Was ist das?
Was ist das?
Oft wird ‚Wort Gottes‘ so gebraucht, als wäre damit eine wortwörtliche Ansage Gottes an uns Menschen gemeint. Entsprechend wird angenommen, die Bibel sei von Gott diktiert. Diese Annahme ist von dem Wunsch geleitet, Gott genau verstehen zu können, sich nach seinen Vorgaben richten zu können und Andere entsprechend zu belehren. Mit dem ‚Wort‘ ist aber mehr gemeint als die Aneinanderreihung von Buchstaben, Worten und Sätzen. Und jede Anmaßung einer alleingültigen Auslegung verbietet sich.
Die Grundhaltung des Glaubens ist die des Hörens. Zuallererst hören wir aufeinander, wozu die Gemeinde der geeignete Ort ist. Beim Hören einer Predigt, aber auch beim eigenen Lesen in der Bibel oder in Gesprächen über den Glauben erschließt sich uns das Wort Gottes als etwas, das uns inspiriert, durch das wir uns in Frage stellen lassen und das uns bei Entscheidungen hilft. Sobald wir uns das Wort Gottes verfügbar machen, uns also die Autorität anmaßen, Gott verstanden zu haben und Andere belehren zu dürfen, verliert es seinen Zauber und seine Bedeutung.
Georg Rieger
Manche Begriffe halten sich unermüdlich, obwohl sie lange nicht mehr das treffen, was sie beschreiben sollen. Das Zusammentreffen am Sonntagvormittag in den Kirchen ist schon lange keine Verpflichtung mehr, sondern ein Angebot. Auch die Vorstellung, dass die Gläubigen Gott dienen, sollte spätestens seit der Reformation aus den Köpfen verbannt sein. Wenn jemand dient, dann ist es Gott, der uns Vertrauen schenkt und uns ermutigt. Auch die Dankbarkeit, die wir ihm dafür entgegenbringen, sollte nicht als ‚Dienst‘ bezeichnet werden, weil verpflichtende Dankbarkeit keine wirkliche Dankbarkeit ist.
Der Gottesdienst ist freilich trotzdem mehr als eine ‚Veranstaltung‘ für die Gläubigen. Schon gar nicht darf er zur Inszenierung einzelner Personen missbraucht werden. Tragender Gedanke ist vielmehr die Gemeinschaft. Die Glaubenden treffen sich, um miteinander über das zu sprechen, was sie wissen, glauben und woran sie zweifeln. Ob Gott selbst im Gottesdienst anwesend ist und wir ihm in der Kirche nahekommen können, ist der Vorstellungskraft des Einzelnen überlassen.
Gesprächsgrundlage im Gottesdienst ist die Bibel. Der Bezug auf die jahrhundertealten Überlieferungen ist eine Art Selbstverpflichtung. Wir reihen uns in die Geschichte von Menschen und ihren Erfahrungen mit Gott ein und überprüfen daran unsere eigenen Erfahrungen. Somit nehmen wir uns selbst nicht zu wichtig. Demut, Dankbarkeit und die segensreiche Gemeinschaft nehmen wir aus dem Gottesdienst mit in den Alltag.
Georg Rieger
Wenn eigentlich eine Strafe angebracht wäre und von dieser doch abgesehen wird, nennt sich diese großzügige Haltung Gnade. Theologisch ist die Rede von der Gnade Gottes daher meistens fest verbunden mit der Annahme, dass Gott die schuldbeladenen Menschen ‚eigentlich‘ strafen müsse.
Doch die Erkenntnis, dass wir Menschen nicht unschuldig durchs Leben gehen, machen wir auch ohne einen Gott, der uns Strafe androht. Unsere Ideen, die Welt zu verbessern, gehen nicht auf. Wir stehen uns immer wieder selbst im Weg. Und frei von Boshaftigkeit sind wir auch nicht. Wenn wir das nicht leugnen, führt im besten Fall zu einer gewissen Demut und zu Verständnis anderen Menschen gegenüber, die auch nicht alles richtig machen. Wenn es schlecht läuft, können Selbstvorwürfe und Schuldgefühle aber auch quälend werden.
Deshalb ist es eine hilfreiche Vorstellung, dass jemand uns tröstet und ermutigt – nicht weil er herablassend großzügig von Strafe absieht, sondern weil er weiß, was der Sinn und das Ziel dieser Geschichte ist. Und weil er den Weg mit uns geht.
Georg Rieger
Als Moral wird gemeinhin das bezeichnet, was die vorherrschende Meinung über richtiges Verhalten ist, also was von einer Mehrheit oder einer mächtigen Instanz vertreten wird. Daher rührt auch der negative Beiklang des Adjektivs „moralisch“. Wir lassen uns ungern bevormunden. Im persönlichen Umgang reagieren wir daher allergisch auf moralische Besserwisserei. Auch von den Kanzeln möchte niemand mahnende Worte hören.
Auf Facebook, X, Telegram & Co tummeln sich dagegen jede Menge Moralapostel. Ohne Hemmungen wird aus der Anonymität des Internets heraus zum Besten gegeben, was angeblich gut und was schlecht ist. Die Unterschiede, die sich da auftun, sind beunruhigend – auch die Radikalität mancher Ansichten und die mangelnde Dialogbereitschaft.
Solche Entwicklungen zeigen, dass die Diskussion über moralische Themen vernachlässigt worden ist und nachgeholt werden muss. Eine offene Debatte über Menschenbilder, Werte und Normen ist für eine Gesellschaft und auch für die Kirche unabdingbar. Schön wäre, wenn diese Debatte jenseits von Bevormundung und Auflehnung stattfinden könnte.
Georg Rieger