Das Calvin-Jubiläum 1909. Teil II

Eine Zäsur der Selbstdefinition der Reformierten in Deutschland

Reformationsdenkmal in Genf, errichtet 1909

Von Hans-Georg Ulrichs, Karlsruhe

1. Einleitung
2. „[Nicht] zu einer über die Leisten des Genfer Theologen geschlagenen Theologie verpflichtet“ (Petrus Georg Bartels) – Die Reformierten in Deutschland um die Jahrhundertwende
3. „Mittel zu schaffen, um Person und Sache Calvins [...] bekannter zu machen“ (August Lang) – Die Vorbereitung des Calvin-Jubiläums in Deutschland ab 1906

4. „Calvin war [...] bisher [...] ein übel berüchtigter [...] Mann“ (Friedrich Heinrich Brandes) – Das Jubiläum 1909 in Deutschland und in Genf
5. „Die Verbindung mit Genf aufrecht erhalten“ – Nach den Feierlichkeiten im Sommer 1909
6. Resümee
7. „Ob es noch nötig sei“ – Unwissenschaftliche Nachschrift und Prospektive 2009

Unzählige Aktivitäten belegen die generalstabsmäßige Vorbereitung des Calvin-Jahres 1909: regelmäßige Berichterstattung über das Calvin-Komitee oder über die kommende Feier insgesamt in der RKZ Jahrgang 1908 und dann natürlich im Jahrgang 1909, Rundschreiben an Presbyterien, um Gedenkveranstaltungen in den Gemeinden anzuregen[1], Eingaben an Synoden[2] und an staatliche Behörden, Schulfeiern zu veranstalten[3]. Der Reformierte Bund trug nicht nur dafür Sorge, dass neben der RKZ auch zahlreiche Sonntagsblätter Serien über Calvin und den Calvinismus im Frühjahr und Sommer 1909 (s.u.) brachten, sondern man ließ durch sein Engagement das Jubiläum zu einem „Multimedia“-Ereignis damaliger Zeit werden: neben unzähligen Heftlein mit populären Darstellungen Calvins[4] gab es eine Lichtbildreihe zum Ausleihen[5], eine Kantate[6], ein Kunstbild des Münchner Malers Karl Bauer[7] (das Martin Rade besonders hervorhob[8]), Postkartensammlungen[9], Gedichtsammlungen[10], später 1910 eine Calvin-Münze, die vom Consistorium der französischen Kirche in Berlin geprägt wurde und die ein Bildnis auch von Wilhelm II, „der seinen Schild über die durch eine weibliche Figur mit Kind dargestellte französische Colonie hält“[11], zeigt. All das sollte bewirken, dass die „große[.] Schar derer“ kleiner würde, „die auf Befragen nichts anderes über Calvin zu berichten wissen als daß er den lästernden ‚Servet verbrannt‘ und die ‚grausame Lehre von der Prädestination‘ aufgestellt habe“.[12]

Lang urteilte im Rückblick: „Wie viel Mühe, Briefe, Reisen und Verhandlungen hatte es gekostet, solch einen Aufruf [zum Calvin-Jubiläum 1909] zustande zu bringen! Wie viel Mühe weiter, ihn zu verbreiten, ihn an etwa 400 Zeitungen und Zeitschriften, an die Kirchenregierungen, Konsistorien und theologischen Fakultäten Deutschlands zu versenden!“[13] Lang wurde aber für all diese Mühen reichlich entlohnt.

4. „Calvin war [...] bisher [...] ein übel berüchtigter [...] Mann“ (Friedrich Heinrich Brandes) – Das Jubiläum 1909 in Deutschland und in Genf

August Lang, dem das Calvin-Gedenken zu einem Lebensanliegen geworden war, erzählt im Zusammenhang seiner quellenkritischen Arbeit zum Heidelberger Katechismus[14] eine bezeichnende Anekdote über die seinerzeitige Bedeutung des reformierten Bekenntnisses in Deutschland: gleich nach Abschluss der Arbeiten weilte er zufällig in Heidelberg in der neuen Universitätsbibliothek, suchte im Katalog nach Katechismus-Ausgaben – und fand keine. „Welch eine Aufgabe lag immer noch vor mir und meinen Freunden, das reformierte Wesen und das reformierte Bekenntnis in unserm Vaterlande wieder mehr zur Anerkennung zu bringen! Diesem Ziele führte uns das Jahr 1909 wesentlich näher.“[15] Eingeläutet wurde dieses Jubiläumsjahr vom Schriftleiter Theodor Lang in der RKZ: „Das Jahr 1909 steht für die ganze evangelische Christenheit und für unsere reformirte Kirche vorab unter dem Zeichen des Calvinjubiläums.“[16] Mit der ersten Nummer des neuen Jahrganges begann die RKZ mit einer umfangreichen Berichterstattung und zahlreichen Artikeln über Calvin und sein Umfeld und Wirkung. August Langs eigener Beitrag ist nicht zuletzt in der Auftragsarbeit des Vereins für Reformationsgeschichte zu sehen, eine gut lesbare Calvinbiographie vorzulegen, in der er „die religiöse Eigentümlichkeit“ und „Calvin als religiöse[n] Charakter“ nachzeichnen will.[17] Für internationale Verstimmung sorgte allerdings immer wieder Langs Vorliebe für den Fonds vor dem Denkmal – später sollten auch mehr als 30.000 Mark für den Fonds zusammenkommen, davon gerade einmal ein Sechstel für das Genfer Denkmal, dabei war im ersten Aufruf des Vorbereitungskomitees noch an erster Stelle das Denkmal und an zweiter dann der Fonds genannt worden. Der Hugenottenvorsitzende Charles Correvon teilte nach einer Genf-Reise im Frühjahr 1909 dem Moderamen mit, „daß die allgemeine Gleichgültigkeit des reformierten Deutschlands dem Genfer Unternehmen gegenüber in Genf und Frankreich stark verstimmt hat.“ Man sei der Meinung, dass „die Deutschen in ihrem Partikularismus einen Seitenweg eingeschlagen hätten!“[18] – wie Correvon selbst bereits 1907 moniert hatte.

Als Lang die Calvin-Arbeit in den Druck gebracht hatte, begann für ihn die vielleicht bewegendste Zeit seines Lebens. Mehrere Monate war er auf Reisen, hielt in Deutschland und benachbarten europäischen Ländern Vorträge und besuchte Konferenzen. Die Nächte verbrachte er nicht selten im Zug. Der erste Höhepunkt war die 13. Hauptversammlung des Reformierten Bundes, die kurz nach Ostern 1909, von Dienstag, dem 20., bis Donnerstag, dem 22. April, in Barmen tagte; sie war „ganz dem Gedächtnis des Reformators gewidmet“.[19] In einem Einladungsschreiben des Presbyteriums Barmen-Gemarke als der gastgebenden Gemeinde wird für diese Hauptversammlung die Gnade Gottes herbeigewünscht, „der zu seiner Zeit neben Martin Luther einen Joh[annes] Calvin als auserwähltes Rüstzeug seiner Kirche geschenkt hat“.[20] Dabei ging fast ganz ein anderes Jubiläum verloren: 25 Jahre Reformierter Bund. Unmittelbar vor der Hauptversammlung tagte der „Calvinfonds“, wie mittlerweile der Vorbereitungsausschuß auch schon genannt wurde[21], gemeinsam mit dem Moderamen. Die Hauptversammlung wurde nach dem Eröffnungsgottesdienst[22] durch den Moderator Brandes eröffnet, der an die Jubiläen 1863 für den Heidelberger Katechismus, 1883 für Luther und 1884 für Zwingli (einschließlich der Bundesgründung) erinnerte. Der Pastor der gastgebenden Gemeinde, Emil Schneider, freute sich, dass mit der Bundesversammlung für die Gemeinde die Chance bestehe, „Calvin kennen zu lernen“.[23] In Barmen wurden fünf Vorträge über Calvin gehalten – einer davon sogar von einem lutherischen Superintendenten, nämlich der über „Calvin und Luther“.[24] Unter den zahlreichen Grußworten[25] befinden sich das des Göttinger Pastors Johann Adam Heilmann für die Conföderation reformierter Kirchen in Niedersachsen, das des Auricher Generalsuperintendenten Hermann Müller (wegen Verhinderung nur schriftlich) und seines Landesherrn Dodo von Innhausen und Knyphausen, das von hugenottischen Gemeinden und von vielen andere reformierten Gruppen, ebenso aus dem Ausland, wie etwa dem bekannten reformierten Kirchenhistoriker James Good aus Philadelphia, und von Fakultäten mit reformierter Färbung wie Halle und Bonn. So entsteht das Bild des Reformierten Bundes als Plattform, Schaltstelle und Interessengemeinschaft, oder wie es das Moderamensmitglied Pastor Sauerländer (Schöttmar) bezeichnete: der Bund „gleicht dem Vater“ mit „zerstreuten Kinder[n]“.[26]

In diesen Grußworten und spontanen Redebeiträgen wird Calvin neben seiner Bibeltreue und seiner Demut vor dem großen Gott vor allem als Mann der Kirchenorganisation gerühmt. Mit der Einführung der Presbyterien habe er die Kirche vor dem Klerikalismus bewahrt. Deshalb legten reformierte Gemeinden als bleibende Verpflichtung so viel Wert auf das Ältestenamt, das sich besonders in den Zeiten der Verfolgung bewährt habe. Daher wird die Empfehlung laut: „Laien müssen Kirchengeschichte lesen, das macht uns die reformierte Kirche lieb. Man lernt die Knechte Gottes kennen [und] hofft sie droben zu treffen.“[27] Es geschehen aber noch ungewöhnlichere, spontane Dinge: „Prof. Rotscheid [es muß heißen: Rothstein]-Halle hat das Bedürfnis, Zeugnis zu geben für das, was wir an Calvin und an der reform[ierten] Kirche haben. Als Alttestamentler, auf dem Boden der modernen Kritik, gibt er die Frucht reformierter Erziehung und Studiums. Heute würde Calvin kraft seiner persönlichen Lauterkeit Stellung nehmen zur wissenschaftlichen Arbeit auf dem exegetischen Gebiet. Wir glauben nicht an alle bösen Geister, sondern an die sieghafte Wahrheit. Die Lebenskraft aus der Kindheit: alles in, für und zu Gott, des reformierten Glaubens hat ihn gestärkt u[nd] getröstet in den Kämpfen.“[28] Was wunder, dass der Tagungsleiter den Nachmittag mit den Worten schließt: „Calvin würde heute die Theologie bekämpfen, die die Grundlagen des Glaubens zerstört.“[29] Reformierte Normal-Theologie war seinerzeit weder modern noch vorwärtsweisend, sondern weitgehend anti-liberal.

Natürlich kamen die Reformierten ihren staatsbürgerlichen „Pflichten“ nach: „Das Hoch auf den Kaiser brachte in bewunderungswürdiger Frische der greise Moderator aus.“[30] Am Schlusstag wird der Versammlung das Danktelegramm Wilhelms II. vorgelesen: „Seine Majestät der Kaiser und König haben den freundlichen Huldigungsgruß des Reformierten Bunds für Deutschland anläßlich der Calvinfeier in Barmen gern entgegengenommen und lassen bestens danken.“[31]

Das Echo auf diese sehr gut besuchte Hauptversammlung war wohl einzigartig, minutiös berichtete im Vorfeld und danach die RKZ, aus ihr bedienten sich dann zahlreiche kirchliche Zeitungen, andere hatten eigene Berichterstatter.[32] „Die ganze Tagung war ein würdiger Vorklang zum Calvingedenktag“[33], urteilten die einen; die anderen merkten an, der reformierte Kirchenvater sei „so ausgiebig behandelt [worden], daß man gelegentlich aussprechen hörte, es sei des Guten fast zuviel gewesen.“[34] Auf gänzliche Ablehnung stieß die Hauptversammlung (und andere Calvin-Aktivitäten) im Kreis um Fritz Horn (damals: Duisburg-Laar): die in Barmen gehaltenen Bibelarbeiten hätten den Bibeltext nicht be-, sondern misshandelt; Johannes Calvin sei im Lichte des Pietismus gedeutet worden; tatsächlich hatte August Lang versucht, Calvin(ismus) und Pietismus einander näher zu bringen. Horn spottet: „Der Pietismus will den Kampf Calvins in unseren Tagen aufnehmen, aber wie schwächlich, wie weichlich ist seine Art!“ Reformierte, die solches forderten (wie also der körperlich eher schwächliche shooting-star August Lang), seien – so Horn – „ein Hohn des Fürsten dieser Welt geworden“.[35] Solch krasse Ablehnungen blieben freilich im Sommer 1909 die Ausnahme und prolongierten die selbstgewählte Marginalisierung der Gruppe um Horn auf Jahre.[36]

Die 8. Generalversammlung des Deutschen Hugenotten-Vereins 1909 in Friedrichsdorf mit einem Calvin-Vortrag des Vorsitzenden Correvon war wie manch andere Hugenottenveranstaltungen schlecht besucht; gerade einmal „17 Freunde unserer Sache“ verzeichnet das Protokoll.[37] Der DHV war mithin die kleinste der reformierten Gruppen. Hinzu kommt, dass es unterschiedliche Positionen gab: offenbar hatte Correvon die große Berliner Hugenotten-Gemeinde gebeten, sich seiner Richtung anzuschließen. Daraufhin beschließt das „Consistorium“, Correvon mitzuteilen, „daß wir im Rahmen des Beschlusses des ref[ormierten] Bundes uns halten werden.“[38]

Die Altreformierten in der Grafschaft Bentheim und Ostfriesland[39], die sich zur Gereformeerde Kerk in den Niederlanden hielten und sich als Anhänger Abraham Kuypers als die eigentlichen Reformierten wähnten, reagierten erst im Mai 1909 auf die bevorstehenden Feierlichkeiten, von Anfang an mit Unbehagen im Hinblick auf die offiziellen und staatskirchlichen Feiern. „Wenn nur alle, die sich zur Feier anschicken, auch die von Calvin nach Gottes Wort verkündigte Wahrheit noch im Herzen trügen!“ Diese Wahrheit sei „die Gottverherrlichende Lehre von der freien, souveränen Gnade“. Da im Festchor „die Stimme derer, die Calvin eben um seines Glaubens willen lieben“ nicht fehlen dürfe, „wäre [es] schön, wenn etwas ähnliches auch unter uns zustande käme!“[40] Es kam etwas zustande, nämlich eine zentrale Calvin-Gedächtnisfeier am 10. Juni in Emlichheim (Grafschaft Bentheim). Redner war Prof. Herman Bavinck von der Vrije Universitet Amsterdam, seinerzeit neben Kuyper führender Theologe der Gereformeerden.[41] Bavinck betonte, dass Calvin die reformatorischen Anfänge „voor alle terreinen des levens had vruchtbaar gemaakt“ und „de vrije genade Gods in Christus“ und „de eeuwige verkiezing“ als „de eerste bron der genade“ bekannt habe; Calvin selber habe „ruste vond in den souvereinen will van God“ als dem Grund der Erwählung, „gerust in de belijdenis van het eeuwige, ondoorgrondelijke welbehagen Gods. ‚En ik verzeker u‘, zeide Prof. Bavinck, ‚dat hoeveel er over dit levensprobleem ook worde nagedacht, wij verder niet zullen komen.“ Am Ende führt Bavinck praktisch aus, dass Calvin ein Kuyper-Typos gewesen sei: Calvijn „heeft [...] het zelfbewustzijn van den christen verhoogd. Ook van den geringen man, die soms door de vraag wordt gekweld: waarom ben ik, wat beteeken ik toch eigenlijk in de wereld, heeft Calvijn toegeroepen: Uw leven heeft beteekenis, want gij zijt door God verkoren en door Christus verlost. Uit kracht van dit besef hebben de Gereformeerden pal gestaan voor de vrijheid in kerk en staat, en zich niet onder een knechtelijk juk laten brengen.“[42] Eine wunderbare Charakterisierung – nicht Calvins, sondern Kuypers![43]

Gelegentlich und eher erheiternd ist die Polemik seitens lutherischer Fundamentalisten, die Calvin als unoriginell, unbedeutend, ja als ein Unglück beschreiben.[44] Auch die lutherische Landeskirche Hannovers erwähnt Calvin mit keinem Wort[45], vielmehr kommt es auch in ihrem Bereich und anderen norddeutschen Ländern zu publizistischen Entgleisungen.[46]

In Deutschland begingen zahlreiche theologische Fakultäten Calvin-Gedenktage[47], Landeskirchen veranstalteten Sammlungen und ordneten Gedenkgottesdienste an[48], einzelne Gemeinden organisierten Feiern[49], kirchliche[50] und politische Zeitschriften und Zeitungen würdigten Calvin und seinen Beitrag zu allen möglichen Themen (zumeist unter dem Titel „Calvin und ...“). Neben den reformierten Sonntagsblättern der verschiedenen Regionen[51] ist sicherlich die „Calvin-Nummer“ der Christlichen Welt[52] stark beachtet worden. Vor einigen kleineren Artikeln über inhaltliche und biographische Fragen gibt Theodor Brieger in seinem Aufsatz „Calvins Bedeutung für den Protestantismus des sechzehnten Jahrhunderts“[53] die Richtung vor: „Bei Calvin darf der Historiker, [...] niemals verschweigen, daß, wie der Reformator in so mancher Beziehung tief, tief ins Mittelalter zurücksinkt, so sein Charakter grob entstellt wird durch Züge, die uns mit Schrecken und Grauen erfüllen: eine grausame, ja unmenschliche Härte und Unbarmherzigkeit [...] keine Spur von Liebe keimt in dem Betrachter auf, keine Beziehung kann aufkommen.“[54] Bei diesem Vertreter der zweiten Reformatoren-Generation „sucht man [vergebens] nach neuen, großen, schöpferischen Gedanken“.[55] Durch eine „strenge, rigoristische Zucht“ lebten die Genfer in „einer unevangelischen Knechtschaft“. „In Allem bemerken wir eine Abwandlung der Anschauungen Luthers, die nicht zufällig von einem Franzosen ausgegangen ist. Es ist die Uebertragung des lutherischen Evangeliums in das Romanische.“ „[M]it seinem an Fatalismus grenzenden Bewußtsein ewiger Gnadenwahl“ schuf der Calvinismus immerhin tapfere Männer, die sich in den Glaubenskriegen bewährten. Darin könne man die Bedeutung Calvins und des Calvinismus für den Protestantismus des 16. Jahrhunderts sehen.[56] In einem anderen Artikel bezeichnet Ferdinand Kattenbusch Calvins Lehre als überholt[57], während Ernst Troeltsch darzulegen versucht, warum der Calvinismus im Gegensatz zum Luthertum eine solch außerordentlich große globale Ausstrahlungskraft besitzt.[58] Trotz der Bemühungen des Reformierten Bundes ließen sich nicht alle Tageszeitungen von den reformierten Ghostwritern bedienen; so meldet etwa die Kölnische Zeitung: Johannes Calvin bleibe als „der Mann der beinharten, unerbittlichen Sittenstrenge, der unfrohe, kunstfeindliche Reformator als ein puritanischer Agitator von lebensverfinsternder Wirkung immer verhaßt“.[59]

Trotz diesen und ähnlichen Kritiken und seltenen lutherischen Polemiken stellt das Elberfelder Reformierte Wochenblatt schon vor dem Genfer show-down im Hinblick auf die deutschen Verhältnisse selbstkritisch und erleichtert zugleich fest, dass „man von einer Neuentdeckung Calvins im Jahre 1909 sprechen [kann]; ein Kapitel der Kirchengeschichte der Gegenwart wird diese Überschrift tragen müssen [...] Man kann insonderheit der reformierten Kirche den Vorwurf nicht ersparen, daß sie es versäumt hat, das Gedächtnis Calvins lebendig zu erhalten [...] wir wollen uns von Herzen darüber freuen, daß nunmehr eine Calvinbewegung eingesetzt hat, von welcher tiefe, bleibende Segenswirkungen ausgehen werden.“[60]

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[1] Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Reformierter Bund, Nr. 76. Laut RKZ 31 (1908), S. 370 ging das Schreiben an 330 Presbyterien.

[2] Z.B. von Pastor Winkelmann (Hohenlimburg) an die westfälische Provinzialsynode. In: RKZ 31 (1908), S. 316; von Calaminus und 25 Genossen an die rheinische Provinzialsynode. In: aaO., S. 333. Der Inhalt des Beschlusses (kirchliche Feier und fakultative Kollekte für den Fonds) der sächsischen Provinzialsynode in: aaO., S. 371.

[3] Vgl. z.B. Antrag von Wilhelm Rothscheidt namens des „Predigervereins der reformierten Gemeinden im vormaligen Herzogtum Bremen“ an das Moderamen vom 2.6.1908 (Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Reformierter Bund, Nr. 109).

[4] Vgl. Wilhelm Niesel, Calvin-Bibliographie 1901-1959. München 1961 (im folgenden: Niesel-Bibliographie), Nrr. 325-432 und weitere. Ein zeitgenössisches Verzeichnis von Schriften von und über Calvin, in: RKZ 32 (1909), S. 129f. Die Calvin-Kleinliteratur, vom Reformierten Bund erwünscht und gefördert, wurde von der Gruppe um Fritz Horn in Bausch und Bogen verdammt, weil darin der Versuch gemacht werde, Calvin zu modernisieren; dagegen seien allein Calvins Schriftauslegungen empfehlenswert, vgl. Korrespondenzblatt der Freunde des Heidelberger Katechismus 7 (1909), S. 125f. (vorhanden in: Bücherei der ev.-ref. Gemeinde Elberfeld, jetzt Superintendentur Elberfeld, historische Bibliothek, Z 31).

[5] Vgl. Giesebert Stokmann, Auch ein Calvin-Denkmal. In: RKZ 32 (1909), S. 82. – Der Emder Pfarrer und Kreisschulinspektor Stokmann (1855-1926) publizierte mehrere Bücher; während seines Pfarramtes wurde die kunsthistorisch interessante Jugendstil-Kirche in Emden-Borssum erbaut. 1916 ging Stokmann krankheitsbedingt in den Ruhestand und unterrichtete an der Barmer Missionsschule. Sein Vikarsschüler Harmannus Obendiek gab posthum eine Ethik von ihm heraus: Ringe recht! Eine evangelische Ethik als Anweisung zum christlichen Leben, Schwerin 1928. – Eine kleine biographische Studie über diesen Vertreter des reformierten Protestantismus vor Barth ist ein Desiderat.

[6] RKZ 32 (1909), S. 26. Es handelt sich um eine Kantate über Psalm 100 (von Cornelius Becker) des Stettiner Schloßorganisten Ulrich Hildebrandt. Vgl. aaO., S. 239.

[7] Das Bild kam auf Veranlassung von Pastor Rodenhauser (Norden), der dann auch im Juli Delegierter in Genf war, zustande, wie er selbst berichtet: Eine hochwillkommene Gabe zum Calvin-Jubiläum. In: RKZ 32 (1909), S. 202, vgl. auch Reformiertes Wochenblatt [Elberfeld] 54 (1909), S. 212-214. – Der Maler Karl Bauer darf nicht mit dem reformierten Kirchenhistoriker gleichen Namens, an den Vf. erinnert hat (Karl Bauer [1874-1939]. Ein vergessener reformierter Kirchenhistoriker. In: RKZ 140 [1999], S. 86-92. Vgl. auch ders., Art. Bauer, Karl Christof Gustav Adolf. In: BBKL XVI. Ergänzungen III [1999], Sp. 58-65), verwechselt werden. – Vgl. auch Emile Doumergue, Iconographie Calvinienne, Lausanne 1909 (276 S.). In Genf wurde eine kleine bebilderte Festschrift vertrieben: Jubilé de 1909 Jean Calvin 1509-1564. Douze Estampes de H. van Muyden, Texte de H. Denkinger, édité par la Compagnie des Pasteurs de l’Église de Genève. Genf 1909.

[8] ChW 23 (1909), Nr. 28 vom 8. Juli 1909, Sp. 671.

[9] Erschienen im Verlag des reformierten Schriftenvereins, G. Dieterich, Elberfeld.

[10] Wilhelm Rothscheidt, Johann Calvin im Spiegel der Dichtung. Lehe 1909 (Niesel-Bibliographie Nr. 303), vgl. RKZ 32 (1909), S. 137.

[11] Zeitgenössisches Werbe-Faltblatt (Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Reformierter Bund, Nr. 109). Vgl. Die Calvin-Medaille der französischen Colonie in Berlin 1910. In: Alt-Berlin 27 (1910), S. 98. – Angeregt wurde dieses Projekt erst am 10.5.1909 im Consistorium, vgl. Protokollbuch der Generalversammlung des Consistoriums der Französischen Kirche zu Berlin (Archiv Rep 04 II 27), S. 212. – Der Berliner Hugenottenkirche bin ich für die die Calvinfeier betreffende Recherche in ihrem Archiv und die Überlassung von Kopien sehr dankbar.

[12] Wilhelm Rothscheidt, Calvins Plan einer Ferienreise. In: RKZ 32 (1909), S. 82f., hier: S. 82.

[13] A. Lang, Erinnerungen, S. 36. In RKZ 31 (1908), S. 34 beschreibt Lang genauer: Der Aufruf „ist [...] von mir an die Redaktionen von 390 Zeitungen und Zeitschriften [...] versandt worden.“

[14] August Lang, Der Heidelberger Katechismus und vier verwandte Katechismen. Leipzig 1907 (ND Darmstadt 1967).

[15] Vgl. A. Lang, Erinnerungen, S. 38.

[16] RKZ 32 (1909), S. 1.

[17] August Lang, Johannes Calvin. Ein Lebensbild zu seinem 400. Geburtstag. Leipzig 1909 (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Heft 99), S. 1. – Lang verfaßte später noch andere Schriften anlässlich von Jubiläen: zum Heidelberger 1913 und zur Reformation 1917.

[18] Brief Correvon an die Mitglieder des Moderamens, Frankfurt, 18. April 1909 (Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Ref. Bund, Nr. 55). Vgl. auch Correvons Leserbrief in: RKZ 32 (1909), S. 162f. Auf der Moderamenssitzung am 16. Juni 1908 wurde ausdrücklich von „eine[m] kleinen Beitrag zum Reformationsdenkmal aus Deutschland“ geredet, vgl. Protokollbuch des Moderamens, aaO. Vgl. auch den RKZ-Bericht über die Frankfurter Moderamenstagung. RKZ 31 (1908), S. 203f.

[19] A. Lang, Erinnerungen, S. 38. Zur Hauptversammlung vgl. auch das Protokollbuch des Moderamens mit vollständigem Protokoll (Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Reformierter Bund, Nr. 42; Akte über die Hauptversammlung Barmen 1909 mit Einladungen, Programm, Zeitungsartikeln, Berichten und Bitten bedürftiger Gemeinden, aaO., Nr. 55); RKZ 32 (1909), S. 121f; 145-149. – Auch das im Juni in New York stattfindende Konzil des Reformierten Weltbundes beschäftigte sich mit dem Calvin-Jubiläum, vgl. RKZ 32 (1909), S. 276f. 286f., ebenso wurde das Jubiläum in vielen anderen Ländern begangen, worauf hier nur hingewiesen werden kann (z.B. Böhmen, Schottland, Ungarn, vgl. RKZ 32 [1909], S. 206).

[20] Zeitgenössischer Druck; auch in: RKZ 32 (1909), S. 122.

[21] Vgl. das Protokollbuch der vorbereitenden Moderamenssitzung am 20. April 1909 (Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Reformierter Bund, Nr. 42, S. 13).

[22] Die Predigt über Eph. 2, 19-22 hielt Generalsuperintendent Weßel aus Detmold, abgedruckt in: RKZ 32 (1909), S. 153-156.

[23] AaO., S. 14.

[24] Alle Vorträge sind mitgeschrieben im Protokollbuch, aaO., S. 15ff. und zusammengefasst in RKZ 32 (1909), S. 147f. - Adolf Werth (Barmen), Der Einfluß Calvins auf das Wuppertal und das Bergische Land. In: RKZ 32 (1909), S. 250f. 258f. 266f; separat: Barmen 1909; Wilhelm Hadorn (Bern), Calvins Bedeutung für die Geschichte und das Leben der protestantischen Kirche. In: RKZ 32 (1909), S. 218-222, S. 226-229; separat: Neukirchen 1909; Pastor Simsa (Barmen), Calvins Persönlichkeit, nicht gedruckt; von Klingender (Kassel), Calvin und Luther. In: RKZ 32 (1909), S. 306-308; August Lang, Calvin und der Pietismus.

[25] Protokollbuch, aaO., S. 19ff. und RKZ 32 (1909), S. 146.

[26] Vgl. RKZ 32 (1909), S. 145.

[27] Protokollbuch, aaO., S. 20.

[28] AaO., S. 22, vgl. RKZ 32 (1909), S. 147.

[29] Protokollbuch, aaO., S. 23.

[30] RKZ 32 (1909), S. 147.

[31] Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Reformierter Bund, Nr. 55. – Im Protokollbuch wird allerdings die Verlesung nicht berichtet, wohl aber in der RKZ 32 (1909), S. 147.

[32] U.a. Kirchliche Rundschau für die evangelischen Gemeinden Rheinlands und Westfalens 24 (1909), S. 168-171 (P. Lic. Dick/Barmen); Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909), Nr. 658 vom 30. Mai 1909, S. 4: die Altreformierten fühlten sich v.a. von Langs Ausführungen über Calvin und Pietismus/Erweckungsbewegung bestärkt.

[33] So urteilt Lic. Dick, aaO., S. 171.

[34] Reformiertes Wochenblatt [Elberfeld] 54 (1909), Nr. 18 vom 30. April 1909, S. 139-141.

[35] Korrespondenzblatt der Freunde des Heidelberger Katechismus 7 (1909), S. 74f. – Im Bericht, den Calaminus 1907 vor der Hauptversammlung gab, zählt er 11 Zeitschriften auf, aus denen „[u]nsere Presse besteht“. Das Hornsche Blatt ist nicht darunter, vgl. RKZ 30 (1907), S. 412. Calaminus‘ Bericht aus dem Jahr 1909 listet 13 Zeitschriften auf, vgl. RKZ 32 (1909), S. 186f. Bei der Gründung des Bundes 1884 erschienen nur zwei Periodika.

[36] Ähnlich tönt es aus der anonymen Polemik eines „kleine[n] Kreis[es] von Calvinisten in Deutschland, der in einem niederrheinischen, gut reformierten Dorfe [...] zusammengekommen“ war, und die deshalb wohl aus dem Umfeld Horns stammt: Empfindungen eines kleinen Kreises von Calvinisten in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1900. Oder hatte wg. des Erscheinungsortes Adolph Zahn seine Finger mit ihm Spiel? Die Kenntnis dieser Schrift verdanke ich Dr. Gerrit Jan Beuker.

[37] Walter Mogk, Entwicklung des Vereins unter Tollin und Correvon von 1890 bis 1918. In: 100 Jahre Deutscher Hugenotten-Verein, S. 42-84, hier: S. 58; vgl. auch aaO., S. 310.

[38] Protokollbuch der Generalversammlung des Consistoriums der Französischen Kirche zu Berlin (Archiv Rep 04 II 27), S. 180 (23.11.1908). Auch im folgenden hielt sich das Consistorium daran, v.a. den Fonds für die Calvin-Studien zu unterstützen. Nach freundlicher Auskunft von Erich Wenneker enthält die Zeitschrift „Französische Kolonie“ lediglich das Material, „was auch in den entsprechenden RKZ-Jahrgängen zu finden ist.“

[39] Vgl. Gerrit Jan Beuker, Umkehr und Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen 1838-1988. Bad Bentheim 1988.

[40] Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909), Nr. 656 vom 2. Mai 1909, S. 4.

[41] Einladungen zu dieser Veranstaltung in: Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909), Nrr. 657, 658. – Bavincks Rede wurde vorher in Kampen gehalten und ist im nachhinein auf niederländisch erschienen: Johann Calvijn. Ene lezing. Kampen/NL 1909. Vgl. auch die Kurzrezension in: Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909), Nr. 671 vom 11. September 1909, S. 4. – „Unser Bavinck“ – wie es bei den Altreformierten hieß – trug auch in London vor, vgl. Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909), Nr. 673 vom 25. September 1909, S. 3; Niesel-Bibliographie Nr. 1001.

[42] Egbert Kolthoff, De Calvijn- en zendingsdag te Emlichheim. In: Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909), Nr. 661 vom 4. Juli 1909, S. 3f.

[43] Kuypers bekannte stone-lectures Calvinism/Het Calvinisme (in deutscher Übersetzung mit dem irreführenden Titel „Reformation wider Revolution“) wurden im Calvin-Jahr 1909 zu einem Sonderpreis angeboten, vgl. Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909), Nr. 666 vom 7. August 1909, S. 3f. Wenige Wochen nach der Emlichheimer Versammlung begeht auch die altreformierte Klassis Ostfriesland am 8. Juli 1909 in Emden eine Calvin-Gedächtnisfeier, vgl. aaO., S. 1f.

[44] Vgl. RKZ 32 (1909), S. 253.

[45] AaO., S. 286.

[46] AaO., S. 300f. Die Polemik wird wieder relativiert aaO., S. 336. Aao., S. 317.

[47] Die Gedenkvorträge sind natürlich zumeist publiziert worden. Am bedeutsamsten ist vielleicht der Vortrag von Karl Holl in Berlin gewesen: Johannes Calvin. Rede. Erweiterte und mit Anmerkungen versehene Ausgabe. Tübingen 1909; auch abgedruckt in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte, Band III: Der Westen. Tübingen 1928, S. 254-284, und in: Calvinreden aus dem Jubiläumsjahr. Tübingen 1909, S. 1-63 (vgl. Bericht in RKZ 32 [1909], S. 244f.). Gedenkfeiern anderer Fakultäten mit ihren Rednern (die Nrr. beziehen sich auf die Niesel-Bibliographie): Basel (Paul Wernle; Nr. 424; Calvinreden [Nr. 346], S. 171-209), Bern (Fritz Barth; Nr. 331), Bonn (Friedrich Sieffert; Nr. 410), Breslau (Carl Franklin Arnold; Nr. 329), Gießen (Samuel Eck; Nr. 356; Calvinreden [Nr. 346], S. 211-248), Göttingen (August Lang; vgl. Lang, Erinnerungen, S. 39), Halle (Friedrich Loofs; Nr. 382; Lang, Erinnerungen, S. 40), Heidelberg (Hans von Schubert; Nr. 405; Calvinreden [Nr. 346, S. 107-144]), Königsberg (August Dorner; Nr. 355), Straßburg (Paul Lobstein; Nr. 859). - Vgl. Heinrich Hoffmann, Johannes Calvin. Frauenfeld/Leipzig 1929 (Die Schweiz im deutschen Geistesleben , Bd. 65), S. 105f: „die Vertiefung der kirchenhistorischen Forschung hat zu einer immer stärkeren Würdigung Calvins auch in Deutschland geführt. Das Calvinjubiläum von 1909 wurde von fast allen deutschen theologischen Fakultäten gefeiert, auch von einer Fakultät wie Gießen, die einst als lutherische Konkurrenzfakultät gegen das reformierte Marburg gegründet worden war [...] Holl empfand tief die Werte, die im herben Ernst seines Gottesbegriffes, in seiner ganzen auf Gott und nicht auf das eigene Wohl gerichteten Religionsauffassung und in der aktiven Kraft seines Kirchengedankens liegen.“

[48] Vgl. z.B. Kirchliches Gesetz- und Verordnungsblatt für die evangelisch-reformierte Kirche der Provinz Hannover, Nr. 86 vom 24. Mai 1909, S. 437: „[...] ordnen wir nunmehr angesichts des nahenden Gedenktages an, daß in allen reformierten Kirchen unseres Bezirks in den Gottesdiensten am 11. Juli d. Js. des Reformators, der unter den Vätern der reformierten Kirche die erste Stelle einnimmt, eingehend gedacht werde. Es gilt, den Gemeinden diesen Großen im Reiche Gottes, sein Lebenswerk und seine Bedeutung für die Kirche anschaulich und herzanfassend vorzuführen [...] Wir überlassen den Geistlichen, ob sie außerdem durch geeignete besondere Vorträge mit ausführlicheren Mitteilungen aus Calvins Leben und Wirken die Feier in ihren Gemeinden vorbereiten wollen, hegen aber auf alle Fälle zu ihnen das Vertrauen, daß sie Fleiß und Eifer anwenden werden, den zu erhoffenden Segen aus einer würdigen Feier ihren Gemeinden zu vermitteln.“ Leider sind diese Predigten und Vorträge „einfacher“ Pastoren nicht erhalten; sie auszuwerten, wäre sicherlich hochinteressant. – Weitere landeskirchlich angeordnete Gedenkgottesdienste sind zu entnehmen aus den Grußadressen, die deutsche Landeskirchen zur Calvin-Feier nach Genf sandten, abgedruckt in: Jubilé de Calvin à Genève, Juillet 1909. Allocutions, Adresses, Lettres et Documents, publié par la Compagnie des Pasteurs de Genève. Genf 1909: Bremen (aaO., S. 216f.); Hessen (aaO., S. 218); Pfalz (aaO., S. 143-145), Sachsen (aaO., S. 219); Württemberg (aaO., S. 219f.). Erlass des Berliner EOK für die ApU, in: RKZ 32 (1909), S. 34; Reformiertes Sonntags-Blatt [Lippe] 19 (1909), S. 58; Erlass für Lippe, in: RKZ 32 (1909), S. 127.

[49] Dazu gab es einen Vorschlag zur „Liturgie“: Die Calvin-Jubelfeier. In: RKZ 32 (1909), S. 137f. Gemeindefeiern fanden vielerorts statt. Bemerkenswert ist die von Johannes Bohatec organisierte und dann auch publizierte Vorlesungsreihe in Elberfeld: Calvinstudien. Festschrift zum 400. Geburtstage Johann Calvins. Unter Redaction von Lic. Dr. Bohatec herausgegeben von der Reformierten Gemeinde Elberfeld. Leipzig 1909. Im Vorwort heißt es: „Zur Herausgabe der vorliegenden Sammlung hat sich unsere Gemeinde, die größte reformierte Deutschlands, entschlossen, nachdem ihr bekannt geworden war, daß keine ähnliche Festschrift geplant wird. Die Abhandlungen [...] sollen eine Apologie [sic!] des großen Organisators und Vollenders des Protestantismus sein.“ (Rezension in RKZ 32 [1909], S. 409) Tatsächlich war bereits eine wahre Artikelflut über Calvin durch die deutschen Blätter geschlagen: bereits im Mai beobachtete die RKZ „[e]ine wahre Flut von Schriften über Calvins Leben (mehr als 50)“, RKZ 32 (1909), S. 163.

[50] Zum Beispiel das (nicht-reformierte) Barmer Sonntagsblatt 52 (1909), ab Beilage zu Nr. 9/1909. Dort wird vom Calvin-Jubiläum ähnliches wie vom Lutherjahr 1883 erwartet, nämlich die „Neubelebung evangelischen Interesses“. Calvin stehe den Lesern des Blattes aber „nicht so nahe wie Luther, der Deutscheste aller Deutschen.“ Aber er sei doch „ein Mann voller Gemüt, voller zarter und doch zeugniskräftiger Frömmigkeit [...] Er ist ein Patriot von edelstem Korn, ein Demokrat natürlich, aber ein christlicher.“ Es folgt in den Beilagen Nrr. 12-16 der Aufsatz „Die Bedeutung Calvins für den gesamten Protestantismus“ des Gemarker Pfarrers Hermann Krafft, in Nrr. 24-28 ders., Johannes Calvin. Ein Lebensbild. – Kirchliche Rundschau für die evangelischen Gemeinden Rheinlands und Westfalens 24 (1909), ab Heft 11 (Wilhelm Graeber).

[51] Zum Beispiel Reformiertes Wochenblatt [Elberfeld] 54 (1909) (vorhanden in: Bücherei der ev.-ref. Gemeinde Elberfeld, jetzt: Superintendentur Elberfeld, historische Bibliothek Z 14), mit zahlreichen, oft aus anderen Blättern übernommenen Beiträgen, Nrr. 31-34 beinhaltet Calaminus‘ Vortrag „Calvin als Reformator“; Reformiertes Sonntags-Blatt [Lippe] 19 (1909), Nr. 8 vom 21. Februar 1909 bis Nr. 35 vom 29. August 1909 (F.H. Brandes) (vorhanden in: Theologische Bibliothek der Lippischen Landeskirche Qa 24/19); Der altreformierte Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche Grensbode 27 (1909) beinhaltet eine Artikelserie „Calvin“ von Joh. Jäger in den Nrr. 657-664. – Die betreffenden Jahrgänge des Sonntagsblattes für die Gemeinden von reformiert Hannover, das vom ostfriesischen Coetus herausgegeben wurde, konnten nicht nachgewiesen werden.

[52] Die Christliche Welt. Evangelisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände 23 (1909), Nr. 28 vom 8. Juli 1909, Sp. 649-672. „Diese Calvin-Nummer ist das Pendant zu unserer Melanchthon-Nummer von 1897, Nr. 6 des elften Jahrgangs.“ AaO., Sp. 671.

[53] AaO., Sp. 649-653.

[54] AaO., Sp. 650.

[55] AaO., Sp. 651.

[56] AaO., Sp. 652.

[57] Ferdinand Kattenbusch, Das bedeutendste Moment in Calvins Lehre, aaO., Sp. 653-655, hier: Sp. 653.

[58] Ernst Troeltsch, Calvinismus und Luthertum, aaO., Sp. 669f. und im folgenden Heft Sp. 678-682; vgl. auch: ders., Gesammelte Schriften IV, Tübingen 1925, S. 254-261 (Niesel-Bibliographie Nrr. 819f.). Letztlich zeichnet Troeltsch in diesen Jahren v.a. im Hinblick auf die kulturprägende Kraft Calvins und des Calvinismus ein positives Bild, vgl. ders., Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit. In: Die christliche Religion mit Einschluss der Israelitisch-Jüdischen Religion. Berlin/Leipzig 1906 (Die Kultur der Gegenwart I/IV), S. 305-315. 333-361. Dass Calvin sich außerhalb der Kirchenmauern einer größeren Wertschätzung als innerhalb derselben erfreute, zeigt z.B. der Troeltsch folgende Rudolf Eucken, Die Lebensanschauungen der großen Denker. Eine Entwicklungsgeschichte des Lebensproblems der Menschheit von Plato bis zur Gegenwart. Berlin/Leipzig 17/181922, S. 286-288.

[59] Zitiert nach: Reformiertes Wochenblatt [Elberfeld] 54 (1909), Nr. 29 vom 16. Juli 1909, S. 235.

[60] Reformiertes Wochenblatt [Elberfeld] 54 (1909), Nr. 28 vom 10. Juli 1909, S. 222.

Zitierempfehlung:
Hans-Georg Ulrichs, „Der erste Anbruch einer Neuschätzung des reformierten Bekenntnisses und Kirchenwesens. Das Calvin-Jubiläum 1909 als Zäsur der Selbstdefinition der Reformierten in Deutschland (August 2008), auf www.reformiert-info.de, URL: http://www.reformiert-info.de/2342-0-105-16.html (Abrufdatum)


©Hans-Georg Ulrichs, Karlsruhe