Gott sieht in die Tiefe

Predigt zu Psalm 113


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Psalm 113 preist nicht die Mächtigen, sondern den Gott, der auf die Erniedrigten sieht und die Geringen aufrichtet. Was heißt das für unseren Glauben und unser Handeln?

Liebe Gemeinde,

was hat Psalm 113 in der Themenreihe “Ausgelassen” zu suchen? - Der Psalm ist im Gesangbuchanhang vollständig abgedruckt.

Nun, wir wollen nicht kleinlich sein: Es gibt Grund genug, genauer hinzusehen, auch wenn es stimmt, dass hier im Gesangbuch-Gebetsteil erfreulicherweise nichts weggelassen wurde.

Wir haben den Psalm - im Gesangbuch die Nummer 745 - vorhin gemeinsam gesprochen. Ich lese ihn nun noch einmal, in einer anderen Übersetzung:

Preist den Namen!

Preist, seine Knechte, den Ewigen, preist den Namen des Ewigen!

Der Name des Ewigen bleibe gesegnet, von jetzt an bis in Weltzeit;

vom Aufstrahlen der Sonne bis zu ihrer Heimkunft,

werde gepriesen der Name des Ewigen!

Erhaben über alle Weltmächte ist der Ewige, über den Himmel seine Wucht.

Wer ist wie der Ewige, unser Gott,

das Erhöhte zu bewohnen, auf das Erniedrigte zu sehen,

im Himmel und auf der Erde?!

Wer ist wie der Ewige, unser Gott,

der aufrichtet aus dem Staub den Armen, aus dem Kot den Bedürftigen,

ihn wohnen zu lassen neben den Edlen, neben den Edlen seines Volkes?!

Wer ist wie der Ewige, unser Gott,

der wohnen lässt die Sprossenlose im Hause als eine frohe Mutter von Kindern?!

“Preist den Namen! “, ruft uns der Psalmbeter auf - und für Menschen, denen die Bibel weniger vertraut ist, muss das befremdlich klingen: Sind Namen nicht “Schall und Rauch?”

Die Römer haben - ganz anders als später Goethe - davon gesprochen, dass Namen Vorzeichen sind: “Nomen est omen.” Das stimmt zwar nicht immer, aber wenn es sich um Beinamen handelt, um Spitznamen, dann meistens schon; denn diese spitzen zu, was an einer Person charakteristisch ist: “Der Große” muss schon etwas Beachtliches geleistet haben, um einen solchen Titel zu verdienen.

Preist den Namen

meint aber keinen Rufnamen - weder den Vornamen noch den Familiennamen.

Gott hat keinen Rufnamen.

Denn er ist Gott. Oder sie. Allenfalls kann man Attribute Gottes nennen, und Eingeweihte wissen dann, wer gemeint ist: Die Ewige, Der Einzige, Der Schöpfer, Die Höchste, Der Vater, Die Barmherzige.

Du sollst den Namen Gottes nicht für Nichtiges gebrauchen, heißt es in den zehn Worten; wobei Nichtiges viel mehr aussagt, als Sie ahnen:

Als Nichtse werden in der Bibel die Götzen verächtlich gemacht, die zwar Verehrung erfahren, aber nichts vorzuweisen haben, womit sie das verdient hätten.

Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage: Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch gesandt, und sie sagen zu mir: Was ist sein Name?, was soll ich ihnen dann sagen?, fragte Mose am Sinai - und Gott antwortete: Ich werde sein, der ich sein werde.

Ich sehe die Fragezeichen auf den Gesichtern: “Das ist doch kein Name!”

Ganz recht: Kein Name im Sinne von “Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!”

Denn ein solcher Name macht den Bezeichneten verfügbar; Gott aber ist und bleibt souverän. Gott lässt sich zwar anrufen, aber nicht herbeirufen, wie man einen Butler herbeordert.

Um jeden Missbrauch dieses hochheiligen Namens auszuschließen, hat man schon zu Zeiten des Ersten Testaments begonnen, den Namen - er mag “Adonaj” heißen oder “Jehova” - durch das Wort zu ersetzen, das ins Deutsche übersetzt “Name” bedeutet: Ha shem. Sie kennen das Wort von der Gedenkstätte in Jerusalem: Jad wa shem - Hand und Name.

Jetzt noch einmal von vorn: Preist den Namen!

Preist, seine Knechte, den Ewigen, preist den Namen des Ewigen!

Mit anderen Worten: “Preist Gott, preist ihn oder sie, für das, was Gott getan hat und tut!”

Wer Gott kennengelernt hat, soll von dem reden, was Gott tut, damit Gottes Taten aller Welt bekannt werden.

Auch wir sollen das tun; denn wir sind um Christi willen Glieder seines Bundes, und Jesus sagt zu seinen Jüngern: Wer euch hört, hört mich. Und er wiederum ist es, der den Vater bezeugt in Worten und Taten.

Eine Würde und eine Bürde zugleich ist das; denn was aus unseren Mündern zu hören ist, das dementiert er nicht, und was wir an Taten vollbringen oder unterlassen, das bleibt nicht unbemerkt.

Mehr göttliche Wahrheit ist nicht zu erfahren, als was Menschen davon bezeugen.

Unsere Worte, unsere Handlungen - selbstverständlich auch und besonders diejenigen, die wir in der Öffentlichkeit vollbringen - sagen etwas aus über unser Verhältnis zu Gott und unser Verständnis von Gott.

Wenn wir meinen, einen Grund zu haben, ihn zu preisen, dann sollten wir auch den Mund auftun und eben das machen, was Dietrich Bonhoeffer damals vermisste bei seinen christlichen Geschwistern, auch denen der Bekennenden Kirche: “Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.”

Unser Altbischof Dröge variiert diesen Satz1 und sagt, dass sich nur derjenige als christlicher Bekenner erweist, der sich für die Bedrängten und Bedrohten auch außerhalb der Kirche einsetzt.

Im Konfirmandenunterricht haben wir vor Jahren mal Zitate von Prominenten über das Beten ins Spiel gebracht. Ich erinnere mich noch an Franz Beckenbauers Auskunft: Ihm ginge es ja gut, deshalb würde er nicht beten, um Gott um irgend etwas zu bitten, sondern nur, um ihm für ein schönes Leben zu danken.

Kann man auch machen, liebe Gemeinde, ja, sollte man: Nicht vergessen, dass der Erfolg nicht allein auf dem eigenen Mist gewachsen ist, sondern auch Gottes Segen beinhaltet. Doch Vorsicht: Diese im Prinzip fromme Einstellung droht zu kippen, wenn

die Satten den Hungernden, die Mächtigen den Ohnmächtigen, die Erwachsenen ihren Kinder, die Gesunden den Kranken und Behinderten erklären, dass Gott alles so gefügt habe, dass eben sie selbst auf der Sonnenseite des Lebens stehen, während andere ein Schattendasein führen müssen.

Ein Danklied hat dann den zynischen Beiklang, Gott dafür zu loben, dass alles so ist, wie es ist: dass wir nicht so dran sind wie jene bedauernswerten Kreaturen, bei denen man, wenn man von ihrem Schicksal erfährt, die Zeitung lieber zuklappt, die Nachrichtensendung nicht weiter verfolgen mag.

Im alten Israel galt eine kinderlose Frau nichts - man denke an die tragische Geschichte von Hanna und Peninna, die gottlob noch jene Wendung erfuhr, dass Hanna eines schönen Tages Samuel gebar.

Und ebenso schlecht angesehen war jemand, den man um alles Hab und Gut gebracht hatte - die Propheten wurden nicht müde, diesen Missstand zu geißeln.

Der Gott der Bibel ist niemand , dem das egal wäre!

Nach oben zu schauen auf die, die schon weiter gekommen sind als wir selbst, die es zu etwas gebracht haben: Das ist unsere kapitalistische Sichtweise - neidisch, wenn einer aufsteigt aus der eigenen Ebene in höhere Sphären, und angstvoll um sich blickend, ob nun etwa andere nachdrängen aus unteren Etagen...

Der Psalmist jedoch fragt: Wer ist wie der Ewige, unser Gott, das Erhöhte zu bewohnen, auf das Erniedrigte zu sehen, im Himmel und auf der Erde, der aufrichtet aus dem Staub den Armen, aus dem Kot den Bedürftigen, ihn wohnen zu lassen neben den Edlen seines Volkes?!

Wer oben angekommen ist, dem liegt alles zu Füßen - die Zahl ihrer Follower bei diversen elektronischen Medien geht in die Hundertausende oder gar Millionen.

Die Werbung stellt uns eine glitzernde Götterwelt vor Augen; und wir gehören wenigstens als deren Bewunderer dazu, haben mit unserem Konsumverhalten daran Anteil.

Ganz anders der Beter unseres Psalms: Für ihn ist es nicht die Erhabenheit an und für sich, die er an Gott preist, sondern dass der, der in den Höhen wohnt, sieht, was in der Tiefe ist.

Wo Menschen sich instinktiv abwenden, da schaut er hin: In die Sterbehospize und Foltergefängnisse, in Kriegslazarette, auf den Drogenstrich; auch in biedere deutsche Wohnzimmer und Stammkneipen, wo man sich einig ist in der Herabwürdigung von Frauen, von queeren Menschen und allen, die irgendwie anders sind als die deutsche Bilderbuchfamilie auf den Fotos in Sepia anno 1940.

Während die Nichtbetroffenen - also meistens auch wir - Augen und Ohren verschließen können, dringt das Schreien der Opfer Gott ans Herz, und er kann gar nicht anders als sich zuzuwenden: Er zieht die Geschundenen aus der Scheiße - Verzeihung! So grob kann Gottes Wort klingen, so sagt es in deutlichen Worten unser Psalm.

Selbst darin steht Gott, der in der Höhe Erhabene, unvergleichlich da: Seine Macht gebraucht er nicht wie die angemaßten Herren dieser Welt mit Gewalt; seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Das meint der Psalmist mit dem Aufheben aus dem Staub. Denn sie selbst, die Ausgebeuteten und Unterdrückten, sind es, nicht irgendwelche übernatürliche Erscheinungen, die die Gewaltigen vom Thron stoßen, wie es in dem Lobgesang der Maria heißt.

Preist den Namen, ihr seine Knechte - denn Gott hilft!

Nicht, indem er seine himmlischen Heerscharen ausschickte, sondern seinen Sohn.

Und der hielt es nicht für ein gefundenes Fressen, Gott gleich zu sein, sondern gab all seine Macht freiwillig auf, um das Schicksal der Menschen zu teilen, die ihresgleichen ausgeliefert sind - bis hin zum Galgen von Golgatha...

Rettung, konkrete Erlösung aus konkreter Not, steht noch aus für so viele, die nicht leben und nicht sterben können.

Und manchmal mögen wir kaum noch für möglich halten, dass eines Tages Verheißungen wie die in unserem Psalm noch Wirklichkeit werden könnten.

Aber dass der Weg des Gesalbten Gottes nicht in einer Sackgasse endete, dass sein Weg Bestätigung gefunden hat durch den, der in die Tiefe sieht - bis hinein in das Reich des Todes, in das er hinabgestiegen ist -, dass Gott Leben aus dem Tod schenkt: dies zu wissen, in diesem Glauben zu leben, gibt den Geringen Kraft

- nicht, es im Staub und im Dreck auszuhalten in christlicher Geduld, sondern mit unserm Herrn daraus aufzustehen.

Wer sein Leben erhalten will - für uns heißt das doch wohl in erster Linie: Wer nicht will, dass die Geringen aus dem Schmutz gezogen werden um den Preis, selbst schmutzig zu werden -, wer also sein Leben unbeeinflusst von Gottes willen führen will, der wird es verlieren.

Wer es aber um seinetwillen verliert - wer sich also nicht damit zufrieden gibt, relativ weit oben zu sein, sondern sich mit hinab beugt zu den Gebeugten -, der wird es gewinnen.

Der Beter unseres Psalms hat Gottes Beistand erfahren, und er ist dankbar dafür.

Nicht religiöse Pflichterfüllung, sondern Ausdruck wiedergewonnener Lebensmöglichkeit ist es, wenn er uns aufruft:

Preist den Namen!

Lasst es uns ihm nachtun, liebe Gemeinde: Preist den Namen, damit, wer uns hört, ebenfalls den Mut findet, im Vertrauen auf Gott zu leben!

Amen.


1 Junge.Kirche 3/2026, 38ff.


Stephan Schaar