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Guter Hirte oder Zicke?
Predigt zu Psalm 23

Liebe Gemeinde, sind wir wie die Zicke im Märchen vom Tischleindeckdich?
Zunächst, als der erste, der zweite, der jüngste Sohn sie fragt, ob sie denn auch genug zu fressen gefunden habe, antwortet sie: „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt: Mäh! Mäh!“ Dann aber, als der argwöhnische Vater noch einmal nachfragt, ob sie auch wirklich satt geworden sei, entgegnet das boshafte Tier: „Wovon sollt ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein, und fand kein einzig Blättelein: Mäh! Mäh!“ - Worauf der Schneider seine Elle nimmt und einen nach dem anderen davonjagt; bis schließlich auch er von dem Ziegenvieh für dumm verkauf wird und seinen Fehler einsieht.
Eigentlich waren der Schneider und jeder seiner Söhne “gute Hirten”, wenn man das so ausdrücken möchte. Nur stieß ihre Fürsorge leider nicht auf Dankbarkeit, sondern auf blanken Hohn. Ein evangelischer Pfarrer in Berlin Anno 1900, mithin in Diensten des königlich-preußischen Konsistoriums, hätte damals womöglich eine Analogie zwischen dem Schneider und dem Monarchen hergestellt und ebenso eine Entsprechung gesehen zwischen dem boshaften Haustier und jenen im Volke, die sich unzufrieden zeigen und Veränderungen fordern: Alles reiner Undank!
Wir leben gottlob nicht mehr in einer Monarchie, sondern in einer Demokratie. Doch bis heute wird gern auf “die da oben” geschimpft, wenn irgend etwas nicht so läuft, wie es den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen entspricht.
Wenn die Bevölkerung aber einerseits immer älter wird - was ja an sich erfreulich ist - und andererseits weniger Kinder bekommt, und das auch noch sehr viel später, als das ehedem der Fall war: Wie kann man dann davon ausgehen, dass man eine auskömmliche Altersversorgung erhalten wird, ohne dass die Lebensarbeitszeit ebenfalls verlängert wird und womöglich diejenigen mehr einzahlen müssen, die nicht dazu beigetragen haben, dass künftige Beitragszahler heranwachsen?
Nur weil der Sozialistenfresser Bismarck 1889 die gesetzliche Rentenversicherung eingeführt hat, um seinen politischen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, kann man doch im 21. Jahrhundert nicht so tun, als stürben die Leute weiterhin wenige Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben!
Wer hier auf “die da oben” schimpft, hat meines Erachtens nicht hinreichend über die Zusammenhänge nachgedacht. Und wer - wie die Anhänger Trumps oder auch Sympathisanten der AfD - sich von der Reduzierung der Zahl ausländischer Mitbürger einen Vorteil verspricht, verkennt unsere Abhängigkeit von Erntehelfern und Pflegekräften, Computerspezialisten und Fachärzten aus aller Welt.
Im Unterschied dazu sind Politiker durchaus selbst schuld an schlechten Umfragwerten, wenn sie, wie unser Bundeskanzler beispielsweise, behaupten, die Leute seien verwöhnt und faul; man solle die telefonische Krankschreibung besser wieder abschaffen, denn die Beschäftigten sollten wieder mehr arbeiten für mehr wirtschaftliches Wachstum, welches gleichzusetzen sei mit Wohlstand für alle.
Wir wissen, dass das Unsinn ist. Wir wissen, dass diejenigen, die besonders hart und viel arbeiten müssen, weil sie schlecht bezahlt werden, auch mit noch mehr Arbeit kaum besser dastehen werden - erst recht, wenn man sie an anderer Stelle zur Kasse bittet, etwa bei den Energiekosten.
Das ist keine gute Führung, umso weniger, als gleichzeitig dafür gesorgt wird, dass extrem Reiche weiterhin von nennenswerten Erbschaftssteuern verschont werden.
Ein guter Hirte ist bereit, sein Leben für die Schafe herzugeben, sagt Jesus. Das war weder der preußische König, noch ist es der Bundeskanzler oder der amerikanische Präsident - und mit Sicherheit auch niemand sonst, der oder die ein politisches Spitzenamt bekleidet oder anstrebt.
Aber für die Herde gilt umgekehrt: Sie soll geweidet werden, nicht gemästet, es geht um gutes Leben, nicht um ein Schlaraffenland - und nur weil alle vier Jahre gewählt wird, sind wir nicht bei “Wünsch dir was!”, sondern leben in einer Welt, in der, was wir verbrauchen wollen, erarbeitet werden muss; dank Gottes Segen springen wir nicht nur über Gräbelein, sondern finden reichlich Blättelein.
Wohnen, Bildung und Gesundheit sind Grundbedürfnisse, sind Grundrechte. Statt beim Existenzminimum Einsparungen vorzunehmen - angeblich, um den Anreiz zu steigern, sich eine ordentliche Arbeit zu suchen, sollte man lieber die Preise erhöhen für die als selbstverständlich betrachtete Rundum-Bespaßung mit Streaming-Diensten und anderen Vergnügungen. Individualverkehr und Flugreisen sind Luxus - und den man muss sich leisten können, also auch bereit sein, selbst etwas leisten.
Wenn der Beter des 23. Psalms gleich zu beginn bekennt: “Gott ist mein Hirte”, dann geht er in die Frühzeit des Volkes Israel zurück, zu Samuel, der als Gottesmann anerkannt war und das oberste Richteramt im Volk bekleidete - bis die Leute an ihn herantraten mit der Bitte, ihnen einen König zu geben, wie ihn die Völker ringsum auch hatten. Samuel war entsetzt, aber Gott tröstete ihn (1 Sam 89) mit den Worten: Höre auf die Stimme des Volks in allem, was sie dir sagen, denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen, dass nicht ich König sein soll über sie.
Sie hatten einen Hirten, auch wenn er keine Krone trug - ganz anders als die Zeitgenossen Jesu, von denen es (Mark 634) heißt: Sie taten ihm leid, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Es gab da zwar einen, der nannte sich Herodes und lebte - in Saus und Braus - im Palast in Jerusalem. Aber er war keiner aus dem Stamm Juda, sondern eine römische Marionette, ein Strohmann der Besatzungsmacht, der das Volk ein wenig beruhigen sollte, dem allerdings das Volk herzlich egal war, weil es ihm ausschließlich um das eigene Wohlergehen zu tun war.
Ein guter Hirte sorgt stets für auskömmliche Ernährung. Das tut Gott.
Der Hirte führt seine Herde ans frische Wasser, wo sie in Ruhe ihren Durst stillen kann.
Der Hirte beschützt die Tiere mit seinem Stab und leitet sie sicher auch durch schwieriges Gelände.
Nicht einmal die Todesschatten ängstigen unseren Beter, denn er weiß Gott an seiner Seite, weil Gott mit seinem Namen - ich bin, der ich bin - dafür bürgt, dass es seinen Leute gut geht.
Der Psalmbeter befindet sich im Haus Gottes. Das kann einer jener Asylorte sein, die es im Alten Israel gab, wo Verfolgte sicher wohnen können - und deshalb lieber dort bleiben, als sich erneut einer Gefahr für Leib und Leben auszusetzen. So habe ich das jedenfalls mal gelernt.
Der Tempel ist aber auch ein Ort, an dem “der Tisch gedeckt wird”, und zwar überbordend. Dann nämlich, wenn ein Fest gefeiert wird: ein Opferfest, ein Versöhnungsfest.
Bei einer solchen Gelegenheit bekommen einmal alle satt zu essen, auch und gerade die, die es sich sonst kaum leisten können, das Brot für den Tag zu erwerben: Witwen, Waisen, Asylsuchende, Versehrte, Verlassene. Wenn in Gottes Haus das Brot gebrochen wird, dann bricht Freude aus.
Wenn ein Tier geschlachtet wird, um für Bewahrung zu danken oder um Versöhnung zu bitten, wenn man sich gemeinsam zu Tisch setzt, um sich miteinander auszusöhnen, dann dürfen - oder müssen - die Feinde zusehen, wie die Tafel bereitet wird für denjenigen, der hier betet.
Vor den Augen seiner Bedränger wird jenem Menschen, dem sie nachstellten, eine Ehrung zuteil: Er wird gesalbt, festlich geschmückt, für die Teilnahme am Festbankett vorbereitet. Von höchster Stelle erhält der Bedrängte Wertschätzung und Schutz. Das gab es in altorientalischen Gesellschaften durchaus, dass ein kleiner Vasall sich zu seinem obersten Herrn begab, damit in einem demonstrativen Akt benachbarten und verfeindeten Herrschern gezeigt wird, unter wessen Schutz der Bittsteller steht.
Das ist es, liebe Gemeinde, was nach meinem Eindruck an diesem Psalm “ausgelassen”, was geflissentlich übersehen wird: Hier geht es nicht um uns, mögen wir auch dunkle Täler und Durststrecken aus eigenem Erleben kennen, sondern um einen Menschen, der sich zu Gott flieht, um aus Todesgefahr zu entrinnen: Der Herr ist mein Hirte, mir mangelt’s nicht. Ich bin an einem sicheren Ort und fürchte mich nicht mehr. Mir wird der Tisch gedeckt, und mein Haupt wird gesalbt. - Mir kann nichts passieren, denn ich stehe unter Gottes Schutz. Verfolgten mich eben noch meine Feinde, so verfolgen mich jetzt “Güte und Barmherzigkeit”.
So steht es wörtlich im Text: sie “verfolgen” ihn. Denn Gottes Güte strahlt aus. Gottes Barmherzigkeit erfasst die, die sich danach sehnen; aber sie ist zugleich unübersehbar für alle, die auf den Beter schauen,
- als hielte Gott seine schützende Hand über die Hispanics, die von Trumps vor Strafverfolgung immunisierter Elitetruppe gejagt werden;
- als prallten Drohen und Raketen an einem unsichtbaren Schutzschirm über der Ukraine ab.
Als ob? Wer Gottes Hilfe erfahren hat, antwortet: Und ob!
Stephan Schaar


