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Gottes Burg- und Brandmauern
Luthers ''Ein feste Burg ist unser Gott'' (EG 362) und ''der alt böse Feind'' des Rechtsextremismus

Liebe Gemeinde,
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem HERRN Jesus Christus (1Kor 1,3).
Mit welch großer Gewissheit und welch großem Vertrauen sagt uns unser Reformator Martin Luther in den Liedzeilen von „Ein feste Burg“ Gottes Beistand in Not und Anfechtung zu!2 Inspiriert hat ihn dazu der 46. Psalm, den wir eingangs gemeinsam gebetet haben: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten […] Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz“ (Ps 46,2;8;12).3
Aber wie kämpferisch, geradezu martialisch kommt dieses Vertrauen in Luthers Lied daher? Die Rezeptionsgeschichte unserer „Reformationshymne“ zeigt deutlich die Problematik der lutherischen Kampfmetaphorik auf. Heinrich Heine bezeichnete „Ein feste Burg“ einst als die „Marseiller Hymne der Reformation“,4 Friedrich Engels als „Marseillaise der Bauernkriege“5. In Achim von Arnims und Clemens Brentanos romantische Liedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ ist Luthers Dichtung unter der Überschrift „Kriegslied des Glaubens“ aufgenommen worden6 und die Rezeption schlägt weitere nicht unproblematische Wege ein, in Richtung Nationalismus und Deutschtümelei oder über Soldatenliedersammlungen auch auf die Schlachtfelder.7
Für Luther ist die kriegerische Sprach- und Bilderwelt nichts Ungewöhnliches. Er sieht diejenigen, die sich auf das Wort Gottes einlassen, von der Welt und dem Teufel bedroht und deutet das – durchaus auf biblischem Fundament (Eph 6 u.ö.) – als eine Kampfsituation: Der Glaube wird angefochten – da hören wir das „Fechten“ mit. Luther beobachtet, dass immer dann, wenn er das Wort Gottes tiefer zu verstehen beginnt, der Teufel gegen ihn aufsteht und ihn angreift, um ihn wieder von Gottes Wort abzubringen – auch ganz weltlich durch Papstkirche und Kaiser.8 Es muss also gekämpft werden. Dabei ist Luther wichtig, dass letztlich nicht wir es sind, die die Kämpfe gegen Welt und Teufel ausfechten.9 Es ist und bleibt Gott selbst, der uns „feste Burg […] und gute Wehr und Waffen“ ist. Unser Glaube ist im Wesentlichen das Vertrauen auf Gottes Zusage von Ps 46: Gott ist unsere Zuversicht, unsere Stärke, unser Schutz.10 (Strophe 1). Und weiter: Nicht etwa ich, sondern Christus ist der „rechte Mann“, der für mich streitet. Mit unserer eigenen Macht ist es eben gerade nicht getan (Strophe 2). So spiegelt sich in den Liedzeilen der Kern unseres reformatorischen Glaubens wider, der sich für Luther in den Worten des Paulus verdichtet hat, die wir zu Beginn des Gottesdienstes gehört haben: nicht unser Werk, sondern Jesu Werk ist Ursache unserer Rechtfertigung (Röm 3,21–28).
Darum kann uns Luther in seinem Lied zusagen, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen (Strophe 3). Denn das Wort Gottes setzt sich in der Anfechtung durch (Strophe 4): Gottes Geist bleibt bei uns und sein Reich kommt zu uns, egal was geschieht.
Diese Zuversicht und dieser Glaube tragen, weil sich das Wort Gottes selbst dann bewährt, wenn uns die Welt existentiell auf allen denkbaren Ebenen bedroht, uns an Leib und Leben geht und uns alles zu nehmen scheint, was uns ausmacht. Darin steckt die befreiende Kraft des Evangeliums, darin sind wir befreit zum Handeln und Reden gegen alle äußeren Widerstände.
Wenn wir in Strophe 4 singen, dass „Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib“ (Strophe 4) bedroht sind, führt Luther – selbst exkommuniziert und für vogelfrei erklärt – uns zur höchsten Zuspitzung äußerer Anfechtung. Sie wird hier nicht etwa durch eine jenseitigen Heilszusage banalisiert und es wäre missbräuchlich, daraus etwa Opferpathos und Aufforderung zum Martyrium abzuleiten – gerade vor dem Hintergrund der Rezeptionsgeschichte des Liedes. Luther bietet uns hier ein echtes Trostwort an, wenn er uns singen lässt, dass auch in diesem schlimmsten Fall das Wort Gottes siegt: das Reich Gottes wird kommen, die Gotteskindschaft kann uns nicht genommen werden. Diese Heilszusage relativiert aber nicht das Versprechen der ersten Strophe: „In aller Not“ hilft uns Gott. Er wird uns zur schützenden Mauer, wenn die Welt sich gegen uns wendet.
Nun hat Luther hier zwar vor allem den Widerstand der teuflischen Mächte gegen das in der Reformation wieder hörbar gewordene Evangelium im Sinn, aber die Schutzzusage des Liedes, die wir als Kirche in unsere Zeit aktualisieren müssen, geht darüber weit hinaus. Gerade wenn wir uns klar machen, dass Luther von der Theologie des Psalters herkommt, in der Gott sich als „der Hüter Israels“ (Ps 121) vorstellt, der „mich in seiner Hütte zur bösen Zeit [zudeckt]“ und „birgt […] im Schutz seines Zeltes“ (Ps 27,5), müssen wir fragen, wie sich unser Gott als „ein feste Burg“ und als „Hilfe in den größten Nöten“ (Ps 46) hier und heute zeigt und was wir als Kirche daraus für uns abzuleiten haben. Aus unserer Konzentration auf den Glauben an unseren Gott müssen wir fragen, welche Konsequenzen dieser Glaube für unsere Kirche und unser miteinander hat.
Die aktuellen Entwicklungen in unserer Gesellschaft konfrontieren Kirche mit der Frage, ob sie nicht doch sehr eigenmächtig Burg- und Brandmauern zieht, sich dabei sozusagen selbst mit Gott verwechselt: Wie stark haben sich zuletzt die Landeskirchen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im Schulterschluss mit den katholischen und vielen freikirchlichen Geschwistern im Schatten der Landtagswahlen positioniert? Wird so Gott nicht als „feste Burg“ für all diejenigen bekannt, die von Rechtsextremismus bedroht sind und ist die Kirche durch die kirchenfeindliche Programmatik der AfD nicht irgendwie selbst zu einer Burg unter Belagerung geworden?
Oder muss man es anders sehen? Wird hier nicht am Ende von der Kirche willkürlich eine Politik getauft, die zu einem unchristlichen Gesprächsabbruch mit einem Großteil der Wähler*innen führt? Dem grundsätzlich notwendigen Widerspruch gegen Rassismus und Rechtsextremismus folgend – so der Vorwurf – hätte Kirche hier begonnen ihr Christuszeugnis mit einem politischen Bekenntnis zu verwechseln und ihren eigenen Kampf zu führen. Die Folge: Kirche positioniere sich gegen die rechtsextreme AfD in der Weise, dass sie einen großen Teil der Bevölkerung vor den Kopf stößt, indem sie mit ihren Anliegen die Menschen gleich mit ausgrenzt und cancelt. Die Haltung zu einer politischen Partei werde zum Lackmustext des rechten (weil gerade nicht rechten) Glaubens gemacht. Aus Gottes „fester Burg“ wäre so aus menschlicher Eigenmacht und im Vergessen der Rechtfertigungslehre eine Wagenburg, eine moralisch-politische Brandmauer geworden, die Kirche und Gesellschaft spalte.11
Schauen wir genauer hin: Kirche wendet sich nicht unmittelbar gegen eine beliebige Partei und verfolgt kein primär politisches Interesse. Sie wendet sich von Christus her den Menschen zu, die sie brauchen, weil „Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib“ bedroht sind. Und für diese Zuwendung sind eine klare Haltung und auch sichere Mauern notwendig. Beides kommt aus dem Evangelium. Wir brauchen einen Gott, der für uns zur Burg wird und einen Christus, der für uns kämpft, wo wir selbst nur verlieren können. Bei der Frage, wem Gottes Schutzzusage gilt, finden wir in der Predigt Jesu eine klare Leitlinie: Er stellt sich uns als jemand vor, der gesandt ist „zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit […].“ (Lk 4,18 nach Jes 61,1f.) Jesus kommt zu den Menschen, die bedroht und unterdrückt sind. Eine Kirche, die in der Nachfolge Jesu steht, kann nicht umhin, dieser klaren Parteinahme Gottes zu folgen.
Die Mauern der Kirche haben dann eine Berechtigung, wenn sie sich in den Dienst der Burgmauern stellen, die uns unser Gott ist. Und natürlich dürfen diese Burgmauern sich in Brandmauern gegen den Hass, gegen die Diskriminierung, gegen Menschenfeindlichkeit konkretisieren. Kirche ist vom Evangelium her berufen darum zu ringen, ein diskriminierungssensibler Raum und safe space für alle zu werden.12 Zugespitzt: Wer eine offen rassistische Haltung mit an den Abendmahlstisch bringt, verunmöglicht unter Umständen, dass ein Abendmahl, zu dem Christus alle Menschen eingeladen hat, überhaupt stattfinden kann (1Kor 11,17–34) und kann ganz grundsätzlich Kirche nicht in ihren Ämtern repräsentieren.13
Diese kirchlichen Brandmauern mit politischen Brandmauern zu verwechseln, verwischt aber den entscheidenden Punkt. Kirchliche Grenzen richten sich nicht gegen Menschen einer Partei oder politischen Überzeugung, sondern gegen evangeliums- und damit menschenfeindliche Ideologien: gegen Hass, Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus Islam- oder Queerfeindlichkeit. In solchen Haltungen aktualisieren sich die teuflischen Mächte aus Luthers Lied. Kirchliche Grenzen schließen keine Menschen aus, sondern wenden sich allen Menschen zu, gerade auch denen, die sich selbst ausgeschlossen haben, indem sie sich menschenfeindlichen Ideologien angeschlossen und so der Botschaft des Evangeliums verschlossen haben.
Vor allem aber müssen wir kirchliche Grenzen mit Luther als etwas verstehen, was gerade nicht von uns gemacht ist: Gott ist die „feste Burg“, Gottes sich in Christus manifestierende Liebe ist die Brandmauer, die sein Wort zwischen uns setzt, nicht um uns am Ende zu trennen, sondern in Verbindung zu halten auf dem Weg der Kirche durch die Zeit. Und damit entsteht ein radikaler Unterschied zu allen politisch-gesellschaftlichen Brandmauervorstellungen.
Luther singt von einer unbedingten Gottes- und Christusgemeinschaft, die zugleich uns Menschen miteinander verbindet. Grenzen sind in dieser Gemeinschaft da nötig, wo sie dem Stiften von dieser Gemeinschaft dienen. Wenn Gott mir zur Grenze wird, schließt er mich nicht aus, sondern redet mich an: durchaus kritisch und urteilend, aber in tiefer Ernsthaftigkeit an mir interessiert. Die Grenze schützt nicht nur diejenigen, die von mir Bedrohung erfahren mögen, sie ruft zugleich mich ganz persönlich zur Umkehr auf. Sie lädt mich ein.
Wir haben im Römerbrief vom Apostel Paulus gehört, dass wir alle Sünder sind vor Gott, dass Gott nicht auf unsere Verdienste und unsere moralischen Leistungen schaut, wenn er uns ansieht (Röm 3,23f.). Auch hinter einem rechtsextremen „Kotzbrocken“ (Hanna Reichel) steht darum ein Mensch, der zur Gotteskindschaft eingeladen ist. Aber diese Einladung muss auch Folgen haben, muss zu einem Umdenken führen.
Evangelium wird immer vor und hinter den Mauern konkret: Hinter ihnen manifestiert sich die Zusage Gottes an die Schutzsuchenden, vor den Mauern verkünden wir das Evangelium des guten Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht. (Mt 18,10–14). Es ist nicht zufällig das Gleichnis vom verlorenen Schaf, liebe Gemeinde, das unsere heutige Evangeliumslesung einleitet. Unter diesem Vorzeichen lesen wir bei Mt, dass wir, wenn unser Brunder oder unsere Schwester sündigen, sie ermahnen sollen: erst im Zwiegespräch, dann zusammen mit anderen, dann im Namen der Gemeinde. Auch Mt weiß um die Notwendigkeit von Grenzen, die in der Liebe Gottes gezogen werden müssen. „Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.“ (Mt 18,17) Am Ende des Ringens kann eine Brandmauer stehen, die diejenigen, die mit der Sünde des Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus kokettieren, von einer Position in der Gemeinde ausschließt. Doch sie hat nie das letzte Wort. Das bleibt Gott vorbehalten. Sie ist nur ein Mittel zum Zweck, zielt auf Gemeinschaft. Denn was folgt bei Mt auf Ermahnung und Grenze? Der Aufruf zu permanenter Vergebungsbereitschaft gegenüber den Brüdern und Schwestern (Mt 18,21–35).
Kirchliche Brandmauern sind dialogisch, vorläufig, dienen der Gemeinschaft und wollen Versöhnung. Sie stehen nicht für endgültige Urteile, kritisieren Werk und Einstellung, aber helfen zugleich die Person dahinter weiterhin als Gottes geliebtes Kind sehen zu können.
Was heißt das konkret? Fühlt sich jemand sowohl vom Evangelium als auch von dem Populismus des in unserer Gesellschaft aufblühenden Rechtsextremismus angezogen, bedarf es der Ermahnung, der Diskussion auf Augenhöhe, des gemeinsamen Ringens um das Wort Gottes und im Zweifelsfall klarer Grenzen. Eine politische Predigt wie diese heute genügt nicht. Sie verhallt, wenn sie beim Monolog von der Kanzel stehen bleibt. Wie wichtig, dass wir auch heute nach der Predigt auf der Kanzel später für eine „Predigt unter der Kanzel“, also zum geschwisterlichen Gespräch zusammenkommen werden.14
Ein Prozess der Umkehr ist nur möglich, wenn man zueinander in Beziehung tritt, die Sorgen, die Ängste, die Wut des Gegenübers trotz klarer Haltung auch ernst nimmt. Es bedarf des Mutes auf beiden Seiten für diesen Prozess, mitunter die Bereitschaft zur Feindesliebe. Moralismus verbietet sich hier. Auch die Ermahnenden müssen zuhören und bereit sein, auf den anderen einzugehen. Dass man auch mit Luther im Rücken nicht automatisch im Recht ist, zeigen uns nicht zuletzt der christlich-jüdische Dialog und das belastete Erbe des Reformators. In jede Reformationstagspredigt gehört unbedingt eine Erwähnung von Luthers Judenfeindschaft, die ihn zu einem Wegbereiter des Antisemitismus und der Shoa gemacht hat. Hier wird eine lutherische Kirche selbst mit den Grenzen der Liebe Gottes konfrontiert. Wir haben also keinen Grund, uns moralisch übereinander zu erheben oder unsere Wahrheit absolut zu setzen.
Es bleibt nichtsdestoweniger eine klare Botschaft, die uns aus unserem gewissenhaften Hören auf das Evangelium des Alten und des Neuen Testaments anvertraut ist und die wir dem Populismus der Rechtsextremen entgegenzusetzen haben: Wo der „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler) beschworen wird, erzählen wir vom Kommen des Reiches Gottes. Wo die Angst der Menschen instrumentalisiert, und in Hass verwandelt wird, antworten wir: „Fürchte dich nicht!“ (Jes 41,10 / 43,1 u.ö). Wo die eigene Stärke beschworen wird, suchen wir Stärke in der Solidarität mit den Schwachen und dem Bekenntnis zur Schwäche des Kreuzes, wissend, dass Gott in Christus für uns streitet und gerade nicht wir selbst. Wo man „Remigration“ skandiert und die Startbahnen „glühen“15 lassen will, erzählen wir mit Luther von einem Gott, der ein „glühender Backofen voller Liebe“16 ist. Wo man gegen alle die hetzt, die fremd sind und aufgrund ihrer vermeintlichen Andersheit in unserem „Stadtbild“17 scheinbar nichts zu suchen haben, da weisen wir hin auf den Schutzraum für den verfolgten Fremden, den bereits das Alte Testament kennt (Ex 21,13f.; Num 35,9-29; Dtn 19,1–13; Jos 20,1–6). Da Israel selbst in der Lage der Fremden gewesen ist, weiß es darum, dass das Recht der Fremden nicht gebeugt (Dtn 24,17f.), die Fremden nicht bedrückt werden dürfen, (Ex 22,20f.; Ex 23,9; Jer 22,3), ja sogar geliebt werden müssen (Dtn 10,19).18
Was für ein kostbares humanitäres Erbe! Es konfrontiert uns mit der Frage, woher eigentlicher dieser unbändige und bis in unsere Tage hinein schier nicht enden wollende Judenhass kommt. Kann es nicht sein, dass er sich in Wirklichkeit gegen dieses Humanitätsgeschenk richtet, das wir dem Judentum verdanken? Kann es nicht sein, dass Rassismus und Antisemitismus Geschwister unter den Teufeln dieser Welt sind? Richtet sich der Antisemitismus seinem Ursprung und Wesen nach nicht eigentlich immer gegen das Israelprojekt Gottes und damit gegen Gott selbst? Darum, liebe Gemeinde, dürfen wir nie vergessen: Wenn sich Antisemitismus erhebt – sei es offen oder verborgen, laut oder leise –, steht immer auch Gottes eigenes Versprechen, seine eigene Geschichte mit Israel auf dem Spiel. Es ist ein Angriff auf den gemeinsamen Bund, aus dessen Wurzeln auch wir als Christinnen und Christen leben. Dagegen stellen wir uns, getragen von der festen Burg Gottes, solidarisch und klar – für das Leben, die Gerechtigkeit und die Versöhnung, die Gott allen Völkern schenken will.
Wir bieten den Menschen damit etwas anderes an als Hass und geistige Brandstiftung. Unsere Botschaft lautet: „Ein feste Burg ist unser Gott“ – er ist es auch überall dort, wo der „alte böse Feind“ sich in die Gestalt des Rechtsextremismus hüllt. Sein Wort und seine Geschichte mit seinem Volk Israel, den christlichen Kirchen und den Menschen bilden unsere Antwort auf Populismus, Angst und Menschenfeindlichkeit des Rechtsextremismus – und das gibt uns Zuversicht und Hoffnung auf Versöhnung und Frieden.
Und eben dieser Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus (Phil 4,7).
1 Die Einladung erfolgte aufgrund eines aktuellen Forschungsprojektes, das jüngst publiziert worden ist: Kai-Ole Eberhardt, Ekklesiologische Wegweiser für eine antifaschistische Kirche. Grenze und Dialog unter der Liebe Gottes, Religion im Kontext von Extremismus, Populismus und Autoritarismus 1, Baden-Baden 2026, https://doi.org/10.5771/9783748974048 (abgerufen am 30.10.2026).
Für die Predigt wesentlich sind die den Gottesdienst bestimmenden Lesungen von Ps 46, Röm 3,21–28 und Mt 18,15–20. Die Kollekte war für das „Bündnis für Demokratie und gegen Rechtsextremismus Wunstorf“ bestimmt, in dem die Gemeinde engagiert ist. An den Gottesdienst schloss sich ein Austausch mit der Gemeinde an. Aus dieser „Predigt vor der Kanzel“ sind kritische Impulse für die „Predigt auf der Kanzel“ (siehe zum Wechselspiel der Predigten auf und vor der Kanzel unten den Verweis auf Helmut Gollwitzer) erwachsen, bes. der Hinweis darauf, dass eine explizite Nennung von Islamfeindschaft und antimuslimischem Rassismus über die allgemeinen Verweise auf Rassismus hinaus hier geboten wäre und den Fokus auf Antisemitismus ergänzen müsste. Auch über die Problematik des Brandmauerbegriffs wurde diskutiert, die Rede von der Burg als Schutzraum als Alternative vorgeschlagen. Schließlich wurde mit der Rolle von Kirche als Arbeitgeberin und dem Umgang mit Mitarbeiter*innen gerungen, die sich in der AfD engagieren.
2 Vgl. den Wortlaut z.B. auf der Homepage der EKD unter https://www.ekd.de/eg-362-ein-feste-burg-ist-unser-gott-89271.htm (abgerufen am 1.11.2026).
3 Entstehung, Anlass und Rezeption: Gerhard Hahn, Ein feste Burg ist unser Gott (Psalm 46; EG 362), in: Isabe Alpermann / Martin Evang (Hg.), Mit Lust und Liebe singen. Lutherlieder in Porträts, Göttingen 2018, 113 – 120; Anja Grebe / G. Ulrich Großmann, Ein Feste Burg ist unser Gott, hg v. Deutsches Burgenmuseum, Begleitband zur gleichnamigen Sonderausstellung 2017, Schriften des Deutschen Burgenmuseums Veste Heldburg 6, Petersberg 2017; Michael Fischer, Vom Bußlied zum Kriegsgeheul und vom Protestsong zum Lied der Reformation, Martin Luthers „Ein feste Burg“ im Wandel der Zeiten. Chrismon online (2021), https://chrismon.de/artikel/51149/martin-luther-ein-feste-burg-ist-unser-gott (abgerufen am 25.10.2026).
4 Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, in: Der Salon. Zweiter Band, Hamburg 1834, 80.
5 Friedrich Engels, Brief 166, an Hermann Schlüter in Hottingen-Zürich aus London (15. Mai 1885), in: Karl Marx / Friedrich Engels Werke 36, Berlin 1979, 314f., hier 314.
6 Ludwig Achim von Arnim (Hg.): Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder (1806). Vollst. Neuausgabe […] v. Karl-Maria Guth, Berlin 2014, 70.
7 Vgl. zur Rezeptionsgeschichte die Literatur unter Anm 1.
8 Vgl. zum Folgenden bes. das Motiv von Oratio, Meditatio und Tentatio bei Martin Luther, Vorrede zum ersten Bande der Wittenberger Ausgabe der deutschen Schriften (1539), WA 50, 654–661.
9 Vgl. auch Dietrich Bonhoeffer, Bibelarbeit über Versuchung, in: DBW 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, München 1998, S. 371–406.
10 Vgl. zu Glauben als Vertrauen Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), WA 7, 20–38, bes. Abschnitt 11.
11 Vgl. zu diesen und weiteren Vorwürfe z.B. Ralf Frisch oder Ulrich Körtner im kirchlich-theologischen Feuilleton 2026.
12 Vgl. exemplarisch Sarah Vecera, Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus, Ostfildern 2022.
13 Vgl. zu der Diskussion von Kirchenzucht / Schlüsselamt in diesem Kontext Kai-Ole Eberhardt, Ekklesiologische Wegweiser für eine antifaschistische Kirche. Grenze und Dialog unter der Liebe Gottes, Religion im Kontext von Extremismus, Populismus und Autoritarismus 1, Baden-Baden 2026, https://doi.org/10.5771/9783748974048 (abgerufen am 30.10.2026).
14 Jede „politische Predigt auf der Kanzel“ braucht immer auch die „politische Predigt unter der Kanzel“, sprich das geschwisterliche Gespräch. Beides gehört nach Helmut Gollwitzer (Nachwort, in: ders., Veränderung im Diesseits. Politische Predigten, München 1973, 176–184, 180f.) untrennbar zusammen! Vgl. dazu auch Marco Hofheinz, „Stille schweigen soll man nicht“ (Martin Luther). Eine Anregung zur politischen Predigt aus ethischer Perspektive, in: Helmut Schwier (Hg.), Ethische und politische Predigt. Beiträge zu einer homiletischen Herausforderung. Eine Veröffentlichung des Ateliers Sprache e.V., Braunschweig, Leipzig 2015, 87–113, 107.
15 Vermutlich auf das rechtsextreme AfD-Bundestagsmitglied Markus Frohnmaier zurückzuführender AfD-Slogan mit Bezug auf das rassistische Remigrationsprogramm im Wahlkampf 2026.
16 Martin Luther, Predigt am 7. Tag nach dem Sonntag Invokavit, am 15. März 1522: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel.“ (in: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt a. Main: Insel, 21983, 301–303).
17 Die Debatte um die Merz-Aussage ist nur dann richtig verstanden, wenn die Diagnose eines problematischen Stadtbildes um den Lösungsvorschlag des Kanzlers für dieses Problem ergänzt wird, der auf geschlossene Grenzen und Abschiebungen zielt. Damit wird aus der nachvollziehbaren Beobachtung z.B. von Armut, Drogen, Obdachlosigkeit, Männergewalt oder Bedrohung von Frauen unzweideutig Rassismus.
18 Auch die Fremden sind vor Gericht „ohne Ansehen der Person“ zu behandeln (Dtn 1,16f.) und noch am Abend des Arbeitstages zu entlohnen (Dtn 24,14f.). Vgl. zum Umgang mit Fremden im AT mit den hier angeführten Bibelstellen Volker Wagner, s.v. Asyl / Asylrecht (AT), WiBiLex 2009, https://bibelwissenschaft.de/stichwort/14153/ (abgerufen am 28.10.2026).
Kai-Ole Eberhardt


