Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?

Frage 49 des Heidelberger Katechismus

Der Himmel ist geöffnet und darum sind wir Christinnen und Christen nicht mehr einfach zufrieden mit dem, was auf Erden ist. Eine Predigt von Jochen Denker

Erstens:
Er ist im Himmel vor dem Angesicht
seines Vaters unser Fürsprecher.
Zweitens:
Wir haben durch unseren Bruder Jesus Christus im Himmel die Gewissheit,
dass er als das Haupt uns, seine Glieder, auch zu sich nehmen wird.
Drittens:
Er, sitzend zur Rechten Gottes, sendet seinen Geist zu uns,
der uns die Kraft gibt, zu suchen, was droben ist,
und nicht das, was auf Erden gilt.


Ihr Lieben,
„Was nützt es dir?“ „Was nützt es uns?“
So fragt der Heidelberger Katechismus mehrfach, wenn er das Glaubensbekenntnis erklärt. Was nützt uns die Erkenntnis der Schöpfung und Begleitung Gottes (Fr. 28) Was nützt es dir, dass Jesus vom heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau Maria geboren wurde? (Fr. 36) Was nützt und die Auferste- hung Christi? (Fr. 45) oder eben: Was nützt uns seine Himmelfahrt?

Seht, die großen Fragen des Glaubens werden nicht einfach so behandelt, dass uns gesagt wird: „Das musst du eben glauben.“ „Das erwartet Gott von dir.“ Oder: „Das erwartet die Kirche von dir“. Der Glaube wird uns nicht vorgestellt als eine Art Leistung, die erbracht werden muss und der man mit dem lapidaren Satz nachkommen könnte. „Ok. Das akzeptiere ich. Wird wohl stimmen.“ So wie wir uns einfach über einen Sachzwang in Kenntnis setzen lassen, dem wir uns zu beugen haben, wenn wir weiterkommen wollen.
Nein, im Kern möchte der Katechismus zum Glauben einladen. Und es wirkt auf uns immer einladend, wenn ein anderer uns klar machen kann: „Davon hast du was. Das ist gut für dich.“ Schon lange vor der kommerziellen Werbung, die letztlich genauso arbeitet, hat das die Kirche getan. Sie hat die Menschen daraufhin angesprochen, was für ein Gewinn der Glaube für den Menschen ist. Ein Gewinn an Orientierung, an Hoffnung, an Lebensqualität.

Ich kann nicht verhehlen, dass ich bei diese Form für den Glauben zu werben auch einen Beigeschmack haben kann. Wir neigen alle dazu, das anzunehmen, was uns selber nutzt. Wenn ich einen Gewinn habe, dann bin ich bereit dies und das zu tun. Der Glaube an Christus, das Vertrauen auf Gott, soll aber nach der Botschaft der Bibel nun doch weitaus mehr sein als eine der vielen Formen des Eigennutzes. Aber es wäre nun ebenso falsch zu sagen, der Glaube sei nur für die anderen und eben nicht auch für mich etwas Gutes!

Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?
Erstens: er ist im Himmel vor dem Angesicht seines Vaters unser Fürsprecher.

Vor einigen Jahren waren wir mit einem Gebet Jesu als Jahreslosung unterwegs: „Siehe, ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube niemals aufhöre“ (Lukas 22,32). Jesus liegt seinem und unserem Vater in den Ohren mit der Bitte um uns. Wir sind ein Gebetsanliegen Jesu! Er spricht für uns. In doppeltem Sinne. Er spricht für uns, weil unsere Worte oft so schwach sind und unsere Taten noch vielmehr. Er spricht für uns und dolmetscht unser Gestammel und Gestotter. Wenn man merkt, dass man nicht selber für sich sprechen kann, weil einem die Worte fehlen oder die Stimme versagt, wie gut, einen Sprecher zu haben Auch in dem zweiten Sinn: eben einen Fürsprecher. Christus spricht für uns. Wenn wir uns nur für einen Moment vorstellen, wir stehen vor Gottes Richterstuhl und unser Leben wird vom Licht seiner Wahrheit und seiner Liebe durchleuchtet und er fragt uns: „Wo hat mein Wort dein Leben bestimmt? Wo hat mein Gebot dein Verhalten geprägt? Wo hast Du mir mehr vertraut und gehorcht als den Menschen? Wo bist Du für mich eingetreten?“ In Null-Komma-Nichts müssten wir uns selber das Urteil sprechen und Gott das seine vorwegnehmen – und es wäre ein jämmerliches. Nicht nur, dass wir Gott nicht genug glauben und vertrauen – nicht selten glauben und vertrauen wir ihm gar nicht. Nicht nur, dass wir ab und an nicht genug täten, nicht selten tun wir gar nichts und wenn dann auch noch das Falsche.
Wir haben es bitter nötig, dass da jemand unser Fürsprecher ist, vor dem Richter für uns spricht. Mit Jesus können wir Gottes Urteil über uns getrost entgegensehen und brauchen ihm nicht auszuweichen. Er vertritt uns und tritt für uns ein. Schon heute – und auch an dem Tag, an dem mein Leben und das aller Men- schen vor Gott offenbar wird. Das nützt uns die Himmelfahrt Christi.

Zweitens:
Wir haben durch unseren Bruder Jesus Christus im Himmel die Gewissheit, dass er als das Haupt uns, seine Glieder auch zu sich nehmen wird.
Seht, wir Menschen gehören auf die Erde. Das ist unser Ort. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes „Erdlinge“. Im zweiten Schöpfungsbericht kommt das wunderbar zum Ausdruck: Und Gott nahm einen Klumpen Erde und formte daraus den Menschen. „Von der Erde bist du genommen, zur Erde sollst du wieder werden“. Wir sind irdische Wesen. Mit dem Himmel haben wir zunächst nichts gemein. Der Ort, an dem Gottes Wille schon geschieht, der Ort seiner unverhüllten Gegenwart – er ist nicht unser Platz.
Und trotzdem gilt uns die Verheißung, dass wir in unmittelbarer Nähe zu Gott leben sollen, dass es nicht nur hier auf Erden ein flüchtige Stätte gibt, an der wir ein vorübergehendes Zuhause finden, sondern dass im Himmel eine Wohnung bereit ist. Seht, das nützt uns die Himmelfahrt Christi, dass er uns diesen Ort freihält und vorbereitet.
Mit Christus ist ein Mensch, „unser Bruder“, wie es der Heidelberger sagt im Himmel. In der alten Fassung des Heidelberger klang es noch viel handgreiflicher, „dass wir unser Fleisch im Himmel zu einem sicheren Pfand haben“. Mit Jesus ist ein Mensch, einer „von uns“ schon im Himmel. Es gibt einen Weg dorthin. Er ist der Weg! Der Himmel ist nicht verschlossen. Nicht weil wir ihn als Himmelsstürmer eingenommen hätten, sondern weil Gott ihn von innen öffnet. Die Himmelfahrt Christi ist das „sichere Pfand“, dass unser Verkehr mit Gott keine Einbahnstraße ist. Es geht auch von hier nach dort.
Darum ist „Himmelfahrt“ kein abseitiges und lebensfernes Fest, sondern ein wichtiger Grund für unserer Hoffnung als Christinnen und Christen. Was nützte es, wenn Christus nur auf die Erde gekommen wäre, und dann wäre er wie wir alle hier stecken geblieben? Was nützte es, wenn wir ihn als Vorbild hätten, dem nachzueifern zwar unser Ziel wäre, aber eben ein Ziel, das wir nie erreichen?
Dass er mir vorausgegangen ist – nicht irgendwohin, sondern zu Gott, dass er mich nachholen wird, dass meine Zukunft bei ihm im Himmel sein wird, das macht mich froh. Wir sitzen alle fest hier unten. Und wäre Christus auf Erden geblieben, dann wäre auch die Zukunft seiner Geschwister, dann wäre auch unsere Zukunft nirgendwo als hier unten, in dem Bereich unserer Möglichkeiten. Wir wären eingekerkert in den Mauern unserer Schuld und Unzulänglichkeiten in denen der Mensch des Menschen gnadenloser Richter und unberechenbarer Gefängniswärter zugleich wäre. Dass wir nicht hier festsitzen, sondern einen Zugang haben zum Vater, das nützt uns die Himmelfahrt Christi.

Und Drittens:
Er, sitzend zur Rechten Gottes, sendet seinen Geist zu uns, der uns die Kraft gibt, zu suchen was droben ist, und nicht das, was auf Erden ist.
Für das Johannesevangelium ist das wohl der wichtigste „Nutzen“. Jesus geht zum Vater, um von dort den Tröster zu senden, den Heiligen Geist. Ohne diesen Geist, allein gelassen mit dem Menschengeist, den Geistern und Ungeistern unserer Welt, dem Zeitgeist und manchem Kellergeist, wie arm wären wir dran? Wir säßen hoffnungslos fest.
Wir suchen nämlich nicht von uns aus „was droben ist“. Wir suchen, was auf Erden ist. Und wir alle können ein langes Lied davon singen, wie uns das, was auf Erden ist, der Suche weit mehr wert scheint als das, was im Himmel ist. Es gehört schon eine Kraft dazu, davon befreit zu werden. Eine Kraft, die wir uns nicht aus den Rippen schneiden können. Der heilige Geist ist diese Kraft. Ich lese noch mal aus der alten Fassung des Heidelberger, weil ich da noch mehr entdecke als in der neuen: Christus sendet uns „seinen Geist als Gegenpfand“heißt es da. Wunderschön kommt zum Ausdruck, wie hier eine Verbindung hergestellt wird zwischen Himmel und Erde. Christus, das sichere Pfand im Himmel – und der heilige Geist, das bestätigende Gegenpfand auf Erden. Die Verbindung steht, sie soll niemals zerrissen werden. Schon auf Erden schenkt uns der Geist die Gewissheit, dem Himmel zu gehören, verändert unser Leben, richtet es neu aus und lenkt unseren Blick und unsere Sehnsucht „nach dem, was droben ist“, nach dem, was Zukunft hat, weil es Gottes Willen entspricht.

Ihr Lieben, der Himmelfahrtstag, so stiefmütterlich er im Kirchenjahr behandelt wird und so wenig Attraktion er auf die Menschen ausüben mag, weil man bestenfalls Bilder der Ballon- oder Raumfahrt mit ihm assoziiert, er steht für eine sehr wichtige Erinnerung.
Unserer Gesellschaft ist er eher zum „Vatertag“ geworden. Neben dem „Muttertag“, dessen Verbreitung wir seit 1922 in Deutschland zunächst dem „Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber“ verdanken, später der „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung“ und dann besonders der Glorifizierung der deutschen Mutter durch die Nationalsozialisten, muss es schließlich auch einen Tag geben, an dem der Vater nicht zu kurz kommt. Da ist die Wahl nun mal auf den „Himmelfahrtstag“ gefallen, „Vater- oder Herrentag“ wie man ihn dann nennt. Das was sich heute vor allem damit verbindet – ist wahrlich kein christliches Fest. Aber warum sollte man nicht von christlicher Seite einmal etwas bewusst falsch verstehen und umdeuten. Denn aus christlicher Sicht könnten die Namen „Vater- und Herrentag“ gerade am Himmelfahrtstag neuen Sinn bekommen. Himmelfahrt ist der Tag, an dem Christus zu seinem und unserem „Vater“ ging. Es ist die Heimkehr des Sohnes, die die Heimkehr aller Kinder Gottes vorbereitet. Jesus öffnet die Tür zum Vater und verheißt uns, seinen Geschwistern, dass auch wir in unseres Vaters Haus Wohnung haben.
Himmelfahrt ist „Herrentag“ – das gilt übrigens von jedem Sonntag als „Tag des Herrn“. Aber er ist es noch einmal in besonderer Weise, weil Christus den Ort einnimmt, an dem er unser Fürsprecher ist – zur Rechten des Vaters, als der Herr aller Herren.

Der Himmel ist geöffnet und darum sind wir Christinnen und Christen nicht mehr einfach zufrieden mit dem, was auf Erden ist. Wir haben von Gott eine Sehnsucht ins Herz bekommen, die uns nach dem suchen lässt, was droben ist und die uns anhält, den Himmel auf Erden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Das ist kein vergebliches Suchen, keine vergebliche Mühe, sondern nichts anderes als der Anbruch der Zukunft der kommenden Welt in der vergehenden. Und Christus sei Dank, dürfen wir uns schon als Kinder der kommenden glauben und in diesem Glauben leben. Denn es stimmt: „Der Himmel der kommt, grüßt schon die Erde die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.“
Amen.


Pfr. Dr. Jochen Denker (gehalten am 2. Juni 2011 in der Ev.-reformierten Gemeinde Ronsdorf)