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'Die Rote Linie wird verschoben'

Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis (Jak 3,3-10)

© Pixabay

Die böse Zunge macht krank, sie verletzt nicht nur die, die ihr zum Opfer fallen. Sie vergiftet auch die Seele derer, die die hasserfüllte Sprache benutzen, sie entwürdigt die, die sie anhören ohne zu widersprechen.

Liebe Gemeinde,

vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir: Wenn ich Zeitung lese, fernsehe oder höre, was in den sozialen Netzwerken abgeht, bin ich schockiert über die wachsende Schamlosigkeit und die Verrohung der Sprache. Die sog. „rote“ Linie wird immer häufiger überschritten und weiter verschoben.

Nicht zuletzt deshalb habe ich mit Interesse entdeckt, welch große Bedeutung die Warnung vor der bösen Zunge in der Bibel hat. In der jüdischen Tradition gibt es dazu ausführliche Kommentare. Böse Zunge, ha laschon hara, meint dabei nicht nur üblen Klatsch und Tratsch über andere Leute, sondern schließt Worte ein, die Menschen im unmittelbaren Kontakt verletzen, herabsetzen, und demütigen. Und schwere Schuld lädt nicht nur der auf sich, der so redet, sondern auch jeder, der zuhört, ohne den Sprecher zu ermahnen, zu stoppen oder auch deutlich zu widersprechen.

In einem berühmten Kommentar (Raschi), der die Aufmüpfigkeit Mirjams als Kränkung ihres Bruders Mose interpretiert (was ich anders sehe), wird der Aussatz, der Mirjam befällt als Strafe für ihre böse Zunge gedeutet und verallgemeinert. Aussatz heißt auf hebräisch zaraat, und wird damit erklärt, dass die innere Fäulnis nach außen tritt und in der Haut sichtbar wird. (Hirsch). Zuerst werde die Haut des Menschen mit böser Zunge rötlich, heißt es. Das sei eine Warnung. Wer sie nicht beachtet und weiter Menschen mit Worten fertigmacht, müsse damit rechnen, dass seine Haut und alles, was ihm gehört, vermodere. Dann gehe von ihm ein übler Gestank aus, der viele ekle.

Obwohl ich den Zusammenhang von böser Zunge und Aussatz nicht im medizinischen, sondern eher im übertragenen Sinn verstehe, finde ich 3 Wahrheitsmomente in diesem Kommentar.

Zuerst: die Art und Weise, wie sich nicht nur Donald Trump, sondern auch manche europäischen Politiker in der letzten Zeit über Flüchtlinge geäußert haben, sie als „Asyltouristen“ diffamiert oder als „Menschenfleisch“ bezeichnet haben, die stinkt mir und vielen anderen tatsächlich gewaltig. Ich könnte noch andere Beispiele nennen, die mir in der Nase stechen, die Rede vom Holocaust als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ z.B. oder einige vernichtende Beiträge in der Debatte um den Rücktritt von Özil aus der deutschen Nationalmannschaft. Immer öfter wird nicht nur am Stammtisch sondern auch in der Öffentlichkeit nicht mehr sachlich argumentiert, sondern nur noch gehetzt und Stimmung gemacht mit wahrlich ekelhaften Äußerungen. Im Netz ist das, wie ich höre, alles noch schlimmer, zumal dort immer mehr fake news eingesetzt werden, um Menschen aufzustacheln und Hass zu verbreiten.

Das zweite Wahrheitsmoment: Die giftigen Worte lassen sich nicht abtun, so als seien sie nur etwas Oberflächliches, etwas Belangloses, nach dem Motto: vergiss es: das hab ich doch nur so dahergesagt. Ich glaube, Worte bringen tatsächlich etwas von der inneren Überzeugung nach außen, und das heißt in diesen Fällen etwas von der Geringschätzung anderer Menschen. Deshalb sollten alle Worte ernst genommen werden.

Und schließlich: Wie Aussatz ist die menschenverachtende Sprache, die hatespeech wie man auf neudeutsch sagt, in höchstem Maß ansteckend. Ich spreche auch von mir, wenn ich sage: Auch manche von uns, die sich über die sprachlichen Entgleisungen und die dahinter stehende Haltung von manchen Politikern und deren Anhängern empören, sind schon infiziert. Aus ohnmächtiger Wut kontern wir mit vernichtenden Labels: das sind alles Faschisten, widerliche Nazischweine, Minister der Unterwelt, und wir wünschen ihnen heimlich oder offen alles Schlechte an den Hals. Ich denke z.B. manchmal, man müsste die, die so menschenverachtend über Flüchtlinge reden, selbst mal, möglichst mit ihrer ganzen Familie, in ein klappriges, überfülltes Flüchtlingsboot setzen und sehen, was sie dann sagen. Nicht gerade christlich, ich weiß!

Dazu kommt, dass man, wenn man sich für „rein“ hält, die mit der falschen Meinung - ähnlich wie bei Aussatz - ausgrenzt, möglichst jeden Kontakt mit ihnen meidet, und so die Spaltung in unserer Gesellschaft selbst auch vertieft. Die Gegner zu konfrontieren, versuchen herauszufinden, was für Ängste sich hinter ihren hässlichen Äußerungen verbergen, und sich bemühen, sachlich ins Gespräch zu kommen, wie es in einer Demokratie nötig ist, ist eben viel mühsamer und kann einem sehr zusetzen.

In einem der erwähnten Kommentare heißt es: Die böse Zunge macht alle krank, sie verletzt nicht nur die, die ihr zum Opfer fallen. Sie vergiftet auch die Seele derer, die die hasserfüllte Sprache benutzen, sie entwürdigt die, die sie anhören ohne zu widersprechen, und ich ergänze: sie kostet, die ihr widerstehen, viel Nerven.

Deshalb wundert es auch nicht, dass die Bibel, die das heilige und heilmachende Wort Gottes bezeugt, an vielen Stellen vor der bösen Zunge warnt. Sie hat tatsächlich eine vernichtende Kraft. Bei Jakobus heißt es: sie ist ein gefährliches kleines Feuer, das einen ganzen Wald in Flammen setzen kann. Davon zeugen viele menschengemachte Katastrophen in der Weltgeschichte: Denken Sie nur an die verlogene Hetzpropaganda vor den beiden Weltkriegen! Ich habe vor allem die Slogans vor Augen, die auch danach in vielen Kriegen oder Völkermorden benutzt wurden, um die Gegner zuerst zu entmenschlichen, sie als Volksschädlinge, als Ratten oder Kakerlaken zu bezeichnen, um sie anschließend ohne große Skrupel „vernichten“ zu können. Nur in Klammern: Das klingt m.E. immer noch nach, wenn von dem Mord an den europäischen Juden bis heute als „Judenvernichtung“ geredet wird. Ungeziefer vernichtet man, Menschen werden ermordet.

Böse Worte sind jedenfalls niemals harmlos. Man kann sich nicht herausreden mit der Behauptung: Es ist doch nicht so schlimm! Es sind doch nur Worte!“ Jesus stellt sich in die Tradition jüdischer Weisheit und sagt in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt ist des Gerichts schuldig, wer zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz, der ist des Hohen Rats schuldig, wer aber sagt: Du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig!“ Mt 5,21.22

Wenn es danach ginge, stünden wir wohl alle schlecht da. Jedenfalls schärft Jesus uns damit ein, wie groß die Verantwortung ist, die wir für unser Reden tragen, weil Worte Macht haben!

Aber nun ist es ja - Gott sei dank! - nicht so, dass Worte nur zerstörerische Macht haben. In den Sprüchen heißt es (18,21): „Tod und Leben stehen in der Zunge Gewalt.“ Also auch Leben! Und Jakobus erwähnt, dass Worte auch Gott die Ehre geben können. Wenn sie das tun können sie anderen Menschen, Gottes Ebenbildern, entsprechend zum Segen werden. Worte haben auch positive Macht. Sie können aufrichten, trösten, stärken. Das haben Sie sicher auch schon selbst erlebt, wenn Sie anderen ihr Herz ausgeschüttet haben und das Gespräch ihnen gutgetan hat. Und in diesem Sinn haben Sie sicher auch schon Worte benutzt.

Ich versuche das auch als Seelsorgerin im Kinderhospiz. Wenn ich dort mit Eltern spreche, fühle ich mich angesichts ihrer schweren Geschichte manchmal sehr hilflos: Sie erzählen, wie brutal ihnen die Diagnose ihrer Kinder übermittelt worden ist, wie sich Freunde, manchmal auch Partner abgewandt haben, wie oft sie mit den Krankenkassen kämpfen müssen um elementarste Hilfsmittel, wie z.B. die richtigen Windeln für ihre Kinder, und wie oft sie um ihre Kinder bangen müssen. Was kann ich da tun? Es scheint so unendlich wenig, und ist für manche Eltern doch sehr viel: Ich kann ihnen mit viel Zeit zuhören, vielleicht auch ein gutes Wort finden. Und ich erlebe: Worte haben selbst da, wo nichts zu machen ist, manchmal eine heilsame Macht. Manchmal schöpfen andere daraus neue Kraft, bekommen eine neue Perspektive, gehen ermutigt ihren Weg weiter. Jedenfalls finde ich die biblische Regel im Gespräch mit den Eltern im Kinderhospiz, aber auch mit anderen, die in einer Krise sind, ausgesprochen hilfreich: „Seid schnell zum Hören, langsam zum Reden.“ Jak 1,19. Die Gefahr ist ja groß, es genau umgekehrt zu machen: Kurz hinhören und dann gleich loslegen mit Reden, Ratschlägen oder der eigenen Meinung, und auf diese Weise ein echtes Gespräch zu ersticken.

Eine andere Regel, die dazu hilft, dass Worte ihre Macht zum Guten entfalten lautet: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache derer, die verlassen sind.“ (Spr 31,8) Der Präses unserer Kirche, Manfred Rekowski, nutzt seine Position, um das immer wieder medienwirksam zu tun, zuletzt, als er in der vergangenen Woche die festgesetzten Seenotretterorganisationen auf Malta besucht hat. Er prangert an, dass seit dem Verbot der Seenotrettung schon nachgewiesen 628 Flüchtlinge, Frauen, Männer und Kinder im Mittelmeer ertrunken sind. Darüber darf sich kein Christ, keine Christin aus politischen Gründen beruhigen. Mit deutlichen Worten klagt Rekowski das Recht der Menschen ein, die für eine Zukunft in Sicherheit ihr Leben riskieren, vor dem Tod gerettet zu werden.

Und so wie er stehen Gott sei dank auch immer mehr „normale Bürger“ in den sozialen Medien auf gegen die böse Zunge, sprich gegen die Verbreitung von Hass und Demütigung. „Ich bin hier“ nennt sich eine Facebook Gruppe mit immerhin mehr als 30 000 Mitgliedern, die Menschen, die hatespeech posten nicht das Feld überlässt, sondern sie sachlich konfrontiert und sich für einen respektvollen Umgang einsetzt.

Ich finde, solche Beispiele, von denen es glücklicherweise noch etliche mehr gibt, machen Hoffnung. Hoffnung, dass die bösen Zungen, dass die Menschenverachtung doch nicht das letzte Wort behalten.

Diese Hoffnung wird auch durch die Art und Weise genährt, wie Gott über und mit uns Menschen redet. Er hätte wohl allen Grund, ein strenges Urteil über uns alle zu fällen. Er könnte Verbrecher zu hoffnungslosen Fällen zu erklären und sich von der verdorbenen Welt zurückziehen. Aber so leidenschaftlich Gott Unrecht, Lüge und Gewalt bekämpft, so wirbt er mit großer Geduld und Liebe um jeden Menschen. Seinen Sohn schickt er ganz bewusst zu den Zöllnern und Sündern – also in eine ziemlich ekelhafte Gesellschaft, und Jesus ermöglicht einigen von ihnen mit guten Worten zur Besinnung zu kommen, sich zu verändern und Gottes Willen zu folgen. Das gilt auch für die mit böser Zunge.

Ich möchte mit 2 Schlusssätzen enden. Der eine stammt aus dem 141. Psalm und ist die Bitte, die wir nicht oft genug nachsprechen können: Stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor die Tore meiner Lippen! Gib dass mein Herz sich bösen Worten nicht zuneigt, dass ich nichts tue, was schädlich ist zusammen mit Menschen die Unrecht tun!“

Mein 2. Schlusssatz ist ein kurzes Gedicht von Mascha Kaleko:

Wenn du schon hassen musst,
und kannst es noch nicht lassen,
dann üb nach Herzenslust
den Hass in dir zu hassen.


Sylvia Bukowski
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