Gott ist kein Wunderheiler und kein Regenmacher

Predigt über Jakobus 5, 13-16 - Wozu beten?

Gudrun Kuhn geht einen Abschnitt der 'strohernen Epistel' (Luther) skeptisch an und nimmt am Ende deutlich Stellung gegen ein falsches Verständnis vom Beten.

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen ein schwieriges Thema angekündigt. Ja, es ist so schwierig, dass ich mich ger­­ne davor gedrückt hätte. Dass ich viel lieber einen anderen Predigttext gewählt hätte. Sie sind aber heute hier und haben ein Recht darauf, dass auf der Kanzel auch die spröden Bi­bel­­stellen ausgelegt werden.

Dabei will ich ehrlich sein, und das bedeutet: sehr skeptisch. Meine Sorge ist nur, dass Sie sel­ber vielleicht gar nicht so skeptisch sind. Dass Sie vielleicht ganz andere Erfahrungen ha­ben als ich. Darum möchte ich meine Predigt immer wieder unterbrechen durch ein Lied, das ge­gen alle Skepsis ansingt: Wer nur den lieben Gott lässt walten, einen von Bachs Lieblings­cho­rä­len (369).

Strophe 1

Wer nur den lieben Gott lässt walten
Und hoffet auf ihn alle Zeit,
Den wird er wunderbar erhalten
In aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten traut,
Der hat auf keinen Sand gebaut.

Jakobus 5, 13-17          Das Gebet für die Kranken

Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist je­mand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kran­­ken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm ver­­geben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr ge­sund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Elia war ein schwa­cher Mensch wie wir; und er betete ein Gebet, dass es nicht regnen sollte, und es regnete nicht auf Erden drei Jahre und sechs Monate. Und er betete abermals, und der Himmel gab den Regen und die Erde brachte ihre Frucht.

Strophe 6

Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
Und ist dem Höchsten alles gleich:
Den Reichen klein und arm zu machen,
Den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
Der bald erhöhn, bald stürzen kann.

Ach, wie soll ich das glauben? Gott – der Wundermann. Schön zu wissen, dass Gott alles kann. Und? Wenn er es kann, warum tut er es nicht?

Gott – der Regenzauberer. Da muss man nicht ins Alte Testament zurückgehen, um solch eine Vorstellung zu finden. Ich habe es vor vielen Jahren zum ersten Mal in Langensen­del­bach erlebt, einem Dorf nördlich von Erlangen. Da gingen die Bauern – nein wohl doch eher die Bäuerinnen – in aller Herrgottsfrühe über die Felder zu einem Bittgang. Heute noch ist das in manchen Gegenden so. Mit Rosenkranz und Monstranz: Be­ten um Re­gen.

Und: Gibt es deswegen weniger Hagel, weniger Dürre, weniger Überflutungen?

Gott – der mit den Schutzengeln. Kennen Sie die Bilderbücher noch? Da gehen Kinder leicht­­­­sinnig über einen Abgrund und ein Engel schirmt sie unsichtbar mit seinen Flügeln.

Und: Was sollen wir den Kindern sagen, deren Spielkameraden von einem Auto überfahren wur­­den oder gar einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind?

Aus Angst vor solchen Einwänden konnte ich mit meinen Kindern nur ganz selten beten – so leid mir das heute tut. Aus Ratlosigkeit gegenüber solchen Einwänden konnte ich als junge Frau vie­le Jahre selbst überhaupt nicht mehr beten.

Strophe 4

Er kennt die rechten Freudenstunden,
Er weiß wohl, wann es nützlich sei;
Wenn er uns nur hat treu erfunden
Und merket keine Heuchelei,
So kommt Gott, eh wir’s uns versehn,
Und lässet uns viel Guts geschehn.

Ach, wie soll ich das glauben?

… das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen …

Lassen Sie mich dazu eine andere Situation erzählen: Keine Prozession, son­dern ein Ritual, wie es unser Text vorschreibt. Die Ältesten, kein Priester, über­­­nehmen in den freien evan­ge­li­­kalen Gemeinden die Aufgabe, über dem Kranken zu be­ten. In einer cha­ris­ma­ti­schen Pfingst­­gemeinde von Afrikanern in Hamburg habe ich be­geis­tert davon erzählen hö­ren: Je­sus hat mich geheilt – Halleluja. Mich auch, mich auch ... Aber, so haben wir – eine Gruppe von Ältestenpredigern – gefragt: Aber, was ist, wenn jemand nicht geheilt wird? Die Antwort: ‚Dann war sein Glaube nicht stark genug. Dann wiederholen wir unsere Gebete und fragen den Kranken im­mer wieder: Glaubst du, dass Jesus dich hei­len wird?‘

Kann man etwas dagegen sagen? Genau so steht es doch in unserem Predigttext: Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Man muss den Satz nur umdrehen: Des Nicht-Gerechten Gebet vermag gar nichts, weil es nicht ernstlich ist. Selber schuld.

Strophe 5

Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
Dass du von Gott verlassen seist
Und dass ihm der im Schoße sitze,
Der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
Und setzet jeglichem sein Ziel.

Ach, wie soll ich das glauben?

Heute habe ich das Gefühl, dass ich überhaupt nichts mehr glauben kann. Nicht die Idee einer ausgleichenden Gerechtigkeit, im Volksmund: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Wie un­wahr ist das alles! Wie absurd eine Welt, in der junge Menschen un­heil­bar krank werden und qualvoll sterben und alte Menschen dahinsiechen und nicht sterben können! Und andere wieder leben ein unbeschwertes Leben und sterben zur rechten Zeit.

Und auch das andere will ich nicht glauben: Bekennt also einander eure Sünden und betet für­einander, dass ihr gesund werdet. Im Griechischen: damit ihr gesund werdet. Da mag sich die ‚Bibel in gerechter Sprache‘ noch so herummogeln, indem sie übersetzt: damit Gott euch auch in dieser Hinsicht heilt!

Aus dem Jakobusbrief wurden Zusammenhänge konstruiert, die in der Geschichte der Kir­che – und in vielen Sekten – schlimme Fehlentwicklungen genommen haben. Da hat man das uralte Vorurteil, Krank­heit sei eine Strafe für Sünden, zwischen den Zeilen wieder auf­le­ben las­sen. Da zwang man Tod­kran­ke zur Beichte und schürte die Angst, dass einer, der oh­ne pries­terliche Absolution (Sün­denvergebung) und ohne Krankensalbung – ohne letzte Ölung – starb, dem höllischen Feuer ausgeliefert war. Ja, einem solchen wurde früher sogar ein wür­diges Grab verweigert.

Zwei kirchliche Sakramente in der orthodoxen und in der römisch katholischen Tradition stützen sich auf diesen unseren Predigttext: Beichte und Krankensalbung.

Wie gut verstehe ich da Martin Luther, dass er den Jakobusbrief gering achtete! Eine stroherne Epistel nannte er ihn. Nur: Wie konnte er sich so etwas leisten? Wie konnte er einfach einen Text aus dem NT für unwichtig erklären? Gegen mächtige Traditionen...

Strophe 3

Man halte nur ein wenig stille
Und sei doch in sich selbst vergnügt,
Wie unsers Gottes Gnadenwille,
Wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
Der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Drei wichtige Sätze des Evangeliums enthält die letzte gesungene Strophe: Gott ist gnädig, Gott hat uns auserwählt, Gott weiß, was uns bedrängt.

Und Luther hat sich diese Sätze auf die Brille geschrieben, mit der er die Bibel, also auch den Jakobusbrief las. Denn sein Leseprinzip lautete: Die Bibel legt sich selbst aus. Richtschnur ist dabei das, „was Christum treibet“. Christus und die Bot­schaft seines Lebens und Sterbens ist die Summe der Schrift, an der alle Ein­zel­aus­sa­gen gemessen und aus der heraus sie gedeutet werden müssen.

Lassen Sie uns also noch einmal von vorne anfangen und den Predigttext mit dieser Brille wiederlesen.

Ich höre dann darin: Die Heilszeit Jesu gilt auch uns.

Glaube – Sündenvergebung – Hei­lung. Wir kennen diesen Dreischritt aus den Evangelien. Je­sus trat als Heiler auf. Wie viele an­dere zu seiner Zeit auch. Viel aufregender als dies ist aber in den Erzählungen, dass er mit der Vollmacht auftrat, Sünden zu vergeben, einer Voll­macht, die sonst nur den Priestern zu­stand. Und dass er für diese Sün­den­ver­ge­bung keine Leis­tungen verlangte, keine Opfer, kei­ne Sühnegebete, keine Rituale. Dein Glaube hat dir ge­holfen, heißt es stattdessen. Ganz schlicht. Du bist gerecht, erwählt, begnadigt, geliebt. Die Hei­lungs­geschichten im Neuen Tes­ta­ment sind äußere Zeichen für das, was im Innern der Men­schen, die auf Jesus trafen, ge­sche­hen ist: eine Befreiung, ein Neuanfang.

Und das wollte der Jakobusbrief, wie ich ihn jetzt lese, weitergeben. Es heißt ja: der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.

Der Herr wird uns aufrichten. Die Gesunden und die Kranken. Aber für die Kranken (und die Sterbenden) ist diese Botschaft eben noch wichtiger als für die Gesunden. Sie brau­chen viel mehr Zu­spruch und Zuversicht. Sie brauchen Menschen, die mit ihnen beten, wenn sie es selbst nicht oder nicht mehr können. Sie brauchen Menschen, die sie freund­schaft­lich be­rüh­ren, mit oder ohne Duft- und Salböl, die sie in ihrer Krankheit mit Respekt behandeln, die ihnen zu­hö­ren, wenn sie etwas auf dem Herzen haben, und die ihnen die zuvor­kom­men­de Lie­be Gottes im­­mer wieder zusprechen.

Also: Das wären doch gute Ratschläge aus dem Jakobusbrief! Auch für unsere Zeit!

Keine neu­en Schranken sind aufzubauen! Keine neuen Be­dingun­gen einzuführen, die der Frei­­­heit wi­dersprechen, in der Jesus sich Menschen zuwandte. Glaubst du wirklich richtig? Be­test du ernst­haft genug? Hast du gültig gebeichtet? Hast du die Regeln der Rituale erfüllt? Glaubst du auch an Wunder? Nichts davon!

Die Heilszeit Jesu gilt auch uns.

Aber auch diese Zusage birgt die Gefahr eines falschen Verständnisses. Wir dürfen uns nicht in der illusionären Hoffnung wiegen, die Heilszeit Jesu lasse sich durch seine Nach­fol­ger, lasse sich durch Menschen in unsere Zeit hinein holen. Ja, wir sind berechtigt, Sün­den­ver­­ge­bung zu­zu­spre­­­chen. Dazu sind wir beauftragt. Die Or­dinierten und die Christen und Chris­tinnen über­haupt, weil alle zum allgemeinen Priestertum der Glaubenden gehören. Aber wir dürfen uns nicht anmaßen, dass wir auch dazu beauftragt seien zu heilen oder Wun­der zu erbitten. Jesu his­torische Gegenwart lässt sich nicht wiederholen und nicht imi­tie­ren. Dafür gibt es keine Stell­­ver­tre­­tung. Und – wie ich meine – darf man um solche Hei­lun­gen auch nicht beten. Als könne man Gott er­­pres­sen und herausfordern, sich dann wun­der­wir­kend zu zeigen, wenn wir es wollen.

Das Gebet, es ist eine Lebenshaltung. 13Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand gu­ten Mutes, der singe Psalmen. Beten soll man offensichtlich immer. Wenn man fröhlich ist und Grund zur Dankbarkeit hat, dann lässt sich das singen. Und wenn man leidet, dann lässt sich das im Innersten klagen. Das Gebet ist eine Lebenshaltung, kein Ausweg für Notfälle, in de­nen – wie es heißt – „nur noch beten“ hilft.

Und wieder ist es sinnvoll, auf Jesus zu blicken. Er selbst hat ja so gelebt, stets im Kontakt mit dem, den er Vater nannte. Im fröhlichen Lobpreis vor dem Mahl und im verzweifelten Auf­schrei in Angst und Leiden.

Strophe 7

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
Verricht das Deine nur getreu
Und trau des Himmels reichem Segen,
So wird er bei der werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
Auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Gott verlässt uns nicht. So gelesen können wir jetzt auch dem Jakobusbrief zustimmen.

Aber viele Fragen bleiben. Was ist nun konkret mit den Kranken? Was leisten unsere Für­bit­ten im Got­tes­­dienst? Wie können wir auf Erhörung hoffen? Hat es denn überhaupt einen Sinn in Not­si­tua­tio­nen zu beten?

Da bin ich wieder beim schwierigen Anfang.

Im Text steht nun einmal etwas vom Gebet des Gerechten! Im Text steht nun einmal die Re­gen­machergeschichte des Elias! Wie lässt sich das mit Luthers Brille lesen? Ich denke, dazu braucht man noch eine zweite, nämlich die der historischen Bibelwissenschaft.

Ich glaube, der Verfasser des Jakobusbriefes wollte seinen Lesern Mut machen. Mut durch ein Beispiel aus der Schrift, das sie alle kannten. Der Prophet Elija war nach alttesta­ment­li­chem Sprachgebrauch ein Gerechter, einer, der ein – nein, eine ganze Menge von Wundern voll­bringen konnte. Erzählt wurden seine Geschichten als Beweis, dass die Priester des Baal und die verhasste Königin Isebel, die den Glau­ben an den einen Gott bekämpften, im Un­recht sind. Es waren Legenden, die den Eingottglauben fes­­­ti­gen sollten. Und auch im Ja­ko­bus­brief geht es um diesen Eingottglauben in einer Welt voll verschiedener Götter und Re­li­gio­nen. Wir lesen das Gebot, in Krankheit zu beten, fälsch­lich so, als sei es eine Alternative zum Arztbesuch. Und dann lehnen wir es ab. ‚Geh nicht in die Klinik, hol dir lieber einen Geistheiler!‘ So war es im Jakobusbrief aber gar nicht gemeint. Schon deswegen nicht, weil es die­se Alternative überhaupt nicht gab. Ärzte – das war in der Antike etwas für ein paar Rei­­che, die sich das leisten konnten. Die meisten Menschen hatten dazu keinen Zu­gang. Sie wa­­ren oft Quacksalbern und Scharlatanen ausgeliefert. Oder den Priestern am Äskulap­tem­pel. Betet, so mahnt unser Brief, anstatt dem Gott Äskulap einen Hahn zu opfern. Betet, an­statt euch auf zweifelhafte Zaubersprüche einzulassen. Kein Grund also, aus dem Jako­bus­brief eine An­leitung zu obskuren Praktiken abzuleiten.

Gott ist kein Wunderheiler.
Gott ist kein Regenmacher.
Es gibt keine Schutzengel.

Wir dürfen unsere verständlichen menschlichen Wünsche nach langem Leben oder nach gu­ten Lebensumständen oder nach der Unversehrtheit unserer Kinder nicht zu einem Got­tes­ur­teil ma­chen: Wenn er meine Gebete erhört, glaube ich an ihn. Wenn nicht, dann wird es ihn auch nicht geben.

Aber wir müssen unsere Schwachheit, unseren Zweifel und unsere Hoffnungslosigkeit auch nicht zu einem Menschenurteil machen: Wenn ich ernstlicher gebetet, zuversichtlicher geglaubt, christlicher gelebt hätte, wären meine Gebete erhört worden.

Gott ist kein Wunderheiler. Aber ich kann meine Ängste und Hoffnungen für mich oder für an­­­­dere vor ihn bringen. Und dann ist beides möglich: Das Gebet um die Kraft, das Aus­blei­ben eines Wunders auszuhalten. Oder der Psalm voll Dankbarkeit über unerwartete Hei­lung.

Gott ist kein Regenmacher. Aber ich kann meine Ängste und Hoffnungen für meine Umwelt und die ganze Erde vor ihn bringen. Und dann ist beides möglich: Das Gebet um Hilfe und Hilfs­bereitschaft für mich oder für andere. Oder ein fröhliches Erntedankfest.

Es gibt keine Schutzengel. Das ist vielleicht die schwierigste Erkenntnis. Wir danken alle Gott für viele erfahrene Bewahrung von uns und unseren Kindern und Enkeln. Aber es gibt auch verzweifelte Momente, wenn solche Bewahrung ausbleibt. Dann – und nicht nur dann – ist es wichtig zu wissen, dass andere für unsere Seelen-Heilung beten.

Strophe 2

Was helfen uns die schweren Sorgen,
Was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
Beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
Nur größer durch die Traurigkeit.

Aus solch großer Traurigkeit möge uns Gott heraushelfen. Und vor Verzweiflung ebenso schüt­­zen wie vor Gleichgültigkeit. Und sein Friede, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus. AMEN


Gudrun Kuhn, Ältestenpredigerin, Nürnberg