Reformierte Konferenz Südwestfalen: Auf der Suche nach einer reformierten Glaubenspraxis

Okko Herlyn: ''Frömmigkeit hat keinen Wert an sich und kann Gott nicht herbeizwingen''

Frömmigkeit hat keinen guten Ruf. Fromm sein, wer will das schon? Wer vorgibt fromm zu sein, steht allzuleicht in dem Verdacht, heuchlerisch zu sein. Was hat es mit dem Frommsein auf sich und ist es etwa dasselbe, was heute allenthalben mit „Spiritualität“ beschrieben wird? Dieser Frage gingen jetzt evangelische Gemeindeglieder überwiegend aus dem Siegerland, aus Wittgenstein und aus dem Dillenburgischen auf der reformierten Konferenz im Evangelischen Gemeindezentrum in der Dautenbach in Weidenau nach. Verbunden wurde die Frömmigkeitsfrage mit der Frage nach einer reformierten Glaubenspraxis.

Als Referent eingeladen war der Theologieprofessor Okko Herlyn aus Duisburg. „Ich habe noch niemanden getroffen, der von sich sagt, ich bin fromm“, so der Theologe zu Beginn mit Bezug auf die negative Besetzung des Wortes.

Dabei war das heute so verschmähte Wort „Fromm“ in der vorreformatorischen Zeit ein rein weltlicher Begriff und hatte keinen negativen Beigeschmack. Es stammt aus dem althochdeutschen „fruma“ und bezeichnete einen sich nutzlich machenden Menschen. Eine Bedeutungswendung erhielt der Begriff während der Reformation. Als Fromm galt, wer vor Gott rechtschaffen ist, der von Gott selbst gerechtfertigte Sünder. „Wir sollen nicht fromm sein, etwas damit zu verdienen“, sagt Luther, sondern nur „um Gottes willen allein.“  Frömmigkeit ist für die Reformatoren nicht eine allgemeine bürgerlich-tugendhafte Einstellung, sondern die Glaubenshaltung eines Christenmenschen in seiner ausschließlichen Bindung an den gnädigen Gott.

Durch den Pietismus, so Herlyn, sei ein anderer Zungenschlag in den Begriff hineingekommen: Das Frommsein als eine Vergewisserung des eigenen Glaubens. Am Frommsein merke, sehe, spüre ich meinen Glauben und den anderer. Frommsein wird zum  Erweis des eigenen Heilsstandes. Ein Gegensatz zum  reformatorischen Denken, so der Theologieprofessor.

Heute boomt Religion – allen aufklärerischen Unkenrufen zum Trotz und hat ein neues Zauberwort mitgebracht: Spirituell.

Beim Sport, in der Rockmusik, beim Film und bei Reiseanbietern erhalten Rituale, Meditation, Kult, Innerlichkeit und Spiritualität eine besondere Bedeutung. Überall entdecken Menschen eine „spirituelle Dimension“.

„Spirituell“ heißt: vermeintlich der Trivialität des Alltäglichen enthoben sein, vermeintlich einer anderen Wirklichkeit näher sein, zu sich selber und damit vermeintlich dem Göttlichen in mir auf die Spur kommen.

Vor 50 Jahren habe Bonhoeffer die Auffassung vertreten, es gehe einer religionslosen Zeit entgegen. Diese Auffassung sei offensichtlich ein historischer Irrtum. Religion sei heutzutage nicht out, sondern in. Man habe allerdings den Eindruck, die Religion boome an der Kirche vorbei. Kirche verliere an Bedeutung. Die Menschen gestalteten ihre eigene Religion. „Was Gott ist, bestimme ich!“ titelte vor einiger Zeit die Zeitschrift „Psychologie Heute“ und reklamierte damit trefflich die religiöse Grundhaltung in Zeiten des Spätkapitalismus: konditioniert auf die Gesetze des Marktes wird nun auch die Religion zum Selbstbedienungsladen.

Hier, so Vermutungen, komme zum Ausdruck, dass die Menschen in der Postmoderne an die Grenzen von Rationalismus und Aufklärung gestoßen sind. Es wird auf das Grundbedürfnis des Menschen nach Kult und Ritual verwiesen oder auf die multikulturelle Gesellschaft, die ein Übriges tue.  

Der Theologe zeigte auf, dass auch in der Bibel eine bestimmte Sehnsucht, ein Suchen nach etwas, das mehr ist als das Hier und Jetzt, einem Verlangen nach einer anderen Wirklichkeit als dem Elend und einer vordergründigen materiellen Bedürfnisbefriedigung beschrieben wird. Als grundsätzlich Suchende, nach einer anderen Wirklichkeit Verlangende, gehen die Menschen der Bibel in die Wüste, steigen auf Dächer und einsame Berge, treffen sich, wie die Frauen von Philippi, am abgelegenen Ufer eines Flusses oder suchen das berühmte Kämmerlein auf. Aber, so Herlyn, „nirgendwo in der Bibel ist ein Lobpreis der Frömmigkeit oder Spiritualität als solcher zu finden. Sehnsucht nach etwas anderem, stille werden, Kontemplation, Opfer, Fasten und Vision haben dort nirgendwo einen Wert in sich, gewissermaßen als psychische Hygiene, sondern sie haben ihren „Wert“ immer nur bezogen auf ein bestimmtes, unverwechselbares Gegenüber, nämlich auf Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erden, dem einen unverwechselbaren Vater Jesu Christi.“ Nur um dieses Gottes willen versammeln sich Menschen zum Gottesdienst. Frömmigkeit/Spiritualität um ihrer selbst willen oder gar zur Steigerung eines bestimmten Lebensgefühls ist nicht Sache der Bibel. Die verschiedenen Glaubenspraktiken bieten lediglich eine Art Raum, eine Bereitschaft, sich Gott auszusetzen. Herlyn: „Wir können Gott nicht durch unsere Glaubenspraxis herbeizwingen. Die biblischen Zeugen wollen in all ihren religiösen Praktiken offenbar nicht mehr, als einem Anderen Einlass gewähren. “

Auf dieses biblische Zeugnis gegründet sieht der Hochschullehrer keinen Grund, dass die Kirche im Spiritualitätsboom mitmischt. „Die Kirche hat diese vermeintlichen Marktchancen nicht nötig, schon deshalb nicht, weil sie sich grundsätzlich nicht an Chancen, sondern ausschließlich an dem ihr von Gottes Wort her Verheißenen und Gebotenen zu orientieren hat.“

Eine reformierte Glaubenspraxis traue nach Luther Gott allein. Sie habe dem Aberglauben zu wehren, jeder und jede können sich seinen Gott und ihre Göttin nach Gutdünken machen. „Was Gott ist, bestimmt weder mein Kopf, noch mein Bauch, weder mein Elend, noch mein Glück, weder meine Verzweiflung, noch meine Sehnsucht. Was Gott ist bestimmt nur Gott.“ Und: „Solange es uns in welchem Frömmigkeitsstil auch immer nicht um den Gott Israels, nicht um den Vater Jesu Christi geht, sind alle spirituellen Übungen leeres Stroh.“

Selbstkritisch stellt er die Nüchternheit und Kargheit reformierter Gottesdienste in Frage, die vielleicht manche Tür zugeschlagen habe. Auch eine reformierte Glaubenspraxis werde neu nach jenen Möglichkeiten zu suchen haben, in denen es zu einer Gottesbegegnung kommen könne.

In der sich anschließenden regen Diskussion wurden insbesondere der anklingenden Pietismuskritik eigene positive Erfahrungen mit der pietistischen Glaubensprägung entgegengehalten.

Und noch etwas wurde deutlich: Nicht auf den Begriff Frömmigkeit oder Spiritualität kommt es an, sondern darauf, mit welchem Inhalt er gefüllt ist.


Karlfried Petri, Öffentlichkeitsreferat Kirchenkreis Siegen

Zur Eröffnung der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und vom Reformierten Bund konzipierten Ausstellung zum Calvinjahr am 11. Januar in Hannover sprach der Generalsekretär des Reformierten Bundes, Pfrarrer Jörg Schmidt, über Calvins Werk als ''Trost-Theologie für die versammelte Gemeinde''.

Pfr. Jörg Schmidt, Generalsekretär des Reformierten Bundes

End the Violence in Gaza

''The rockets from Gaza aimed at Israeli communities are destructive and the suicide bombing incidents cannot be condoned ... We strongly condemn the air and ground assaults from the Israeli Defense Forces leading to senseless deaths ...'' (Reformierter Weltbund)

Pressemitteilung des Reformierten Weltbundes (WARC), 7. Januar 2009

''Die Theologie Calvins ist Theologie für Vertriebene, für Flüchtlinge, für Bedrohte''

Generalsekretär Jörg Schmidt eröffnet die Calvin-Wanderausstellung in Hannover
Auf reformiert-info die Ansprache im Wortlaut

Barbara Schenck

Calvin neu gelesen

Eine Rezension von Jörg Schmidt
In zeitzeichen, Januar 2009 bespricht Generalsekretär Jörg Schmidt das Buch von Klaas Huizing: Johannes Calvin - und was vom Reformator übrig bleibt. Online auf http://zeitzeichen.skileon.de/

Barbara Schenck

die reformierten.upd@te 08.4

Das reformierte Quartalsmagazin – herausgegeben im Auftrag des Reformierten Bundes – 8. Jahrgang 2008, Nr. 4 – Dezember 2008 - jetzt online als PDF auf www.reformiert-info.de

Jörg Schmidt, Generalsekretär des Reformierten Bundes in Deutschland

Neues Logo für Europas Protestanten

Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) mit neuem Logo und Internetauftritt
Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) hat einen neuen graphischen Auftritt. Zentrales Element ist ein neues Logo, das gemeinsam mit der Berner Agentur „Büro + Webdesign“ entworfen wurde.

Thomas Flügge, Pressesprecher, Wien, 15. Dezember 2008 (bearb.)

Bibel übersetzen

Auf der Suche nach einer ''gerechten Sprache''
Neun Beiträge, die in die Charakteristika verschiedener Bibelübersetzungen, besonders der „Bibel in gerechter Sprache“ (BigS) und der „Neuen Zürcher Bibel“ (NZB), einführen. Von Michael Weinrich, Rainer Albertz, Georg Plasger, Jochen Denker, Magdalene L. Frettlöh, Klaus Haacker, Holger Domas, Ilka Werner und Karl Friedrich Ulrichs. Zum Download als PDF

Bibel übersetzen. Auf der Suche nach einer ''gerechten Sprache''.pdf

Predigtpreis für Paolo Riccas ''Sprachwitz''

Waldenser-Theologe Paolo Ricca erhält Predigtpreis 2008
Bonn. Professor Dr. Paolo Ricca ist mit dem ''Predigtpreises'' des Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG (Bonn) für sein Lebenswerk geehrt worden. Der 1936 geborene reformierte Theologe lehrte Kirchengeschichte und Praktische Theologie an der Waldenserfakultät in Rom.

Pfr. Dr. Andreas Flick, Celle

''Das Gesamtkonzept der Pfarrerausbildung steht zur Diskussion''

Gemeinsame Standards in den evang. Kirchen Europas nötig
Der Copräsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Prof. Michael Beintker, spricht in der gemeinsamen Konsultation der GEKE und der EKD zur „Ausbildung zum ordinationsgebundenen Amt“ in Berlin.

Thomas Flügge (Pressesprecher GEKE), Berlin, 21. November 2008

Schöne reformierte Kirche - ein neues Projekt des Reformierten Bundes

16./17. November 2008 Tagung in der Französisch-reformierten Gemeinde Potsdam - die Tagung musste abgesagt werden
Reformierte Kirchen in ihrer Schönheit bekannter machen und aus reformierter Sicht über die Gestaltung von Kirchenräumen nachdenken, das will ein neues Projekt des Reformierten Bundes: „Schöne reformierte Kirche“. Auf einer Tagung in Potsdam wird das Projekt vorgestellt. Als Referent spricht Dr. Klaus Merten, Berlin über „Kirchenbau der Reformierten“.

Jörg Schmidt, Generalsekretär des Reformierten Bundes