''Durch die schweren Zeiten'' (Udo Lindenberg)

Eine Predigt zu Ps 23,4 und zu Udo Lindenbergs 80. Geburtstag


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Sein Lied kommt überraschend mit der biblischen Botschaft von Trost, Nähe und Hoffnung ins Gespräch.

„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“ (Ps 23,4)

Liebe Gemeinde,

„Denn du bist bei mir“ – dieser eine Satz aus Psalm 23 gehört zu den stärksten Trostworten der Bibel. Wir kennen ihn alle. Er hat unzählig viele Menschen getröstet und bis in den Tod hinein begleitet. Dieser Satz ist so stark, weil er nichts beschönigt. Da ist vom finsteren Tal die Rede, nicht von einem kleinen Umweg. Da ist von Angst die Rede, nicht von bloßer Verstimmung. Da ist von Unglück die Rede, nicht von einer vorübergehenden Wolke. Und mitten hinein klingt dieses große Trotzdem: „Denn du bist bei mir.“

Wir hören dazu Udo Lindenbergs Lied „Durch die schweren Zeiten“.i

Udo Lindenbergs Lied „Durch die schweren Zeiten“ berührt. Es ist kein Lied für die Oberfläche. Es ist ein Lied für Stunden, in denen wir keine Kraft mehr haben, in denen uns die Worte fehlen und in denen ein Mensch nicht zuerst Erklärungen braucht, sondern Beistand und Nähe. „Ich trag dich durch die schweren Zeiten […] so wie ein Schatten werd ich dich begleiten“ — das ist keine schnelle Lösung, aber ein starkes Versprechen der Nähe, des Beistandes und der Gegenwart Gottes. „Der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand“ (Ps 121,5).

Nun sollten wir Udo Lindenberg nicht vereinnahmen. Er ist kein bekennender Christ im kirchlichen Sinn, und sein Lied ist kein christliches Glaubensbekenntnis im engeren Sinn. Es wäre falsch, aus Udo nachträglich einen Kirchenvater der deutschen Rockmusik zu machen. Und doch: Muss Gottes Geist sich nur der ausdrücklich Frommen bedienen? Die Bibel selbst erzählt es anders. Sie erzählt vom Propheten Bileam, durch dessen störrischen Esel Gott spricht, von Kyros, dem heidnischen Perserkönig, den Gott für seine Wege gebraucht. Warum sollte Gott dann nicht auch durch die raue, tiefe, Whisky- und Zigarren-geschwängerte Stimme eines Rockmusikers zu uns sprechen können?

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieses Liedes: dass hier kein makelloser Heiliger singt, sondern ein Mensch mit Brüchen. Udo Lindenberg stammt aus Gronau in Westfalen, als Sohn eines Klempners geboren, und er sollte nach den Erwartungen des Elternhauses eigentlich einen handwerklichen Weg einschlagen. Stattdessen wurde aus dem Jungen aus einfachen Verhältnissen ein exzentrischer Künstler, ein Grenzgänger zwischen Musik, Malerei, Politik und Poesie und schließlich einer der erfolgreichsten Rockmusiker Deutschlands. Gerade diese unwahrscheinliche Lebensgeschichte erzählt etwas von Aufbruch, von Widerstand gegen Festlegungen und vom Mut, einem Ruf zu folgen.

Aber Udos Leben ist eben nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Es kennt das finstere Tal. Da ist der frühe und tiefe Schmerz über den Tod seines Bruders Erich, der 2006 starb. Wer einen Bruder verliert, verliert nicht nur einen Menschen, sondern ein Stück eigener Geschichte. Da verstummt manches. Da bleibt etwas offen. Solche Verluste lassen sich nicht wegerklären.

Da ist auch die Geschichte von Udos Alkoholabhängigkeit. In Berichten über sein Leben ist von dramatischen Abstürzen die Rede, von einem Blutalkoholwert von 4,7 Promille, also von einer existenziellen Grenzerfahrung am Rande des Todes. Wer so tief gefallen ist, weiß etwas über Nachtseiten des Lebens. Wer so nah am Abgrund stand, singt anders von Hoffnung als jemand, der außer schönen Worten nichts zu sagen hat. Vielleicht berührt das Lied gerade deshalb: weil es nicht aus geschützter Entfernung spricht, sondern aus einem Leben, das das Dunkel kennt.

Auch die äußeren Spuren von Udos Lebens erzählen von Verletzlichkeit. Udo trägt Hut, sein Markenzeichen, aber nicht, weil sein Haar schütter geworden ist, sondern weil eine lange Narbe über den Schädel verläuft, die ihm nach seiner eigenen Darstellung eine frühere Geliebte in Brasilien zugefügt hat. Dazu kam 1989 ein Herzinfarkt, den er überlebte. Man könnte sagen: Udos Leben trägt Narben außen und innen. Und vielleicht hören Menschen ihm auch deshalb zu, weil seine Stimme nicht geschniegelt klingt, sondern so gezeichnet.

An dieser Stelle trifft sich sein Lied mit unserem Psalm 23. Denn der Psalm sagt nicht: Das Tal gibt es nicht. Er sagt auch nicht: Wer glaubt, bleibt vor finsteren Tälern bewahrt. Sondern er sagt: Im finsteren Tal bist du nicht allein. Das ist der Unterschied. Nicht die Abwesenheit der Dunkelheit macht den Glauben aus, sondern die Gegenwart Gottes in der Dunkelheit.

„Denn du bist bei mir“ — das ist der Satz, der trägt. Vielleicht hören wir genau davon einen Widerhall, wenn Udo singt: „Ich trag dich durch die schweren Zeiten.“ Natürlich bleibt das ein Lied über Menschen und nicht über Gott. Aber es kann ein Fenster werden. Ein Echo. Ein fremdes, überraschendes Gefäß für Gottes Trost. So, wie manchmal ein Wort aus einem unerwarteten Mund genau im rechten Augenblick zu uns kommt.

Und ist es nicht oft genau so? Gottes Trost erreicht uns oft anders, als wir es erwartet hätten. Ein Satz im richtigen Moment. Eine Hand auf der Schulter. Ein Lied im Auto. Ein rettender Gedanke in einer schlaflosen Nacht. Der Geist Gottes ist größer als unsere Vorstellungskraft und unser Erwartungshorizont.

Darum dürfen wir anlässlich von Udo Lindenbergs 80. Geburtstag vor wenigen Tagen, am 17. Mai 2026 auch mit Dankbarkeit auf dieses Lied hören. Nicht, weil wir es vereinnahmen wollen. Sondern weil wir in ihm etwas wiedererkennen, was der Psalm 23 längst gesagt hat: Dass der Mensch Nähe und Trost braucht. Dass man durch schwere Zeiten nicht hindurchrennt, sondern hindurchgetragen wird. Und dass hinter schwarzen Wolken nicht immer sofort, aber doch verlässlich, Gott seinen Glanz wieder aufscheinen lässt. „Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind“, sagt der Prophet Jesaja (9,1).

Vielleicht fragen Sie heute: Gilt das auch für mich? Auch für meine Nacht, meine Krankheit, meinen Verlust, meine Erschöpfung, meine Abhängigkeit, meine Trauer? Psalm 23 antwortet: Ja. Nicht, weil das Tal harmlos wäre. Sondern weil Gott auch dort bei uns ist und wir nicht allein sind. „Du bist bei mir“ — das ist das Evangelium in seiner einfachsten, in seiner stärksten, in seiner tiefsten Form. Wofür sonst steht das Kreuz, wenn nicht dafür, dass Gott sich in Jesus Christus in tiefster Finsternis treu und tröstend und rettend an unsere Seite stellt und uns durch die schweren Zeiten zu tragen zugesagt hat? Und das zu wissen, reicht. Das ist genug für’s Leben und für’s Sterben.ii

Und vielleicht hören wir diesen Zuspruch heute auch in den sanften Worten eines alternden Rockstars:

„Ich trag Dich durch die schweren Zeiten / so wie ein Schatten werd ich dich begleiten /
ich werd dich begleiten, / denn es ist nie zu spät / um nochmal durchzustarten / weil hinter all den schwarzen Wolken / wieder gute Zeiten warten.“iii

So lasst uns dieses Lied hören, ohne es zu taufen. Und lasst uns doch offen bleiben für den Gedanken, dass Gott manchmal durch unerwartete Stimmen spricht. Durch einen Propheten wider Willen. Durch einen heidnischen König. Durch einen störrischen Esel. Und vielleicht eben auch durch den Sohn eines Klempners aus Gronau, einen Gottessucher mit Hut, Narbe und einer rauen, tiefen, unverwechselbar norddeutschen Stimme. Sie ist vielen zum Trost geworden.

Amen.


i Eingespielt wird der Song „Durch die schweren Zeiten“ von Udo Lindenberg aus dem Album „Alles unter einem Hut“ (2016). Text von Udo Lindenberg, Simon Triebel, Ali Zuckowski.

ii Vgl. Frage 1 des Heidelberger Katechismus: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“.


Marco Hofheinz