'Eklatante Armut'

Manfred Rekowski bestärkt Bedeutung von Kirchen und Sozialverbänden für Bedürftige

Kinder sind für manche finanziell nicht vorstellbar. Viele wachsen unter HartzIV-Bedingungen auf © Pixabay

Einsatz für mehr Gerechtigkeit und für den Schutz der Schwachen: Das hat der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland gefordert.

„Wir müssen öffentlich und offen davon sprechen, was und wer uns bewegt: der Glaube an den menschenfreundlichen Gott, den Vater Jesu Christi, der Glaube an Jesus Christus und an Gottes guten Geist“, sagte der oberste Repräsentant der rheinischen Kirche in seinem jährlichen Bericht vor der Landessynode. So wichtig und richtig das Tun der Kirche sei, so sehr liege ihm auch daran, „dass nicht verborgen bleibt, von wem und von welcher Hoffnung wir uns dabei bewegen lassen. Es ist die Hoffnung auf Gottes kommendes Reich. Dies ist unser Markenzeichen als Kirche Jesu Christi, gerade auch dann, wenn wir öffentliche Verantwortung wahrnehmen“, so der 60-jährige Theologe: „Wir sind nicht die, die ein bestimmtes sozialpolitisches Konzept vertreten und deshalb unhinterfragbare Modelle zur Veränderung des Sozialstaates präsentieren. Wir hören aber auf Gottes Wort, das unmissverständlich unseren Einsatz für mehr Gerechtigkeit und für den Schutz der Schwachen fordert. Genau deswegen sind viele Frauen und Männer in Diakonie und Kirche karitativ oder anwaltschaftlich tätig.“

Am Beispiel der Sozialpolitik machte Präses Rekowski deutlich, wo der Glaube zum Handeln dränge. So wachse ein großer Prozentsatz der Kinder in unserem reichen Land unter Hartz-IV-Bedingungen auf. Untersuchungen haben ergeben, dass ungeplante Ausgaben von vielen nicht zusätzlich zum tagtäglichen Lebensunterhalt gestemmt werden können. „All das“, machte Rekowski deutlich, „bedeutet keine eklatante Armut, wie wir sie aus anderen Ländern oder aus früheren Zeiten kennen. Und doch steht sehr vielen Menschen tagtäglich vor Augen, wie fragil ihre soziale Lage ist. Dies ist die Situation nach fast einem Jahrzehnt ungebrochenen Wirtschaftswachstums! Deshalb ist es richtig und wichtig, dass Kirchen und Sozialverbände auch in diesen prosperierenden Zeiten nicht nachlassen, für die Perspektive derer einzutreten, die in unserer Gesellschaft am Rande stehen.“

Zugleich mahnte Manfred Rekowski eine intensivere Diskussion über Bio- und Gentechnik an. Dabei hat er die neue gentechnische Methode, die landläufig „Genschere“ genannt wird und die die Möglichkeit eröffnet, das Genom der menschlichen Keimbahn gezielt zu verändern, ebenso im Blick wie einen nicht invasiven pränatalen Test auf Down-Syndrom, der als Regelleistung der Krankenkasse vermutlich dazu führen wird, dass Kinder mit dieser Chromosomenveränderung einfach nicht mehr geboren werden. Rekowski wörtlich: „Die Diskussionen bio- und medizinethischer Fragen müssen intensiv geführt werden. Anderenfalls verändern sich schleichend ethische Standards mit weitreichenden Folgen für betroffene Menschen, aber auch für uns alle im gesellschaftlichen Miteinander!“

Parteilichkeit für die Bewahrung der Schöpfung

Eine besondere Herausforderung liegt für die rheinische Kirche im Norden des Kirchengebiets vor der Haustür: Seit vielen Jahren sind die Verantwortlichen der Kirchenkreise in den vom Braunkohletagebau betroffenen Regionen in intensiven Gesprächen sowohl mit denen, die im Tagebau arbeiten, als auch mit denen, die ihre angestammte Heimat verloren haben und noch verlieren. „Insgesamt sind fünf unserer Kirchenkreise vom Braunkohletagebau betroffen. Dort leben über 450.000 evangelische Gemeindeglieder. Ich danke allen, die solche Gespräche, in denen in der Regel unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, führen. Dennoch gibt es durchaus eine Parteilichkeit der Kirche, die von ihrem Auftrag und ihren biblischen Wurzeln her gefordert ist. Das ist einmal die Parteilichkeit für die Armen. Und das ist die Parteilichkeit für die Bewahrung der Schöpfung“, unterstrich Präses Rekowski.

Herausforderungen gebe es aber auch mit Blick in die Kirche, unterstrich der oberste Repräsentant von mehr als 2,5 Millionen Gemeindegliedern zwischen Niederrhein und Saarland: „Im Jahr eins nach dem Reformationsjubiläum müssen wir beim Blick in die Statistik zur Kenntnis nehmen, dass die Zahlen der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher weiter gesunken sind. Bewirken unsere Gottesdienste, und wie wir sie feiern, möglicherweise eine weitere Milieuverengung? Wir sind auch hier eine veränderungsbedürftige Kirche. Ich bin deshalb dankbar für alle Initiativen von Gemeinden und Presbyterien, die sich auf den Weg machen, neue und weitere Formen christlicher Spiritualität auszuprobieren und zu leben, und für die der Gottesdienst nicht nur eine abzuarbeitende Routineübung ist. Das Gelingen liegt nicht in unserer Hand. Wohl aber haben wir für eine möglichst gute Qualität zu sorgen, damit Gott und den Menschen Raum zur Begegnung eröffnet werde.“


Quelle: EKiR
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