Der Fall der Berliner Mauer und seine Bedeutung für die Ökumene

Von Konrad Raiser

"MAuerspechte"; Foto: A. Mayer

Die Öffnung bzw. der Fall der Berliner Mauer war für die direkt betroffenen Menschen, aber auch für die ganze Welt, ein unerwartetes Ereignis. Die ökumenische Bewegung war keine Ausnahme, und das, was sich 1989 in Ostdeutschland ereignete, sollte weitreichende und langfristige Auswirkungen mit sich bringen, die wir noch heute spüren.

Seit der Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze im Sommer 1989 hatten zahlreiche Menschen aus der damaligen Deutschen Demokratischen Republik das Land bereits verlassen. Gleichzeitig war ein wachsendes Netzwerk zivilgesellschaftlicher Gruppen entstanden, die sich für einen grundlegenden sozialen und politischen Wandel einsetzten. Sie standen unter dem Schutz der Kirchen und waren von den ökumenischen Versammlungen inspiriert, die früher im selben Jahr in Magdeburg und Dresden als Teil des konziliaren Prozesses zu "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" stattgefunden hatten.

In den Nachbarländern gab es schon seit längerer Zeit ähnliche Gruppen und Bewegungen. All dies führte zu einer Dynamik, die nach einem Wandel verlangte; erst recht nach der großen, explizit gewaltfreien Demonstration in Leipzig am Montag, dem 9. Oktober 1989. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt gingen nur sehr wenige Menschen davon aus, dass die Mauer so bald fallen würde - wodurch das Ende der kommunistischen Herrschaft nicht nur in Ostdeutschland, sondern in ganz Mittel- und Osteuropa beschleunigt und schließlich die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas ermöglicht wurde.

Die Ereignisse, die ab dem Sommer 1989 bis in das Jahr 1990 in Europa geschahen, sowie die radikalen Veränderungen in Südafrika und in anderen Ländern der Welt wirkten sich auch nachhaltig auf die ökumenische Bewegung aus. In den gut 40 Jahren seit der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1948 in Amsterdam waren ökumenische Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit von dem Antagonismus der beiden Machtblöcke und dessen Folgen für Länder der südlichen Hemisphäre bestimmt gewesen.

Ökumenische Organisationen, insbesondere der ÖRK und die Konferenz Europäischer Kirchen, versuchten, mit den Kirchen in kommunistischen Ländern Kontakte aufrechtzuerhalten. Ihr Zeugnis für den Frieden unter der Bedrohung eines Atomkrieges zeigte endlich Erfolg. Die Charta von Paris für ein "neues Europa" (1990) schien eine neue Weltordnung des Friedens und der Gerechtigkeit einzuläuten, und ein ernsthafter Abrüstungsprozess nahm Form an.

Aber die Umwälzungen in Europa und in anderen Teilen der Welt waren so schnell vonstatten gegangen, dass weder Regierungen noch Kirchen ausreichend auf die neue Situation vorbereitet waren. Die von repressiven ideologischen und politischen Zwängen befreiten Länder und Kirchen mussten eine neue Identität finden. In vielen Fällen führte dies zu heftigen internen Auseinandersetzungen, besonders zwischen denjenigen, die am früheren System beteiligt oder Mitläufer gewesen waren, und denen, die für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte eingetreten waren.

Auch ökumenische Organisationen gerieten unter Verdacht angesichts ihrer Beziehungen zu Vertretern des alten Systems und ihrer mangelnden effektiven Unterstützung oppositioneller Gruppen. In manchen Fällen wurde der Begriff “Ökumene” zu einem Wort, das man lieber vermied. Innere Spannungen entwickelten sich vor allem in vielen orthodoxen Kirchen, was zu einem Austritt der Georgischen und der Bulgarischen Orthodoxen Kirche aus dem ÖRK führte.

Bald nach dem Fall der Berliner Mauer stellten der Zweite Golfkrieg 1991, die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien und der schnell fortschreitende Globalisierungsprozess das ökumenische Zeugnis für Frieden und Gerechtigkeit vor völlig neue Herausforderungen. Die prekäre Ordnung des Kalten Krieges war durch eine neue Welt-Unordnung ersetzt worden.

In Anerkennung des wichtigen und in manchen Fällen entscheidenden Beitrags der Kirchen zur Friedlichen Revolution in Mittel- und Osteuropa und zur Beendigung des Apartheid-Regimes in Südafrika nahm die ökumenische Bewegung die Herausforderung zur Überwindung von Gewalt als ihre besondere Berufung an. Der offizielle Beginn der Dekade zur Überwindung von Gewalt im Februar 2001 vor dem Brandenburger Tor in Berlin nahm deshalb symbolisch Bezug auf die Friedliche Revolution, die die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht hatte.

Pfarrer Dr. Konrad Raiser war von 1993 bis 2003 Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK).

Mehr zum Thema:

Kommentar von ÖRK-Generalsekretär Samuel Kobia zum 20. Jahrestag des Mauerfalls
http://www.oikoumene.org/de/nachrichten/news-management/a/ger/article/1634/die-lektionen-der-berline.html

Feature: "Die Mauer fiel nicht nur in Berlin"
http://www.oikoumene.org/de/nachrichten/news-management/a/ger/article/1634/die-mauer-fiel-nicht-nur.html

Feature: "Mit meinem Gott überspringe ich Mauern!"
http://www.oikoumene.org/de/nachrichten/news-management/a/ger/article/1634/mit-meinem-gott-ueberspri.html


Konrad Raiser, 5. November 2009
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