Wenn Schmerz nach Rache schreit

Predigt zu Psalm 137


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Psalm 137 führt in die Abgründe menschlicher Wut und verletzter Sehnsucht. Wie können wir das Dunkle in uns vor Gott bringen, ohne der Rache zu folgen?

Friede sei mit euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt! AMEN.

Liebe Gemeinde, ich muss erst ein paar Vorbemerkungen machen, ehe wir unseren heutigen Psalm lesen, dessen Anfangsworte viel zitiert und wunderbar vertont worden sind, der aber - ich zitiere den Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti - “mit dem wohl abscheulichsten Vers des ganzen Psalters endet”.

Auf solche Worte sollte man nicht unversehens stoßen; deswegen habe ich gar nichts daran auszusetzen, wenn im Gesangbuchanhang dieser Vers ausgelassen wird und mit ihm der gesamte Psalm.

Allerdings sollte diese Zurückhaltung uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bibel auch über schlimme und allerschrecklichste Erfahrungen, die Menschen machen mussten, zu berichten weiß: Betrug, Verrat, Unterdrückung, Vergewaltigung, Mord und immer wieder Krieg.

Wer solches zu erleiden hatte, braucht nichts Wohltemperiertes, nimmt keine lauwarmen Worte in den Mund, sondern wendet sich mit Inbrunst und letzter Hoffnung an Gott, der (Dtn 3235) versprochen hat: Mein ist die Rache und die Vergeltung; wenn es Zeit ist, wird ihr Fuß wanken. Denn nahe ist der Tag ihres Verderbens, und schnell kommt ihr Verhängnis.

Szenenwechsel: 7. Oktober 2023 - der heimtückische Überfall von Terroristen auf feiernde junge Israelis und auf ein Dorf in der Nähe des Gazastreifens.

Wohl alle empathiefähigen Menschen auf der Erde waren entsetzt über diese größte Judenvernichtungsattacke seit der Shoa. Die Menschen, die getötet oder verletzt wurden und ihre Angehörigen sowie die Opfer von Entführung und jene, die um sie bangten, erfuhren Mitgefühl von überall auf dem Globus.

Dann folgte der Gegenschlag, und er überstieg ebenfalls jedes Maß, das man noch hätte nachvollziehen können. Ich komme nicht umhin, die Kriegsführung des Staates Israel gegen die Hamas und ihre Unterstützer, aber auch alle anderen Palästinenser, die ihrer Willkür ausgesetzt waren und sind, als das zu bezeichnen, was es nach den Kriterien des internationen Menschenrechts war: Ein Kriegsverbrechen, das durch nichts, auch nicht das Recht auf Selbstverteidigung, zu rechtfertigen ist.

Wer sich hier selbst zu verteidigen, im Amt zu behaupten suchte, war der Regierungschef jenes Landes, dessen Existenzrecht in Frage zu stellen für uns weder als Christen noch als Deutsche eine Option ist - was aber nicht bedeuten darf, wort- und kritiklos hinnehmen zu müssen, was es an permanenten Menschenrechtsverletzungen in Gaza und im Westjordanland seit Jahrzehnten gegeben hat und noch immer gibt.

Liebe Geschwister, jetzt möchte ich den Psalm 137 vorlesen - übersetzt von Kurt Marti:

An den Strömen Babels saßen wir und weinten, wenn wir des Zion gedachten.

An die Pappeln dort hängten wir unsere Leiern.

Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, hießen uns jubilieren, die uns peinigten: “Singt uns eins von euren Zionsliedern!”

Wie aber könnten wir singen ein Lied des Herrn auf dem Boden der Fremde?

Vergesse ich deiner, Jerusalem, so soll meine Rechte verdorren!

Am Gaumen soll mir die Zunge kleben, wenn ich deiner nicht mehr gedenke, wenn ich Jerusalem nicht über meine höchste Freude erhebe!

Herr, erinnere die Söhne Edoms an den Tag von Jerusalem, als sie sagten: “Reisst nieder, reisst nieder bis auf ihren Grund!”

Tochter Babel, Verwüsterin, wohl dem, der dir tut, wie du uns getan!

Wohl dem, der deine Kinder packt und an einem Felsen zerschmettert!

Liebe Geschwister, bevor ich selbst das Wort wieder ergreife, hören wir erst einmal auf biblische Stimmen:

Der Prophet Hosea (1014) droht seinen eigenen Leuten an: Euer Volk wird Kriegslärm hören müssen und alle eure Festungen werden zerstört. Es ergeht euch wie der Stadt Bet-Arbel, die von Schalman zerstört wurde; man zerschmetterte die Kinder und die Mütter dazu.

Jesaja (1316) kündigt dem Erzfeind Israels, Babylon, den Gerichtstag Gottes an: Wer auf der Flucht entdeckt wird, wird niedergestochen; wen man aufgreift, erschlägt man mit dem Schwert. Sie müssen mit ansehen, wie man ihre Kinder zerschmettert, ihre Häuser plündert und ihren Frauen Gewalt antut.

Ich belasse es dabei, ein drittes Zitat hinzuzufügen - der Prophet Elisa sagt (2 Kön 812) zu dem syrischen König Hasaël: Ich weiß, wie viel Unglück du über die Leute von Israel bringen wirst: Du wirst ihre Städte in Brand stecken, die jungen Männer umbringen, die Kinder am Boden zerschmettern und den schwangeren Frauen den Leib aufschlitzen.

Dass man mit ansehen musste, wie die Kinder ermordet werden, oder dass man die getöteten Kinder zu ihren noch lebenden Eltern in die Viehwaggons warf, in denen sie abtransportiert wurden - das haben jene Unmenschen in die Tat umgesetzt, deren Wiedergänger heute eine 180-Grad-Wende der deutschen Erinnerungspolitik fordern, sich aber gern auf abendländisch-christliche Werte berufen. Worin bestehen die? - Für sie jedenfalls augenscheinlich nicht im Befolgen der Weisungen Gottes für sein Volk.

Wenn Menschen derart Abscheuliches angetan wird - und sie noch nicht einmal (was für mich verständlich wäre) selbst Vergeltung üben, Grausames tun, sondern “nur” ihren Rachephantasien freien Lauf lassen: Ist das wirklich unverzeihlich?

Zwar wird der für gerecht gehaltene Urteilsspruch konkret ausformuliert, dessen Vollstreckung aber immerhin Gott anheimgestellt.

Natürlich ist es edler, auf “Auge um Auge, Zahn um Zahn” zu verzichten und statt dessen die andere Wange hinzuhalten.

Hut ab, wer dazu in der Lage ist, wenn ihm oder ihr Gewalt angetan wurde, schweres Unrecht widerfuhr!

Während Friedrich Nietzsche behauptete, Grausamkeit gehöre zur ältesten Festfreude der Menschheit, hat Arnim Juhre einen Text verfasst, den ich jetzt verlesen möchte : “Gegen den Rachegeist”

Wohl dem, der die Kinder seiner Feinde nicht zerschmettert,

der ihnen die Arme nicht zerbricht,

der die Kugel nicht treffen lässt das Herz, den Kopf, die Eingeweide.

Reisst nieder bis auf den Grund, reisst nieder den Rachegeist.

Die ihr gefangen haltet, wollen euch nicht singen,

die ihr anstachelt, fröhlich zu sein, haben die Harfen weggehängt.

Guter Rat bleibt ungesagt.

Wohl dem, der die Hand nicht wegstößt, die mit Gesten spricht:

Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.

Der Reformator Huldrych Zwingli, der vor seiner Zürcher Zeit Feldprediger gewesen ist, nannte Kriege “eine Schule sämtlicher Laster”, sie entfesseln Gewalt und Grausamkeit; sie lehren “Leichen machen”. (Jean Paul)

Israel habe, so heißt es im Buch der Richter, erst Kriege zu führen lernen müssen, was der Grund dafür gewesen sei, dass Gott die fremden Völker nicht aus Kanaan vertrieben habe.

“Ja, aber hat es Kriege denn nicht schon immer gegeben?”, mag nun gefragt werden. Kurt Marti fand darauf bei dem Ethnologen und Anthropologen M. R. Davie die verblüffende Antwort: “Krieg ist das Geschäft eines Geschlechts.” Die Schweizer Soziologin Carola Meier-Seethaler formulierte: “Der Krieg ist die Angelegenheit der Männer, nicht der Menschen.”

Es geht also nicht um angeborene Aggressionen, die sich irgendwann - schicksalhaft sozusagen - Bahn brechen, sondern um erlerntes Verhalten, das Väter ihren Söhnen vermitteln, Mütter ihren Töchtern jedoch nicht. Nun ja, das ist sehr verallgemeinert, gibt aber eine Tendenz zutreffend wieder.

Es hatte Krieg geherrscht damals, und Jerusalem war zerstört worden. Die Baylonier hatten das Land verwüstet und die Bevölkerung, vor allem die gebildeten Leute, an Euphrat und Tigris verschleppt.

“Singt uns doch mal ein schönes Lied aus Ostpreußen oder aus Schlesien!” - Ungefähr so, wie Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg auf eine solche Provokation hin Schmerz empfanden, muss das für die vertriebenen Israeliten geklungen haben, die ihrer alten Heimat nachtrauerten, die an den Bewässerungsgräben Babylons saßen und Trübsal bliesen.

Der Prophet Jeremia hatte zwar dazu aufgefordert, sich auf einen längeren Aufenthalt in der Fremde einzurichten und sogar gefordert, “der Stadt Bestes” zu suchen, sich also gar nicht mehr von den Einheimischen und deren Interessen abzugrenzen. Aber bis es einmal so weit ist, dass man sich assimiliert hat, ist es ein schmerzensreicher Weg.

Irgendwann hörten die Hebräer auf, in ihrer Muttersprache zu schreiben.

Die Hugenotten, die 1685 nach dem Potsdamer Toleranzedikt nach Brandenburg geflohen waren, feierten in Berlin noch jahrzehntelang ihre Gottesdienste weiterhin auf Französisch; aber dann hatte es sich irgendwann erledigt, man war in der neuen Heimat angekommen, die Trauer wich dem Alltagsleben.

Doch an diesen Punkt sind diejenigen noch nicht gelangt, die den 137. Psalm anstimmen - ganz im Gegenteil verfluchen sie sich selbst im Voraus für den Fall, dass sie die lebendige Verbundenheit mit der Heimat, mit dem Gestern, aufgeben sollten.

Sollt’ ich, Zion, dein vergessen...

Zion - ein zwiespältiges Schlagwort, denn in religiöser Hinsicht ist und bleibt der Tempelberg in Jerusalem der Schemel für Gottes Füße, politisch aber ist die Stadt gespalten. Und “Zionismus” ist in meinen Augen auch nur ein anderes Wort für Nationalismus und damit sehr nahe dran am Chauvinismus, der das eigene Volk größer, stärker, bedeutender als alle anderen findet und also einer der Gründe ist dafür, dass es immer wieder neu zu Kriegen kommt oder (wie im Nahen Osten ) ein Krieg endlos schwelt, auch wenn gerade keine Massaker verübt werden.

Es ist dieser Schmerz, der die Betenden bitten lässt, die Zunge möge ihnen am Gaumen kleben bleiben, wenn nicht mehr von Jerusalem gesprochen würde, und eben dieser Schmerz versteigt sich zu jener grausamen Rachephantasie, mit der unser Psalm endet.

Das sind wahrlich keine schönen Worte.

Aber es sind Worte der Wahrheit, denn auch das Niedrige und Gemeine gehört zu unserem Menschsein, und die Bibel beschönigt an unserem Wesen nichts.

So kann ich zuletzt nur bitten, Gott: Höre, was wir auf dem Herzen haben, auch das Dunkelste, Wütendste - und wandle es in eine Kraft, die leben lässt!

Amen.


Stephan Schaar