Gedenken an die Barmer Theologische Erklärung

von Holger Pyka, Köln

"...dass die Bekennende Kirche insgesamt im historischen Rückblick nicht ... zur pauschalen Glorifizierung als theologisch inspirierte Widerstandskämpfertruppe eignet, ändert nichts daran, dass die Barmer Erklärung, in all ihrer dogmatisch-verstaubt scheinenden Sprache und ihrer inhaltlichen Unvollständigkeit, ein wichtiges Wort zur Zeit war und ist."

Viel macht sie nicht her, die Fußgängerzone von Barmen. Eine Aneinanderreihung der üblichen Geschäftsketten, hier und dort, vor allem jenseits der großen Einkaufsstraße, Warnzeichen materiellen Niedergangs – Ein-Euro-Läden, einige leer stehende Lokale. Es ist Freitagnachmittag, die Menschen hasten über die Betonplatten. Von dem kleinen Mahnmal am Ausgang einer kleinen Gasse zwischen einem Bekleidungsgeschäft und einem Blumenladen nimmt kaum jemand Notiz. Auch sie macht nicht viel her, im Vorbeigehen kann man die etwa brusthohe Skulptur für einen der vielen Steinklötze halten, die mancherorts im Rahmen städtebaulicher Maßnahmen zu Dekorations- oder sonstigen Zwecken aus dem Boden wachsen.

Männer, Frauen und Kinder, die Köpfe über der Bibel zusammengesteckt

Erst, wenn man näher herangeht, offenbaren sich der Detailreichtum und die schlichte Bilderkraft der Skulptur, 1984 von der Wuppertaler Künstlerin Ulle Hees zum Gedenken an die Barmer Theologische Erklärung entworfen: Eine grauschwarze Menschenmenge, Männer, Frauen Kinder, die Hand zum Hitlergruß erhoben. Sicherlich, der Anblick ist beklemmend, die Figuren strahlen eine stumpfe Entschlossenheit aus. Die Gravur auf dem Sockel („Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit“) irritiert in dem Zusammenhang für einen Moment, aber insgesamt bleibt der Eindruck: Ein Mahnmal gegen das Dritte Reich, derer (zum Glück) doch recht viele in deutschen Städten herumstehen, aber eben: Eins unter vielen. Wäre da nicht die Rückseite. Oder ist es die Vorderseite? In Richtung Gemarker Kirche stehen Menschen, die der Masse und dem, den sie grüßen, den Rücken zudrehen. Männer, Frauen und Kinder, die Köpfe über der Bibel zusammengesteckt. Viel machen sie nicht her, dieses kleine Grüppchen frommer Christenmenschen, mit ihrer gräulichen Aura aus Weltabgewandtheit und, pardon, vermeintlichem Desinteresse. Als später Geborener ist es leicht, mit vor Empörungspathos zitternder Stimme und erhobenem Zeigefinger zu fragen: War das alles? Vor allem: Warum habt Ihr die Juden vergessen? Oder womöglich: Warum wolltet Ihr nicht sehen, dass die „Judenfrage“ Euch, uns Evangelische mitten ins Herz trifft?
Aber: Ich war eben nicht dabei. Und dass die Bekennende Kirche insgesamt im historischen Rückblick nicht viel her macht und sich nicht zur pauschalen Glorifizierung als theologisch inspirierte Widerstandskämpfertruppe eignet, ändert nichts daran, dass die Barmer Erklärung, in all ihrer dogmatisch-verstaubt scheinenden Sprache und ihrer inhaltlichen Unvollständigkeit, ein wichtiges Wort zur Zeit war und ist. Die Besinnung auf den Herrn und den Auftrag der Kirche war kein Rückzug ins Religiöse, sondern eine politisch hochbrisante Absage an Führerkult und theologische Verbrämung des Nationalsozialismus, die ihre Aktualität nicht dadurch eingebüßt hat, dass sich die Zeiten geändert haben.

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären“ - ein Satz wie dieser wird ja nicht obsolet, nur, weil Einzelpersonen mit diktatorischen Ambitionen in unseren Breitengeraden aus (machen wir uns nichts vor) rein kulturellen Gründen zurzeit keine Chance haben. Was ist mit all den anderen „Mächten und Gewalten“, denen wir tagtäglich Entscheidungshoheit über unser kirchliches Tun und Lassen zugestehen, und seien es nur die berühmten „Sachzwänge“? Von Johannes Rau, der nur wenige Meter von hier im Rathaus gesessen hat, stammt der berühmte und ach-so-wahre Satz: „Das Wort ‚zwangsläufig‘ ist eine atheistische Kategorie.“ (1)

Was predigt lauter? Salbungsvolle Kanzelreden oder kirchliche Ordnungen?

Auf dem Weg zum Rathaus tauchen aus dem Hinterkopf weitere Satzfetzen auf: „Die christliche Kirche […] hat mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung […] zu bezeugen…“ (These III). Sie vermischen sich mit Schlagzeilen der letzten Monate und mit Erinnerungen an Gespräche mit Menschen, die sich, buchstäblich und zurecht ent-täuscht, von der Kirche abgewandt haben, und ich frage mich, was wohl lauter predigt: Unsere salbungsvollen Kanzelreden, unsere vollmundigen Stellungnahmen und Denkschriften – oder unsere „Ordnungen“, unsere strukturellen Entscheidungen, das kirchliche Arbeitsrecht zum Beispiel?

Sich dem Anspruch Christi stellen, statt den Ist-Zustand mit religiösen Floskeln zu adeln

Am Rathaus vorbei, den Heubruch hoch. Mir fällt ein, dass die „Barmer Theologische Erklärung“ gar nicht so heißt. Offiziell wurde sie eingeführt als „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“. Das allein wäre heute vielleicht, auch, wenn es in den Augen der Meisten nicht viel hermachen wird, schon ein Bekenntnisakt: Theologisch von der Kirche zu sprechen, statt ihre vermeintlichen Handlungsfelder aus schöngeredeten Mitgliederbefragungen und soziologischen Prognosen abzuleiten, sich dem Anspruch Christi zu stellen, statt den aufs Ganze gesehen doch sehr traurigen Ist-Zustand mit religiösen Floskeln zu adeln. Auch, um dem Missbrauch der Barmer Erklärung durch fundamentalistische Bewegungen etwas entgegen zu stellen, die unter Berufung auf die Bekennende Kirche eben nicht Theologie treiben, sondern reaktionäre politische Ziele mit Bibelversen ausschmücken. Auch das lehrt Barmen: Diffuses Irgendwie-für-oder-gegen-etwas-Sein, auch, wenn es noch so vehement oder elaboriert vorgetragen wird, ist noch lange kein konfessorischer Akt.
Oben am Rathaus links, die Parlamentstraße hinunter. An der Rückseite der Gemarker Kirche steht die in der Rückschau so schmerzlich fehlende „siebte These“, nachträglich, aber dafür in Stein gehauen: Die noch relativ neue, auf kirchlichem Grundstück gebaute Synagoge.

Vom Alten Markt aus ein letzter Blick Richtung Mahnmal, über Barmen. Viel macht es nicht her. Aber das heißt gar nichts.


(1) Johannes Rau, Das Wort „zwangsläufig“ ist eine atheistische Kategorie. Meditation von 1981, in: Matthias Schreiber (Hg.), Wer hofft, kann handeln. Johannes Rau – Gott und die Welt ins Gespräch bringen. Predigten, Holzgerlingen ³2006, 106-109.

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