Vom Weihnachtsparadox

Merkwürdig ist das Fest, voller Widersprüche. Notat to go

Ein paar der Paradoxien seien kurz genannt:

- Die Geburt Jesu Christi ist wahrlich nicht das höchste Fest im Kirchenjahr, aber wir machen das größte Brimborium darum. Im Deutschen können wir sogar sagen: es weihnachtet. "Es ostert" kennt der Duden nicht.
- Aus der kirchlichen Fastenzeit im Advent wurde die vierwöchige Weihnachtsbäckerei.
- In reformierten Kirchen, die ein Kreuz an der Wand als Verstoß gegen das Bilderverbot ablehnen, steht eine Krippe.
- Der große Gott wird "gerneklein".
- Den im Stall unter Tieren geborenen Messias feiern wir mit Gänsebratenschmaus.
- Das Fest des Friedens birgt ein hohes Potential an Familienkrach.
- Der Heilige Abend ist ein Geburtstagsfest. Geboren zu werden heißt, an einem bestimmten Ort zu einer besonderen Zeit zur Welt zu kommen. Geboren zu sein macht einzigartig, im Gegensatz zum Tod, der alle gleich macht. Doch das Einzigartige der Geburt wird recht einheitlich gefeiert mit Sternen- und Kugelschmuck, Tannengrün, Gesang, dem Geschmack von Zimt und Geschenken.
- Die Geburt des Messias ist der Anfang von etwas Neuem, wie auch unsere Geburt uns zu Anfängern macht. Menschen sind imstande, Prozesse zu unterbrechen und etwas Anderes zu beginnen. Das zeigt die Gebürtlichkeit. Doch beim Geburtsfest unseres Erlösers darf das O-du-Fröhliche nicht fehlen, die Gans soll schmecken wie immer und wehe, der Baum ist nicht mit echten Kerzen geschmückt wie früher bei den Eltern.
- Wohl in keiner anderen Zeit im Kirchenjahr wird uns so eindringlich Elend und Not anderer ins Herz geschrieben. Und doch: Weihnachten zu feiern macht glücklich.

Das Widersprüchliche gehört wohl zum einzigartigen Flair des Weihnachtsfestes. Die Paradoxien sind Teil der "Ärgernisse, ohne die wir ärmer dran wären" und sie reizen zu verstehen: "Wie um Himmels willen könnte das einen Sinn ergeben?"
Die Botschaft des Festes jedoch, die kann auch das Paradox nicht fassen: "Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids."
Frohe Weihnachten!

Zitate:
"gerneklein" - Kurt Marti.
Paradoxien als "Ärgernisse" - Martin Seel, in: ders., Paradoxien der Erfüllung. Philosophische Essays, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 2006, 8.
Vom Reizvollen der Paradoxien schreibt Gábor Paál, in: Was ist schön? Ästhetik und Erkenntnis, 205, zit. nach WIKIPEDIA.
Die Entdeckung des Denkens von der Geburt her anstatt auf den Tod zu verdanke ich Hannah Arendt und ihrer Rede von "Gebürtlichkeit".


Barbara Schenck, 23. Dezember 2013