Erinnerung verpflichtet zum Handeln

Kirchen mahnen am Holocaust-Gedenktag


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Am 27. Januar erinnerten evangelische Kirchen an die Opfer der Shoah und warnten vor wachsendem Antisemitismus. Gedenken, so ihre Botschaft, ist kein Ritual, sondern Auftrag für die Gegenwart.

Der Berliner Bischof Christian Stäblein (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) rief dazu auf, der sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden nicht als abstrakter Zahl zu gedenken, sondern als Menschen mit Namen, Gesichtern und Lebensgeschichten. Erinnerung bedeute, so Stäblein, dass jeder Einzelne zähle und bis heute fehle. Der Gedenktag sei Mahnung und Auftrag zugleich, denn Antisemitismus und Rechtsextremismus seien gegenwärtig und bedrohten jüdisches Leben ebenso wie die offene Gesellschaft. Als evangelische Kirche wisse man um die eigene Schuldgeschichte und besondere Verantwortung. „Nie wieder“ sei kein bloßer Gedenksatz, sondern Gegenwart, betonte Stäblein, und verpflichte zum Handeln.

Auch Präses Adelheid Ruck-Schröder (Evangelische Kirche von Westfalen) hob die Bedeutung des Erinnerns hervor. Angesichts des millionenfachen Mordes der Shoah stellte sie die Frage, wie überhaupt über Auschwitz gesprochen werden könne, und erinnerte mit Hannah Arendt daran, dass hier etwas geschehen sei, „womit wir alle nicht mehr fertig werden“. Es sei ein Geschenk, dass diese Menschen ihre Geschichten noch erzählen könnten; Zuhören sei der Anfang, müsse aber ergänzt werden durch das Nachfragen nach der eigenen Familien- und Ortsgeschichte.

Ruck-Schröder betonte, dass Kirche und Gesellschaft Teil dieser Geschichte seien. Viele hätten mitgemacht oder geschwiegen, auch in der Kirche sei Widerstand die Ausnahme gewesen. Daraus erwachse Verantwortung für das Heute. Jüdinnen und Juden fühlten sich in Deutschland zunehmend unsicher, antisemitische Übergriffe nähmen zu. Das dürfe nicht hingenommen werden – weder als Christinnen und Christen noch als Bürgerinnen und Bürger. Der Holocaust-Gedenktag habe mit der Gegenwart zu tun, und es komme auf jede und jeden Einzelnen an, sich Antisemitismus entgegenzustellen und für eine Gesellschaft einzutreten, in der jüdisches Leben sicher und beheimatet ist.


Quelle: EKBO/EKvW