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Mehr als Brot: Vier Perspektiven auf die Speisung der Fünftausend
Predigt zu Lk 9,10-17

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN.
Liebe Gemeinde, ob jemand religiös ist oder nicht - alle wissen um die Wahrheit dessen, was Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper in die berühmten Worte gefasst hat: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Man kann es natürlich feiner formulieren, und die Bibel tut das auch, und zwar mannigfaltig.
Vom Hunger ist vielfach die Rede, etwa von jener Hungersnot, die Jakobs Söhne dazu veranlasst, nach Ägypten zu gehen, wo sie auf ihren in die Sklaverei verkauften Bruder treffen.
Vom Hunger nach Gerechtigkeit und der Verheißung, dass satt werden sollen, die diesen Hunger verspüren, hören wir öfter.
Das Brot, das vom Himmel herab kommt, Manna genannt, nährt das Volk in der Wüste auf dem Weg in die von Gott verheißene Freiheit.
Um das tägliche Brot - für alle - lehrt uns Jesus beten.
Das fundamentale Thema “Hunger haben und satt werden” bestimmt jene Texte, die am 7. Sonntag nach Trinitatis zur Auslegung vorgesehen sind - ob es sich um das Große Festmahl handelt, zu dem Gott einlädt, oder grundsätzlich um die Tugend einer Gastfreundschaft, die sich nicht allein auf Freunde und Bekannte erstreckt.
Da mich das Thema, wie Sie sich denken können, in mehr als 35 Berufsjahren schon gelegentlich beschäftigt hat, nehme ich mir die Freiheit, auf einen Auswahltext auszuweichen, den ich Ihnen sogleich vorlesen möchte. Es handelt sich um die Verse 10-17 des neunten Kapitels des Lukas-Evangeliums:
10 Die Apostel kehrten zurück und erzählten ihm, was sie getan hatten. Und er nahm sie beiseite und zog sich mit ihnen zurück in eine Stadt mit Namen Bethsaida.
11 Als die Leute aber davon erfuhren, folgten sie ihm. Und er ließ sie zu sich kommen und sprach zu ihnen über das Reich Gottes und heilte, die der Heilung bedurften.
12 Und der Tag begann sich zu neigen. Da kamen die Zwölf zu ihm und sagten: Entlass die Leute, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen und ein Nachtlager und etwas zu essen finden können. Denn hier sind wir an einem abgelegenen Ort.
13 Da sagte er zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie aber sagten: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, wir würden uns aufmachen und für alle diese Leute etwas zu essen kaufen.
14 Es waren nämlich die Männer allein schon an die fünftausend. Da sagte er zu seinen Jüngern: Lasst sie sich lagern in Gruppen zu etwa fünfzig.
15 Und so taten sie und ließen alle sich lagern.
16 Da nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis über sie und brach sie und ließ sie von den Jüngern dem Volk vorsetzen.
Soweit unser Predigttext. Das heißt: Nein, der Predigttext kommt jetzt erst; denn was wir bisher hörten, ist der in der Predigt auszulegende Bibeltext. Ich schlüpfe jetzt in die Rollen von verschiedenen theologischen Fachleuten, von denen es ja, wie alle wissen, sehr unterschiedliche Typen gibt. Deswegen gibt es jetzt nicht eine einzige, sondern vier kurze Auslegungen.
Die erste Deutung unserer Perikope ist eine traditionell-religiöse:
Was haben wir gehört, liebe Gemeinde?
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Dass Jesus alles zu wissen scheint und für alle Menschen Verständnis hat.
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Die Jünger hingegen - hier “Apostel” genannt - sind offensichtlich rat- und hilflos.
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Man fragt sich mit ihnen, woher Essen für eine so große Menschenmenge kommen soll. Sie denken daran, Lebensmittel einzukaufen.
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Jesus macht, indem er zum Himmel aufblickt (das heißt, indem er Gott bittet einzugreifen), dass 5 Brote und 2 Fische 5000 Leute sättigen; und es bleiben sogar noch 12 Körbe mit Krümeln übrig.
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Das Fazit liegt auf der Hand: Es handelt sich um ein Wunder.
Was man von einer solchen Predigt mit nach Hause nehmen kann, lässt sich in die Worte fassen: Was bei den Menschen unmöglich scheint, ist bei Gott sehr wohl möglich. Glaube es, und du wirst selig!
Amen.
Aber das war noch nicht die ganze Wahrheit, liebe Geschwister!
Eine zweite Deutung legt das Gewicht ganz auf die Ethik - etwa so:
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Jesus heilt und lehrt, wie wir zu Beginn des Abschnitts erfahren. Gott wendet sich hier also wie sonst auch den Menschen in ihrer Bedürftigkeit zu.
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Die Jünger erscheinen kleingläubig, denn sie wollen das Volk am Abend nach Hause schicken, damit sich jeder auf eigene Faust um Nahrung und Schlafplatz kümmert.
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Jesus jedoch fordert von seinen Jüngern, dass sie den Hungrigen zu essen zu geben.
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Diese aber weisen darauf hin, dass ihre Mittel dafür nicht ausreichen.
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Daraufhin lässt Jesus seine Begleiter dafür sorgen, dass die Menschenmenge sich in Gruppen lagert.
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Jesus betet - er ist sozusagen für die Verbindung zum Himmel zuständig -, und die Jünger verteilen das (mit einem Mal überreichlich vorhandene) Essen; sie sind also für das Zwischenmenschliche verantwortlich.
- Die Schlussfolgerung, die dieser Theologe anstrebt, lautet: Hört auf Jesus und tut, was er verlangt!
Wem der erste Ansatz zu fromm und der zweite zu weltlich erscheint, kann Zuflucht nehmen zu einer psychologischen Auslegung, die Betonung auf die Gefühlswelt legen und die Befindlichkeiten insbesondere der Jünger ausleuchten:
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Die Jünger sind stolz auf ihre Taten, von denen sie am Anfang Jesus berichten.
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Jesus nimmt sie beiseite, würdigt ihr bisheriges Engagement, indem er sie noch weiter ins Vertrauen zieht.
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Vor den Jüngern und dem Volk spricht Jesus über das Reich Gottes. Das wird hier nicht ausgeführt; aber wir haben ja schon das eine oder andere darüber gehört und also eine Vorstellung davon, dass es dabei um Gerechtigkeit und Frieden geht, um Gemeinschaft und Achtsamkeit.
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Die Jünger scheinen das aber nicht verstanden zu haben. Jedenfalls verhalten sie sich nicht so, als vertrauten sie auf Gott. Sie folgen einer Allerwelts-Logik, schlagen nichts anderes vor, als was ihnen geläufig ist, damit die riesige Menschenmenge Ruhe und Nahrung findet zur Nacht.
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Daraufhin demonstriert Jesus ihnen die Macht Gottes - und welch überraschende Folgen es hat, wenn man sich darauf einlässt.
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Der Satz, den die Predigthörerinnen und Predigthörer mit nach Hause nehmen sollen, lautet: Man darf, man soll, man muss Gott mehr zutrauen als der eigenen Erfahrung.
Amen, liebe Gemeinde, das ist ein Satz, den ich unterschreiben möchte. Die bisherigen Deutungen unterscheiden sich zwar, aber sie ergänzen sich auch. Doch mir fehlt noch etwas - ein befreiungstheologischer Zugang zu unserem Text. Den möchte ich folgendermaßen skizzieren:
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Die 12 Jünger, die Lukas hier bereits “Apostel” nennt, repräsentieren die 12 Stämme Israels.
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Der “abgelegene Ort” ist kein Idyll abseits der großen Städte, sondern symbolisiert gewissermaßen das Gegenteil von jener saftigen Wiese, auf die der gute Hirte seine Herde ans frische Wasser leitet. Beim Evangelisten Markus wird eigens erwähnt, dass die Menge war “wie Schafe, die keinen Hirten haben” - also schutzlos allen Widrigkeiten ausgeliefert, welche die Welt, wie wir sie kennen, den kleinen Leuten zumutet, in der die Freiheit, seines Glückes Schmied zu sein, nur für die Mächtigen und Reichen gilt.
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Jesus fordert seine Jünger dazu auf, dem Volk etwas zu essen zu geben - mit anderen Worten: Sie sollen an seiner Statt, sie sollen solidarisch handeln.
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Die Jünger aber weisen lediglich auf das hin, was vor Augen liegt: Da ist nicht mehr vorhanden als 5 Brote und 2 Fische. In physischer Hinsicht ist es unmöglich, damit 5000 Menschen zu nähren. Wenn man jedoch damit ernst macht, dass der Mensch “nicht allein vom Brot lebt”... kann man unter den 5 Broten und 2 Fischen jenes Wort verstehen, “das aus Gottes Mund hervorgeht”: Die Thora, das Zehnwort, das auf 2 Tafeln übermittelt wurde.
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Wer davon bekommt, wird nicht nur satt (an Hoffnung), sondern wird nie wieder hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn er hat erleben dürfen: Es reicht für alle, und es gibt sogar einen Überschuss.
Und eben dies, liebe Schwestern und Brüder, möchte ich Ihnen auf den Weg nach Hause mitgeben: Gottes Wort stillt den Hunger derer, die nicht weniger als alles von ihm erwarten.
Amen.
Stephan Schaar


