Wo David Hasselhoff auf Kurt Marti trifft

Gemeindeleben: Stubenkirche in Leer


© Ulf Preuß

Einmal im Monat wird die Große Kirche in Leer zum Wohnzimmer. Bei der Stubenkirche stehen Begegnungen, Gespräche und wechselnde Themen im Mittelpunkt.

„Live is Life“ schallt es durch die Kirche. Beim „Na na na na na“ singen einige mit. Auf Sofas und Stühlen sitzen Besucherinnen und Besucher mit Teetassen und Weingläsern in der Hand. Zwischen den Kirchenbänken spielen Kinder. Über den Köpfen hängen an Schnüren Papier-Disketten mit Liedtiteln aus den vergangenen Jahrzehnten: „Looking for Freedom“ von David Hasselhoff aus dem Jahr 1989 oder „The Final Countdown“ von Europe aus dem Jahr 1986.

Es ist halb acht am Donnerstagabend in der Großen Kirche in Leer. Einmal im Monat findet hier eine Stubenkirche statt: Wo normalerweise Orgeltöne klingen und Pfarrerinnen und Pfarrer frontal predigen, lädt Pastorin Carolin Springer zum gemeinsamen Austausch ein, mit einem Andachtstext zum Nachdenken. Die Atmosphäre erinnert eher an ein Wohnzimmer als an einen klassischen Gottesdienst. „Und doch ist es Gottesdienst“, sagt Springer. Nur in anderer Form.

Die Idee kam ihr vor zwei Jahren. „Ich wollte so etwas wie eine Wohnzimmerkirche machen“, sagt sie. „Mit einer eigenen Liturgie. Das wäre mir noch zu viel klassischer Gottesdienst gewesen.“ Die neue Form nannte sie Stubenkirche. „Stube sagt man hier eher.“ Rund 50 Besucher sind an diesem Abend gekommen. Die Jüngste ist acht Jahre alt, die Älteste etwa 90. Familien sitzen neben Alleinstehenden, Stammgäste neben Menschen, die sonst nie in die Kirche gehen.

Die Themen sind unterschiedlich. Dieser Abend steht unter dem Motto „Lebenslieder“. Springer nimmt auf einem Sofa vor den Besucherinnen und Besuchern Platz. Zum Auftakt zitiert sie einen Text des Schweizer Pfarrers und Schriftstellers Kurt Marti. „Am Anfang also Beziehung. Am Anfang also: Rhythmus. Am Anfang: Geselligkeit“. Einen festen Ablauf, wie man ihn aus klassischen Gottesdiensten kennt, gibt es hier nicht. Die Stubenkirche versteht sich als Gelegenheit, über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen. „Wir kommen dieser geselligen Gottheit nahe, indem wir selbst Raum schaffen – für Begegnung, für Zuhören, für gemeinsames Nachdenken“, sagt Springer in einer Kurzandacht.

Besucherinnen und Besucher dürfen auf Zetteln ihre Gedanken und Erinnerungen zu Liedern teilen, die sie begleitet haben. „In dieses Leben passen unglaublich viele Klänge“, sagt Springer. „Mal brauchen wir diese großen starken Songs, weil wir uns genauso fühlen – oder weil wir uns danach sehnen. Mal sind es Liebeslieder. Mal Weltschmerz. Mal ein Refrain, der uns nicht mehr loslässt.“

Selbst nach dem Gottesdienst sind noch ein paar Besucherinnen und Besucher im Gespräch. Manche von ihnen haben hier neue Freundschaften geschlossen. „Ich bin eigentlich Atheistin“, sagt eine Besucherin. Sie war das erste Mal hier. Von der Stubenkirche hat sie nur durch Zufall gehört. „Das hier hat mich aber wirklich berührt“, sagt sie. „Ich werde wiederkommen.“


iba/RB
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