Wunder I

pixel.theologie – Wort V

©Foto: Andreas Olbrich, Reigoldswil

Wunder - im Theologiestudium aufgeklärt abgeklärt analysiert, im Design des 21. Jahrhunderts ein Wunsch im Wochenplan.

Die Wunder Jesu, die Wunder der Propheten: Teilung des Meeres für den gefahrlosen Durchzug der Flüchtenden, Brotvermehrung, Heilung einer Kranken, gar Auferweckung eines Toten – im Theologiestudium werden sie gedeutet: als Formate antiker Literatur, die symbolisch von Blindheit und nötiger Heilung sprechen, oder als Erzählung von der göttlichen Kraft im charismatischen Heiler. Damit das Wunder des Heilers Jesus Christus wirkt, bedarf es allerdings des Glaubens der Kranken..

Wer an allgemeine Naturgesetze glaubt, dem erscheint ein Bruch dieser Gesetze als Wunder. Ein Wunder dieser Art für möglich zu halten, ist nicht allein dem religiösen Glauben überlassen. Zur Wissenschaft gehört die Annahme, jede momentan noch so sichere Erkenntnis, könnte sich als falsch erweisen. Ein Wunder wird zur Herausforderung, die Thesen zu optimieren. Die Frage ist dann weniger, was ein Wunder sei, als was unter einem Naturgesetz zu verstehen sei und ob es notwendigerweise unabänderlich sei.
Theologisch-philosophisch-naturwissenschaftliche Gehirnakrobatik mal beiseitegeschoben: Wer will schon ernsthaft die Hoffnung aufgeben, dass einmal ein Wunder geschehe?

Das Wunder von heute hat seinen Ort in der Seelsorge. Ein Mann Mitte vierzig fühlt in sich nur noch gähnende Leere, kann sich zu nichts motivieren, empfindet keine Freude. Eine Ärztin diagnostiziert eine Depression. Der Mann sucht das seelsorgerliche Gespräch mit einem Pfarrer. Der lädt ihn ein zu einem Gedankenexperiment:
„Stellen Sie sich vor, der Tag verläuft wie immer. Abends kommen Sie nach Hause, machen alles so wie immer und gehen dann zu Bett. Irgendwann schlafen Sie ein. Und dann geschieht etwas: ein Wunder. Alle Probleme, die Sie gerade beschäftigen, sind gelöst. Sie merken das aber nicht, denn Sie schlafen. Woran merken sie am nächsten Morgen, wenn Sie aufwachen, dass ein Wunder geschehen ist?“
Und dann beginnt die Erzählung, wie die Zukunft zu gestalten sei. Für das „real life“ wird der Start in den nächsten Tag designt.
Das „Wunder“, etymologisch gewachsen aus dem Verworrenen, Unergründlichen, wird verwandelt in den zu erfüllenden Wunsch.

Quellen / Literatur:
Das Gedankenexperiment zum „Wunder“ ist einem Artikel von Heimito Nollé entnommen in bref, dem neuen Magazin der Reformierten, Ausgabe 2/2016 vom 29. Januar -
http://brefmagazin.ch/

Liste der Worte aus pixel.theologie

(Stand 5. Februar 2016)

Barmherzigkeit

Geduld

Genießen

Schnee

Wunder

 

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