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Wächter, wie weit ist es in der Nacht?

Gedenkgottesdienst am 27. Januar 2008 in Bunde

Ohne Titel - ©Andreas Olbrich

Liturgie eines ökumenischen Gottesdienstes zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, namentlich an Abraham Ries, Bunde.

Eingangswort/Begrüßung
Lebensweg von Abraham Ries
Informationen zu Auschwitz
Schülerumfrage
Gebet/Schuldbekenntnis
Predigt zu Jesaja 21, 11-12
Opfergedenken

Vorspiel: Orgel/ Posaunen

Eingangswort und Begrüßung:
Liebe Gemeinde! „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Es kann geschehen, überall“, schreibt der Auschwitz-Überlebende Primo Levi. Und genau darum, weil es „geschehen ist“ und weil „es wieder geschehen kann“, „überall“, darum haben wir uns heute, am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, hier zu einem Gottesdienst versammelt.
Seit 1996 ist der 27. Januar der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ und im Jahr 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen diesen Tag zum internationalen Holocaustgedenktag. Am 27. Januar 1997 haben wir unseren ersten Gedenkgottesdienst hier im Rheiderland gefeiert - und dann wieder und wieder, in jedem Jahr.
Heute sind wir dankbar, dass fast alle Gemeinden des Rheiderlands, zur Gottesdienstzeit am Sonntagvormittag, hier in Bunde einen ökumenischen Gottesdienst feiern. Danke, dass das möglich geworden ist!!
Der Name Auschwitz steht in ganz besonderer Weise für das Grauen und den Vernichtungswillen, für den Versuch „der Auslöschung der europäischen Juden durch die Nazis“.
Der Name Auschwitz steht in ganz besonderer Weise dafür, dass man „eine Kategorie von Menschen bis hin zum kleinen Kind nicht für dies oder jenes schuldig erklärte, sondern für schuldig des Seins erachtete. Ihre Schuld war die Existenz, war der bloße Anspruch auf Leben – und darum wurde genichtet – vernichtet.“
Wir möchten heute der Opfer gedenken und mahnen, dass nie mehr sein darf, was doch geschehen ist.
Wir feiern diesen Gottesdienst
Im Namen des Vaters, der ganz Ohr für alle Klage ist,
im Namen Jesu Christi, der mit uns fragt: warum.
Im Namen des Heiligen Geistes, durch den wir der Erinnerung standhalten
und Kraft finden, für eine menschliche Zukunft zu arbeiten. Amen.

Lesung: Psalm 22
Gemeindelied: EG 144,1.2.3 „Aus tiefer Not …“

Thematischer Teil: Abraham Ries, Bunde

Name des Vaters: Moritz Ries
Name der Mutter: Röschen van Dijk
Gewerbe des Vaters: Manufakturhandel
Wohnort der Eltern: Bunde
Tag der Geburt: 24. Dezember 1885
Name des Kindes, und zwar des Knaben: Abraham

So ist die Geburt von Abraham Ries im Geburtsregister der Synagogengemeinde Bunde erfasst. Er entstammte einer hier seit langem ansässigen Familie; sein Vater betrieb in dritter Generation einen Manufakturhandel. Abraham Ries besuchte die Schule in Bunde und machte danach eine Kaufmannslehre.
Im Juli 1920 heiratete er und begann, sich eine berufliche Existenz aufzubauen: dazu kaufte er einen Manufakturwarenladen in der Ortsmitte. Neben den Geschäftsräumen verfügte das Gebäude im ersten Stock über Wohnräume für das Ehepaar Ries und den 1922 geborenen Sohn Ernst.
Abraham Ries war gesellschaftlich angesehen und geschäftlich erfolgreich: er hatte einen großen Kundenkreis aus allen Schichten der Bevölkerung. Zeitzeugen beschreiben ihn als einen sehr korrekten sowie großzügigen und hilfsbereiten Menschen: So konnten Familien mit geringem Einkommen bei ihm „anschreiben“ lassen.
Das Jahr 1933 brachte für die Familie Ries – wie für die gesamte jüdische Bevölkerung - einschneidende Veränderungen: Der Boykott jüdischer Firmen, zu dem die Nationalsozialisten aufriefen, traf auch die Familie Ries. Anfang April 1933 war ihr Geschäft Ziel dieses Boykotts; SA-Männer standen vor dem Laden und verwehrten Kunden den Zutritt. Es war eine bittere Ironie des Schicksals, dass zu diesen SA-Männern auch zwei Brüder einer Familie gehörten, der Ries häufig finanziell entgegengekommen war.
Wohl noch ganz unter dem Eindruck dieser und anderer Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung schrieb Abraham Ries Ende April 1933 ein Gedicht, das einen tiefen Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt vermittelt:

„Mir ist’s ums Herz so bang und schwer,
Ich habe keine Heimat mehr!
Zum Deutschtum soll ich nimmer mich bekennen,
Ich darf mich nicht mehr Deutscher nennen.

Und dennoch lieb ich dieses Land,
In dem schon meine Wiege stand.
Hier rief der Herrgott mich ins Sein,
Hier ruhet der Eltern totes Gebein.

Und ob man ächtet und meidet mich,
Deutsch denke ich und fühle ich.
Wer will mir mein Empfinden rauben?
Ich muß an Deutschlands Zukunft glauben.

Deutschland wird herrlich auferstehn,
Dies Land wird niemals untergehn.
Und steh ich auch weit und breit allein,
Ich kann doch Jude und Deutscher sein.“

Diese Zuversicht sollte sich als trügerisch erweisen; vieles musste die Familie Ries in der Folgezeit ertragen. So wurde gleich nach der sog. „Machtergreifung“ an der Seite des Hauses von Ries ein Schaukasten angebracht, in dem die jeweils aktuelle Ausgabe der antisemitischen Hetzschrift „Der Stürmer“ ausgehängt wurde. Obwohl Ries Eigentümer des Hauses war, konnte er sich nicht dagegen wehren.
War der Boykott jüdischer Geschäfte nach einigen Tagen vorüber, so zeigte er doch Wirkung: immer weniger Kunden kamen in das Geschäft von Ries, manche Menschen trauten sich erst nach Geschäftschluss im Schutz der Dunkelheit einige Waren zu kaufen. Zu groß war die Angst, gesehen und als Judenfreund denunziert zu werden und dann mit unliebsamen Konsequenzen rechnen zu müssen.
Ernst, der Sohn von Abraham und Helene Ries, musste die Realschule in Weener verlassen und eine Schule in Winschoten besuchen. Zudem machte der jugendliche Ernst die Erfahrung, dass er in zunehmendem Maße in Bunde isoliert wurde: viele nicht-jüdische Jungen, die er für seine Freunde hielt, wandten sich von ihm ab. Ernst Ries drückte seine Erfahrungen so aus: „Ich war im Laufe der Zeit isoliert und verlassen, und zwar in einem Ausmaß, das für den Rest meines Lebens Einfluss auf mich gehabt hat.“
Als kaum noch Kunden in sein Geschäft kamen, versuchte Ries in den umliegenden Ortschaften Waren an der Haustür zu verkaufen, hatte jedoch kaum Erfolg. So sah Ries sich im April 1938 gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen; den Kaufpreis erhielt nicht die Familie Ries, sondern der Staat.
Es kann wohl niemand ermessen, wie viel Enttäuschung und Leid, welche Einsamkeit und Verzweiflung die Familie Ries – glühende Patrioten und mit der Heimat fest verwurzelt - durchmachen musste, bis sie sich schließlich zur Aufgabe gezwungen sah. Resigniert bereitete Abraham Ries im Sommer 1938 die Ausreise seiner Familie in die Niederlande vor.
Im November desselben Jahres erlebte auch Bunde die Reichspogromnacht. Die Familie Ries, der die Ausreise noch nicht erlaubt worden war, sowie die anderen Bunder Juden wurden von SA-Männern aus dem Schlaf gerissen, festgenommen und zum Gemeindebüro abgeführt. SA-Leute durchwühlten die Wohnung von Ries und beschlagnahmten Geld der Familie und der jüdischen Gemeinde, deren Kasse Ries verwaltete.
Abraham und Ernst Ries wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen transportiert. Dort erlebten die beiden Unvorstellbares: brutale Schläge bei der Ankunft, stundenlange Appelle bei eisigen Temperaturen, denen viele der Gefangenen körperlich nicht gewachsen waren, Häftlinge, die Selbstmord begingen, indem sie absichtlich in den elektrischen Zaun rannten, eine völlig unzureichende Nahrung, harte, auszehrende Arbeit auf Baustellen, trotz der Novemberwitterung nur bekleidet mit der dünnen Häftlingskleidung.
Anfang Dezember wurde Ernst Ries aus dem Lager entlassen, sein Vater Abraham Ries kurz vor Weihnachten. Schon Ende desselben Monats verließ Ernst Ries seinen Heimatort und zog zunächst zu Verwandten in Winschoten, wohin seine Eltern ihm Ende Januar 1939 folgten.
Vor der Ausreise bemühte sich Abraham Ries intensiv um den Verkauf des früheren Lehrerhauses der jüdischen Gemeinde, deren Interessen er vertrat. Dieser Verkauf gestaltete sich langwierig; Ries ging es darum, dass der Verkaufserlös zumindest teilweise auch jüdischen Familien in Bunde und Jemgum zugute kommen sollte.
Abraham Ries war herzkrank; die Aufregungen sowohl um den Verkauf des Lehrerhauses als auch um die eigene Ausreise forderten schließlich ihren Tribut: „nach einem erneuten Herzschwäche- und Ohnmachtsanfall” am 24. Januar musste die Ausreise verschoben werden. In welcher Verfassung Ries in jenen Tagen war, wird aus einem Brief deutlich, in dem er schreibt, dass “ich ja entweder bald fort bin oder hier noch sterbe.”
Ende Januar verließ Abraham Ries mit seiner Frau Helene seinen Heimatort, an dem er so hing; die mehr als 130jährige Geschichte der Familie Ries in Bunde war zu Ende.
Über Winschoten gelangte das Ehepaar Ries nach Amsterdam in ein Aufnahmelager für jüdische Flüchtlinge und ein Jahr später, im März 1940, in das niederländischen Lager Westerbork. Es war zu jener Zeit – vor dem deutschen Einmarsch – ein Aufnahmelager für deutsche Flüchtlinge, die nach Übersee ausreisen wollten. Ernst Ries, der in dem Lager als Dolmetscher tätig war, erhielt im Frühsommer 1940 die beantragte Ausreiseerlaubnis in die USA. Seine Eltern durften ihn nach Rotterdam begleiten und verabschiedeten ihren Sohn dort im August 1940; es war das letzte Mal, dass Ernst Ries seinen Vater sah.
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen diente Westerbork ab Juli 1942 insbesondere dazu, Juden -  und zwar sowohl aus Deutschland geflüchtete als auch niederländische - dort zu internieren, um sie dann mit Güterzügen in osteuropäische Vernichtungslager zu transportieren. Insgesamt fuhren von 1942 bis 1944 über hundert solcher Transporte aus Westerbork ab; mit dem vorletzten am 4. September 1944 mussten Abraham und Helene Ries gemeinsam mit 2085 weiteren Gefangenen Westerbork verlassen. In einem Güterwaggon führte die Fahrt über Groningen auch durch Bunde und schließlich nach Theresienstadt.
Dort wurde Abraham Ries von seiner Frau getrennt und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert. Während zwischen dem Abtransport aus Westerbork und der Ermordung der Juden in einem Vernichtungslager zumeist vier bis sechs Tage vergingen, dauerte das Martyrium des Abraham Ries länger: am 18. Oktober 1944, mehr als sechs Wochen nach dem Abtransport aus Westerbork wurde Abraham Ries, 58 Jahre alt, in Auschwitz ermordet.
Seine Frau Helene überlebte den Holocaust; schwer erkrankt wurde sie im Sommer 1945 von ihrem – als amerikanischer Soldat in Deutschland kämpfenden – Sohn Ernst in Theresienstadt gefunden und gelangte nach ihrer Genesung mit ihm in die USA, wo sie im Jahre 1995 – fast 100 Jahre alt – starb, sechs Jahre nach ihrem Sohn Ernst.

Chor: Cantabiles und Cantiamo „Du bist, Du warst“ nach Psalm 8

Kurze Informationen zu Auschwitz:
Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Auschwitz war das größte nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager in der Nähe der polnischen Stadt Oswiecim (deutsch = Auschwitz). Ab Ende 1943 bestand Auschwitz aus drei selbständigen Lagerbereichen: dem Stammlager, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz; dort wurde 1941 für die I.G. Farben eine Produktionsstätte errichtet. Allein Auschwitz-Birkenau umfasste eine Fläche von 175 ha und zur Zeit der Höchstbelegung waren dort mindestens 100.000 Häftlinge untergebracht. Aber das schwankte. Denn ständig kamen aus ganz Europa neue Züge mit Häftlingen an und die Vernichtungsmaschinerie lief von Jahr zu Jahr auf immer höheren Touren.
Die Lebensverhältnisse der Häftlinge in Auschwitz waren in jeder Hinsicht unmenschlich. Die Todesrate infolgedessen sehr hoch. Massensterben durch Typhus, Ruhr, Cholera, Vernichtung durch Arbeit, Misshandlungen und willkürliche Tötungen. Anfang September 1941 begannen die ersten Tötungen von Häftlingen im Stammlager mittels Zyklon B. Als die Vernichtung der Juden im Rahmen der so genannten Endlösung anlief, war ein Vernichtungsapparat mit großer Kapazität erforderlich. Es wurden in Auschwitz Birkenau Gaskammern und Krematorien errichtet. Die Gesamtzahl der in Auschwitz getöteten Juden liegt bei etwa 1,5 Millionen Menschen.

Schülerumfrage: „Wenn ich Auschwitz höre, dann denke ich…..“
In 9. und 10. Klassen einer Rheiderländer Realschule haben wir gefragt, was den Schülerinnen und Schülern einfällt, wenn sie den Namen Auschwitz hören: „Wenn ich Auschwitz höre, dann denke ich …“. Ein Drittel der befragten Jugendlichen gab an, dass ihnen zu Auschwitz „nichts einfällt“.
Einige Gedanken der Schülerinnen und Schüler möchten wir ihnen vorstellen:
„Wenn ich an Auschwitz denke, dann werden Erinnerungen wieder wach, obwohl ich nicht in der Zeit gelebt habe. Aber ich habe Mitleid mit Menschen, die nur wegen ihrer Religion ihr Leben lassen mussten.
Wenn ich Auschwitz höre, fühle ich Hass auf die damalige Zeit und Trauer für die Leute, die Unfühlbares durchmachen mussten.
Wenn ich Auschwitz höre, dann denke ich, wie brutal es doch gewesen ist. Wieso das alles? Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand so verrückt ist, dass ihm das alles egal ist. Ich fühle Hass, aber auch Trauer in mir. Hass auf die, die einfach zuschauen, und Trauer für alle, die es miterlebt haben und da starben. Hätte ich eine Möglichkeit, es rückgängig zu machen, würde ich es sofort tun.“
“Wenn ich Auschwitz höre, dann denke ich an die Juden, die dort bestialisch umgebracht wurden. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll, da ich mir das gar nicht vorstellen kann.
Wenn ich Auschwitz höre, dann denke ich an das schlimmste Vernichtungslager der Nazis, an Juden, an die Nazis, an einen dunklen Himmel, an Angst und Schrecken.
Wenn ich Auschwitz höre, dann denke ich, dass sich das Ganze nicht wiederholen darf.
Wenn ich Auschwitz höre, dann habe ich eine Wut im Bauch, weil da früher im 2. Weltkrieg viele ermordet wurden. Schrecklich!
Wenn ich Auschwitz höre, dann fühle ich Hass gegenüber Hitler, weil er so viele unschuldige Menschen tötete; egal ob sie Juden waren, oder den Wehrdienst verweigert haben, oder behindert waren. Ich wünschte, die Taten, die Hitler begangen hat, könnten rückgängig gemacht werden.

Orgel: Fantasie in C-Moll von Johann Sebastian Bach

Gebet/Schuldbekenntnis:
Herr, unser Gott,
wenn wir an Auschwitz denken und an alles Entsetzliche,
für das dieser Name steht - was ist der Mensch,
dass er zu solchen Verbrechen fähig ist?
Und wie kann es sein, dass die Täter von damals oft,
mitunter sogar bis heute, nicht einmal wahrhaben wollen,
was sie angerichtet haben?

Gott, wenn wir an Auschwitz denken, fragen wir uns:
Sind wir wirklich anders?
Können wir besser widerstehen,
und uns dem Bösen verweigern?
Können die heutigen Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt auf uns zählen?
Merken sie etwas von unserem Entsetzen?
Und sind sie weniger allein und ausgeliefert?

Gott, Auschwitz weckt so viele Fragen,
im Blick auf uns Menschen,
aber auch im Blick auf dich:
Warum hast du die Ermordung deines Volkes zugelassen?
Warum die Vernichtung so vieler, vieler Menschen, die doch nichts anderes wollten als in deiner Schöpfung zu leben und glücklich zu sein?
Warum bist du den Tätern nicht in den Arm gefallen?
Warum hast du zu all dem geschwiegen?
Gott, du bist uns manchmal unheimlich und fremd
und wir selber sind es uns auch.
Wir bitten dich:
Lass uns nicht zerbrechen an dem Dunkel,
das sich vor uns auftut.
Lass uns gerade da zu dir rufen und schreien,
wo du uns auf schreckliche und unheimlich Weise verborgen bist.
Herr, unser Gott, lehre uns diese einfache und doch so schwierige Kunst,
menschliche Menschen zu werden. Amen.

Gemeindelied: EG 412, 1-4  „So jemand spricht….“

Predigt zu Jesaja 21, 11-12 von Pastor Jürgen van Wieren

„Ausspruch über Duma.
Zu mir ruft man aus Seir:
„Wächter, wie weit ist es in der Nacht?
Wächter, wie weit in der Nacht?“
Der Wächter sagt:
„Der Morgen ist gekommen,
und noch ist es Nacht.
Wollt ihr fragen, so fragt!
Kommt noch einmal zurück!“ (Jesaja 21, 11-12)

(Übersetzung aus dem Jesaja-Kommentar von Willem A. M. Beuken)

Das kleine Lied, liebe Gemeinde, ist schlicht und einfach aufgebaut. Aber es enthält einen verstörenden Sinn, einen Wider-Sinn. Bricht es doch mit einer Folge, der fundamentalen Aufeinanderfolge von Tag und Nacht. Gleichzeitig sind sie da: der Tag und die Nacht.
Ja, gerade wegen dieser „Verstörung“ hat das Lied auch wohl „etwas“, wie man so sagt, und ist vielleicht sogar „schön“ zu nennen.

Es erscheint allerdings auch wie eine Rätselrede oder wie ein „Metapherngestöber“. Was sollen diese Bilder? – Werd mal konkret, möchte man einfordern! Und noch dazu: Auch wenn dieses Lied mehr als 2.500 Jahre alt ist, so soll es doch den „historischen Graben“ überwinden und zu uns heute sprechen, an diesem Tag, an dem wir an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Und da holt uns womöglich eine Debatte ein, die in den 50er und auch 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts heftig geführt wurde. Damals huschte ein geflügeltes Wort vor allem in der Bundesrepublik, aber auch anderswo, über viele Schreibtische, über Katheder, Kanzeln und durch viele Medien: Das Wort des Philosophen Adorno, dass es „nach Auschwitz“ keine Gedichte mehr geben könne.
Dieses Wort war eine Art Fundamentalkritik gegen das, was man als die „Lehre vom Schönen“ bezeichnen könnte. Also jener Lehre, dass die Welt nur sozusagen ästhetisch zu rechtfertigen sei, eben durch die „schöne Pracht“ der Worte, der Musik, der Kunst und Kunstwerke, der Architektur. Und die Größe und Bedeutung des Menschen sei doch, dass er in der Lage ist, das Schöne zu schaffen und in sich aufzunehmen. Eine Sicht, die wir in Deutschland vor allem auch mit dem Namen Weimar verbinden.

Klingt darum dieses Wort „man könne keine Gedichte mehr schreiben“ nicht so, als wollte da einer „nach Auschwitz“ nicht nur den Vögeln das Singen, den Bäumen das Blühen und der Sonne das Leuchten, sondern auch den Menschen das Menschsein verbieten?

Doch - und nur darauf soll es heute hinausgehen -, was unterscheidet den Menschen von den Vögeln, den Blumen und der Sonne? Ist es nicht auch, ist es nicht auch ein Erschrecken? Ist es nicht dieses Entsetzen über die Offenbarung der Unmenschlichkeit des Menschen, die sich in Auschwitz ereignete?
Dieses Entsetzen über den entsetzlichen Menschen, der sich und andere entsetzlich entstellen kann?
Dieses Erschrecken, das ihm die Sprache verschlägt, seinen Gesang unterbricht und ihm die Sonne verfinstert.
Sind wir Menschen wirklich menschenfreundlicher, wenn wir solches Erschrecken des Menschen über den Menschen erfolgreich vergessen können?
Klingen nicht für immer Schreie herüber, von Buchenwald nach Weimar, ein Weniges nur voneinander entfernt?

Auch vom Gebirge Seir, liebe Gemeinde, klingt es herüber, rufend herüber, fragend.
Nein, nicht neugierig wird hier gefragt. So also, als ob man mit einer gehörigen Portion Distanz über dieses und jenes informiert werden möchte.
Das hebräische Verb „fragen“ meint auch ein „Suchen“, ein „Erbitten“, ein „Erflehen“. Menschen flehen - und flehen. Die Wiederholung im Text unterstreicht die Dringlichkeit. – Menschen in der Nacht „erflehen“ - das Ende der Nacht. „Es ist Zeit, dass es Zeit wird. Es ist Zeit.“

Und es tut sich uns auf „eine Landschaft aus Schreien.“
Menschen in Nacht eingehüllt und aus der Nacht heraus schreien, seufzen, wimmern, sind selber eine einzige Frage: Wann ist die Nacht vorüber!

Nacht. Sie steht für die Bedrohung des Lebens, für Ausgrenzung, Verschleppung, Entwurzelt werden, Demütigung, Leiden, Schmerz und Tod.
Nacht. Sie steht für Ängste, Tränen, Gewalt, für Auseinander gerissen werden.
Nacht. Sie steht für keine Aussicht mehr, für Nichts, Niemand, nur eine Nummer noch ... verschwinden. ...
Nacht. Sie steht dafür, dass der Mensch über den Menschen kommt. „Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. ... Und als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“

Es genügt ein Weniges nur an Berührung und die Worte unseres Textes beginnen zu sprechen, zu schreien, sind Ausdruck des Leidens.
So, liebe Gemeinde, sind unserem kleinen Lied Erfahrungen eingeprägt, in ihm sind Erfahrungen aufbewahrt: Leidenserfahrungen. Den Bildern sind geschichtliche Daten eingeritzt, eingeschrieben. Sie sind „wirklichkeitswund“!
Und darum ist dieser Text überliefert, weitergegeben an die Generationen – bis hin zu uns. Selbst da, wo die Erinnerungen verblassen oder nur noch erzählte Erinnerungen sind, sollte der „Welt ein Gedächtnis“ bleiben: ein Leidensgedächtnis. Ein Gedächtnis davon, dass selbst da, wo es „Morgen geworden ist“, die „Nacht doch auch da ist.“
Gleichsam die „Nachtseite“ des Lebens und der Geschichte sollte aufbewahrt bleiben. Dass wir sie nicht vergessen im Fortgang, im Fluss der Zeit, im „schönen Schein“ und im angeblichen „Fortschritt“ der Geschichte. Längst spricht dieses kleine schlichte Lied auch schon zu uns heute, hier. Denn wir haben alle eben eine neue Erfahrung mit unserem Text, mit der „Nachtseite“ des Lebens gemacht. Wir haben uns an das Schicksal von Abraham Ries erinnern lassen.
Und die Erinnerung weist uns auch ins Heute, ins Morgen. Denn selbst da, wo mir der Morgen kommt und es taghell in meinem Leben ist; wo ich im Glück bin; wo mir die Sonne scheint, mir vieles gelingt und ich mit meinem Leben zufrieden bin; wo ich von Leiden, von Gewalt und Bedrohung und Hass verschont bleibe; selbst da gilt es zu bedenken, ja zu fühlen, sensibel dafür zu werden, was die gleiche Zeit mit anderen Menschen macht: Zeitgenossen – Zeitgenossinnen: sie doch alle. Sie doch vor allem – die auf der „Nachtseite“ zu stehen kommen.
„Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die andern Leben hinüber,
Und die Leichten sind an die Schweren
Wie an Luft und Erde gebunden“

Liebe Gemeinde,
„Wächter, wie weit ist es in der Nacht?
Wächter, wie weit in der Nacht?“
Wie ein Kommentar zu diesem Text aus dem Propheten Jesaja erscheint jene kleine berühmte Geschichte von dem Rabbi, der seine Schüler fragte: „Wie erkennt man, dass die Nacht zu Ende geht und der Tag beginnt?“ Die Schüler fragten: „Ist es vielleicht dann, wenn man einen Hund von einem Kalb unterscheiden kann?“ „ Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es dann, wenn man einen Feigenbaum von einem Mandelbaum unterscheiden kann?“ „Nein", sagte der Rabbi. „Wann ist es dann?“ fragten die Schüler. „Es ist dann“, sagte der Rabbi, „wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“
Ja, bis dahin ist die Nacht noch bei uns, ist sie bei uns, immer noch bei uns.

Und Gott?
Von ihm ist in diesen zwei Versen aus dem Propheten Jesaja mit keinem Wort die Rede. Gott will in diesem Lied erst entdeckt werden. Gott will immer erst entdeckt werden. Nein, nicht als ob Gott nicht da wäre.
Von Anfang an spricht unser kleines Lied auch von IHM. Viemehr noch: Es spricht zu IHM. Und wie es zu IHM spricht! Denn Menschen "in der Nacht" sitzen ja an keinem Schreibtisch und stehen auf keiner Kanzel. Sie schreien sich selbst - in Gottes Ohr. Und da wird in unserem Lied Gott als der entdeckt, der in seiner Abwesenheit anwesend ist.
ER ist da, als der da, der abwesend ist. Gott wird vermisst. Ob wir das wohl von Ferne, „aus fernen Nächten“, ein wenig kennen: Gott zu vermissen? "Ich vermisse dich. Wir vermissen dich." In diesem Satz steckt die Mutter aller Theologie. Manchmal vermisst man die Mutter doch sehr, in unseren Reden von Gott angesichts des Bösen, des Leids, des Schreis - angesichts einer Gottesrede "nach Auschwitz".
Längst war uns das kleine Lied auch zum Gebet geworden. Nach Gott wird gefragt und gefragt, zu ihm wird geschrieen.Dass das Ende der Nacht kommt. Dass nicht immer gleichzeitig kommt Tag und Nacht. Ja, wer, wer sollte das in seinem Kommen mit sich bringen, als Gott allein! Im Schrei aus der Nacht wird Gott um nichts anderes als um sich selber gebeten! Komm du – und nicht mehr komme die Nacht!

Gemeindelied: EG 651 „Freunde, dass der Mandelzweig …“

Opfergedenken (mit Kerze für jede „Opfergruppe“):
Gott, lass dein Licht leuchten über die Opfer.
Sieh an jedes einzelne der vergessenen Gesichter.
Lass uns dein Angesicht in jedem Opfer von Krieg, Gewalt und Terror wieder erkennen.

Gott, lass dein Licht leuchten über die Millionen Jüdinnen und Juden,
die ermordet wurden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Gott, lass dein Licht leuchten über die behinderten Menschen,
deren Leben als lebensunwert galt, was sie ihr Leben kostete.

Gott, lass dein Licht leuchten über die Sinti und Roma,
die in den Konzentrationslagern vernichtet wurden.

Gott,lass dein Licht leuchten über den vielen Verschleppten, den Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern, die daran starben, dass ihre Lebenskraft in der deutschen Wirtschaft verbraucht wurde.
Gott, lass dein Licht leuchten über Wehrdienstverweigerer und Deserteure, über Pazifisten und Bibelforschern, die bis zum letzten Kriegstag mit dem Tod bestraft wurden.

Gott, lass dein Licht leuchten über Schwule und Lesben,
verfolgt, verachtet und getötet in Konzentrationslagern.

Gott, lass dein Licht leuchten über Kommunisten und Sozialdemokraten, die als politische Gegner verfolgt wurden, oft bis in den Tod verfolgt wurden.

Gott, lass dein Licht leuchten über die Widerstandskämpferinnen und -kämpfer,
die Zivilcourage mit Folter und Tod bezahlen mussten.

Gott, lass dein Licht leuchten über die Opfer.
Sieh an jedes einzelne der vergessenen Gesichter.
Lass uns dein Angesicht in jedem Opfer von Krieg, Gewalt und Terror wieder erkennen.

Stilles Gedenken: Schweigeminute

Chor: Cantiamo und Cantabiles „So ist  Versöhnung….“
Abkündigungen: Kollekte: AMCHA
AMCHA ist das Nationale Zentrum für Psychosoziale Unterstützung von Holocaust-Überlebenden und deren Familien in Israel. AMCHA ist ein hebräisches Wort und bedeutet »Dein Volk«. In Israel gibt es heute noch mehr als 200.000 Überlebende des Holocaust. Viele waren bei Kriegsende noch Kinder. Ihre traumatischen Erlebnisse wie Verfolgung, Deportation, Selektion, Hunger, Folter, Zwangsarbeit und die Ermordung von Angehörigen gehen nicht mit der Zeit verloren. Das Leben vieler Überlebender ist dadurch heute noch physisch und psychisch stark beeinträchtigt. Ziel der Arbeit von AMCHA ist, ein Zusammenwirken von gegenseitiger Hilfe, bewusster Erinnerungsbearbeitung und Schmerzbewältigung zu erreichen, sowie ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Überlebenden und ihre Familien sicher fühlen und verstanden werden.

Unser-Vater-Gebet und Segen:
Gott, gedenke unser nach deiner Gnade
Lass uns dein Licht leuchten
Und führe uns auf den Weg des Friedens.

Gemeindelied: EG 171, 1 – 3 „Bewahre uns, Gott …“
Orgel/ Posaunen: Nachspiel


Ökumenischer Arbeitskreis Rheiderland „Gedenkgottesdienst 27. Januar“
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Der Opfer des Nationalsozialismus gedenken

Der Ökumenische Arbeitskreis Rheiderland „Gedenkgottesdienst 27. Januar“ stellt sein Synodalverbandsprojekt vor.
27. Januar, ökumenischer Gedenkgottesdienst in Bunde

Die Kirchengemeinden aller Konfessionen im Rheiderland laden am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zu einem zentralen ökumenischen Gottesdienst ein.