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''Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth''
Predigt zu Mt 26,71

1. Ein ungewöhnlicher Vers über einer Todesanzeige
Liebe Gemeinde,
unser Vers ist mir zuerst in einer Todesanzeige begegnet – in der des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau (1931–2006). Über seiner Todesanzeige stand als biblisches Wort dieser Satz: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.“ Auch auf seinem Grab auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof ist er zu finden. Diese Inschrift war sein ausdrücklicher Wunsch.i
Ich selbst habe Johannes Rau mehrfach in Wuppertal während meines Studiums erlebt – als jemanden, der seinen Glauben als Politiker nicht versteckte.ii Als ich die Anzeige des Todes Raus im Jahr 2006, also vor ziemlich genau 20 Jahren las, weiß ich noch, wie ich stockte. Kein glänzender Psalmvers, kein „Der Herr ist mein Hirte“, kein „Christus ist mein Leben“, kein strahlendes Osterwort – sondern dieser Satz, der mitten hineinführt in das Versagen des Petrus.
Warum wählt ein ehemaliger Bundespräsident ausgerechnet diesen Vers? Ein Wort, das nicht von äußerem Erfolg, sondern von innerer Unsicherheit erzählt, nicht von Heldenmut, sondern von der Angst eines einfachen Fischers aus Kapernaum? Vielleicht gerade deshalb, weil dieser Vers eine Wahrheit erzählt, die größer ist als das Versagen des Petrus – und größer als unsere Erfolge: Es kommt nicht darauf an, dass wir mit ihm sind, sondern dass er mit uns ist und wir deshalb mit ihm sein können.
2. Die Nacht im Hof des Hohepriesters
Es ist Nacht. Jesus ist verhaftet worden. Drinnen, im Palast des Hohepriesters, läuft der Prozess. Man sucht Zeuginnen und Zeugen, man konstruiert Anklagen, man will ein Todesurteil.
Draußen, im Hof, sitzt Petrus. Er hat sich ans Feuer gesetzt. Gerade noch nah genug, um etwas mitzubekommen, aber weit genug weg, um nicht zu sehr aufzufallen. Vielleicht kennen wir diesen Ort: nah am Geschehen, aber doch am Rand. Nicht mitten drin, aber auch nicht einfach zuhause.
Petrus ist hin- und hergerissen. Er hatte doch gesagt: „Ich will mit dir gehen, in den Tod, wenn’s sein muss.“ Er wollte bei Jesus bleiben. Und nun sitzt er im Zwielicht, irgendwo zwischen Treue und Flucht.iii
Da kommt eine von den Mägden des Hohepriesters vorbei, bleibt stehen, sieht Petrus am Feuer. Sie schaut genauer hin und sagt den Satz, der alles verändert: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.“
Mehr sagt sie nicht. Sie erhebt keine große Anklage, sie hält ihm keinen Vortrag. Sie stellt nur fest, was sie sieht: Du gehörst zu ihm. Ich habe dich mit ihm gesehen. Du bist einer von denen, die mit ihm unterwegs waren.
In Petrus fährt dieser Satz wie ein Blitz. Er ist enttarnt – nicht als Verbrecher, sondern als jemand, der in Beziehung zu Jesus steht, dessen Gesicht man wiedererkennt, wenn es um diesen Jesus geht. Und doch beginnt die Geschichte nicht bei Petrus, sondern bei Jesus. Ehe Petrus irgendetwas sagen oder bekennen kann, ist Jesus längst in sein Leben getreten. Daran erinnert der Satz zuerst: Es kommt nicht darauf an, dass Petrus mit Jesus ist, sondern dass Jesus mit Petrus ist – und dass Petrus darum überhaupt mit Jesus sein kann.
3. Petrus’ Angst vor der Zugehörigkeit
Wie reagiert Petrus? Er könnte sagen: „Ja. Ich war mit ihm. Ich kenne ihn. Er ist mein Herr.“ Aber er erschrickt. Die Nähe zu Jesus, die eben noch sein Stolz war, wird ihm plötzlich gefährlich. Wenn er jetzt zugeben würde, dass er zu ihm gehört, könnte er mit hineingezogen werden in Jesu story. Das könnte ihn etwas kosten – Ansehen, Freiheit, vielleicht sogar das Leben.
Also weicht er aus. Er schiebt die Wahrheit von sich weg. Er sagt: „Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst.“ Er stellt sich unwissend, als ginge ihn das alles nichts an. Als wäre er nur zufällig hier. Als hätte er mit diesem Nazarener nie etwas zu tun gehabt.
Wir kennen die Geschichte: Petrus verleugnet Jesus noch zweimal, mit Schwüren, mit Flüchen. Am Ende kräht der Hahn, Petrus merkt, was er getan hat, und er weint bitterlich. Aber dieser erste Satz der Magd bleibt: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.“ Dieser Satz sagt die Wahrheit über Petrus – und er bleibt wahr, auch wenn Petrus sich dagegen wehrt.
Petrus kann diese Zugehörigkeit verleugnen, aber er kann sie nicht ungeschehen machen. Denn sie lebt nicht aus seiner Standhaftigkeit, sondern aus der Zuwendung Jesu. Noch im Moment der Verleugnung gilt: Er ist mit dir – und darum bist du, ob du willst oder nicht, mit ihm verbunden. Ja, so ist das mit uns Menschen im Blick auf Jesus: Wir leben nicht von unserer persönlichen Entscheidung, sondern seiner ewigen Erwählung.
4. Johannes Rau unter dem Satz des Petrus
Ich komme noch einmal auf Johannes Rau zurück. Warum stellt ein Mensch sein Leben – und seinen Tod – unter genau diesen Satz?iv
Ich stelle mir vor, wie Johannes Rau mit seiner Familie überlegt: Welches Wort soll einmal über meiner Todesanzeige stehen? Er hätte viele Möglichkeiten gehabt – Worte, die seine Hoffnung betonen, seine Verantwortung, seinen Dienst. Es gibt biblische Sätze, die repräsentativer klingen.
Und doch wählt er diesen Vers aus der Szene des Versagens. Ich höre darin eine große Ehrlichkeit. Es ist, als würde er sagen: Vor Gott stehe ich nicht als Bundespräsident, nicht als ehemaliger nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, nicht als der, der dieses und jenes Gesetz auf den Weg gebracht hat. Vor Gott stehe ich als einer, der – wie Petrus – hin- und hergerissen ist. Einer, der es gut meinte und doch Fehler gemacht hat. Einer, der nicht immer so mutig war, wie er gern gewesen wäre. Einer, der auf Gott vertraute – und manchmal doch Angst hatte.
Und dann sagt dieser Vers: Entscheidend ist nicht, dass du immer zu Jesus gestanden hättest. Entscheidend ist dies eine: Er war in deinem Leben. Er ist dir nicht von der Seite gewichen, auch dann nicht, wenn du schwach wurdest. Man könnte sagen: Es kommt nicht darauf an, dass du mit ihm warst, sondern dass er mit dir war – und dass du deshalb, bei allem Hin- und Hergerissensein, mit ihm sein konntest.
5. Wir in der Spannung von Bekenntnis und Verleugnung
Liebe Gemeinde, wenn wir ehrlich sind, kommen wir in diesem Vers alle vor. Wir kennen Situationen, in denen uns jemand – direkt oder indirekt – sagt: „Du gehörst doch zu denen, die glauben. Du bist doch getauft. Du warst doch in der Kirche aktiv. Du hast doch von Jesus erzählt.“
Dann merken wir, wie ambivalent es in uns aussieht. Da ist die Sehnsucht, zu ihm zu gehören. Da ist die Erfahrung, dass sein Wort uns trägt. Da sind Augenblicke, in denen wir wussten: Er ist mir nahe. Und zugleich: Da ist die Angst, was andere denken. Da ist die Bequemlichkeit, die uns schweigen lässt, wenn ein Wort gefragt wäre. Da sind Entscheidungen, von denen wir wissen: Sie passen nicht zu dem, was Jesus will – und wir treffen sie trotzdem.
„Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“ – das kann sich anfühlen wie ein Vorwurf. Ja, ich war mit ihm, und doch bin ich davongelaufen. Ja, ich kenne ihn – und doch habe ich mich verhalten, als ginge er mich nichts an. Aber derselbe Satz kann auch zu einem tiefen Trost werden.
Denn er sagt zugleich: Es ist nicht nichts, dass du mit ihm warst. Es zählt, dass dein Leben diese Berührung hatte, dass sein Name über dir ausgesprochen wurde, dass sein Blick dich getroffen hat und du deshalb mit ihm unterwegs warst – wenn auch auf wackligen Beinen. Gott macht aus dieser Zugehörigkeit keinen Spott. Er macht daraus eine Zusage. Nicht unsere wechselnde Nähe ist entscheidend, sondern seine beständige Nähe zu uns. Darum noch einmal: Es kommt nicht darauf an, dass wir zuverlässig mit ihm sind, sondern dass er mit uns ist – und wir so immer wieder neu mit ihm sein können.
6. Was ein Leben am Ende wirklich trägt
Liebe Gemeinde, wenn wir auf ein Menschenleben zurückschauen, sehen wir vieles: Erfolge, Brüche, Beziehungen, Verletzungen, Versöhnungen. Gute Entscheidungen – und solche, die wir bereuen. Phasen des Glaubens und Zeiten der Fremdheit.
Im Licht des Todes schrumpft vieles zusammen. Titel und Ämter verlieren an Gewicht. Karrieren verblassen. Was bleibt, ist die Frage: Woran war dieses Leben aufgehängt? Was hat es getragen?
Der Vers über der Todesanzeige von Johannes Rau gibt eine Antwort: Es war aufgehängt an der Beziehung zu Jesus.v Nicht an eigener Stärke, sondern an seiner Treue. Nicht an makelloser Frömmigkeit, sondern an seinem barmherzigen Blick. Wenn ein Mensch mit Jesus unterwegs war, weil Jesus mit ihm unterwegs war, wenn ein Mensch ihn gekannt hat, weil Jesus diesen Menschen gekannt hat, wenn ein Mensch ihn gesucht hat, weil Jesus ihn gefunden hat, wenn ein Mensch ihn angerufen hat, weil Jesus ihn zuvor angerufen hat – dann genügt das. Dann darf über seinem Leben – und Sterben – stehen: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.“ Gott selbst sagt dazu: Das reicht. Du musst nichts vorweisen. Denn es kommt auf Jesus an.
7. Jesu Treue zu einem wie Petrus – und zu uns
Wie geht Jesus mit einem wie Petrus um – mit einem, der ihn verleugnet, kaum dass es gefährlich wird? Er lässt Petrus nicht fallen, aber er nimmt ihm die Konsequenzen auch nicht ab. Er verhindert die Verleugnung nicht, er erspart ihm auch die bitteren Tränen nicht. Aber er lässt ihn nicht los. Der Weg des Petrus endet nicht im Hof des Hohepriesters. Der Auferstandene sucht ihn wieder auf – nicht mit Vorwürfen, sondern mit der Frage: „Hast du mich lieb?“vi Er nimmt ihn ernst in seiner Schuld – und traut ihm dennoch etwas zu. Er gibt ihm einen Auftrag. Er bindet ihn neu an sich.
Liebe Gemeinde, es gibt einen, der uns treu bleibt, auch dort, wo unsere Treue bricht. Einen, der nicht von uns ablässt, auch dort, wo wir von ihm ablassen. Einen, der im Gericht durchhält und uns in seiner Gnade festhält. Nicht wir halten ihn fest, sondern er hält uns fest.vii Weil er bei uns bleibt, können wir immer wieder neu mit ihm sein. Er, der Nazarener, trägt unser Leben – durch alles hindurch.
„Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“ – das ist am Ende keine Anklageschrift, sondern ein Ehrenzeichen der Gnade. Ja, liebe Gemeinde, vielleicht ist das das Schönste, was am Ende über einem Menschen stehen kann – über einem ehemaligen Bundespräsidenten, über einer einfachen Magd, über einem Fischer aus Kapernaum, über Deinem und über meinem Leben:
Nicht: „Er hat Großes geleistet.“ Nicht: „Sie hat alles richtig gemacht.“ Sondern: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.“
Amen.
i Vgl. https://www.gedenkenswert.de/gedenkseite/johannes_rau/2006/bild_766
ii Vgl. Wolfgang Huber, Predigt im Trauergottesdienst für Bundespräsident a.D. Dr. Johannes Rau im Berliner Dom am 7.2.2006, unter: https://www.ekd.de/060207_huber_berliner_dom_rau.htm. Fernerhin: Johannes Rau, Vom Christsein in weltlicher Verantwortung. Betrachtungen eines protestantischen Politikers, in: Pressestelle der Ruhr-Universität Bochum (Hg.), Ehrenpromotion zum D. theol. Dr. h.c. mult. Johannes Rau. Eine Dokumentation des Festaktes vom 7. Februar 1997, Universitätsreden – Neue Serie – Nr. 1, Bochum 1997, 23–31; Christian Link, Laudatio, a.a.O., 15–21.
iii Vgl. Manfred Josuttis, Petrus, die Kirche und die verdammte Macht, Stuttgart 1993, 171–184.
iv Zu Raus Leben vgl. Wolfgang Gröf / Sabine Kneib (Hg.), Johannes Rau. Ein Politikerleben in Briefen, Reden und Bildern, Bonn 2011; Rüdiger Reitz / Manfred Zabel (Hg.), Johannes Rau. Lebensbilder, Gütersloh 1992.
v Johannes Rau (Der Hauptsatz in unserem „Who is who“. Meditation von 1979, in: ders., Wer hofft, kann handeln. Gott und die Welt ins Gespräch bringen. Predigten, hg. von Matthias Schreiber, Holzgerlingen 2006, 84–87, 87) schreibt in einer Meditation: „Wir rackern, als wäre dieses Leben nicht bloß der Güter höchstes, sondern auch das letzte. Wir tragen unseren Stress wie eine Ordensspange vor uns her. Vielleicht wäre es wichtiger, wenn die als Verleumdung gemeinte Mitteilung der Magd zum Hauptsatz unserer ‚Who is who‘-Kurzbiographie würde: ‚Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.‘“
vi Für Karl Barth (KD IV/1, 311–323) war das „Petrusproblem“ – die erschütternde Einsicht des Menschen in seine eigene Sündigkeit angesichts der Gegenwart Gottes („Herr, geh hinaus von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch“, Lk 5,8) – größer als das „Lessingproblem“ des Grabens zwischen „zufälligen Geschichtswahrheiten“ und „notwendigen Vernunftwahrheiten“. Denn hier geht es nicht um eine theoretische Distanz, sondern um die konkrete Unfähigkeit des Menschen, vor Gott zu bestehen, ohne an seiner eigenen Unreinheit zu scheitern. Das Lessingproblem kann demgegenüber zur Ausweichbewegung werden, weil es von dieser existentiellen Herausforderung ablenkt; entscheidend ist für Barth vielmehr, was Gott selbst getan hat, damit der sündige Mensch dennoch vor ihm bestehen kann. Vgl. Rudolf Smend, Karl Barth als Ausleger der Heiligen Schrift, in: Heidelore Köckert / Wolf Krötke (Hg.), Theologie als Christologie. Zum Werk und Leben Karl Barths. Ein Symposium, Berlin/Ost 1988, (9–37) 30.
vii Vgl. Nikolaus Schneider (Hg.), … weil ich gehalten werde. Johannes Rau – Politiker und Christ, Holzgerlingen 2006.
Marco Hofheinz


