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Vom heiligen Zorn zum Frieden
Predigt zur Christmette, Psalm 2

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
das gab es noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland:
Der Bundeskanzler wird erst im zweiten Wahlgang gewählt. Wie peinlich! Was für ein aufschlussreiches Signal dafür, dass hier eine Art “letztes Aufgebot” ans Werk gegangen ist, die Demokratie zu retten. - Was allerdings nur gelingen kann, wenn man gemeinsam die Kraft aufbringt, den Staat wieder handlungsfähig zu machen mit Strukturreformen, Konjunkturprogrammen und Bürokratieabbau.
Warum erzähle ich Ihnen das am Heiligen Abend?
Weil wir uns den Psalm des heutigen Tages genauer ansehen wollen: Psalm 2. Und dieser Psalm ist gemäß den Erkenntnissen der Alttestamentlichen Wissenschaft ein “Thronbesteigungspsalm”, also ein Text, der entweder beim Amtsantritt oder bei einem Jubiläum des Amtsantrittes der in Jerusalem residieren Könige von Juda im Rahmen eines feierlichen Rituales gesprochen wurde.
Das war wie bei uns heutzutage zur Verabschiedung aus dem Regierungsamt der “Große Zapfenstreich”, nur dass damals die von den Großreichen unterworfenen Völker gern mal die günstige Gelegenheit eines Herrscherwechsels ergriffen, sich von dem Joch der Mächtigen zu befreien, die ihnen Steuerlasten und Frondienste auferlegten.
Darauf spielen die ersten Verse unseres Psalms sehr deutlich an. Zunächst lese ich ihn in der Übersetzung der “Bibel in gerechter Sprache” vor:
1 Warum sind Völker in Aufruhr, murmeln Nationen leere Worte?
2 Könige der Erde marschieren auf, Würdenträgerinnen halten Kriegsrat gegen die Heilige und ihren Gesalbten.
3 Zerreißen wir doch ihre Fesseln, werfen von uns ihre Stricke!
4 Die im Himmel sitzt, lacht. Die über uns gebietet, spottet über sie.
5 Dann spricht sie zu ihnen, wutschnaubend, mit ihrer Zornesglut verbreitet sie Schrecken:
6 Ich selbst habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.
7 Berichten will ich, was die Heilige festgesetzt hat.
Sie sprach zu mir: Mein bist du. Ich habe dich heute geboren.
8 Verlange es von mir – und ich gebe dir Völker zu deinem Erbe, zu deinem Besitz die Enden der Erde.
9 Du kannst sie zerschmettern mit eisernem Stab, wie Tonkrüge zertrümmern.
10 Und jetzt: Mächtige, zeigt Einsicht! Seid gewarnt, die ihr die Erde richtet!
11 Dient der Heiligen mit Respekt, jubelt und bebt!
12 Küsst den Sohn. Sonst entbrennt ihr Zorn, und ihr verliert den Weg. Ja, im Nu lodert ihre Wut. Glücklich sind alle, die sich in ihr bergen.
Liebe Festgemeinde, “die Nationen” - also die Heidenvölker - “murmeln”, heißt es hier, “leere Worte”.
Wer den zweiten nach dem ersten Psalm liest, dem fällt unweigerlich auf, dass dort ebenfalls gemurmelt wird: Bei Tag und Nacht murmeln dort die Frommen Gottes Wort. Darum geht es: Hier die Völker mit ihrem leeren Gemurmel, ihrem Gerede von Größe und Selbstbehauptung, von “Kriegstüchtigkeit” oder gar von “gesundem Volkskörper” und “Remigration”.
Und dort, als Maßstab allen Denkens, Redens und Handelns, Gottes Wort, das “gemurmelt” wird, weil es im Hebräischen gar keine Vokabel für “stilles Lesen” gibt. Deswegen hört ja auch, zum Beispiel, der Apostel Philippus den Eunuchen aus Äthiopien auf dem Weg nach Hause in seinem Wagen den Propheten Jesaja lesen und fragt, ob er auch verstehe, was er da liest - und wird eingeladen, ihm die Schrift auszulegen, und kommt schließlich und endlich auf den Gesalbten Gottes, den Messias, zu sprechen, um legt ihm dar, dass dies niemand anderes als Jesus aus Nazareth ist, den wir den Christus nennen.
Der kommt auch in unserem Psalm vor. Anders wäre gar nicht zu erklären, weshalb dieser doch eher sperrige Text für den Heiligen Abend ausgesucht worden ist: Mein bist du. Ich habe dich heute geboren, heißt es im 7. Vers. Da spricht Gott Vater/Mutter zu dem Kind, das per Akklamation zum Sohn wird, adoptiert und zum Kronprinzen ernannt.
Zuvor hatten die Völker, die historisch allenfalls unter der Herrschaft Davids Vasallen Israels waren, laut darüber nachgedacht, die Gefolgschaft aufzukündigen. Doch darüber kann Gott nur lachen, hat er/sie doch selbst seinen/ihren König eingesetzt in Zion: Das Haus David soll, so Gottes Versprechen, auf immer Bestand haben. Jeder Versuch der Usurpation ist daher lächerlich, ist zum Scheitern verurteilt.
Erst wird gedroht: Verlange es von mir – und ich gebe dir Völker zu deinem Erbe, zu deinem Besitz die Enden der Erde. Du kannst sie zerschmettern mit eisernem Stab, wie Tonkrüge zertrümmern. Dann werden mildere Töne angestimmt: Mächtige, zeigt Einsicht! Seid gewarnt, die ihr die Erde richtet! Dient der Heiligen mit Respekt!
Man sollte sich dreimal überlegen, ob man sich wirklich mit Stärkeren anlegen möchte. Siegesgewiss und triumphierend sagt der Psalmbeter an, wie ein Kräftemessen zwischen hergelaufenen “Herren der Welt” und dem allmächtigen Gott ausgehen wird. Ist er naiv, oder schwindelt er uns etwas vor?
Der Psalm mag so alt sein wie das israelitische Königtum, aber dieses Königtum ist gescheitert, der Krieg gegen die Babylonier verlorengegangen, die Stadt und der Tempel zerstört, die Oberschicht verbannt und die Bevölkerung verwildert.
Und weiter: Auch der zweite Tempel - der, aus dem später Jesus die Händler verjagte - wurde zerstört, im Jahre 70, von den Römern. Es folgte das Ende jeder Staatlichkeit für das Judentum, die Zerstreuung über die ganze Welt. Und wo war Gott, als sein Volk, sein Augapfel, im 20. Jahrhundert in den Gaskammern industriell vernichtet wurde?!
Das Zerschlagen des Aggressors, damals unsere Vorfahren, heute Putins Schergen, möchte man sich doch wünschen. Auch wenn dabei Blut fließt. Wenn denn dadurch endlich das große Blutvergießen Unschuldiger beendet würde! Wo ist Gott, wenn man ihn mal wirklich braucht?!
Der Psalm weiß von einem Sohn Gottes - damals gebräuchlicher Titel für mesopotamische Könige und ägyptische Pharaonen. Und Israel irgendwo dazwischen. Als Jahrhunderte später die Sterndeuter den neugeborenen König suchten, fanden sie ihn nicht im Palast des Herodes, sondern in einer Höhle in dem Kaff Bethlehem, bei einfachen Leuten auf der Durchreise. Auch die Mutter des Neugeborenen wusste ein Lied zu singen - sie sang von den Mächtigen, die er vom Thron stoßen wird. Dieses Lied ist nie verklungen, diese Sehnsucht ist nicht totzukriegen. Und Gott steht im Wort.
Der Protest Jesu gegen alle Gewalt, sein Tod am Kreuz, wurde von Gott bestätigt durch die Auferweckung von den Toten; aber das hat die Machthaber, wie es scheint, nicht so nachhaltig beeindruckt, dass sie daraufhin abließen von ihrem bösen Tun.
Im Gegenteil: Christliche Kirche, christliche Theologie hat mitgeholfen, dem heiligen Zorn Gottes den Stachel zu nehmen, hat aus dem neuen Himmel und der Neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt, den “Himmel” gemacht, in den die Frommen kommen, wenn sie das irdische Jammertal verlassen.
Das ist leider keine Drohkulisse mehr für jene, die ganz genau wissen, dass sie sich Macht anmaßen, die ihnen nicht zusteht. Künstliche Intelligenz mag unser Leben leichter machen; sie rettet uns aber nicht vor der Klimakatastrophe. Finanzkraft hilft, um Waffen zu kaufen und Soldaten anzuheuern; aber sie beendet Kriege in aller Regel nicht. Wenn Jesus Christus unser Frieden ist, dann, indem wir, die wir zu ihm gehören, anfangen aufzuhören mit dem Recht des Stärkeren. Ich möchte zum Abschluss den Psalm noch einmal lesen - diesmal in der poetischen Übertragung von Huub Oosterhuis:
Hört, Despoten aller Zeiten
und eure Trabanten:
Warum rast und tobst du,
ganze Völker geißelnd?
Möge es weltweit klingen, dieses Lied,
gegen eure Furien des Unrechts,
gegen euren zynischen Hohn und Verachtung,
für das Menschenkind und seinen Gott.
Der Gott dieses Menschenkindes
schaudert und weint in seinem Himmel.
Dann brüllt er, schüttelt seine Mähne
und springt unsichtbar vor Licht
steigt er in ein Menschenherz hinab:
Du, mein Hirte, mein Löwe,
du sollst meine Lämmer weiden,
ihre Wunden waschen und salben,
um mein Weltall zu hüten,
habe ich dich heute erweckt.
Mag es ein Zimmermannssohn,
ein Zöllner, ein Zeltmacher sein,
eine Königin
oder eine Putzfrau,
denen er seine Leidenschaft einhaucht,
seine zarte Kraft des Erbarmens.
Sie sind voller Furcht. Doch sie gehen -
ihr Weg ist die ganze Erde
bis überall, wo noch höchste Mächte
Menschen zerschlagen wie irdene Krüge.
Weh euch, Trabanten, bestechliche Richter,
weh euch, Despoten, seid gewarnt.
Was für eine Welt wollt ihr
für eure Kinder - diese?
Stephan Schaar


