Wem gehört der Reichtum?

Predigt zu Bertolt Brechts Dreigroschenroman


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Was passiert, wenn man biblische Gleichnisse kritisch hinterfragt? Anhand von Bertolt Brechts Text zeigt sich, wie Glaube, Ausbeutung und soziale Gerechtigkeit miteinander verwoben sind. Dabei wird auch Bertolt Brechts Interesse an der Bibel deutlich.

Liebe Gemeinde, ich staune immer wieder darüber, wie sehr der Atheist Brecht die Bibel gekannt und geschätzt hat; sie war ja nach eigenem Bekunden seine Lieblingslektüre. Wer gute Geschichten zu würdigen weiß, wer sich an Erzählkunst erfreuen kann, für den hat die Bibel einen reichen Schatz an Schönem zu bieten, selbst wenn man für ihre Frohe Botschaft keine Antennen besitzt.

Nun kann man natürlich Geschichten genossen und dennoch missverstanden haben. Oder, schlimmer: Man verwendet die Bibel als eine Waffe, indem man sie ganz bewusst gegen den Strich bürstet. Viele selbsternannte Prediger in den USA und anderswo, denen es vor allem darum geht, ihre Kirchen und Kassen zu füllen, verfahren auf diese Weise. Da kann man eigentlich nur “Pfui, Teufel!” ausrufen.

Bert Brecht setzt sich mit der vorherrschenden Theologie seiner Zeit und jener des 19. Jahrhunderts kritisch auseinander - ja, man muss es so nennen: Er polemisiert gegen die Allianz von Thron und Altar. Das Gleichnis Jesu, das wir als Lesung hörten, wird heute in weiten Teilen der Evangelischen Kirche nicht mehr so verstanden, als hätte Jesus tatsächlich verlangt, mit anvertrauten Gütern zu spekulieren, wie das im zeitgenössischen Kapitalismus üblich geworden ist - umso weniger, als wir damit begonnen haben, Jesus als Kind seiner Zeit vor dem Hintergrund der jüdischen Tradition verstehen zu wollen. Dieser zufolge hat derjenige alles richtig gemacht, der das anvertraute Geld gut verwahrt hat und ohne Verlust zurückgeben konnte.

Brecht setzt sich mit einer Kirche auseinander, in der gelehrt wird, dass Jesu gesagt habe: 1. Jeder hat ein Pfund bekommen. 2. Mit dem Pfund kann und soll gewuchert werden.

Weil Jesus, der hier “Religionsstifter” genannt wird, diese Lehre in die Welt gesetzt hat, sieht der Soldat Fewkoombey ihn als Urheber jener Legende an, die ihn selbst die Existenz gekostet hat und die Ursache auch für den Selbstmord der Kleingewerbetreibenden Swayer darstellt, die angesichts ruinösen Wettbewerbs und unlauterer Geschäftspraktiken in den Konkurs getrieben worden war.

Wir lesen die unmittelbare Fortsetzung der einleitend zitierten Passage: Nicht das erste oder zweite, aber das dritte oder vierte war die Abhaltung eines großen Gerichts.

Jedermann weiß, was damit gemeint ist. Von diesem Gericht wurde immerzu gesprochen; seit urdenklichen Zeiten erwartete man es; alle Völker malten es sich sorgfältig aus. Einige Leute hatten versucht, es an das Ende aller Zeiten zu verlegen, aber dieser Versuch der Verschiebung war verdächtig gewesen, keinesfalls konnten die Völker so lange damit warten. Keine Rede konnte davon sein, daß dieses Gericht am Ende allen Lebens stehen konnte, da es doch eigentlich erst seinen Beginn einleitete. Bevor dieses Gericht stattgefunden hat, kann von wirklichem Leben natürlich nicht gesprochen werden.

Nun fand es statt. Der Träumer war der Vorsitzende. Er hatte sich, schreibt Brecht, gegen eine riesige Zahl von Bewerbern durchgesetzt, weil - wie er augenzwinkernd anmerkt - niemand einen Träumer davon abhalten kann zu siegen.....

Das Gerichtsverfahren ist ein gigantisches Projekt, auf mehrere Hundert Jahre angelegt, damit jeder Arme und Wehrlose die Gelegenheit bekomme zu klagen, an denen man sich- sei es durch Worte, sei es durch Taten - jemals vergangen hatte.

Das biblische Motiv vom letzten Gericht, in dem, wie wir wissen, Jesus keine Ausflüchte gelten lässt, sondern die Bedürftigen in ihrer Not zum alleinigen Maßstab der Beurteilung aller Menschen macht, steht hier sehr deutlich Pate; nur dass dieses Gericht eben nicht irgendwann stattfindet, sondern hier und jetzt im Traum des Soldaten Fewkoombey.

Ort des Geschehens ist ein Hinterhof, in dem Wäsche aufgehängt ist und Hunde in einem Zwinger eingesperrt wurden. Sie waren nicht gefüttert worden und sollten auch kein Fressen bekommen, bis der Urteilsspruch gefällt war, heißt es drohend.

Zunächst wird der Angeklagte als ein Mann beschrieben, der seiner Kleidung nach als Handwerker oder Kleingewerbetreibender einzuschätzen sei.

Auf dem Richtertisch lagen ein Messer und ein mit Tinte beschriebener Brief, an dem ein Aktenzeichen angeheftet war.

Die Verhandlung wurde mit der Frage des Obersten Richters an den Angeklagten, ob er sich der Tragweite seines Redens, des Redens überhaupt, bewußt sei, eröffnet.

Jesus bekennt sich dazu und bejaht auch die Frage nach den Pfunden, die nach seiner Überzeugung jeder Mensch bekommen habe, weswegen er sich nicht schuldig bekennt, Unwahrheiten in die Welt gesetzt zu haben. Auch dass man die Pfunde mehren könne, ist Jesus überzeugt; allerdings kann er keine Auskunft geben, wie man das anstellen müsse. Das sei landläufige Praxis, für deren Einzelheiten ihm das Interesse fehle.

Ähnlich gekleidete Personen werden als Zeugen befragt und bekunden übereinstimmend, dass sie tatsächlich alle mit einem Pfund ausgestattet worden seien. Darunter verstanden sie eine Art Startkapital auf ihrem Lebensweg: Schulbildung, besondere Fertigkeiten, die man ihnen vermittelt hatte, eine Werkstatt und ähnliches.

Der Richter nickte bei jeder dieser Aussagen, als hätte er gerade dies und nichts anderes erwartet. (.....) “Habt ihr auch tüchtig gewuchert mit eurem Pfund?” Sie beteuerten alle mit lauter Stimme, daß sie nach besten Kräften mit ihrem Pfund gewuchert hätten, das Vorhandene instand gehalten, Neues hinzu erworben und dazu noch die Kinder aufgezogen und jedes mit einem Pfund versehen hätten.

Danach werden weitere Zeugen vernommen, von denen zunächst behauptet wird, sie seien den vorigen unbekannt; später stellt sich dann aber heraus, dass sie sehr wohl eine Rolle im Leben der Handwerker und Kleingewerbetreibenden rund um Jesus gespielt haben - als ihre Bediensteten.

Die Frage, welches eigentlich ihr Pfund war, das sie mitbekommen haben, wird nicht explizit beantwortet, so dass man geneigt ist zu sagen: Das nackte Leben und weiter nichts ist es, das ihnen geschenkt wurde.

“Hat sich euer Pfund vermehrt?”, fragte der Oberste Richter streng. Sie erschraken und sagten: “Nein.”

“Hat er gesehen, daß es sich nicht vermehrte?”

Ein kleiner Junge tritt daraufhin mutig vor den Richter und verweist darauf, dass man es ihm und den anderen ansehen könne, dass sich ihr Pfund nicht vermehrt hat. Daraufhin wird Mary Swayer in den Zeugenstand gerufen.

Der Oberste Richter beugte sich vor auf seinem Stuhl, um sie besser betrachten zu können.

“Ich wollte dich verhören, ob es kalt ist, da, wo du herkommst, Mary,” sagte er laut, “aber ich sehe, es ist nicht nötig. Ich sehe, es ist kalt, da, wo du herkommst.”

Sie darf auf einem eilig aus Schnee entstandenen Stuhl Platz nehmen - wenn dem Richter etwas in den Sinn kommt, dann wird es Wirklichkeit, wenn auch mit gewissen Einschränkungen.

Schließlich sagt er zu den Zeugen der Anklage: “Es ist erwiesen. Ihr seid also hinausgeworfen worden, wo da Heulen ist und Zähneklappern?”

“Nein”, sagte einer von ihnen, mutig geworden. “Wir sind nie hereingelassen worden.”

Daraufhin ordnet der Richter dem Angeklagten - gegen dessen Willen - einen Verteidiger zu, und als dieser erkennt, um wen es sich dabei handelt, erschrickt er, weil dieser Fürsprecher seine Sache wohl nur verschlimmern wird.

Der Richter setzt alles daran herauszubekommen, welches das Pfund ist, dessen Vermehrung die einen nicht gerade reich macht, ihnen zumindest aber ein auskömmliches Leben ermöglicht, während die anderen es auf keinen grünen Zweig bringen.

Der Lehrer des Armenviertels wird befragt. Ob er die Swayer etwa nicht das Lesen gelehrt habe. Doch, doch, das hätte er; nur eben nicht, was alles in Verträgen steht. Wozu auch - das sei doch nichts für Menschen, die von ihrer Hände Arbeit leben.

Und ja, dem Wirt, vom dem Fewkoombey die Kneipe übernommen hatte, hatte der Lehrer das Schreiben beigebracht. Aber dieser hielt es für besser zu verschweigen, dass man an diesem Ort keinen Umsatz mehr machen wird, wenn die Bauarbeiten in der Nachbarschaft abgeschlossen sind.

Man kann sagen: Ganz normale Leute sind das. Wer oder was nötigt sie, eine Wahrheit preiszugeben, die ihnen schaden könnte?!

Die Gegenfrage lautet allerdings, ob wir einander nicht genau diese Wahrheit schuldig sind, liebe Schwestern und Brüder!

Der Oberste Richter seufzte und eröffnete die Verhandlung von neuem. Er wußte nur nicht recht, wie fortfahren. Er sah zu der Hauptzeugin Swayer hinüber.....

“Wenn der Warenstrom nicht versiegt wäre, hättest du dann vielleicht auf einen grünen Zweig kommen können, Mary?” - “Warum nicht?”, sagte sie müde. Da ich doch die Nähmädchen hatte.”

“Das ist ein Hauptpunkt”, sagte der Oberste Richter schnell. “Aber wir kommen nicht vorwärts. Ich hätte nie gedacht, daß es so schwer sein würde, hier Klarheit zu schaffen.”

Fewkoombey schilt sich einen Unwissenden, in dessen Hände man ein so wichtiges Verfahren vielleicht nicht hätte legen sollen: “Dieser Unterschied”, seufzte der Richter, “und kein Grund! Und doch muß etwas schuld sein, aber was?”

Er entsinnt sich seiner plötzlichen Macht und lässt die 40 Bände der Britischen Enzyklopädie antreten, die ihm Auskünfte geben über das Kapital, das Zins abwirf, wie eine Kuh kalbt, oder die Arbeitskraft, die aus Steinen Häuser macht, also eine Wertsteigerung bewirkt. Aber auch diese und weitere Informationen genügten nicht, das Rätsel zu lösen.

Der Verteidiger meldet sich zu Wort und lässt einen Zeugen aufrufen, der es als Sohn eines Arbeiters aus den Kohlegruben geschafft hat, sich ein Guthaben zu erwirtschaften. Dieser allerdings hält sich selbst zugute, eine gewinnbringende Idee gehabt zu haben.

Der Blick des Richters fällt schließlich auf die beiden Gegenstände auf seinem Tisch. Mit dem Brief hat Mary Swayer ihren Arbeitgeber erpresst. Das nennt sie ihr Pfund, das war ihre Chance. Irgendwie musste sie sich ja wehren gegen die ruinöse Konkurrenz, die man ihr vor die Tür setzte.

Der Richter ist schon ganz verzweifelt: “Es wird nicht klar”, jammerte er. “Diese B.-Läden, diese Kriegsschiffe! Gewinne über Gewinne! Woher kommen sie wirklich? Solche riesigen Geschäfte, solche Kriege, solche Ungleichheit!”

Er wendet sich an den Mann, der jetzt sein Gerichtsschreiber ist, früher aber alles abkassiert hat, was der Kriegsinvalide Fewkoombey auf der Straße erbettelte: “Smithy, wenn du mich damals hättest behalten dürfen, wärest du da auf einen grünen Zweig gekommen?” - “Warum nicht?”, antwortete Smithy.

“Aber dann ist es ja ganz klar”, sagte der Richter, und seine Stimme zitterte vor Erregung, “dann ist es ja erwiesen, was euer Pfund ist!”

Er weist Mary und Smithy an, sich zu den Beschuldigten zu stellen, denen er zuruft: “Das ist euer Pfund! Wir sind es! Der Mensch des Menschen Pfund! Wer keinen hat, ihn auszubeuten, der beutet sich selbst aus! Jetzt ist es heraus! Es ist heraus! Ihr habt es verheimlicht!”

Gewiss sind die Arbeiter entlohnt worden, wie es üblich war und vereinbart wurde. Aber wäre da nicht die Differenz zwischen dem, was sie geleistet haben und dem, was man ihnen ausbezahlte - es gäbe keinen Reichtum hier und keine Armut dort.

Schließlich wendet sich der Oberste Richter wieder dem Angeklagten zu:

Du bist überführt! Alles falsch beschrieben! Die Unwahrheit verbreitet! Da verurteile ich dich! Wegen Beihilfe! Weil du deinen Leuten ein Gleichnis in die Hand gegeben hast, das auch ein Pfund ist! Mit dem gewuchert wird! Und alle, die es weitergeben, die es wagen, so etwas zu erzählen, die verurteile ich! Zum Tode! Und dann gehe ich weiter: wer es sich erzählen läßt und es wagt, nicht dagegen sofort einzuschreiten, den verurteile ich ebenfalls! Und da auch ich diesem Gleichnis zugehört und geschwiegen habe, da verurteile ich mich auch zum Tode!” Und er setzte sich nieder, schweißbedeckt.


Stephan Schaar