Reformiertes Bekennen heute: Bekenntnis der Hoffnung

Ein reformiertes Bekenntnis aus Argentinien in deutscher Übersetzung und mit Einleitung

Reformiertes Bekennen heute. Bekenntnistexte der Gegenwart von Belhar bis Kappel - gedruckt im Neukirchener Verlag - plus: weitere Bekenntnisse online auf reformiert-info.de

Das persönliches Bekenntnis aus den Reformierten Kirchen Argentiniens, verfasst von Pfr. Gerardo Oberman, ist auf reformiert-info online veröffentlicht in Ergänzung zu dem Sammelband: Reformiertes Bekennen heute, hrsg. von Marco Hofheinz, Raphaela J. Meyer zu Hörste-Bührer und Frederike van Oorschot.

Anmerkung der Herausgeber: Das "Bekenntnis der Hoffnung" sollte zunächst im Anschluss an H. Mottu / J. Cottin / D. Halter / F. Moser (Hg.), Confessions des foi réformées contemporaines, Genf 2000 in den Band aufgenommen werden. Da es aber ein Bekenntnis einer einzelnen Person (Pfarrer Gerado Oberman) ist, entsprach es nicht den Auswahlkritieren (siehe Hofheinz / Meyer zu Hörste-Bührer / van Oorschot, Seite 13). Dennoch halten wir es für ein wichtiges und aussagestarkes Bekenntnis, das wir darum an dieser Stelle in deutscher Übersetzung zugänglich machen möchten.

Bekenntnistext und Einleitung

I Bekenntnis der Hoffnung

Von Gerardo Oberman, Pfarrer der Reformierten Kirchen Argentiniens (Iglesias Reformadas en Argentina)

Ich glaube an Gott;
an den Gott der Glaubensbekenntnisse, mit allen ihren Wahrheiten,
aber vor allem an einen Gott,
der vom toten Buchstaben aufersteht,
um am Leben teilzunehmen.
Ich glaube an einen Gott, der [ganz] aus der Nähe
jeden Schritt meines Gehens auf dieser Erde begleitet:
Oftmals [geht er] hinter mir, sieht mir zu und leidet unter meinen Fehlern,
manchmal [geht er] neben mir, spricht mit mir und unterweist mich
und andere Male [geht er] vor mir, leitet und gibt den Rhythmus des Laufes an.

Ich glaube an einen Gott aus Fleisch und Blut, Jesus Christus,
einen Gott, der in meiner Haut gesteckt hat und meine Schuhe anprobiert hat,
einen Gott, der meine Wege gegangen ist und Licht und Schatten kennt;
einen Gott, der aß und Hunger hatte,
der eine Heimat kannte und unter Verlassenheit litt,
der bejubelt und verurteilt, geküsst und bespuckt, geliebt und gehasst wurde;
einen Gott der bei Festen und Begräbnissen war;
einen Gott der lachte und weinte.

Ich glaube an einen Gott, der – heute – einen aufmerksamen Blick auf die Welt hat,
der sieht wie die Hassenden trennen und teilen,
ausschließen, verletzen und töten,
der sieht wie die Kugeln das Fleisch durchlöchern
und das unschuldige Blut die Erde tränkt,
der die Hand sieht, die sich in den fremden Beutel oder Eimer streckt
und dem Anderen das Notwendige an Essen raubt,
der sieht wie der Richter zugunsten des Meistbietenden entscheidet,
und Wahrheit und Gerechtigkeit mit Heuchelei ummantelt,
der die schmutzigen Flüsse und toten Fische sieht, die Giftstoffe,
die die Erde zerstören und den Himmel durchbohren,
der die aufs Spiel gesetzte Zukunft und die wachsende Schuld des Menschen sieht.
Ich glaube an einen Gott, der das [alles] sieht
und weiter weint.

Aber ich glaube auch an einen Gott,
der sieht wie eine Mutter [ein Kind] zur Welt bringt: Leben, das aus Schmerz geboren wird,
der sieht wie zwei Kinder spielen: Ein Same der Solidarität, der wächst,
der sieht wie eine Blume in den Ruinen aufgeht: Ein neuer Anfang,
der sieht wie drei Verrückte[1] Gerechtigkeit einklagen: Die Illusion[2] die nicht stirbt,
der sieht wie die Sonne jeden Morgen aufgeht: Zeit der Chancen.
Ich glaube an einen Gott, der das [alles] sieht
und lacht,
weil,
trotz allem,
Hoffnung da ist.

(Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche von Raphaela J. Meyer zu Hörste-Bührer;
das Bekenntnis im spanischen Original auf http://www.webselah.com/credo-de-la-esperanza)


[1] Hier bezieht sich Oberman auf Mütter, die auf dem Plaza de Mayo Auskunft über den Verbleib Ihrer Kinder einforderten.

[2] Illusion kann im Spanischen sowohl Träumerei und Sinnestäuschung wie auch Hoffnung und Freude bedeuten.

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II Einleitung zum: „BEKENNTNIS DER HOFFNUNG“ („Credo de la esperanza“)

von Gerardo Oberman, Argentinien, 1997

Rudolf von Sinner*

Raphaelson Steven Zilse**

Der Verfasser dieses Credos ist Pfarrer Gerardo Oberman von den Reformierten Kirchen Argentiniens (Iglesias Reformadas en Argentina, IRA). Das „Credo de la esperanza“ (Bekenntnis der Hoffnung) wurde 1997 verfasst, um, wie sein Autor sagt, „den Gott der dogmatischen Bekenntnisse ins Alltagsleben zu holen“.[1]  

Nach dem blutigsten seiner insgesamt fünf Militärregimes, das von 1976 bis 1983 dauerte, war die argentinische Gesellschaft in den 1990er Jahren damit beschäftigt, sich politisch und sozial neu zu konstituieren. Die Nation war in einer Phase der Selbstreflexion, mit der sie die politischen Entscheidungen verfolgte. 1996 gedachte man des Beginns des Militärregimes 20 Jahre zuvor, das zehntausende von Todesopfern und Verschwundenen hervorgebracht hatte, darunter auch Kinder. Auch 1997 fanden verschiedene Demonstrationen statt, wobei sich deren Fokus zunehmend auf die Gegenwart verschob und damit auf soziale Ungerechtigkeit sowie Korruption, die nach wie vor in der Gesellschaft vorhanden waren. 

Gerardo Oberman, damals Pfarrer der Gemeinde von Buenos Aires, sah die Notwendigkeit, diese Vorgänge in das religiöse Leben hinein zu holen. Dies bedeutete einerseits zurückzublicken und zu trauern über das vergossene Blut, andererseits aber auch in die Zukunft zu blicken in der Hoffnung auf den Gott, „der vom toten Buchstaben aufersteht, um am Leben teilzunehmen“. Einer der wichtigsten Charakterzüge des vorliegenden Bekenntnisses ist es, aus dem Gemeindeleben heraus von einem Gemeindepfarrer verfasst worden zu sein, sodass es eben dort seinen genuinen Sitz im Leben hat. In einem Vortrag von 2009 über liturgische Erneuerung in Lateinamerika sagte Oberman: „[I]n der Liturgie zeigen wir unsere Theologie“.[2] Das „Bekenntnis der Hoffnung“ ist zudem ein Versuch, den Traditionalismus und Konservativismus in der Kirche zu überwinden, der nur die altkirchlichen sowie reformatorischen Bekenntnisse und Glaubensdokumente für gültig erachtete. So hat Oberman in jenen Jahren auch noch weitere Bekenntnisse verfasst.[3]

Die IRA sind Ende des 19. Jahrhunderts aus holländischer Einwanderung und dem Zuzug von südafrikanischen Buren entstanden. Sie verbanden sich mit der Gereformeerde Kerken in Nederland und wurden 1962 unabhängig. Oberman war unter den ersten drei argentinischen Pfarrern, die in Kampen bzw. am Calvin College in den USA ausgebildet und 1967 in der argentinischen Kirche ordiniert wurden.[4] Die Kirche ist ökumenisch engagiert und gehört zur argentinischen Ökumenischen Bewegung für Menschenrechte (MEDH), dem lateinamerikanischen Zusammenschluss der reformierten und presbyterianischen Kirchen (AIPRAL) sowie zur Weltgemeinschaft der Reformierten Kirchen (WCRC). Nach einem siebenjährigen Vorbereitungsprozess trat die IRA im Jahr 2010 der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP) bei.[5]

Das Bekenntnis wurde nach Angaben des Autors nach seiner Abfassung in der Zeitschrift „Diálogo“ der Reformierten Kirchen in Argentinien publiziert; ein Jahr später auch von der Evangelischen Waldenserkirche Argentiniens. 2004 wurde es vom Ökumenischen Rat der Kirchen als Vorlage für die Gebetswoche für die Einheit der Kirchen veröffentlicht.[6] Bis heute sind, wiederum nach Angaben des Autors, Übersetzungen in sieben Sprachen angefertigt worden, sodass von einer beachtlichen Rezeption dieses Textes gesprochen werden kann.

Das „Bekenntnis der Hoffnung“ zeigt eine liturgisch gedachte und ästhetisch durchkomponierte Form und reflektiert deutlich den Kontext von politischer und sozialer Ungerechtigkeit und Gewalt. Der Text beginnt mit dem Bekenntnis des Glaubens an Gott, des Gottes der traditionellen Glaubensbekenntnisse, vor allem jedoch des Glaubens an einen Gott, der sich im Leben gegenwärtig erweist. Gott ist Weggefährte des persönlichen Lebens. Weiter ist die Rede von Jesus Christus, „ein Gott aus Fleisch und Blut“, der aß und hungerte, Heimat und Verlassenheit kannte, an Festen wie auch an Grablegungen zu sehen war, geliebt und gehasst wurde wie so viele Menschen. Gott ist noch heute gegenwärtig – man denkt unwillkürlich an den Heiligen Geist als Weise der Gegenwart Gottes – und sieht wie „die Kugeln das Fleisch durchlöchern und das Blut Unschuldiger die Erde tränkt“, wie weiterhin geraubt und die Umwelt zerstört wird. Er sieht und weint. Doch wie eine gebärende Mutter lässt Gott aus dem Schmerz Leben gebären: Es gibt einen Neuanfang inmitten der Proteste der Madres de la Plaza de Mayo (Mütter vom Plaza de Mayo), die wissen wollen, was mit ihren unter dem Militärregime verschwundenen Söhnen und Töchtern passiert ist. Gott sieht auch dies und lächelt, denn „trotz allem gibt es Hoffnung“.


* Dr. theol. habil., Professor für Systematische Theologie, Ökumene und interreligiösen Dialog an der Faculdades EST in São Leopoldo, Rio Grande do Sul, Brasilien.

** Bachelor der Theologie, Magistrand an der Faculdades EST.

[1] Gerardo Oberman, Referências bibliográficas de documentos eletrônicos, E-Mail an Raphaelson Zilse vom 28. April 2015.

[2] Der Vortrag am Calvin Symposium on Worship ist auf Spanisch gehalten, wurde aber simultan auf Englisch übersetzt und verdeutlicht die Integration des Bekenntnisses in den Gottesdienst, ohne dass es auf seine bloße Rezitation beschränkt wäre; siehe die Aufzeichnung unter http://worship.calvin.edu/resources/resource-library/worship-renewal-in-a-latin-american-context/ (Zugriff am 4.5.2015).

[3] Informationen von Gerardo Oberman via E-Mail am 6.5.2015.

[4] Gerardo Oberman, Breve reseña histórica de las IRA (hasta 1967), Blogeintrag vom 21. März 2014, http://iglesiasreformadas.blogspot.com.br/ (Zugriff am 6.5.2015).

[5] Vgl. Informationen von Gerardo Oberman via E-Mail vom 6.5.2015; dazu auch http://emw-d.de/root09/de.meldungen/meldung.26/index.html (Zugriff am 6.5.2015). ferner http://www.aipral.org; der dort angegebene link www.iglesiasreformadas.org.ar funktioniert nicht mehr; für die IERP vgl. http://www.ierp.org.ar, für die Menschenrechtsbewegung und ihre Mitgliedskirchen http://www.derechos.net/medh/medh1.htm (Zugriff am 6.5.2015).

[6] http://www.oikoumene.org/en/resources/documents/commissions/faith-and-order/xi-week-of-prayer-for-christian-unity/2004-en/04-prayers (Zugriff am 7.5.2015).

Zusatzmaterial zu:
Marco Hofheinz / Frederike van Oorschot / Raphela J. Meyer zu Hörste-Bührer (Hg.), Reformiertes Bekennen heute.  Bekenntnistexte der Gegenwart von Belhar bis Kappel, 2015.

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