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Römer 8, 26-30 (Exaudi)

Das Glaubenswissen: Nichtwissen und Orientierungswissen. Von Wilhelm Hüffmeier, Berlin. Predigt auf dem Karl Barth Symposion vom 1. bis 4. Mai 2008 in Emden.

©Andreas Olbrich

Auf unser demütiges "Wir wissen nicht" antwortet Gott ein freundlich zusprechendes "Ich weiß". "Und die Gewissheit, dass Gott uns versteht, das Vertrauen darauf, dass wir eben nicht erschrecken müssen, das ist der Heilige Geist in uns", der „beste Freund des gesunden Menschenverstands“, das „Band der Liebe“.

Predigt über Römer 8,26-30 am 4. Mai 2008 in der Schweizer Kirche in Emden anlässlich des Internationalen Symposions „Karl Barth im europäischen Zeitgeschehen (1935-1950): Widerstand – Bewährung – Orientierung“. Während des Gottesdienstes fand eine Taufe statt.

Liebe Gemeinde,
Wissen oder gar Wissenschaft, – das ist so ein stolzes Kenn- und Schlagwort der modernen Gesellschaft und des modernen Menschen; ein Wort, das Zeitgenossen – ich wohne in Potsdam mit über 80% Konfessionslosen, darunter vielen Wissenschaftsgläubigen, – auch mal ironisch oder gar höhnisch gegen den Glauben wenden können. Glauben ist nicht Wissen, sagen sie dann triumphierend. Der christliche Glaube hat aber auch ein Wissen. Gleich dreimal kommt in unserem Text dieses Wort vor. Und heute Morgen gehört neben der Tauffamilie und denen, die hier in der Gemeinde zuhause sind, zur gottesdienstlichen Versammlung noch eine große internationale Riege von „Glaubenswissenschaftlern“. Grund genug, über das Glaubenswissen predigen.

Dabei ist uns allen wohl klar, dass mit Wissen nicht bloß eine Ansammlung von Fakten, Daten und Informationen gemeint ist. Also nicht einfach das Arsenal von Wikipedia, das allein unter diesem Stichwort Wissen über 12 Millionen Worte anzeigt. „Vielwissen macht noch keinen Verstand“, sagt der Philosoph Heraklit. Das griechische Wort für Wissen hat vielmehr wie das deutsche mit Sehen zu tun, genauer mit „Gesehenhaben“, also eine Einsicht, eine Perspektive auf die Wahrheit gewonnen haben; man könnte auch sagen: Orientierungswissen.

Paulus beginnt freilich mit einem demütig-bescheidenen „Wir wissen nicht“. Für den Abschluss einer wissenschaftlichen Tagung muss das wie ein Paukenschlag der Ernüchterung klingen. Aber wir sind ja Theologen, wir sind dialektisch geschult, wir wissen (hoffentlich), was wir nicht wissen, aber doch wissen sollen und geben gerade darin Gott die Ehre. Dennoch: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen“? Haben wir nicht die Psalmen – ihre Reformierten zumal? Sagt uns nicht das Gebet des Herrn, das Vaterunser, was und wie recht zu beten ist? Und was ist mit den vielen Sammlungen von Gebeten, dem Evangelischen Gottesdienstbuch und der Reformierten Liturgie? Überall wird doch fleißig gebetet und nun dies: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt“. Wie sollen wir das verstehen?

Weltsituationsbezogen? Weil uns angesichts der plötzlich wieder hochaktuellen Frage, wie die Welt ihre Menschen ernähren kann, die Vaterunserbitte „Gib uns unser täglich Brot“ im Halse stecken bleibt, wenn wir daran denken, dass Korn statt ins Brot in den Tank geht? Oder ich denke an den „Zug der Erinnerung“ mit den herzzerreißenden Bildern der in den Tod geschickten jüdischen Kinder, der zurzeit durch Deutschland fährt. Das kann einem schon alles Singen und Reden und Beten verschlagen. Oder ist an die Pastoren ohne Agende gedacht, die Mühe haben mit dem freien Gebet? Doch: Geht es mit den bekannten Gebeten besser?

Vom mittelalterlichen Theologen Bernhard von Clairvaux wird erzählt, er sei bei einer Visitationsreise mit einem Bauern ins Gespräch über das Beten gekommen und dabei habe Bernhard geklagt, wie schwer doch das Beten sei. Als der Bauer ihm widersprach und behauptete, nichts sei leichter als ein Vaterunser zu beten, habe der Theologe ihm versprochen, ihm solle sein Pferd gehören, wenn es ihm gelinge, das Vaterunser ohne einen abirrenden Nebengedanken zu beten. Daraufhin sei der Bauer ein Stück zur Seite gegangen, um still das Vaterunser zu sprechen. Kurz darauf sei er aufgeschreckt und habe Bernhard gestanden, kaum habe er begonnen, da sei ihm die Frage gekommen, ob er zum Pferd wohl auch das Zaumzeug dazu bekäme.

Fromme Legende? Vielleicht! Psychologisch jedenfalls nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch Paulus denkt hier nicht psychologisch. Eher redet er bezogen auf die Weltsituation. Gerade hat er vom tiefen Seufzen der ganzen Schöpfung und ihrer Sehnsucht der Kreatur nach wahrer Freiheit gesprochen, eben auch der Freiheit zum rechten Gebet. Vor allem aber denkt der Apostel von Gott her und auf ihn hin. Es ist so, liebe Gemeinde, es liegt an Gott selber, dass wir nicht zu beten wissen, wie sich’s gebührt.

Vielleicht haben wir ja noch ein Gespür dafür, wie unerhört es eigentlich ist, zu meinen, Gott, der Herrscher über das ganze Weltall, höre auf uns mit unseren Anliegen, auf dich und mich. Wer etwas von der Größe Gottes weiß, der merkt auch etwas von der Verwegenheit jedes Gebets. Er oder sie spürt plötzlich, dass wir nicht wissen, wie wir angemessen mit Gott zu reden haben. Dieser unendliche, dieser unermessliche Größenunterschied zwischen Gott und Mensch kann einem wirklich die Sprache verschlagen, wenn man zu ihm reden will.

Damit sind wir beim Zweiten, bei dem „Er weiß“; „der aber die Herzen erforscht, weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist“. Nicht unser Geist ist gemeint, sondern der Heilige Geist. Und nun, liebe Gemeinde, denke ich, die Taufgesellschaft regt ja dazu an, nun denke ich an ein kleines Kind, das einen erwachsenen Menschen etwas bitten will. Ein Kind, das noch nicht so recht Vertrauen gefunden hat zu den Erwachsenen. Ein Kind, das vielleicht etwas Angst hat, wenn es seine Bitte stellen soll. Es fürchtet sich, der erwachsene, der allzu große Mensch würde es nicht recht verstehen. Und wenn es anfängt, seine Bitte zu äußern, gerät es ins Stammeln. Es kann es nicht so recht sagen, wie es sich’s gedacht hat. Es wird rot und schämt sich. Und der Erwachsene, wenn’s ein Mensch ist, der Kinder liebhat, der versteht das Kind. Er nimmt es zu sich und sagt: „Ich weiß, was du willst, das ist es“. Und das Kind spürt, es braucht gar nicht so genau zu sagen, was es meint. Es ist erleichtert. Der große Mensch hat es verstanden. Es ist aufgehoben im Verständnis des Erwachsenen.

Unversehens hat auf das demütige „Wir wissen nicht“ ein freundlich zusprechendes „Ich weiß“ geantwortet. Mir scheint, dass das ein Modell ist für unseren Umgang mit Gott. Da, wo wir selbst nicht mehr wissen, wie wir reden sollen mit Gott, wo es uns die Sprache verschlägt, da sollen wir spüren, dass Gott uns längst schon verstanden hat. Wir brauchen nicht alles recht zu sagen. Wir können ruhig stammeln oder seufzen, heimlich oder laut vernehmlich. Gott begreift, worum es uns geht. Und die Gewissheit, dass Gott uns versteht, das Vertrauen darauf, dass wir eben nicht erschrecken müssen, das ist der Heilige Geist in uns. Er verbindet den hohen Himmel und die abgründige Erde, er verbindet Gott und den Menschen. Das ist sein Werk: zu verbinden. Deshalb heißt er seit alters vinculum caritatis, das Band der Liebe. So ist er die Kraft Gottes bei uns. Er vertritt uns bei Gott und sei es, dass er mit unaussprechlichem Seufzen weitergibt, was er bei uns hört und sieht.

Der Heilige Geist verbindet. Er verbindet auch die Gegenwart mit der Zukunft. Damit sind wir beim Dritten. Wenn der, der mich bei Gott vertritt, auch meine Zukunft ist, dann kann gelten: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“. Eine schöne, eine lebensförderliche Gewissheit enthält dieser Satz. Nicht dass damit die Wirklichkeit schön geredet wird. Sie bleibt voll von Ach und Weh, voll von heimlichen Seufzern und lauten Notschreien. Das Kreuz Christi ist deren unauslöschliches Symbol. Nein, das Wissen des Glaubens ist kein blinder, kein weltvergessener Optimismus. Es ist die Gewissheit derer, die Gott lieben. Doch wie kommt er zur Gottesliebe? Und wer ist es, der Gott liebt?

Paulus antwortet: „die berufen sind nach seinem Ratschluss“. Zur Gottesliebe kann man sich nicht einfach entschließen wie zu einem Spaziergang oder einem Kinobesuch. Die Liebe zu Gott wird uns wie der Glaube zugespielt, sie ist Antwort auf eine Zuwendung, eine Anrede, einen Ruf. Was ein Ruf ist, das weiß wohl kaum jemand besser als die hier auch versammelten Professoren, Assistenten und Privatdozenten. Berufungsliste, Berufung, Berufungsverhandlungen, ordentlicher öffentlicher Professor – das ist geradezu ein Lebenshöhepunkt, in dem – mit Paulus zu sprechen – Vorherbestimmung, Erwählung, Rechtfertigung und Verherrlichung in eins fallen. Doch ehe jemand auf so eine Liste kommt, hat er sich ordentlich anstrengen müssen. 10% Begabung, 90% Arbeit heißt hier die Parole. Ein Untätiger wird jedenfalls nicht zum Professor berufen. Übrigens auch nicht zum Pastor. Anders die gerade getaufte Alina Marie, zu der Christus spricht: „Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“. Gar nichts hat sie dazu und dafür getan und doch ist sie berufen. Das ist die Gnade der Erwählung. Und seinen Erwählten kann Gott nicht genug Gutes tun: er rechtfertigt sie, er macht sie herrlich.

Eine Gemeinsamkeit gibt es nun freilich doch zwischen der akademischen und der christlichen Berufung. Sie haben ein ähnliches Ziel. Beide berufen in eine bestimmte Gemeinschaft, in die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden oder in die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, deren Erstgeborener Christus selber ist. Wissen, sagte ich anfangs, wurzelt in einem Gesehenhaben. Das Glaubenswissen hat seinen Grund und sein Ziel darin, Christus gesehen zu haben, wie ihn die Bibel bezeugt, und von seinem Bild nicht mehr loskommen, ihm entsprechen zu wollen. Christus – den Prediger auf dem Berg, der tut, was er sagt, Christus, den Freund der Freund- und Freudlosen, Christus, den Leidenden und Gekreuzigten, Christus den Verherrlichten. Wir sehen ihn, indem wir ihn hören und wer ihn hört, der will bei ihm bleiben. So wird man ordentlicher öffentlicher Christ. Das ist unsere Hoffnung auch für Alina Marie.

Damit ist jeder von uns allerdings in eine Spannung versetzt zwischen dem, der er ist, und dem, der er wird. Verbinden, sagte ich, sei das Werk des Heiligen Geistes. Er verbindet nicht nur Gott und Mensch, er verbindet nicht nur Mensch und Mensch, er verbindet auch mich mit mir selbst.

Mich mit mir selbst verbinden? Das, liebe Gemeinde, kennen wir doch auch, dass wir mit uns selber in Zerrissenheit leben und erschrecken können über die dunklen Seiten, die auch in uns drin sind. Man scheint auseinander zu fallen. Nicht nur manchmal in Träumen, auch in der Wirklichkeit. Umso überwältigender ist es, in Christus all der hellen, der positiven Möglichkeiten des Menschseins innezuwerden. Durch sie Mensch zu werden, dazu sind wir berufen. Das ist unser Weg zur Verherrlichung. Deshalb verbindet uns der Geist immer aufs Neue mit ihm. Davon lässt er nicht, sonst müsste er sich selbst aufgeben. Ein paar neutestamentliche Textzeugen haben das erkannt und deshalb den alles Glaubenswissen zusammenfassenden Satz so wiedergegeben: „Denen, die Gott lieben, wirkt Gott selber alle Dinge zum Besten.“ Das ist Gott der Heilige Geist. Auf diese Textzeugen stößt man freilich nur, wenn man historisch-kritische Forschung treibt. Sie kann die Predigt reicher machen.

Vielwissen macht freilich noch keinen Verstand. Anders ist es mit dem demütig bescheidenen „Nichtwissen“ und dem hoch erfreuten „Wissen“ des Glaubens. Die machen verständig. Diese Perspektive auf die Wahrheit ist Orientierungswissen im besten Sinn des Wortes. Kein Wunder, dass der selige Karl Barth den Heiligen Geist gelegentlich den besten Freund des gesunden Menschenverstands nennen konnte. Amen!


Pfarrer Dr. Wilhelm Hüffmeier, bis 2006 Leiter der Kichenkanzlei der Union Evangelischer Kirchen (UEK)
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