Religiöses in Marons Roman ZWISCHENSPIEL und mein Glaube an Gott

Schenkt Religion Geborgenheit? Notat to go von Barbara Schenck

Ruth, eine Museumspädagogin Anfang 60, sagt von sich selbst, sie glaube weder an Gott noch an Globuli. Sie bete zwar, wisse aber nicht zu wem, ihr Himmel sei leer. Ruth ist die Erzählerin in Monika Marons neuem Roman "Zwischenspiel". Sie vertritt die These: Die Religion mache sich "sogar für Atheisten spürbar wieder breit" und es sei denkbar, "dass in absehbarer Zeit die eigene Lebensform sich nur verteidigen lasse, wenn an sie religiös begründen könne".

In diesem Sinne durchzieht religiöse Deutung den Roman. Etwa so: Ein großer honigfarbener Hund gesellt sich zur halb schlafend vor sich hin dämmernden Ruth auf der Parkbank. Er leckt ihren Handrücken, rückt nicht von ihrer Seite und verleiht Ruths "einsamen Umherschweifen" einen "gewissen Sinn", ja, seine Gegenwart beschert der Romanheldin zwar nicht eine "göttliche", auch nicht "schicksalhaft" zu nennende Fügung, aber doch "etwas Religiöses, wenigstens etwas dem Religiösen Ähnliches". Die Begegnung mit dem Hund enthält eine "Botschaft", die sich jedoch bei dem Versuch, sie in Worte zu fassen, atomatisiert. Angedeutet nur wird die Versöhnung, die ein Mensch in der Freundschaft mit seinem Hund suchen kann. "Stellvertretend" für all' die Verachtung, die misshandelten Tiere widerfährt, dient die Beziehung zu dem einen Hund der "Achtung vor der Autonomie des Lebens".
Ruths Sicht auf das Religiöse zeigt mir: Mein Glaube ist wohl doch nicht religiös.
In dem "Glauben an den einen sorgenden Gott" sieht Marons Ich-Erzählerin "die Unfähigkeit, das unfassbare Geheimnis zu ertragen", dessen "winziger Bestandteil" wir Menschen sind. Nun denn, mir geht's trotz Gottvertrauen wie dem Prediger, der das Werk Gottes sieht, aber das Geschehen unter der Sonne nicht begreifen kann. Zum irdischen Geheimnis kommt nur noch das meines Gottes hinzu.
Ruth kennt Momente, in denen sie Menschen beneidet, die "an einen Gott und ihr Weiterleben nach dem Tod glauben". Als ob's dann einfacher wäre, sich im Leben zurecht zu finden? Alle, die Gläubige beneiden, seien gewarnt: Eine Losung wie "Gott nahe zu sein ist mein Glück" hat einen trügerischen Schein. War etwa Jesus glücklich mit seinem Vater? Macht Religion gelassen, macht sie 'reif'? Schenkt sie Identität? Heimat, Geborgenheit, Frieden mit mir selbst? Beten wir, bitten wir Gott um Gott - wie Hiob, der mit Gott streiten will, weil er Gott nicht versteht, weil er, der Gerechte, nicht fassen kann, für welche Vergehen er so hart bestraft wird. Etwa für Jugendsünden? Den Gott, der uns trägt, besingen wir nicht ohne Grund als den, der Lasten auf uns legt.
So hilflos es mir beim Blick auf die Schuld im eigenen Leben anmuten mag, Trost in der Zuwendung eines Hundes zu finden, der als ein von Schuld freies Lebewesen "unfähig ist, das Falsche zu tun, weil er es nicht kennt", so ratlos stehen andere vor dem Kreuz des Erlösers, so unbeholfen menschlich wirkt Jakob, als er nach einer einzigartigen Begegnung mit Gott, einen Stein aufrichtet und mit Öl übergießt.
Monika Marons "Zwischenspiel" ist mir zu einem Spiegel geworden, meinen Glauben zu betrachten. Das ist vermutlich ihrer unaufdringlich offenen, heiter gelassenen Weise des Erzählens zu verdanken. Kunst bringt mehr als ein Lesevergnügen, huscht es mir als Schlusssatz durch den Kopf, doch solche Worte könnten missverstanden werden als religiöse Überhöhung.

Quellen:
Monika Maron, Zwischenspiel, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2013.
Erich Zenger mit seiner Auslegung zu Psalm 73, in: ders., Ich will die Morgenröte wecken. Psalmauslegungen 2, Freiburg, Basel, Wien 1994, 232.

 


Barbara Schenck, 6. November 2013
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