Zauber und Entzauberung - Schlaglichter aus Südafrika

Von Sabine Dreßler, Referentin für Reformierte Ökumene

Friedensmarsch am Tag der Menschenrechte 2015; Foto: Marius Blümel.

Die offizielle Trennung der „Rassen“ am Kap ist längst Vergangenheit. Was nicht vergangen ist, ist die Schere zwischen Arm und Reich. Im Gegenteil: Die soziale Ungleichheit ist nirgends auf der Welt größer als in Südafrika. Sabine Dreßler berichtet von ihren ganz persönlichen Eindrücken nach einem Besuch in Lavender Hill.

Die Zeiten von Apartheid sind lange vorbei, die erste Generation der danach Geborenen ist jetzt erwachsen. Und so begegnet mir immer ein erstauntes „Oh...“ in Gesprächen, wenn ich sage, dass ich dieses Land im Jahr 1989 kennengelernt habe. Damals habe ich in der reformierten Kirche in einem township der sog. „Cape-Flats“, in Lavender Hill, an der Kapstädter Bucht gelegen, gearbeitet.

Die Älteren sagen dann: „Oh,... then you know, these were the heydays of Apartheid“ – und ja, Erfahrungen habe ich in der Tat aus der Zeit des Höhepunkts der Rassentrennung und gleichzeitig des bevorstehenden Wandels, wobei damals niemand wusste, wohin die Reise gehen würde.

Studienprozess

Ein mehrjähriger Studienprozess zur Erforschung der Beziehungen zwischen Missionswerken, Kirchen in Deutschland und südafrikanischen Kirchen im Zeitraum von 1930 bis in die 80er Jahre, der jetzt mit zwei Konferenzen zur Buchpräsentation in Soweto und Kapstadt abgeschlossen wurde, führte mich wieder nach Südafrika. Viele der Erinnerungen und Lernprozesse von damals werden wieder lebendig, nicht nur die mit den südafrikanischen Partnern, sondern auch die Auseinandersetzungen innerhalb der EKD, wenn es etwa um die Unterstützung des ÖRK-Sonderfonds zur Bekämpfung des Rassismus ging. Die Ev.-ref. Kirche und die Ev. Kirche in Hessen-Nassau waren damals die einzigen, die sich mit Kirchensteuermitteln daran beteiligten und sich damit dem Vorwurf der Unterstützung des gewaltsamen Widerstandes aussetzen.

Zu diesen Erfahrungen von damals gehören ebenso diese unglaubliche Hoffnung und Kraft, die Menschen in sich trugen und vermittelten, und das Gefühl, an etwas ganz Besonderem beteiligt zu sein. Und wer würde dem widersprechen, dass dieser Wandel hin zur „Regenbogennation“ tatsächlich einmalig und irgendwie einem Wunder gleichkam? Vielleicht wollten wir das aber auch nur glauben, egal: dass man dann selbst „natürlich“ auf der richtigen Seite dabei war, machte den Zauber nur noch größer.
Und wir, ob als Zuschauer oder Beteiligte, waren stolz auf das, was die FreundInnen, ob schwarz oder weiß, erreicht hatten und noch erreichen würden und projezierten unsere eigenen Hoffnungen auf die Entwicklung dieses Landes.

Normalisierung?

Die demokratische Regierung ab 1994 hat ungeheure Anstrengungen unternommen und vieles ist erreicht worden – und doch scheint es zum wirtschaftlichen „Normalisierungsprozess“ Südafrikas zu gehören, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht. Nirgendwo auf der Welt ist dieser Abstand, d.h. die soziale Ungleichheit, inzwischen größer und wird immer absurder. Eine Ende 2014 veröffentliche Studie von Oxfam stellt fest, dass die beiden reichsten Menschen Südafrikas soviel besitzen wie die Hälfte der Bevölkerung mit niedrigstem Einkommen. Ebenso ist dort zu lesen, dass ein in Johannesburg geborener weißer Mann statistisch 15 Jahre länger leben wird als eine schwarze Frau aus der Provinz Limpopo. Während er als Kind gut ausgebildeter Eltern sehr wahrscheinlich einen Universitätsabschluss macht, wird sie über ein Jahr Grundschule nicht hinauskommen und ihre Kinder vermutlich in derselben Situation steckenbleiben.

Der traurige Schluss, der gezogen wird, ist, dass die soziale Ungleichheit heute größer ist als bei Ende der Apartheidsära. Beim Besuch von Lavender Hill im Kapstädter Raum ist dies über die Maßen augenfällig: Noch immer leben die Menschen in den alten Häuserblocks, in die ihre Familien vor Jahrzehnten zwangsumgesiedelt wurden, und auch die nächste Generation kommt nicht heraus. Diese Courts, die der Stadtverwaltung gehören, die dementsprechend auch die Mieten einnimmt, sind inzwischen über 50 Jahre alt und auf meine Frage, warum so wenig daran getan wird, höre ich, dass Lavender Hill (noch) nicht auf der Prioritätenliste der Verwaltung stehe. Dazu kommen inzwischen fünf Siedlungsgebiete („informal settlements“), in denen viele Flüchtlinge leben, z.B. aus Zimbabwe oder Malawi. Für die fußballbegeisterten Jugendlichen gibt es noch immer keinen Fußballplatz und die Schulen sind noch nicht mal äußerlich aufgeputzt worden. Dafür sind die Gangs, die von Drogen- oder Waffenhandel leben, so lebendig wie eh und je.

Insgesamt vermittelt der Ort den Eindruck von größter Armut, die sich verstetigt hat. Offizielle Stellen beziffern die Arbeitslosigkeit mit 44% als eine der höchsten im gesamten Kapstädter Raum; die Mitarbeiter/innen der New World Foundation, dem Zentrum für soziale Arbeit in Lavender Hill, rechnen mit knapp 80%!
Und als Beispiel für Familienleben in Lavender Hill ist die Äußerung einer Jugendlichen im Gottesdienst am „Fathersday“, den die Jugendgruppe gestaltet, entlarvend: Als sie die Gemeinde begrüßt, sieht sie sich hauptsächlich Frauen und Kindern gegenüber und beglückwünscht die Kinder und Jugendlichen, die einen Vater haben – dann fängt sie an zu weinen. Sie selbst gehört zu den vielen, die nie einen hatten.

Ob die im nächsten Jahr anstehenden Kommunalwahlen an der Gesamtsituation etwas ändern werden? Immerhin hat die Demokratische Allianz, die das West-Kap regiert, in Orten wie Lavender Hill viele Anhänger und wird sich bemühen, ihre Erfolge weiter auszudehnen. Von der ANC-Regierung und ihrer Skandale, vielleicht allen voran vom Staatspräsidenten Zuma, sind viele so enttäuscht, dass sie sich längst abgewandt haben. Und in der Tat scheint der ANC zu fürchten, dass auch die Provinzen Gauteng (Johannesburg) und das Ost-Kap nicht mehr selbstverständlich Heimspiele für die Partei sein werden.

High Tech ohne Strom

Als am vergangenen Dienstag mal wieder ein Stromausfall angekündigt wurde, war das wie eine Art Déjà-vu: Vor vielen Jahren, irgendwo auf der Strecke zwischen Johannesburg und Kapstadt in einer sehr burisch geprägten Kleinstadt, blieb plötzlich der Strom weg und der Besitzer des Gästehauses merkte zynisch an, dass auch daran der ANC Schuld sei.

Inzwischen gehen landesweit regelmäßig die Lichter aus und man kann sich nach einem von der Verwaltung herausgegebenen Plan, den es sogar als App gibt, irgendwie darauf einstellen. Trotzdem bleibt die Frage, warum ein so modernes, reiches und hochtechnisiertes Land seine Stromversorgung nicht in den Griff bekommt und dies offenbar noch für lange Zeit so bleiben wird. Im Parlament führt dies immer wieder zu hitzigen Debatten.

Und doch oder gerade deshalb:
Es gibt sie immer noch, die Hoffnungsfunken für ein besseres, ein gerechteres Leben. Es sind die unzähligen NGOs (Nichtregierungsorganisationen), die Gruppen und Bewegungen der Zivilgesellschaft - und immer noch auch die Kirchen, die den Unterschied machen, auch wenn letztere sehr damit beschäftigt sind, ihre Rolle in der Gesellschaft neu zu definieren.
Und es sind solche Einrichtungen wie die New World Foundation in Lavender Hill und ihre MitarbeiterInnen, die seit über 30 Jahren immer noch und immer wieder neue Wege mit denen gehen, deren Ort sich im sonst oft so wunderschönen Reiseland Südafrika keiner Beliebtheit erfreut.

Die Zusammenarbeit im Studienprozess hat unter anderem gezeigt, wie notwendig und wie hilfreich gegenseitige Solidarität und das Aufeinander-Achtgeben in der Vergangenheit war. Mit seinem Abschluss ist auch deutlich geworden: Für die Zukunft wird dies nicht anders sein; vielleicht nur mühsamer, wenn der Zauber verflogen ist.

Sabine Dreßler, Juni 2015

 

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