Trost, Glaubensansporn und Weltverantwortung

Erwählung Gottes mit Folgen. Karlfried Petri berichtet vom Reformierten Gemeindeforum in Siegen

Pfarrer Prof. Dr. Matthias Freudenberg referierte im Zinzendorfhaus in Siegen, wie das biblische Zeugnis von der Erwählung Gottes verstanden werden kann; Foto: Karlfried Petri.

Erwählung Gottes ist kein Spekulationsobjekt, sondern bringt Trost und Ansporn mit sich. Das erfuhren die Teilnehmenden des Reformierten Gemeindeforums Südwestfalen am vergangenen Donnerstag (20. März 2014) im Zinzendorfhaus in Siegen.

Der Trägerkreis des Forums hatte Pfarrer Prof. Dr. Matthias Freudenberg, Saarbrücken, eingeladen, um zu referieren zum Thema: „Ein Gott, der erwählt und verwirft? Stärken und Grenzen des Erwählungsgedankens heute“. 

Keine Spekulation

Die Reformierten innerhalb der Evangelischen Kirche werden allzu leicht in Verbindung gebracht mit der Erwählungslehre. Sie besagt in ihrer Zuspitzung, dass Gott vor Grundlegung der Welt Menschen zum Heil erwählt und andere zum Unheil verworfen hat. Unter dem Fachbegriff „Doppelte Prädestination“ ist die Thematik im theologischen Diskurs zu finden. Die Lehre von der Erwählung wird Calvin zugeschrieben, obwohl sie schon über 1000 Jahre früher von Augustinus aufgegriffen wurde. Der Erwählungsgedanke spielte auch eine Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Martin Luther und Erasmus von Rotterdam. Er sei entsprechend der reformatorischen Lehre biblisches Zeugnis und Geheimnis gleichermaßen, so Prof. Freudenberg. „Allen, die seit Augustinus verantwortungsvoll mit der Erwählungslehre verfahren sind, ging es nicht um eine müßige Spekulation. Die fundamentale Glaubenseinsicht lautet: Von Gott selbst geht die Initiative zur Erlösung aus, und diese ist angesichts der Verlorenheit des Sünders ein Wunder und der Glaube ein Geschenk.“ Der Theologieprofessor betonte, dass Glaube eben keine menschliche Leistung sei und Unglaube keine menschliche Fehlleistung. Die Verwerfung von Gott wird als ungerecht und der Liebe Gottes widersprechend empfunden. Wie die Erwählung eines Menschen durch Gott verstanden werden kann, wo das Denken heute zudem ein frei bestimmtes Leben haben will, machte Freudenberg deutlich.

Gott wählt gnädig

Die Erwählung sei der biblisch bezeugte und zugleich menschlich begrenzte Versuch, einen wesentlichen Aspekt von Gottes Handeln mit dem Sprachbild des „Wählens“ zu beschreiben.

Zudem müsse die Predigt von der Erwählung im zeitgeschichtlichen Kontext verstanden werden. Calvin griff den Erwählungsgedanken auf in Briefen an verfolgte französische Protestanten, um sie zu vergewissern, keinesfalls um zu verunsichern und zu ängstigen. Dabei lenkt der Reformator den Blick der Verfolgten auf das Evangelium von Jesus Christus. Freudenberg: „Gnadenwahl geschieht aus grundloser Güte und bringt uns in die Gemeinschaft mit Jesus Christus.“ Ein eigenständiges Interesse an den Verworfenen zeige Calvin nicht und spekuliere auch nicht darüber. In der reformierten Orthodoxie habe die Lehre von der doppelten Prädestination jedoch ein zunehmendes Gewicht erhalten. Er zeigte auf, wie auf der niederländischen Nationalsynode von Dordrecht (1618/19) ausführlich darüber diskutiert wurde. Im 20. Jahrhundert habe Karl Barth das Thema aufgegriffen und das Anliegen Calvins, von Jesus Christus her zu denken, weiter vertieft. Bei Barth werde Jesus Christus selbst zum Zentrum des Geschehens von Erwählung und Verwerfung. Christus sei sowohl der erwählende Gott als auch der erwählte Mensch. Und an Christus werde sowohl die Erwählung als auch die Verwerfung vollzogen. Die Verwerfung geschehe am Kreuz, und in der Auferstehung Jesu Christi werde das Ja Gottes ausgesprochen, welches das Nein überwinde. Die Pointe liege darin, dass das Nein der Verwerfung von Gottes noch größerem Ja umklammert sei.

Gottesdienst im Alltag der Welt

Der Referent führte aus, dass der Erwählungsgedanke das Angenommensein des Menschen zum Ausdruck bringt. Freudenberg: „ An der Stelle, wo es um das Heil geht, ist dem Menschen um seiner Gewissheit willen eine freie Entscheidung verwehrt. Menschen können auf diese Weise Gottes erwählendes Handeln als Trost wahrnehmen, dass ihr Heil und ihre Zukunft weder von den eigenen Lebensentscheidungen noch von der eigenen Lebensentwicklung noch von ihren elenden Widerfahrnissen abhängen.“ Hier hat die Erwählung eine seelsorgliche Funktion. Menschen seien weder in ihrem Glauben noch in ihren Zweifeln auf sich zurückgeworfen, sondern würden dem liebenden Gott zugerechnet, der sie annehme und in einem umfassenden Sinn tröste. „Gottes Gnadenwahl bedeutet Zugehörig-Sein, zugehörig zu Jesus Christus als meinem Lebensgrund.“

Weiter machte Freudenberg deutlich, dass die Erwählung zu einer verantwortlichen Lebensgestaltung anleitet und nicht der Verantwortungslosigkeit Vorschub leistet: „Die Erwählung zieht den Menschen in die Verantwortung, sein Leben in der ihm geschenkten christlichen Freiheit zu gestalten.“ Es zeichneten sich Konturen eines Lebens ab, das von Gewissensfreiheit, öffentlicher Mündigkeit, Kommunikation und Erbarmen geprägt sei. Erwählte dienten Gott aus Dankbarkeit indem sie ihn lobten, ihm dankten, von seinen Taten berichteten, ihn bezeugten und ihm Anerkennung entgegenbrächten. Freudenberg: „Es ereignet sich Gottesdienst im Alltag der Welt, in den Schulen und Universitäten, in den Parlamenten, Gerichten und Kirchenämtern, auf den Fußballplätzen und im Straßenverkehr. Ein Stück Himmel im Diesseits, Gottesglanz auf der ganz und gar nicht glänzenden Erde.“

Zudem, so der Vortrag, mache die Erwählung der Zugehörigkeit zu Gottes Gemeinde gewiss. Die Kirche sei von Jesus Christus erwählt, weil er sie gebrauchen wolle und durch sie Menschen zum Leben in der Gemeinschaft mit ihm einlade und darin stärke.

Prof. Freudenberg bekräftigte darin, die Erwählung als Gnadenwahl zu predigen. Dabei empfahl er nicht von den Verworfenen zu sprechen, sondern von dem, was Gott verworfen habe und was von ihm nicht gewollt sei. Dazu gehörten all die Exzesse von Unrecht und Gewalt. Ein Reden über Gott und die Welt, das nicht mehr das Böse als das Böse entlarve, wäre geist- und kraftlos. Bei allem aber müsse Gott das letzte Wort belassen sein.

Karlfried Petri, Öffentlichkeitsreferent Kirchenkreis Siegen, 24. März 2014

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