Wo Leben bedroht wird, ist reformierte Theologie herausgefordert

Generalsekretär Chris Ferguson im Gespräch mit Phil Tanis


WGRK. Chris Ferguson, Generalsekretär der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK), übernahm im September das Amt von seinem Vorgänger Setri Nyomi, der nach zwei Amtsperioden nicht wiedergewählt werden konnte.

Ferguson, der ordinierter Pfarrer der Vereinigten Kirche Kanadas (United Church of Canada) ist, hat bisher in Kanada, Costa Rica, weiteren Ländern Mittelamerikas, Jerusalem, Kolumbien und bei den Vereinten Nationen gearbeitet.

Phil Tanis: Was hat Sie ursprünglich dazu gebracht Pfarrer zu werden?

Chris Ferguson: Als ich einmal als Teenager nicht wusste, was ich im Sommer tun sollte, drängte mich meine Mutter dazu einen Ferienjob anzunehmen: „Warum hilfst du nicht in einem Sommerferienlager?“ Es bot sich die Gelegenheit in einem Sommercamp auszuhelfen, das von einer Innenstadtgemeinde der Vereinigten Kirche von Kanada auf einer Insel vor Vancouver durchgeführt wurde. Es waren vor allem kanadische Ureinwohner dort, die Ärmsten der Armen, Außenseiter, Jugendliche mit allerlei schlimmen Lebensgeschichten.

Ich sah diese Welt zum ersten Mal als einer, der helfen wollte. Und nach einigen dramatischen Erfahrungen als Betreuer nahm ich mir vor, mehr über das Leben dieser Jugendlichen in der Stadt in Erfahrung zu bringen. Ich ging dort hin und wen ich da antraf, der sich für diese Leute einsetzte in ihren schweren Situationen, das war die Kirche und die Vorbilder, die ich fand, waren diese ganz unglaublichen Pastoren.

Was ich da an kirchlicher Arbeit sah, war völlig anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich hatte das übliche Bild vom Priesteramt, das mir als 16-Jährigem wenig zusagte – dieses statische, langweilige Predigen eines aufgewärmten Evangeliums vor desinteressierten Zuhörern. Und dann erkannte ich, dass dazu die Aufgabe gehört, das Evangelium dorthin zu bringen, wo die Menschen leben und wo sie leiden.

Kurz gesagt: Ich bin aus der Kirche raus und in die Welt reingegangen, und ich hatte ziemlich eindrucksvolle Vorbilder.

Welche Lehren haben Sie aus Ihrer Zeit als Gemeindepfarrer behalten?

Ich denke, es sind drei:
1) Der erste Schritt in der kirchlichen Arbeit ist dahin zu gehen, wo die Menschen sind, wo das Leiden ist: Hingehen und physisch mit denen zusammen sein, die leiden und verletzt sind.
2) Zweifellos – und das entspricht unserer Tradition – sind wir alle am kirchlichen Dienst beteiligt. Wir nehmen alle daran teil, ob Pastoren oder Gemeindeglieder. Wir sind zusammen zu diesem Dienst berufen.
3) Die Welt missioniert weiterhin die Kirche, ebenso wie die Kirche die Welt missioniert. Gott wirkt durch die Welt, um die Kirche in den Dienst des Evangeliums zu rufen, genauso wie umgekehrt.

Sie scheinen eine besondere Affinität zu sozialer Gerechtigkeit und zu Lateinamerika zu haben. Was hat sie in diese Richtungen geführt, sowohl thematisch als auch geographisch?

Eine einfache Antwort wäre, dass es die Militärputsche in Chile, Argentinien, der schmutzige Krieg, die Revolutionen in Mittelamerika gewesen sind. Aber das war nicht mein intellektueller Zugang. Diese massiven Umbrüche führten dazu, dass meine Welt von Flüchtlingen überflutet wurde. Lateinamerika wurde von diesen schrecklichen Situationen der Vertreibung, der Ungerechtigkeiten usw. heimgesucht, was bedeutete, dass die Menschen von dort flüchteten. Man soll immer den Fremden aufnehmen, denn so haben schon viele ohne es zu wissen Engel beherbergt. So ist Lateinamerika zu mir gekommen, und es schien dann nur konsequent, dorthin zu gehen, um mit den Brüdern und Schwestern in Lateinamerika zu sein und mit ihnen zu teilen, was sich teilen ließ.

Man kann sich nicht um alles kümmern, aber Nordamerikaner (und Europäer) müssen es als ein ethisches Gebot ansehen, da etwas zu tun, wo wir für Ungerechtigkeiten mitverantwortlich sind. In Mittelamerika gab es eine ganz besondere nordamerikanische Mitverantwortung, sowohl ökonomisch als auch politisch.

Sie sind viel herumgekommen. Was waren die Höhepunkte ihres beruflichen Lebenswegs?

Alle meine beruflichen Stationen hatten etwas mit Ökumene und Partnerschaft zu tun.

Ein besonderer Höhepunkt meiner Arbeit in Kanada war die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit und missionarischer Arbeit, Gender-Gerechtigkeit im Rahmen weltweiter Missionsarbeit zu fördern und ein neues Verständnis missionarischer Partnerschaft zu entwickeln (mit der Vereinigten Kirche Kanadas [UCC]und mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen [ÖRK ]), einschließlich der Tatsache, dass Mission von allem aus- und überall hingeht: das ganze Evangelium für die ganze Welt.

Ich war gleichzeitig der Generalsekretär des Missionswerkes und der Ökumenereferent der UCC, sowohl mit Mission als auch mit theologischen Einheitsbemühungen befasst. Da hatte Gott seine Hand im Spiel in dieser ungewöhnlichen Kombination: Missionsaktivist einerseits und Einheitstheologe andererseits.

Während meiner Zeit in Mittelamerika durfte ich die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú in das Bürgerkriegsgebiet von Guatemala begleiten. Und 1989 leitete ich gerade ein Seminar in einer baptistischen Kirche in El Salvador als der Krieg in die Stadt kam. Eine Zeit lang habe ich die Menschenrechtsarbeit und die Seelsorge an den Missionaren und kirchlichen Mitarbeitern, die vom Krieg überrascht wurden, koordiniert. Das hat mir gezeigt, dass Pfarrdienst bedeutet, wirklich für die Kirche da zu sein, als Kirche in Konfliktsituationen zu stehen und zu versuchen, etwas zu verändern.

Nach meiner Zeit in Jerusalem (auch das ein Höhepunkt: Ich versuchte dort die Kirchen in Jerusalem im Inter Church Centre zusammenzubringen) erhielt ich den Auftrag, den ÖRK bei den Vereinten Nationen zu vertreten. Ich hatte kaum dort angefangen und saß gerade in meinem Büro, als eine Frau hereinkam und sagte, sie arbeite für das Zentralkomitee der Mennoniten und habe eine Frage: Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad käme nach New York, Präsident George Bush wolle ihn nicht treffen - wegen der angespannten Lage - und ob der ÖRK bereit sei, gemeinsam mit den Mennoniten Ahmadinejad zu einem Dialog auf religiöser Grundlage einzuladen? Unsre gemeinsame Überzeugung war, dass wir mit ihm reden und den Dialog suchen sollten. Wir sind berufen, auch unsere Feinde zu lieben.

Welchen Beitrag hoffen Sie bei der Weltgemeinschaft leisten zu können?

Leute, die mich kennen, meinen, ich hätte viel Leidenschaft und Energie und ich sei theologisch sehr neugierig. Ich habe die Gabe analytisch zu denken. Es obliegt der reformierten Familie kritisch zu denken und zu hinterfragen, wie Dinge funktionieren.

Ich glaube, dass ich nicht nur Leidenschaft mitbringe, sondern auch ein Gefühl der Dringlichkeit. Ich spüre, dass es nicht nur darum geht, sich mit Leidenschaft zu engagieren, sondern dadurch motiviert zu sein, dass es unserem Planeten nicht gut geht. Wir können Gottes Gabe nicht vernachlässigen und eine skandalöse Situation bestehen lassen. Womit auch zwischenmenschliches und ökologisches Unrecht gemeint sind.

Ich dränge und schiebe, aber mir sind auch gute Beziehungen und Versöhnung ein Anliegen. Wir müssen vorwärts gehen, um alle gemeinsam ans Ziel zu kommen. Nur eine Vorwärtsbewegung bringt uns zusammen. Die Vorwärtsbewegung ist die Kraft, die uns vereint.

Ich habe das bescheidene Empfinden, noch nicht ausgelernt zu haben. Es gibt noch so viel darüber zu lernen, wie wir zur Ökumene beitragen können.

Was meinen Sie, was die reformierte Konfessionsfamilie der Welt geben kann?

Unsere historischen Wurzeln und das Geschenk der Reformation sind im evangelischen Grundsatz zu finden: Nichts kann das Höchste sein, außer dem, der das Höchste ist. Wir können unsere Bereitschaft zur geistigen Erneuerung und Verwandlung beitragen, da wir begreifen, dass die Berufenen dazu ausgesucht sind, die Welt zu verändern. Wir können dazu beitragen, lebhaft, theologisch und im Licht der Heiligen Schrift zu verwandeln. Das ist eine Gabe, die uns gegeben ist.

In schweren Zeiten, wenn unser Glauben durch Unrecht in Frage gestellt ist, bekennen wir uns und erheben unsere Stimmen vor der Welt, wie wir es mit den Erklärungen von Barmen, Belhar und Accra getan haben. Wir konzentrieren uns - ähnlich einem Laserstrahl - auf die Beziehung mit dem Gott, dessen Wirkungskreis die ganze Welt umspannt, und wir bringen die Überzeugung mit, dass jeder, der das Empfinden und die Erfahrung der Herrschaft Gottes behindert, bloßgestellt werden muss. Wo Leben bedroht wird, haben wir es mit einer theologischen Herausforderung zu tun.

Dieser Gottesgehorsam verlangt von uns, dass wir in und von der Welt sind, dass wir die Heilige Schrift an die erste Stelle setzen und verstehen, wie Gott in der ganzen Welt am Werk ist, dass Gottes Gnade auf die Fülle des Lebens abzielt.

Das heißt nicht, dass wir uns für etwas Besonderes halten. Vielmehr spüren wir, wie die Verantwortung für das Geschenk, das uns die reformierte Tradition vermacht hat, auf uns lastet. Wir müssen uns ständig selbst reformieren. Wenn die Kirche in ihrer Mission und ihrer Erkenntnis nicht wiederbelebt wird, wird es ihr nicht gelingen, in der Welt eine Kraft des Wandels zu sein.

Die Vereinigten Kirchen tragen etwas Einzigartiges bei. Sie haben nämlich ein anderes Empfinden von dem, was die reformierte Geschichte bedeuten könnte. Es gibt eine dynamische Auslegung dieser Idee vom Wirken Gottes in der Weltgeschichte und von der Rolle der Christen bei der Verwandlung der Welt.

Reformiert sein bedeutet außerdem, ökumenisch zu sein. Was wir tun ist sinnlos, wenn wir es nicht mit der ganzen Familie teilen. Reformiert sein bedeutet auch, sich auf interreligiöse Zusammenarbeit einzulassen.

Wie sehen Sie die Bedeutung der WGRK in der heutigen Welt?

Zur Gemeinschaft berufen, zur Gerechtigkeit verpflichtet, engagiert sich die WGRK für die Einheit, um so die Welt zu ändern. Wir führen eine häufig sehr zersplitterte Konfessionsfamilie zusammen, damit wir unsere besonderen Gaben mit der weiteren ökumenischen Bewegung und mit der Welt teilen können.
Die WGRK ist ein entscheidender Raum, wo engere Bande der Gemeinschaft, gegenseitige Fürsorge und gemeinsames Handeln als Antwort auf Gottes Berufung zustande kommen. Durch die WGRK können wir Dinge zur Sprache bringen, die uns als Familie spalten, um besser die uns von Gott übertragende Mission erfüllen zu können.

Wir in der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen haben bewiesen, dass wir dringende Fragen ansprechen können, die die Menschheit und unseren Planeten betreffen. Wir greifen dabei auf unsere reformierte und einigende Tradition zurück: Zeichen der Zeit im Lichte der Bibel erkennen und gemeinsam, unseren Glauben bekennend, Veränderungen bewirken. Das müssen wir weiterhin tun, denn noch nie war es dringender.

Wir haben den Auftrag, einen Beitrag zur ökumenischen Bewegung zu leisten in einer Zeit, in der unklar ist, wohin der Weg uns führt und die Kräfte schwinden. Wir haben den Auftrag des Evangeliums, mit dem dreieinigen Gott am Wandel der Welt mitzuwirken, auf dass alle das Leben in Fülle haben. Das heißt, dass die WGRK nicht nur für ihre Mitgliedskirchen, für die ökumenische Bewegung und für die Welt wichtig ist, sondern auch, dass sie die gottgegebene Aufgabe hat, aufzustehen und Flagge zu zeigen für die Sache der Einheit und der Gerechtigkeit.

Das Gespräch mit Chris Ferguson führte Phil Tanis, Referent für Kommunikation in der Geschäftsstelle der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, Hannover.

September 2014

 

Predigtpreis für Paolo Riccas ''Sprachwitz''

Waldenser-Theologe Paolo Ricca erhält Predigtpreis 2008
Bonn. Professor Dr. Paolo Ricca ist mit dem ''Predigtpreises'' des Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG (Bonn) für sein Lebenswerk geehrt worden. Der 1936 geborene reformierte Theologe lehrte Kirchengeschichte und Praktische Theologie an der Waldenserfakultät in Rom.

Pfr. Dr. Andreas Flick, Celle

Church unity vital for belief in world peace says Reformed leader Setri Nyomi

''Does the church have a moral voice or credibility when our divisions are so visible?''
Geneva (ENI). Threats to peace and security around the world ought to give urgency to the quest for Christian unity, the general secretary of the World Alliance of Reformed Churches, the Rev. Setri Nyomi has said. "Does the church have a moral voice or credibility when our divisions are so visible?" Nyomi asked during an address at the "Civilisation of Peace - Faiths and Cultures in Dialogue" conference in Nicosia, Cyprus, on 18 November, according to a statement by WARC.

Barbara Schenck

Soziale Ausgrenzung größte Herausforderung für evangelische Kirchen

Ergebnisse einer Umfrage unter den 105 Mitgliedskirchen der GEKE
„Die wachsende Lücke zwischen arm und reich führt zu sozialer Ausgrenzung.“ Diese Tatsache ist die aktuell größte soziale Herausforderung für die 105 Kirchen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

Bern, 10. November 2008 / Thomas Flügge (Pressesprecher)

Gewalt gegen Christen in Orissa

Ein Bericht von der Synode der Kirche von Nordindien (CNI). Von Anto Akkara
Die Kirche von Nordindien (CNI), die gegenwärtig die schwersten Zeiten ihrer Geschichte durchmacht und deren Mitglieder zahlreich verfolgt werden, hat auf ihrer Synodaltagung vom 17.bis 21. Oktober in Pathankot im Bundesstaat Punjab ihre Einheit demonstriert. Die CNI ist Mitglied im Reformierten Weltbund.

Barbara Schenck
The work of Baptists, Methodists and members of the United Reformed Church in the field of social justice has been given fresh impetus, with new work priorities and the appointment of a new leader for the Joint Public Issues Team.

03.10.2008 URC/UMC/BUGB / GEKE-Internet-Newsletter, 8. Oktober 2008

A significant moment for reconciliation of Reformed church groups

New global Protestant body will help overcome 'history of separation'
The creation of the 80 million-member World Communion of Reformed Churches (WCRC) marks an opportunity “to reinvigorate Reformed witness” in a fractured world, says one of the architects of the union.

Barbara Schenck

Treffen von Reformiertem Weltbund (WARC) und Reformiertem Ökumenischen Rat (REC)

WARC and REC governing bodies meet for the first time in Utrecht
Members of the governing bodies of the World Alliance of Reformed Churches (WARC) and the Reformed Ecumenical Council (REC) will meet in joint sessions for the first time from 6 to 10 October in Utrecht.

Quelle: Homepage WARC

Grußwort Calvins zur Lutherdekade

Eine Entdeckung von WARC und SEK
In einem jüngst entdeckten Brief grüßt der Schweizer Reformator Johannes Calvin seinen deutschen Kollegen Martin Luther zu dessen am 21. September beginnenden Dekade.

Meldung auf der Homepage des Reformierten Weltbundes und des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), 19. September 2008
Ein Treffen zwischen dem Reformierten Weltbund (RWB) und dem Disciples Ecumenical Consultative Council (DECC), das im Juli in der Disciples of Christ Historical Society in Nashville, Tennessee, stattfand, sollte den Weg ebnen für eine engere Beziehung zwischen den beiden Organisationen und die Gespräche fortsetzen über „die Entwicklung einer umfassenden Partnerschaft mit dem Ziel der sichtbaren Einheit der Kirche.“

Barbara Schenck

Engage the powers of destruction, churches urged by international feminist theologians

Patricia Sheerattan-Bisnauth, WARC: ''Resistance to empire is growing and women are very much in the forefront.''
An international group of feminist theologians has issued a dramatic call to churches to engage the world’s destructive powers, stating it is crucial to hear feminist thinking in the debate on theological issues raised by empire.

Barbara Schenck