gegenüber Jahwe ist kaum vorstellbar.

Im Neuen Testament ist die Wüste der Ort der Dämonen und zugleich Ort des Anbruchs der messianischen Heilszeit: Jesus wird von Satan versucht, besteht allerdings die Prüfung. Diese Deutung ist gut alttestamentlich: In Ex 15,25b stellt Gott Israel in der Wüste ebenfalls auf die Probe und sucht so Israels Treue hervorzurufen, indem er dem Volk die eigene Bedürftigkeit vor Augen stellt, weil Wasser fehlt. Damit sind wir bei Ex 16,2f.: Israel erlebt in der Wüste nicht Zeiten der Fülle, sondern Zeiten des Mangels. Die „Gemeinde der Israeliten“, also die „gottesdienstliche Versammlung“, die Gemeinschaft derjenigen, die teilhaben an allen Gütern Jahwes2, werden schon in der Anfangszeit ihrer Wüstenwanderung auf die Probe gestellt. Was ist das für ein Gott, der Menschen in die Versuchung führt und auf die Probe stellt? Es ist der Gott, der von Abraham Issak fordert; dieser Gott ist nicht der „alttestamentarische Rachegott“ Marcions, der dem neutestamentlichen Liebesgott entgegengestellt wird, sondern dieser Gott ist der Vater Jesu Christi.

Es mangelt Israel in der Wüste am Lebensnotwendigsten: am Brot. Israels Unzufriedenheit ist nachvollziehbar. Brot ist in biblischer Zeit Hauptnahrungsmittel, es gehört zu jeder Mahlzeit. Wird es Menschen verweigert, gilt das als Unrecht (Deut 23,5). Ist es ausreichend vorhanden, ist das Ausdruck von Gottes Segen und Schöpfergüte und also ist die Wundergabe des Manna quasi eine „Nahtstelle“ für die übertragene Bedeutung von Brot: Gott ist Spender und Erhalter des inneren und des äußeren Lebens.3

Ich sagte vorhin, dass Israels Unzufriedenheit nachvollziehbar sei. Die reformatorische Exegese sah das noch ganz anders. Ich möchte das am Beispiel der Auslegung einiger Verse unseres Textes durch Johannes Calvin verdeutlichen, um darauf aufmerksam zu machen, dass in Ex 16,2f. konkrete Wüstenerfahrungen verarbeitet wurden und nicht etwa abstrakte Schuld. Für Calvin gleicht Israels Murren einer „Verschwörung“ gegen den gütigen Vatergott. Israels Hungersnot sei nur durch „aufrichtiges Gebet“ zu lindern, sein „Lärmen und Toben“, seine „Verzweiflung“ seien Ausdruck seines „Unglaubens“.4 Calvin kann nicht einsichtig machen, dass Israels Verzweiflung Folge seiner Schuld ist und auch der Hungersnot kommt man nicht damit bei, dass man Israels Hochmut anprangert. Calvins Exegese erscheint, was die VV. 2f. angeht, lebensfremd. Anders verhält es sich bei seiner Exegese der VV. 11.14.17 (s.u.).

Wichtig ist: Israels Murren ist nicht zuerst Ausdruck seines Unglaubens, sondern ein Zeichen dafür, dass Gottes Volk irdischen Versuchungen allzu leicht erliegen kann. Die in Ex 16,2ff. beschriebene Hungersnot verweist auf ein weltliches wie geistliches Dilemma: die Gemeinde wird von innen und außen angefochten. So, wie die Wanderschaft, das Unterwegssein und die Unabgeschlossenheit allen Tuns der Gemeinde regelrecht in ihre DNA eingeschrieben ist, lebt das Israel der Wüstenzeit in einer Zwischenzeit: schon jetzt frei von Sklaverei, aber noch nicht angekommen im verheißenen Land. Der eschatologische Vorbehalt ist für uns unverzichtbar, um zu verstehen, was die VV. 11ff. entfalten. Israels Wüstenerfahrung ist die Erfahrung, dass Gott abwesend sein kann und als verborgen erfahren wird. Die Erfahrung seiner Abwesenheit und Verborgenheit geht einher mit der im Buch Hiob erlaubten Geste der Klage5.

Für das betende Gottesvolk sind nicht allein Dank, Lob und Bitte wesentlich, auch und gerade die Klage ist dem alttestamentlichen Menschen nicht fremd, sondern sehr vertraut – und das nicht erst seit Ausschwitz. Christen ist die Klage ärgerlich. Sie kommt darum im Gottesdienst kaum vor. Im Gottesdienst hat sie aber nach dem Alten Testament ihren „Sitz im Leben“. Wir denken etwa an die Klagelieder des Jeremia. Die Klage ist die Gebetsform, in der es zu einem Streitgespräch des Menschen mit Gott über erlittenes Unrecht kommt. Dem Klagenden ist es verheißen, dass Gott ihn erhören wird. Was gab und gibt es nicht Anlässe genug zur Klage! Wir sehen also: die Klage macht etwas mit Gott und auch mit dem Volk Israel. In ihr wird die Frage nach Recht und Unrecht laut. Gehen wir einmal kurz von unserem Text weg und mitten hinein in die Ungerechtigkeiten der Gegenwart:

Sei es die drohende oder für manche unter uns anhaltende Arbeitslosigkeit. Sie ist gepaart mit Scham, vielleicht auch mit Hoffnungslosigkeit. Werde ich jemals wieder arbeiten können? Bin ich als Arbeitsloser überhaupt etwas wert? In unserer sog. Leistungsgesellschaft sind das Fragen von höchster Dringlichkeit. Sie halten uns allen einen Spiegel vor. Hinzu kommt beim Thema Arbeitslosigkeit die Sorge vor finanziellem und gesellschaftlichem Abstieg.

Das ist aber nicht die einzige Wüstenerfahrung unserer Tage. Arbeitslosigkeit ist automatisch gepaart mit Armut. Es gibt nicht nur materielle Armut. Da ist z.B. ideelle Armut: Menschen, die sich ihre Bildungschancen verbauen, weil sie von Vorurteilen bestimmt werden oder sich davon bestimmen lassen, oder Menschen, die Bildung für Frauen ablehnen, da sich das ihres Erachtens nicht schickt; nicht selten ist die Armut mit Verbrechen verbunden, denn auch der Arme will nicht leben wie ein Hund, auch wenn er, wie wir sprichwörtlich und böse sagen, auf den Hund gekommen ist.

Ein Grund und gewiss der wichtigste für Armut und Arbeitslosigkeit ist der Raubkapitalismus des 21. Jahrhunderts, der in unserer globalisierten Welt geradezu Massen an Menschen an das Existenzminimum drängt (Harz 4) und sie zu Opfern ungehemmter Gier macht. Der heutige Kapitalismus ist in allen seinen unsozialen Formen eine geradezu „herrenlose Gewalt“6, denn er dient nicht unseren Bedürfnissen, wir müssen ihm dienen; wir sind seine Sklaven und also die weitverbreitete Unzufriedenheit trotz finanzieller Mittel: der Kapitalismus duldet über sich nicht den lebendigen Gott, der seinem Volk Freiheit und Feiertage schenkt.

Es gibt in unserem Leben auch die Wüstenerfahrung der Krankheit. Wir denken an die vielen Kinderhospize nah und fern. Krankheit macht selbst vor den Kleinsten nicht Halt. Wir denken an die unzähligen Dementen, die wir vielleicht kennen und die uns aber vergessen haben. Wir denken an die Schlaganfallpatienten, die an einer bleibenden Behinderung leiden. Wir denken an die chronisch Kranken, die Krebskranken und die psychisch Kranken, die an Depressionen leiden, nicht mehr aus dem Haus wollen, die mit ihrem Leben überfordert sind und mit ihrer Arbeit, ihrer Familie, ja, oft mit Kleinigkeiten – und die vor allem darunter leiden, dass sie so wenig verstanden werden, man ihnen nur selten echt Verständnis entgegenbringt. Ist uns denn der Satz, so frage ich mich, dass Gott in den Schwachen mächtig ist, fremd geworden?

Wir denken an Wüstenerfahrungen der Kindheit: mobbende Mitschüler, Angst vor der Schule, vor Lehrern, vor Erwartungen, vor Klausuren, vor Bloßstellung. Oder bei uns: Angst vor dem Beruf, vor dem Chef, den Vorgesetzten, den Mitarbeitern, der Arbeitsbelastung und dem, was die anderen sagen könnten.

Wir denken zuletzt an den Terror des Krieges: an die materiellen Verluste, an den Verlust der Menschlichkeit, an Verrohung der Sitten, an Armut und Krankheit, an die entweder religiöse oder politische Verfolgung von Andersdenkenden, an Propaganda und Lügen, Beschränkung der Meinungs- und Glaubensfreiheit, an das Denken im Schema von Freund und Feind, an die Waffengewalt und ihre Zerstörung, an die Menschenverachtung des Krieges, den Rassismus und Nationalismus, der allen Kriegen vorangeht, an die wirtschaftliche Ungleichheit und die politischen Unrechtsstrukturen, die Kriege bedingen oder deren Folge sind. Wir denken an die chaotischen, verheerten Verhältnisse in den Familien, Gemeinden u. Städten: Eltern verlieren ihre Kinder, Ehefrauen ihre Ehemänner, Söhne und Töchter ihre Väter (und Mütter – schauen wir nach Syrien und sprechen wir mit den Geflohenen); der Krieg ist nicht nur größte Geisel der Menschheit. Er soll nach Gottes Willen gar nicht sein, wie der ökumenische Weltrat der Kirchen 1948 hellsichtig feststelle.

Welche dieser Wüstenerfahrungen kennen wir? Welche haben wir durchlebt oder welche durchleben wir? Welche werden wir noch durchleben müssen? Aber zurück zu unserem Text.

Wüstenerfahrung und Neubeginn – Vom Eingreifen Gottes in die Bedürftigkeit Ex 16,11-18 So, wie Jahwe Israels „Schreien und Flehen“ in Ägypten gehört hat (vgl. Ex 1), so hat er auch jenes Murren der Wüstengemeinde gehört (Ex 16,11ff.). Er verschließt nicht – wie vielleicht wir angesichts der Not und des Unrechts meinen – Augen und Ohren, sondern erbarmt sich über Israel. Er sieht und hört von der Hungersnot der Gemeinde und sendet seinen „Knecht“, um Israel frohe Botschaft zu verkünden: Israel soll von Wachteln und Manna satt werden. Es soll sich nicht sorgen, sondern auf Jahwe verlassen. Wir müssen wissen: „Manna“ kommt von hebräisch „Man hu“ und bedeutet: „Was ist das?“ Das Wunder des Himmelbrotes geht in der Erzählung einher mit der Verwunderung Israels. Gottes Gegenwart ist effektiv: sie bewirkt etwas beim Menschen, dem er begegnet. Doch warum die Verwundung? Dazu müssen wir auf die Bedeutung des „Man“ oder „Manna“ zurückkommen.

Das arabische Wort „mann“ bezeichnet einen dünnen Belag auf einer Pflanze. Häufig ist vom Manna im Zusammenhang des Tamarisken-Manna die Rede: dieser, von Blattläusen im Sinai-Gebiet erzeigte Honigtau soll Israel angeblich 40 Jahre lang ernährt haben (vgl. Ex 16,35). Historisch wahrscheinlicher ist jedoch, dass das sog. „Manna“ zusammen mit dem Sabbat den Lebensrhythmus Israels bestimmt hat, denn Israels Gott selbst „begrenzt das Vorsorgen und Sicherheitsstreben Israels und gewährt dem Menschen Feierabend und Feiertag“.7 Dass das Volk in den VV. 11-18 darum besorgt ist, ob das gefundene Manna für die Großfamilie reicht, ist ein klares Indiz dafür, dass der Fürsorge Gottes auf der einen Seite das Zersorgen des Volks auf der anderen Seite entgegengestellt wird. Israels Sorge bezüglich des nächsten Tages ist „Atheismus im Judentum“8: nichts anderes als die praktische Leugnung seiner Hoffnung auf den lebendigen Gott. Diese Leugnung ist konkrete Gegenbewegung gegen Gottes Treue, sie ist eben nicht rationale Vorsorge, sondern wahnhafte Furcht – Furcht vor dem Schöpfer. Wie schon Adam sich scheut, sich seinem Schöpfer nackt zu zeigen, so will auch Israel ohne Gott bzw. an Gott vorbei soviel Manna sammeln, dass es hinfort reicht. Der Gott Israels lässt das nicht zu. Er gibt einem jeden gerade so viel, wie er braucht. Das zeigt uns einerseits, dass Gott besser weiß, wieviel der Mensch zum Leben benötigt und es zeigt andererseits, dass Gott weiß, dass der Mensch von Natur aus schwach und feige ist, denn er verleugnet den, der ihm Gutes tut.

Es geht in Ex 16,12 um nicht mehr und um nicht weniger als um die Erkenntnis Gottes. Gotteserkenntnis ist aber ohne Selbsterkenntnis nicht zu haben und Gott erkennen heißt hier, den gütigen Vatergott lieben lernen, wie Calvin zu Recht betont hat: Gott greift aktiv ein in Israels Hungersnot, hilft heraus aus dem Elend. Er will nicht den „Tod des Gottlosen“ (Ez 18,23), sondern er will Israel versorgen, ohne dass es sich zersorgen muss. Jenes Zersorgen ist das Gegenteil von ver- und von vorsorgen. Der Mensch, der sich zersorgt, ist der, dem der Mitmensch entweder gleichgültig ist oder der den Mitmenschen bloß zu eigenen Zwecken missbraucht. Nach Immanuel Kant ist aber jeder Mensch stets Zweck an sich selbst und muss dies um seiner Autonomie willen auch bleiben.9 Dagegen sind die Vor- und die Fürsorge auf die Gemeinschaft bezogen. Der, der sich zersorgt, denkt nur noch an sich. Calvin hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Ex 16 eine Orientierung an den Bedürftigen vornimmt und nicht auf Privateigentum aus ist. Dieser soziale, vielleicht sogar sozialistische Ansatz ist aller Ehren wert und er verweist auf das Manna: Brot vom Himmel ist für Christen eine Vorausdeutung auf Jesus Christus, das „Brot des Lebens“ (Joh 6), auf sein Fleisch und Blut, derer wir in Brot und Wein gedenken. Für den jüdischen Exegeten Philo war das „Manna“ identisch mit dem göttlichen Logos, darum dessen Aufnahme in den vier Evangelien und bei Paulus, nur diesmal personifiziert: Jesus Christus ist der Mensch gewordene Gott. Durch seinen Geist haben wir Anteil an Gottes Fülle, Treue, Fürsorge und Barmherzigkeit und eben dieser Gott weiß, dass der „Mensch nicht vom Brot allein“ lebt (Deut 8,3). Dieser bekannte Satz stammt aus der Tora. Jesus greift ihn später auf.

Und auf noch eine Verbindung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament möchte ich abschließend hinweisen: die Bitte um das tägliche Brot (vgl. Mt 6,11) soll uns nicht dazu verführen, zu denken, wie gut wir es doch haben und wie dankbar wir dafür sein können, wie wir leben, sondern wie bedürftig, wie nackt und bloß wir sind, wie leer es in uns ist, die wir (scheinbar) alles kaufen können und dennoch nie zufrieden sind, die wir in Reichtum leben, in Wahrheit aber von Armut umgeben und bedroht sind. Man gehe nur einmal in ein Altenheim oder zu den Tafeln –, die wir das Bitten und Flehen nötiger haben als Lobpreis und Anbetung. Erst, wenn wir wieder verstehen lernen, Gott zu fürchten, ihm alleine Ehre zu geben, sich seiner Fürsorge ganz anzuvertrauen, dann werden wir auch wieder lernen, die Sünde in der Gestalt des Hochmutes, des Elendes und der Lüge10 und der Unmenschlichkeit hinter uns zu lassen. Dann werden wir hoffentlich endlich frei11, die in unser aller Leben hineinragenden Wüstenerfahrungen nicht als Endstationen zu begreifen, sondern als Chancen zum Neubeginn und Aufbruch: frei von „den gottlosen Bindungen dieser Welt“, wie es die Barmer Erklärung (1934) für das wandernde Gottesvolk wegweisend formuliert hat – und frei für den Gott, den wir in Jesus Christus Vater nennen dürfen.

Amen.

1 Vgl. G. Sauer, Art. „Wüste“, in: Bibeltheologisches Wörterbuch, Graz/Wien/Köln 1994, 606.

2 Ders., Art. „Brot“, in: Calwer Bibellexikon, Bd. 1, Stuttgart ²2006, 207-208.

3 Ders., Art. „Brot“, in: Calwer Bibellexikon, Bd. 1, Stuttgart ²2006, 207-208.

4 Johannes Calvin, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift, Bd. 2 (2.-5. Mose), Neukirchen 1959, 174-177.

5 Vgl. zum Theologumenon der Klage Jürgen Ebach, Streiten mit Gott. Hiob, 2 Bde., Neukirchen-Vluyn 52014

6 Von den „herrenlosen Gewalten“ im Zusammenhang des „Kampf[es] um menschliche Gerechtigkeit“ spricht Karl Barth in seiner Ethik der Versöhnungslehre, die eine Auslegung des Unservater bietet, vgl. Ders., Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV,4 – Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959-1961, hg. v. Hans-Anton Drewes u. Eberhard Jüngel, in: Karl Barth Gesamtausgabe. II: Akademische Werke, Zürich 1976, 363-399. Zu diesen herrenlosen Gewalten gehören neben dem „Mammon“, politische „Ideologien“ und verschiedene andere „Geistesmächte“ (vgl. ebd.). Barth sieht diese „Mächte“ überall da am Werk, wo Gott die ihm geschuldete Ehre versagt wird. Damit stellt er sich in die Traditionslinie eines Johannes Calvin.

7 W. Grimm, Art. „Manna“, in: Calwer Bibellexikon, Bd. 2, Stuttgart ²2006, 871f.

8 Diese Abwandlung geht zurück auf Ernst Blochs Werk „Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs“, Stuttgart 1980.

9 Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), hg., eingel. und erl. von Jens Timmermann, Göttingen 2004, 429.

10 Mit dieser Reihenfolge schließen wir an die christologisch verortete Sündenlehre Karl Barths in seiner Dogmatik Bd. IV an.

11 Anspielung auf die berühmte Rede Martin Luther Kings in Washington und seinen wiederholten Leitsatz: „Free at last“.


Dennis Schönberger
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