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Herausgerufen
Predigt zu 1.Könige 22,1-28

„Herausgerufene“ – haben wir die Männer und Frauen aus der Bibel genannt, an die wir in unsrer diesjährigen Predigtreihe erinnern wollen. Menschen, die aus ihrem gewöhnlichen Alltag herausgerufen wurden und einen Auftrag bekamen, der nicht nur tief in ihr Leben einschnitt, sondern auch fremd und befremdlich war.
Abraham – an den das Wort ergeht: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde. Und in dir werden gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.“ Mose – der aus dem brennenden Dornbusch in der Steppe angeredet wird: „ Geh hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst.“ David – der als Hirtenjunge von den Schafen geholt und zum König über Israel gesalbt wird.
Jedoch – der Streit um den wahren Gott lässt sich nicht aufhalten. Etwa 150 Jahre nach David sehen wir den Propheten Elia mit schier übermenschlicher Kraft und Unerbittlichkeit für den alten Gott Israels eifern. Davids Reich ist geteilt in die Königtümer Juda und Israel. In Israels Hauptstadt Samaria steht ein Baalstempel. Der hier regierende König Achab hat eine tyrische Prinzessin geheiratet. Mit ihr ist der Kult der fremden Götter aufgeblüht. Schon hat er sich schleichend vermischt mit der Verehrung des Gottes Israels. Bis dessen Anhänger in den Untergrund gedrängt werden.
Wo Erfolg und Fruchtbarkeit hoch im Kurs stehen und das Denken beherrschen, sind die Kulte der Götter attraktiv, die eben das verheißen und garantieren.
Ein Zeitgenosse nun von dem Propheten Elia und dem König Achab ist Michajehu ben Jimla, Micha der Sohn des Jimla.Wie von Elia sind uns auch von ihm keine Schriften überliefert, in denen seine Worte und Reden gesammelt wären. Die Bibel erzählt uns auch nicht viele Geschichten von ihm. Nur eine. Und die will ich nacherzählen. Aus dem 1. Buch der Könige im 22. Kapitel.
Es herrscht Frieden zwischen Israel und Aram, seinem Nachbarn Aram im NO mit der Hauptstadt Damaskus. Schon drei Jahre lang. Da bekommt Israels König Achab in Samaria Besuch von Jehoschafat aus Jerusalem, dem König von Israels Brudervolk Juda. Achab hat seine Großen versammelt und nutzt die Gelegenheit des Staatsbesuchs für eine machtpolitische Initiative, die er klug in eine Frage kleidet.
„Wisst ihr nicht“, so fragt er, „dass Ramot-Gilead, die Stadt auf der Grenze zu Aram, unser ist - und wir sitzen hier still herum, statt sie uns von den Aramäern zu nehmen?“. So fragend appelliert er an nationale Interessen. Und wirbt direkt um Unterstützung bei seinem Besuch aus Jerusalem. „Jehoschafat, ziehst du mit mir in die Schlacht um Ramot-Gilead?“
Der Jerusalemer sieht sich genötigt, sofort ein Solidaritätsbekenntnis zum Brudervolk und seinem König abzugeben: „Ich bin wie du, mein Volk wie dein Volk, meine Rosse wie deine Rosse.“
Was sind das für Propheten? Solche des Gottes Israels oder Baalspropheten? Darüber wird nichts gesagt. Vielleicht kann man das auch gar nicht genau sagen. Weil das zu Zeiten der „Religionsmischung“ bei einem Propheten nicht so leicht auszumachen ist.
Ob dieser Herr der Gott Israels ist, sagen sie vorerst nicht. Sie nennen seinen Namen nicht. Aber sie geben eine prophetische Auskunft, die der König gerne hört. Er will ja den Krieg. Die Vertreter der Religion funktionieren, wie der Machthaber es wünscht.
„Ist hier kein Prophet des Herrn, des Gottes Israels mehr, dass wir durch ihn den Herrn, den Gott Israels befragen?“ Als seien die versammelten 400 Propheten allesamt nicht Propheten des wahren Gottes. „Doch noch einer ist da“ – antwortet Achab: Michajehu ben Jimla. Durch ihn kann man den Herrn, den Gott Israels befragen. Aber ich hasse ihn. Denn er prophezeit mir nicht Gutes, nur Böses.“
Achab gibt Befehl, Micha unverzüglich herbeizuholen.
Diese Inszenierung ist eine sogenannte Zeichenhandlung. Sie soll die Kriegsprophetie unterstreichen, ja vielleicht selbst schon das Kriegsgeschehen siegreich in Gang setzen. Alle Propheten stimmen Zidkija zu. Sie behaupten im Namen des Gottes Israel zu sprechen, und haben doch viel eher verinnerlicht, was der Machthaber auf dem Thron hören will.
Diese Antwort stellt das ganze Verhältnis von Prophet und königlichem Machthaber in ein klares Licht. Die Frage für einen Propheten ist nicht, ob er Gutes oder Schlechtes für den König verkündet. Die Frage ist nicht, ob er Heilsprophet oder Unheilsprophet ist. Die Frage ist ganz allein, ob er sagt, was der Herr, der Gott Israels, sagen wird. Es gefalle den Machthabern oder es gefalle ihnen nicht.
Aber was für eine Last wird damit - „so wahr Gott lebt“ - dem Propheten aufgelegt!
Dem König Achab schwant: Hier stimmt was nicht. Micha hat ihm doch immer Unheil angesagt – und jetzt? „Wie oft soll ich dich noch beschwören, mir im Namen des Gottes Israels nichts als die Wahrheit zu sagen!“ Der König will die Wahrheit - und will sie nicht. Der Prophet Micha hebt neu an zu reden „Ich sah ganz Israel zerstreut auf den Bergen wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und der Herr, der Gott Israels sprach: Es kehre jeder in Frieden zurück in sein Haus“.
„Höre das Wort des Herrn, des Gottes Israels“ - fährt Micha fort und er schildert eine Vision: „Ich sah den Herrn, den Gott Israels, auf seinem Thron sitzen. Um ihn herum der ganze Hofstaat des Himmels. Und der Herr, der Gott Israels, sprach: „Wer will Achab betören, dass er hinauf ziehe nach Ramot-Gilead und da falle?“
„Wer will den Achab betören, in diesen Krieg zu ziehen?“ – fragt Gott in Michas Vision. Die himmlischen Geister erwägen dies und das. Bis einer von ihnen anbietet: „Ich will ausgehen und will ein Lügengeist sein im Mund aller seiner Propheten.“ Da antwortet der Herr, der Gott Israels: „Betöre Achab, du kannst es. Geh und mach es so!“ „Sieh, sagt Micha zu dem König, der Herr, der Gott Israels hat einen Lügengeist in den Mund all deiner Propheten gegeben. Er hat Böses angesagt über dich.“
Und die anderen Propheten? - Alle besessen von dem Geist der Lüge.
Nach Micha redet Gott aber durch beide Propheten, zum König - durch die Wahrheit des einen und durch die Lüge des anderen.
Das ist eine unheimliche Aussage über Gott. Erkennen wir in ihr den Gott Israels und Vater Jesu Christi wieder?
Ich kehre noch einmal zurück zu Michas Geschichte. Da ist noch etwas, das nachdenklich macht.
Der will nicht, dass ich ihm als Verführer auf den Leim gehe. Der will mich vor dem Verführergott und vor mir selbst und meiner Machtgier bewahren, damit ich nicht in mein Unheil renne. Ich soll umkehren.
Unser Glaube bleibt darauf angewiesen, dass er selbst uns seine Verborgenheit aufdeckt.
Das ist Gottes Geheimnis im Geheimnis seiner Verborgenheit: Er deckt sie auf, damit wir hören und glauben und erkennen und umkehren und leben. Einen Vernunftbeweis gibt es dafür nicht.
Der Prophet aber steht mit leeren Händen da. Er kann nicht beweisen, dass Gott durch ihn zum König geredet hat.
Der Prophet ruft das Forum der Völkerwelt auf. Sie soll den Wahrheitsbeweis vernehmen, den Israels Gott selbst durch die Ereignisse führen wird. Was eine offene Frage ist, ist auch wie eine Verheißung für die Völkerwelt.
Lassen wir uns von dem Propheten Micha vor das Geheimnis im Geheimnis führen: Dass Gott unserer Erkenntnis da die Tür öffnet, wo er sich und seinen guten Willen unter dem Gegenteil verborgen hat.
Amen.
Hans Theodor Goebel


