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Lerche oder Eule? Wider eine falsche Alternative
Predigt zu Ps 5,4 (und Ps 127,2)

„Herr, meine Stimme wirst du frühe hören; frühe will ich meine Stimme zu dir richten und aufsehen.“ (Ps 5,4)
Liebe Gemeinde,
als ich unseren Text zuerst las, musste ich spontan an einen lieben Kollegen an der Uni denken. Er ist ein leidenschaftlicher Nachtarbeiter und Spätaufsteher – also eine Eule, keine Lerche. An seiner Bürotür hing der Vers 2 aus Psalm 127: „Umsonst ist’s, daß ihr früh aufsteht …“ – gewissermaßen sein theologisches Alibi für das Ausschlafen.i Ich dagegen bin seit Kindertagen ein ausgesprochener Frühaufsteher, eine Lerche – bisweilen auch zum Missfallen meiner Frau. Der Tag beginnt für mich gern sehr früh, wenn alles noch still ist. Und nun stehen sich diese beiden Verse gegenüber: hier mein Kollege mit „Umsonst ist’s, daß ihr früh aufsteht“, dort ich mit „Herr, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken“ (Ps 5,4).
Wer hat denn nun recht? Mein Kollege oder ich? Psalm 5,4 oder Psalm 127,2? Auf den ersten Blick scheinen die beiden Verse gegeneinander zu stehen: Hier das frühe Gebet, dort die Warnung vor dem frühen Aufstehen. Aber vielleicht liegt genau in dieser Spannung eine tiefere Wahrheit verborgen. Es geht ja nicht zuerst um die sog. „Chronotypen“ – Eule oder Lerche –, sondern um die Frage: Wofür stehe ich auf? Wodurch ist mein Morgen bestimmt – vom Druck, etwas leisten zu müssen, oder von der Einladung, zuerst auf Gott zu hören?
1. „Frühe will ich mich zu dir wenden“ – der hörende Anfang
„Herr, frühe wirst du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken“ – das ist zunächst einmal der Satz eines Menschen, der seinen Morgen bewusst geistlich versteht. Da steht einer nicht einfach nur auf, weil der Wecker klingelt, sondern er sucht Gott als Gegenüber, richtet sich an ihn: „Herr, nimm meine Stimme wahr. Ich halte dir hin, was in mir ist: meine Worte, mein Seufzen, mein lautes Schreien.“
Den hebräischen Text kann man auch so wiedergeben: „Am Morgen will ich mich bereit machen für dich; und spähen.“ii Der Beter „richtet“ sich vor Gott und auf Gott aus, er sammelt sich – und dann schaut er in den Tag hinein, aber von Gott her. Er erwartet nicht nur, dass irgendetwas passiert, sondern dass Gott ihm einen Weg zeigt, eine Richtung, vielleicht so etwas wie einen Ton für diesen Tag schenkt.iii Das ist eine kleine, aber entscheidende Verschiebung. Nicht: Ich stürze in den Tag – und irgendwo später kommt vielleicht noch Gott vor. Sondern: Ich stelle mich Gott, erwarte seine Antwortiv – und gehe von dort in den Tag. Für einen Frühaufsteher mag das gut passen: die erste Tasse Kaffee,v eine stille Minute, ein Psalmvers. Aber das Prinzip trägt auch für „Eulen“: Entscheidend ist nicht die Uhrzeit, sondern die Haltung – zu welchem Zeitpunkt meines Tages sage ich: „Herr, hier bin ich, ich will auf dich aufmerken“? Es geht um den Beginn.
2. Gott, dem Unrecht nicht gefällt – ein klarer Gott für einen unklaren Tag
Psalm 5 führt diesen Gedanken weiter. Der Beter bekennt: Gott ist kein Gott, „dem Unrecht gefällt“ (V. 5). Er ist kein zahnloser, weichzeichnender Gott, der alles irgendwie durchwinkt, sondern einer, der das Dunkle beim Namen nennt – das Unrecht, die Lüge, die glatten Worte, mit denen wir uns und andere beschönigen. Gott wirkt „klarmachend in den Dunkelheiten des menschlichen Lebens“.vi Für den Beter heißt das: Er bringt am Morgen nicht nur seine frommen Wünsche vor Gott, sondern seine Wirklichkeit: die Menschen, die ihn verletzen, die Situationen, die er nicht im Griff hat, seine Angst, seine Bedrängnis. Aber er bringt auch die Wahrheit über sich selbst vor Gott: Wo bin ich Teil dieses Dunkels? Wo rede ich mir die Dinge schön? Wo tue ich so, als hätte ich alles im Griff? Wer so betet, rechnet damit, dass dieser Tag nicht nur „abläuft“, sondern dass Gott an ihm arbeitetvii – in ihm klärt, sortiert, tröstet, korrigiert. Darum dieses Wort „aufmerken“: hören, aufmerksam sein, sensibel werden für das, was Gott sagen will. „Ich warte – und dann folgt erst einmal nichts, nur die Stille des Wartens.“viii Und in dieses Warten hinein antwortet Gott.
3. „Umsonst ist’s, daß ihr früh aufsteht“ – Kritik am leeren Frühaufstehen
Und nun kommt der andere Vers: „Umsonst ist’s, daß ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet, eßt euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er’s im Schlaf“ (Ps 127,2). Hier wird das Frühaufstehen gerade nicht gelobt – hier wird es kritisiert. Gemeint ist ein Leben, das von Sorge durchtränkt ist: immer früher aufstehen, länger sitzen, mehr schuften, mehr planen – aus Angst, zu kurz zu kommen, die Kontrolle zu verlieren. In diesem Licht wird deutlich: Psalm 127 richtet sich nicht gegen die Lerche und Psalm 5 nicht gegen die Eule. Es geht nicht um die Frage, ob 5 Uhr oder 8 Uhr „frommer“ ist, sondern um eine andere Gegenüberstellung: Frühaufstehen, weil ich glaube, dass alles an mir hängt – das ist „umsonst“. Früh – oder spät – zu Gott kommen, weil ich weiß, dass alles an ihm hängt – das ist Segen.ix
„Seinen Freunden gibt er’s im Schlaf“x – das ist eine radikale Entmachtung unseres Aktivismus.xi Gott wirkt, wenn wir schlafen. Er hält, wenn wir loslassen. Die Nacht zwischen gestern und heute war nicht leer; sie war Gottes Zeit. Bevor ich aufgestanden bin, war er schon an der Arbeit – an mir, an dieser Welt. Darum widersprechen sich Psalm 5,4 und Psalm 127,2 nicht. Sie sortieren zusammen: Psalm 5 fragt: Wohin gehst du am Morgen zuerst? Zu Gott – oder sofort in den Strom der Anforderungen? Psalm 127 fragt: Warum stehst du auf? Aus panischer Sorge, alles kontrollieren zu müssen – oder im Vertrauen, dass Gott schon vor dir da ist? Und diese Sortierung macht auch klar: Psalm 5 fordert uns nicht auf zu einer durchorchestrierten Morgenroutine, in der das Treten vor Gott das spirituelle Workout zur Ergänzung der Liegestützen und des gesunden Frühstücks wäre. Gerade indem ich meinen Tag vor Gott beginne, rufe ich mir seinen Geschenkcharakter ins Bewusstsein und bin befreit von jedwedem Leistungsdruck.
4. „Ich aber …“ – geborgen beginnen
In Psalm 5 gibt es in Vers 8 den schönen Satz: „Ich aber in der Fülle deiner Güte [hebr. chäsäd] darf eintreten in dein Haus, mich niederwerfen […] in Ehrfurcht vor dir.“ Da spricht jemand, der weiß: Der Raum Gottes ist offen. Ich muss mir den Zugang nicht erarbeiten, nicht durch besondere Frömmigkeit und auch nicht durch ein perfektes Morgenritual. Es ist Gottes Güte, Gottes Huld, die die Tür öffnet. Und am Ende steht in unserem Psalm die weite Zusage: „Freuen sollen sich alle, die Zuflucht suchen bei dir […], jubeln […], jauchzen in dir, die deinen Namen lieben. Denn du wirst segnen einen, der im Recht ist, Herr, wie mit einem großen Schild wirst du ihn umgeben mit Wohlwollen“ (Ps 5,12f.). Das Bild des Schildes: Ein großer Schild, der den ganzen Körper deckt und vor Schaden bewahrt. So deckt Gottes Wohlwollen unseren Tag: Er deckt die Stunden, in denen wir kraftvoll und konzentriert sind. Er deckt die Stunden, in denen wir müde, gereizt oder überfordert sind. Er deckt die Begegnungen, die gelingen, und die, die misslingen. Morgengebet ist dann nicht ein frommer Zusatz, sondern das Sich-Stellen unter diesen Schild: „Herr, umgib mich heute mit deiner Güte. So gehe ich nicht schildlos in diesen Tag.“
5. Ein kleines Exerzitium für Lerchen und Eulen
Wenn wir das nun zusammennehmen – Psalm 5,4 und Psalm 127,2 –, dann könnte eine kleine Praxis in 5 Schritten so aussehen, die sowohl Lerchen als auch Eulen gerecht wird:
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Ein Moment der Unterbrechung: Zu Beginn des Tages, bevor die Arbeit startet, trete ich heraus aus dem Strom des beginnenden Tages. Es kann die erste Minute nach dem Aufstehen sein oder ein stiller Moment am Schreibtisch.
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Das Wort sprechen: „Herr, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.“
„Umsonst ist’s, daß ihr früh aufsteht, denn seinen Freunden gibt er’s im Schlaf.“ -
Das Eigene hinhalten: Ein Satz, still oder laut: „Das ist, was mich heute am meisten beschäftigt, Herr: …“ Nicht geschönt, nicht religiös verkleidet – einfach ehrlich.
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Wirken lassen: In die Stille hineinhorchen und dem eigenen Satz vor Gott und vor dem Hintergrund der Psalmworte nachspüren.
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Vertrauen aussprechen: „Herr, ich will heute auf dich achten. Bewahre mich vor einem Tag, der nur Sorge ist. Lass mich arbeiten – und loslassen – im Vertrauen, dass du schon da bist.“
So werden Psalm 5 und Psalm 127 nicht zu Konkurrenzversen, sondern zu einem gemeinsamen Ruf: Steh auf – wann auch immer – nicht nur in deine Termine hinein, sondern in die Gegenwart Gottes. Und geh in den Tag mit der Freiheit derer, die wissen: Ich muss die Welt heute nicht retten. Der, der meine Stimme hört, hat schon in der Nacht an ihr gearbeitet. Dann geht es nicht mehr um die Frage: Wer hat recht, die Eule oder die Lerche? Sondern um die andere Frage: Wie auch immer ich in den Tag hineingehe – lasse ich mir von Gott sagen: „Ich war schon vor dir da. Und ich gehe mit dir“?xii
Wir beten:
„Barmherziger Gott,
von deiner Güte leben wir.
Dein Segen lässt unsere Arbeit gelingen.
Aber oft bilden wir uns ein
wir müssten alles alleine schaffen,
und alles selbst in den Griff bekommen.
Wir stehen manchmal so stark unter Druck,
dass wir zu zerbrechen drohen,
und wenn wir zur Ruhe kommen,
fühlen wir uns ausgebrannt und leer.
Auf die Frage: ‚Wofür das alles?‘,
wissen wir oft keine Antwort,
sondern fallen in ein tiefes Loch.
Ja, es ist umsonst,
dass wir früh aufstehen
und hernach lange sitzen
und unser Brot mit Sorgen essen.
Es ist umsonst,
wenn wir nicht unsere Grenzen erkennen
und auf deinen Segen trauen.
Gott mach du uns des Sinns unseres Lebens gewiss.“xiii
i Vgl. Friedrich Johannsen, „Umsonst ist’s, daß ihr früh aufsteht“. Biblische Impulse zu einer Ethik der Arbeit, in: Friedrich Johannsen / Harry Noormann (Hg.), Lernen für eine bewohnbare Erde. Bildung und Erneuerung im ökumenischen Horizont, FS Ulrich Becker zum 60. Geburtstag, Gütersloh 1990, 116–125.
ii Dieter Böhler, Psalmen 1–50, HThK, Freiburg i.Br. 2021, 118.
iii Vgl. Günter Bader, Psalterium affectuum palaestra. Prolegomena zu einer Theologie des Psalters, Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie 33, Tübingen 1996.
iv Vgl. Ellen T. Charry, Psalms 1–50: Sighs and Songs of Israel, Brazos Theological Commentary on the Bible, Grand Rapids 2015, 24: „He [the speaker; M.H.] will lay his case before God expecting an answer, assuming that he attends to the cries of Israel.”
v Zur Kultur des Kaffee-Trinkens vgl. Martin Nicol, Zwischen Kaffeehaus und Kanzel. Praktische Theologie im Wechselspiel mit den Künsten, zum 70. Geburtstag von Martin Nicol hg. von Alexander Deeg, Leipzig 2023, 109–117; 165–184.
vi Wolf Krötke, Gottes Eigenschaften, in: Ernstpeter Maurer (Hg.), Grundlinien der Dogmatik, Rheinbach 2005, (85–106) 106.
vii Zum arbeitenden Gott vgl. Jürgen Ebach, Die Welt der Arbeit in der Welt der Bibel, in: ders., Theologische Reden, mit denen man keinen Staat machen kann, Bochum 1989, (91–107) 92ff.; ders., Arbeit und Ruhe. Eine utopische Erinnerung, in: ders., Ursprung und Ziel. Erinnerte Zukunft und erhoffte Vergangenheit. Biblische Exegesen, Reflexionen, Geschichten, Neukirchen-Vluyn 1986, 90–110, bes. 91; 98.
viii D. Böhler, Die Psalmen 1–50, 125. Vgl. Frank- Lothar Hossfeld / Erich Zenger, Die Psalmen 1–50, NEB.AT 29, Würzburg 1993, 65: „Das ‚Ausschau halten‘ meint allgemein ein Warten und Hoffen, das nicht von vornherein auf ein kultisches Verhalten festzulegen ist“.
ix Vgl. Hans G. Ulrich, Wie Geschöpfe leben. Konturen evangelischer Ethik, EThD 2, Münster 2005, 353f.; 509f.
x Vgl. Matthias Freudenberg, „Und alsdann flugs und fröhlich geschlafen“ (Martin Luther). Der Schlaf in theologischer Perspektive, Kleine Schriften Nr. 4 der Lippischen Landeskirche, Detmold 2002. Freudenberg spricht vom Schlaf als der „geschenkte[n] Zeit des wachenden Gottes“. A.a.O., 10.
xi Vgl. Christian Link, Vita passiva. Rechtfertigung als Lebensvorgang, in: EvTh 44 (1984), 315–351. Oswald Bayer (Vernunft und Vertrauen. Zur Grundorientierung lutherischer Theologie, TBT 200, Berlin / Boston 2024, 411) spricht mit Blick auf Ps 127,2 und den dort beschriebenen Schlaf vom „Segen eines Lebens im Glanz der Rechtfertigung“.
xii Eine homiletische Nachbemerkung: Die Spannung zwischen Ps 5,4 und Ps 127,2 lässt sich homiletisch im Horizont des Zwei‑Zeiten‑Modells von Martin Nicol verstehen, der christliche Existenz als Leben „zwischen den Zeiten“ (Weltzeit und Gotteszeit) beschreibt. Vgl. Martin Nicol, Mehr Gott wagen. Predigten und Reden zur Dramaturgischen Homiletik, Göttingen 2019, 35–43; vgl. auch ders., Weg im Geheimnis. Plädoyer für den Evangelischen Gottesdienst, 3., erweiterte Aufl., Göttingen 2011, 297–319. In meiner Predigt erscheinen Lerche und Eule als Figuren der Weltzeit – der unterschiedlichen Rhythmen, Arbeitsweisen und Sorgeformen –, während die Psalmen als Sprachgestalt der Gotteszeit auftreten, in der dieselbe Zeit neu wahrgenommen wird. Wo Ps 127,2 das einzeitige Leben im Modus der Sorge kritisiert („Umsonst ists, dass ihr früh aufsteht …“), öffnet Ps 5,4 dieselbe Morgenzeit für die Gotteszeit („Frühe will ich meine Stimme zu dir richten und aufsehen“). Die Predigt bewegt sich damit intertemporal zwischen beiden Polen: Sie identifiziert Alltagszeit weder unmittelbar mit Gotteszeit noch trennt sie beide, sondern lässt in parataktischer Weise Weltzeit‑Sprache (Chronotypen, Arbeitsdruck, Erschöpfung) und Gotteszeit‑Sprache (Psalmworte, Geschenkcharakter des Schlafes, Bild des Schildes) nebeneinander zu Wort kommen. So wird das Zwei‑Zeiten‑Modell nicht nur zu beschreiben, sondern performativ einzuüben versucht, wenn das „kleine Exerzitium“ am Tagesbeginn die Morgenstunde als Schnittstelle der beiden Zeiten erfahrbar werden lässt.
xiii Sylvia Bukowski, Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht. Gebet zu Psalm 127, unter: https://www.reformiert-info.de/Es_ist_umsonst%2C_dass_ihr_frueh_aufsteht-2371-0-0-1.html (Zugriff: 30.4.2026).
Marco Hofheinz


