Predigt zur Jahreslosung 2011

von Johannes de Kleine, Übach-Palenberg

Predigt am Silvesterabend 2010 über Röm 12,21
Kreuzkirche in Übach-Palenberg (Boscheln)

Die Jahreslosung für das morgen beginnende neue Jahr steht im 12. Kapitel des Römerbriefes: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Damit uns das besser verständlich wird, was der Apostel will, lese ich auch die vorangehenden Verse:
"Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Das Böse, von dem Paulus spricht, hat ein konkretes Gesicht. Es ist mächtig und wirksam in unserem Leben. Es bedrängt und überwältigt uns. Das Böse heißt Unfrieden, Rachsucht, Egoismus, Gleichgültigkeit oder Bosheit.
Das Böse ist eine Macht. Aber es ist kein unabänderliches Schicksal, dem wir Christenmenschen uns fügen müssten.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!
Das Böse in unserem Leben und auf diesem Erdball muss nicht das letzte Wort behalten. Gott hat angefangen, das Böse mit Gutem zu überwinden. Dafür steht das Kind in der Krippe von Bethlehem. Zeichen der Macht der göttlichen Liebe, die der Macht des Bösen überlegen ist.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!
So wie das Böse konkret ist, so ist auch das Gute konkret, hat ein Gesicht.
Etwa so: Lass dich nicht von deinem Egoismus überwinden, sondern überwinde deinen Egoismus, indem du deinen Mitmenschen mit im Blick hast.
Lass dich nicht von der Rachsucht überwinden, sondern überwinde deine Rachsucht, indem du Vergebung Wirklichkeit werden lässt.
Lass dich nicht von Hass und Streit überwinden, sondern überwinde sie, indem du Schritte des Friedens gehst.
Lass dich nicht von deiner Gleichgültigkeit überwinden, sondern überwinde sie, indem du das Leben aller Menschen auf dieser Erde als Teil deines Lebens begreifst.
Ihr Lieben, das klingt gut, hört sich gut an. Gut gebrüllt, Löwe, gut gesprochen, Paulus.
Der Rückblick nicht nur auf das zuende gehende Jahr aber wird uns vermutlich lehren, das das Überwinden des Bösen mit Gutem eher selten funktioniert hat.  
Der Heidelberger Katechismus drückt diese Lebenserfahrung aus, indem in der 127. Frage zum Unser Vater formuliert:

"Was bedeutet die sechste Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“?
Damit beten wir: Aus uns selbst sind wir so schwach,
dass wir nicht einen Augenblick bestehen können.
Auch hören unsere erklärten Feinde, der Teufel, die Welt und unser eigenes Wesen, nicht auf, uns anzufechten.“

Genau das ist es: das Böse, das Negative, das Destruktive und Lebensverachtende, das Gemeinschaftsschädigende ist Teil dieser Welt, aber auch Teil unseres Wesens. Aber es ist nicht unabänderlich.
So fährt der Heidelberger Katechismus fort:  
„Darum erhalte und stärke uns durch die Kraft deines Heiligen Geistes, dass wir ihnen fest widerstehen und in diesem geistlichen Streit nicht unterliegen, bis wir endlich den völligen Sieg davontragen.“

Das ist der Weg, das ist die Lösung, die Befreiung, die Rettung, der Anfang des neuen Weges: Gott stärkt uns durch die Kraft des Heiligen Geistes, seiner Leben schaffenden Macht, damit uns erste, kleine Schritte gelingen, die das Böse mit Gutem überwinden. Nur so und nicht anders kann das gelingen: nur durch Gottes Geist, nur mit seiner tatkräftigen Hilfe.
Vielleicht entdecken wir beim Rückblick auf unser Leben und auf dieses endende Jahr doch Spuren solcher kleinen Anfänge. Vielleicht sind uns erste Schritte zur Versöhnung gelungen, zur Vergebung, zur bedingungslosen Hilfe. Indem wir Gott dafür danken, gewinnen wir schon wieder neue Kraft für neue Anfänge.
Unser Leben zwischen Gut und Böse. Eine kleine Geschichte macht deutlich, was in dieser Situation hilft.

Zwei Wölfe
Eine alte Indianerin saß mit ihrer Enkelin am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden, das Feuer knackte, die Flammen züngelten zum Himmel.
Die Alte sagt nach einer Weile des Schweigens: „Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam.
Der andere ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“
„Welcher der beiden wird den Kampf in deinem Herzen gewinnen?“, fragte das Mädchen.
Bedächtig antwortete die Alte: „Der, den ich füttere.“

Den guten, liebevollen, sanften mitfühlenden Wolf in uns füttern. Wie macht man das? Ganz einfach: indem wir Gottes Lebensbotschaft, wie sie uns in der Bibel begegnet, uns zum täglichen Brot werden lassen. Und indem wir Gott täglich und immer wieder von neuem bitten, dass seine Kraft uns hilft, das Böse mit Gutem zu überwinden. Mehr als kleine und fehlerhafte Anfänge werden uns im neuen Jahr und in diesem Leben nicht gelingen. Aber diese kleinen Anfänge sind unsere Aufgabe, zu der uns Gott das Gelingen schenken will. Und so werden wir Christenmenschen dazu beitragen, dass auf diesem Erdball Friede, Gerechtigkeit und die Bewahrung der guten Schöpfung Gottes ein immer deutlicheres Gesicht bekommen. Mit Gottes kräftiger Hilfe und zu seiner Ehre.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Abschied von der Kreuzkirche. Zum letzten Mal Gottesdienst, zum letzten Mal Lieder und Gebete und Gemeinschaft am Tisch des Herrn in dieser Kirche.
Am 19. August 1979 habe ich hier meinen ersten Gottesdienst in dieser Gemeinde gehalten. Damals hatte gerade ein Unwetter einen Baum an der Westseite der Kirche schwer mitgenommen. Und so ähnlich fühlen sich viele unter uns: als ob ein Unwetter über uns hereingebrochen ist, das Unwetter, das den Namen „Finanzprobleme“ trägt, und dem diese Kirche als erste im Kirchenkreis Jülich zum Opfer fällt.
Ich könnte jetzt noch einmal alle Fakten und Argumente aufzählen, die das Presbyterium zu dem Beschluss geführt haben, diese Kirche abzugeben. Aber das würde uns heute Abend nicht helfen.
Wir nehmen heute Abend Abschied. Wir trauern um ein Gebäude, das für ungezählte Menschen kirchliche Heimat symbolisiert hat. Für das sie sich eingesetzt, ja Opfer an Zeit und Geld gebracht haben.
Wir nehmen heute Abend Abschied. Und dazu gehören ungezählte Erinnerungen an fröhliche und traurige Momente in dieser Räumen, an Gottesdienste und Trauerfeiern, an die Gemeinschaft am Tisch des Herrn, an Taufen, Konfirmationen und Trauungen, an Silber- und Goldhochzeiten, an Gemeindefeste und Frauenhilfsstunden und neue Glocken, an Kirchlichen Unterricht und Kinder- und Jugendarbeit, an Konzerte und Gemeindeversammlungen, an Sitzungen von Presbyterien aus Gemeinde und Region, an Synodaltagungen, an intensive Arbeit des Bauausschusses für den Erweiterungsbau, an gute Gespräche und streitbare Diskussionen.
Wir erinnern uns daran, dass in diesem Haus Menschen Gott begegnet sind, und dass Menschen einander begegnet sind.
Weil das für uns mit dem heutigen Tag endet, sind viele von uns traurig, manche enttäuscht, wütend, verzweifelt.
Und, Ihr Lieben, alle diese Gefühle haben ihr Recht und ihren Platz. Auch und vor allem heute Abend in diesem Gottesdienst, wo wir mit allem zu Gott kommen, was uns bewegt. Hier ist genau der richtige Ort, all das loszuwerden, was uns an Gedanken und Gefühlen bewegt an diesem Abend.
Hier können wir sicher sein, dass Gott uns wahrnimmt und ernstnimmt mit dem, was uns belastet.
Zum Abschied gehört neben der Trauer die Dankbarkeit. Und wir haben allen Grund, Gott zu danken für 57 Jahre Gemeindeleben in der Boschelner Kreuzkirche. Gott zu danken für alles, was uns an Gutem widerfahren ist in diesen Räumen. Für sein Wort und Sakrament, für Zuspruch und Anspruch durch seine Lebensbotschaft, für gute Begegnungen und Gespräche, für seinen Segen, der auf den Menschen gelegen hat und liegt, die ihren Fuß in dieses Gemeindezentrum gesetzt haben.
Und ich denke, Gott gebührt Dank dafür, dass die Kreuzkirche auch in Zukunft ein Gotteshaus bleiben wird, eine Stätte der Begegnung von Menschen mit Gott. Und dass auch in Zukunft hier das Wort Gottes laut werden wird, das Menschen ermutigt und beauftragt.
Dazu wünschen wir der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Gottes Segen.

Ihr Lieben!
So wichtig und angebracht die Trauer beim Abschied von diesem Gebäude ist und die Enttäuschung, der Ärger, die Wut – sie dürfen und werden nicht das letzte Wort behalten.
Denn: Gottes Weg mit uns in dieser Gemeinde geht weiter.
Gemeindeleben findet weiterhin statt. Und wir alle sind eingeladen, dabei zu sein und mitzumachen. Auch wenn uns die ersten Schritte möglicherweise schwer fallen – mit Gottes starker Hilfe werden wir uns auf neue Wege einlassen können. Und wir werden feststellen: Es wird uns gelingen, unsere Trauer durch neue Zuversicht zu überwinden, unseren Ärger durch gestaltendes Mitmachen, unsere Enttäuschung durch die handelnde Freude der befreiten Kinder Gottes.
Wenn wir mit der neuen Situation destruktiv umgehen, laufen wir in die Falle, von der die Jahreslosung spricht: dann siegt das Böse über das Gute. Gott aber will es umgekehrt haben:
Auch in der Evangelischen Kirchengemeinde Übach-Palenberg kann, soll und wird das Gute das Böse überwinden.
Und wir alle miteinander werden erleben: Gott geht auch auf neuen Wegen an unserer Seite, verlässlich wie eh und je.
Und auch auf den neuen gemeindlichen und persönlichen Wegen im neuen Jahr und in aller Zukunft gilt, was uns der Heidelberger Katechismus in seiner ersten Frage und der Antwort darauf mit auf den Weg gibt:

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland 
Jesus Christus gehöre.

Er hat mit seinem teuren Blut
für alle meine Sünden vollkommen bezahlt
und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst;
und er bewahrt mich so,
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel
kein Haar von meinem Haupt kann fallen,
ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.

Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens gewiss
und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.

Weil wir das glauben und darauf unser Vertrauen setzen, können wir es wagen, getrost in das neue Jahr zu gehen und alles daran zu setzen, uns nicht vom Bösen überwinden zu lassen, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden.
Mit Gottes Hilfe und zu seiner Ehre!
Amen.

Die Geschichte "Zwei Wölfe" ist in verschiedenen Variationen überliefert und online veröffentlicht. Der Prediger hat sie in einem Buch entdeckt: „Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten“, Andere Zeiten e.V. Hamburg, 2010  
Heidelberger Katechismus zitiert nach der revidierten Ausgabe 1997, 3. Auflage, Neukirchener Verlag 2006
Röm 12, 17-21 nach der Zürcher Bibel 2007

Pfr. Johannes de Kleine, Übach-Palenberg