In Gottes Schürze weinen

Predigt zu Jesaja 66, 10-14 zum Sonntag Lätare, 22. März 2020


© Pixabay

Von Kathrin Oxen

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!
Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes;
denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom
und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach.
Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.
Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechte und den Zorn an seinen Feinden.

Apfelstücke in Plastikdosen, Kekse, Trinkflaschen, Feuchttücher - sie haben alles dabei. Auf einem der groben Tische am Rand des Spielplatzes am Wald liegen sogar bunte Servietten. Die Kinder spielen, ein bisschen mehr allein als miteinander, so, wie sie es ihnen gesagt haben. Die Sonne scheint. Und wenn man die Augen zusammenkneift, könnte dies hier ein beliebiger erster schöner Frühlingstag sein.

Doch die Mütter am Rand des Spielplatzes haben heute Morgen nicht nur ihre Kinder geweckt, Brotdosen gefüllt und die Kinder dorthin gebracht, wo man Kinder eben so hinbringt. Sie waren heute auch schon die Lehrerin. Sie waren der Caterer. Sie waren die Erzieherin. Sie gehen einmal am Tag raus mit den Kindern. Und ja, es sind natürlich auch Väter auf dem Spielplatz. Aber an Apfelstücke haben sie meistens nicht auch noch gedacht. Das waren die Mütter. Es gibt sogar einen Begriff dafür, mental load, die Last des „An-alles-und-an-alle-Denkens“, die die Mütter tragen, auch in ganz normalen Zeiten.

Sie sind Mütter und viele von ihnen sind auch noch Töchter. Sie stehen neben der Rutsche, unsichtbar beladen mit ihrer mental load und denken an ihre Kinder und wie es morgen und in der nächsten Woche wohl läuft und an ihre eigenen Mütter und Väter und daran, dass sie sie jetzt lieber nicht sehen sollten. Oder sie im Heim nun gar nicht mehr besuchen können. Und wie lange das alles dauern wird. Sie lassen sich nichts anmerken, vor allem gegenüber den Kindern nicht. Aber wenn sie sich begegnen, dann erkennen sie einander gleich. In den Augen ist sie zu sehen, die heimliche Sorge um die, die einem anvertraut sind. Die Sorge um die, die man liebt. Der Preis, den man für die Fähigkeit bezahlt, lieben zu können.

Hier auf diesem Spielplatz, zwischen heruntergefallenen Apfelstücken mit Kiefernnadeln dran und „Wie macht ihr das denn jetzt“-Gesprächen in eineinhalb Meter Abstand, ist diese heimliche Sorge noch klein. Auch im März 2020 zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland. Sie steht in keinem Verhältnis zu den Sorgen der Mütter anderswo auf der Welt, wo an Apfelstücke und Spielplätze nicht zu denken ist. Wo es nicht um Hausaufgaben ausdrucken und einmal rausgehen am Tag geht, sondern es kein Dach über dem Kopf gibt, geschweige denn eine Schule. Von der Not dieser Mütter und ihrer Kinder sind wir weit entfernt.

Oder soll man sagen: Waren wir weit entfernt? Wenn etwas bleibt von dieser Zeit, von dieser Krise und ihren Sorgen, dann wünschte ich mir, es wäre dies: Ein Gefühl für die Not der anderen. Besonders für die Not der Mütter und ihre Kinder.

Denn etwas wird bleiben von dieser Krise und ihren Sorgen. Und das heißt auch: Sie wird vorbei gehen. Einmal wird sie Vergangenheit sein statt bedrängender Gegenwart. Jetzt sind wir unruhig, weil niemand sagen kann, wie lange es dauern wird, bis wir uns wieder freuen können über unsere Stadt, über unser Dorf, über das Leben in den Straßen, die Kinder mit ihren bunten Ranzen auf dem Weg zur Schule, den Takt der Bahn, wir alle unterwegs mit unseren Kalendern, Terminen, Verabredungen, Plänen, der ganzen mental load, über die alle seufzen und die jeder sich jetzt schon zurückwünscht. Wir nennen es Alltag. Aber es ist unser Leben. Wir möchten es zurück. Und wir werden es zurückbekommen. Und dann wird die Freude groß sein.

Freuet euch mit Jerusalem, wo jetzt auch niemand mehr hinfahren darf, freuet euch mit Berlin, mit Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und Mitterteich in Bayern, freuet euch mit Bergamo in Italien. Freuet euch mit diesen und mit all den anderen Orten, über die wir jetzt so traurig sind. Denn das alles wird Vergangenheit werden. Wir werden es sehen und unser Herz wird sich freuen und unser Gebein soll grünen wie Gras. (Jes 66, 14). Einmal werden wir traurig gewesen sein.

Und was machen wir bis dahin? Was machen die Mütter auf dem Spielplatz und die Väter und die vielen anderen, die jetzt stark sein müssen für andere und ihre eigenen Sorgen nicht zeigen dürfen, zuerst die Ärztinnen und Ärzte, die Schwestern und Pfleger, all die Menschen, die systemrelevante Berufe haben und große Verantwortung und viel mehr tragen als die ganz normale mental load?

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, sagt Gott. Denn ich weiß, was los ist. Ich erkenne es doch in euren Augen. Eure Sorge ist meine Sorge, schon immer gewesen. Es ist die heimliche Sorge, von der man versucht, sie sich nicht anmerken zu lassen. Der Preis, den man für die Fähigkeit bezahlt, lieben zu können. Diesen Preis muss jeder zahlen. Auch ich, Gott. Denn ich habe euch gemacht. Ihr seid meine Kinder.

Und wenn es so ist, wie es jetzt gerade ist, in Zeiten der Krise und der Sorgen, wenn ihr stark sein müsst für andere oder auch nur für euch selbst, dann bin ich da. Kommt zu mir, sagt Gott, kommt so, wie man nur zu seiner Mutter kommen kann. Lehnt euch bei mir an. Und wenn es sein muss, weint ein bisschen in meine Schürze. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Amen

 

Anmerkung:

Der Preis, den man für die Fähigkeit bezahlt, lieben zu können, ist ein Zitat aus Marlen Haushofer, Die Wand. Und das Bild von „in Gottes Schürze weinen“ habe ich von Christina Brudereck.


Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

Seit dem 18. März 2020 dürfen wegen der Corona-Pandemie in Kirchen in Deutschland Zusammenkünfte nur mit Einschränkung stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen ab sofort auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu eine aktuelle Predigt.