Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!

Predigt zu Markus 15, 33-34


Der Gekreuzigte auf dem Isenheimer Altar (Detail) © Wikimedia / Musée d'Unterlinden

''... immer noch mein Gott, nicht ein fremder, nicht ein anderer, nicht kein Gott. Nicht enttäuschte Hoffnung lässt ihn Gott lästern, sondern tiefe Verbundenheit lässt ihn an seinem Gott festhalten: Mein Gott, Warum? Und durch diesen Ruf ist die Gottesgemeinschaft noch da, am Rand, und umfängt noch die Gottverlassenheit.''

„Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lema sabachtani!, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ (Markus 15, 33+34)

Liebe Gemeinde,

nun ist er wirklich allein. Die Jünger sind fort, manche hat er weggeschickt, manche sind geflohen, Petrus fand den Mut nicht, zu ihm zu stehen. Die Menge, die ihm folgte, ihn liebte, ihn brauchte, schon lange fort. Nur noch die, die ihn verurteilen, die ihn verspotten, die mit ihm getötet werden. Und auch die verschluckt die Finsternis. Auch Gott ist fort. Der Vater, in dessen Willen er sich ergab; der Schöpfer, dem er bis in den Tod hinein vertraut; die Weisheit, die ihn zum Botschafter der Liebe und des Lebens machte; die Vollmacht, mit der er Lazarus aus dem Grab rief. Gott ist fort. Nun ist er wirklich allein, im Tod, am Kreuz, ist er wirklich allein.

Am Tod zerbricht alle Gemeinschaft. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Jesus stirbt verlassen, auch: gottverlassen! am Kreuz. Das ist das eine. Aber es ist nicht alles, was das Markusevangelium hier sagt. Denn der Bericht hat einen Rand, der eine andere Wirklichkeit als die Todesverlassenheit spürbar macht. Zweimal wird dieser Rand sichtbar: Einmal in und mit den Frauen, die von ferne zuschauen. Sie sind nicht ganz fort, Maria aus Magdala und Salome und die vielen anderen, die mit Jesus nach Jerusalem gekommen waren. Sie stehen am Rande der Einsamkeit. Und sie sehen am Abend, wohin Jesu Leichnam gebracht wird, sie wissen darum später, wo er ist und wo sie ihm nahe sein können. Durch die Frauen ist die Jüngergemeinschaft noch da, am Rand, und sie umfängt noch die Einsamkeit.

Und das andere Mal wird der Rand sichtbar in den Worten, mit denen Jesus stirbt: Eloi, Eloi, lema sabachtani! Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Allein, von Gott verlassen, in Todesnot, hält Jesus an Gott fest: rufend, klagend, betend, wendet er sich an ihn, ruft ihn in seine Geschichte zurück, hält an ihm fest: Mein Gott. In seiner Verlassenheit lässt Jesus nicht ab von Gott, er gibt, selbst aufgegeben, ausgeliefert, Gott nicht auf. Wie Hiob, der gegen den Rat von Frau und Freunden von Gott nicht ablässt und ihn nicht aufgibt, aber auch sich nicht aufgibt, sich nicht ins Unrecht setzen lässt, sondern festhält an Gott und ihn in seine Geschichte zurückruft.

Man könnte, hört man Jesu Schrei, ja auch sagen wie Hiobs Freunde und Frau: Was soll das noch? Es ist doch gelaufen, Gott ist fort, du stirbst, du hast ihm umsonst vertraut. Und wir können, hören wir Jesu Schrei, antworten: Was soll er denn sonst tun? Er hat ihm vertraut, ja, hat ihm umsonst vertraut, in des Wortes anderer Bedeutung: nicht vergeblich, sondern ohne Berechnung, ohne zu meinen, er wisse, wie Gott dieses Vertrauen zu honorieren habe. Und weil er ihm umsonst vertraut, ohne Berechnung, kann er nicht anders, als sich an ihn klammern. Jetzt, wo der Augenschein sagt: Gott ist nicht mit ihm. Jetzt, wo Jesus selbst die Verlassenheit herausschreit: Mein Gott ist nicht mit mir. Jetzt, wo das die Realität ist: Gott ist nicht hier.

Jetzt kann er sich nur noch einmal, wie in Gethsemane, ganz ihm anheimgeben, ihm umsonst vertrauen, ihn nicht lassen, nicht auslassen aus diesem Sterben: Mein Gott, ruft er, immer noch mein Gott, - sein Gott, von dem er doch Hilfe und Heil erwarten darf, zu dem er seine Zuflucht nimmt in der unergründlichen Gottverlassenheit - immer noch mein Gott, nicht ein fremder, nicht ein anderer, nicht kein Gott. Nicht enttäuschte Hoffnung lässt ihn Gott lästern, sondern tiefe Verbundenheit lässt ihn an seinem Gott festhalten: Mein Gott, Warum? Und durch diesen Ruf ist die Gottesgemeinschaft noch da, am Rand, und umfängt noch die Gottverlassenheit.

Der Bericht des Markus hat diesen Hoffnungsrand, der die Todeswirklichkeit dieser Stunde auf Golgatha umfängt: die Gemeinschaft, die Beziehungen, in denen und aus denen Jesus lebte, sind am Rand sichtbar und lassen hoffen: diese Stunde ist nicht die letzte, diese Verlassenheit ist nicht das letzte, das Zerbrechen der Beziehungen ist nicht das letzte. Nun ist er wirklich allein. Das ist das Eine. Die Gemeinschaft umfasst die Einsamkeit. Das ist das Andere.

Wenn wir das Kapitel vom Tod Jesu lesen, spüren wir an diesem Anderen, dass es ein theologischer Bericht ist, der eine Hoffnung atmet, die über diesen Bericht hinausgeht. Wir spüren noch etwas anderes: dass es ein theologischer Bericht ist, der tiefe Wurzeln hat in der Geschichte, die lange vor diesem Kapitel begann. Wenn Jesus schreit: Eloi, Eloi, lema sabachtani!, dann sind das nicht Worte, die ihm in diesem Moment einfallen, das sind alte Worte, geprägte Verse, Worte aus der langen Tradition seines Volkes Israel, oft gesagte Gebetsworte, immer wieder gelebte Worte aus den Psalmen.

Der sterbende Jesus betet mit den ersten Worten des 22. Psalms, und schon vorher, als die Soldaten über seine Kleider das Los werfen, und als die Vorübergehenden ihn verspotten und verhöhnen, wird dieser Psalm zitiert und auf ihn angespielt. Der ganze Psalm ist in den Bericht verwoben. Der ganze Psalm klingt an, der die Tiefe der Gottverlassenheit ausdrückt, aber auch das Vertrauen und die Hoffnung auf Rettung, die Gewissheit der Zukunft, die bei Gott liegt. Wir haben ihn als Lesung gehört. Dieser Psalm deutet die Geschichte Jesu, und Jesu Geschicke deuten diesen Psalm.

Der Anfang ist einzigartig. Nur hier begegnet die Klage, dass Gott den Beter, die Beterin verlassen hat, an allen anderen Stellen wird darum gebetet, dass Gott nicht verlassen möge. Das ist etwas anderes. Die Erfahrung der Gottverlassenheit führt noch einmal tiefer in das Leiden hinein, lässt die hilflose Verlassenheit ins Absolute wachsen, lässt Rettung oder Hoffnung fast undenkbar werden. Eine tiefere Leidenserfahrung als die der glaubenden Psalmbeter, die von ihrem eigenen Gott, den sie um Hilfe anrufen, verlassen wurden, gibt es nicht. Hans Joachim Kraus sprich in seinem Psalmenkommentar vom „Urleiden der Gottverlassenheit“. Und in dieses Urleiden tritt Jesus hinein, er erklärt sich solidarisch mit der ganzen Fülle des Leidens, der Weg des vom Himmel kommenden Menschensohnes führt in das tiefste Elend. Mein Gott, warum hast du mich verlassen! Mit diesem Schrei wird der Tod zur tiefsten Leiderfahrung gesteigert – jede Verharmlosung, jeder Doketismus verbietet sich von daher. Jesus stirbt in tiefstem Elend.

Noch im tiefsten Elend, so sagt der Psalmbeter weiter, im Urleiden richtet sich die Hoffnung Israels auf seinen Gott, der thront auf den Lobgesängen des Volkes und den es hineinruft in das Elend, hineinruft, zu retten, wie er schon früher gerettet hat: „Auf dich vertrauten unsere Vorfahren, sie vertrauten, und du hast sie befreit. Zu dir schrien sie, und sie wurden gerettet, auf dich vertrauten sie, und sie wurden nicht zu schanden.“ Und Gott, die das Volk wie eine Hebamme zur Welt und ins Leben brachte, lässt sich hineinrufen in das Elend und erhört die Flehenden. Und sie lässt sich wiederum in das Elend hineinrufen und bringt wie eine Hebamme den toten Jesus wieder zur Welt und ins Leben.

Die Verfasser des Markusevangeliums deuten Jesu Tod mit Hilfe des Psalms: Zum einen: Ihm ergeht es wie dem Psalmbeter, verlassen, verspottet, verzweifelt. Er erleidet das Urleiden. Und weil er dieses Urleiden auf sich nimmt, kann sein Leiden zum Inbegriff des Leidens werden, und er zum Inbegriff des Leidenden, in dem alles Leiden und alle Leidenden aufgehoben sind, der in allem Leiden und in allen Leidenden ist, so wie sie in ihm. Zum anderen: Er vertraut in diesem Leiden allem zum Trotz auf seinen Gott, wie die Psalmbeterin. Er vertraut auf Gott um der Vergangenheit willen – weil Gott gerettet hat, vertraut er sich ihm auch jetzt, gegen den Augenschein, gegen seine Verlassenheit an. Er wird darin zum Inbegriff dessen, der Gott umsonst glaubt, in des Wortes eigentlichem Sinn: ohne Berechnung, ohne Bedingung, sich ganz ihm anheimgibt, auch wenn es vergeblich erscheint. Zum dritten: Gott rettet wie im Psalm. Gott umfängt die Gefahr, das Leid, den Tod, und Gott umfängt auch noch die Gottverlassenheit: Jesus wird auferweckt. Und weil sein Leiden der Inbegriff des Leidens wurde, wird seine Auferweckung Inbegriff der Rettung aus allem Leiden und für alle Leidenden, so dass kein Bereich, kein Ort, keine Stunde mehr denkbar ist ohne Hoffnung.

Indem also Jesu Geschick vom Glauben an die Auferstehung her als Verlebendigung des 22. Psalms beschrieben wird, wird er zum Inbegriff der Geschicke seines Volkes, und seine Geschichte zum Inbegriff der Leidensgeschichten derer, die an ihn glauben. Die Beschreibung von Psalm 22 her deutet das Einzelschicksal dieses Jesus als bedeutsam für alle. Darum redet er auch zu uns, der Bericht über Jesu Tod mit den Rändern der Hoffnung. Vom Glauben an die Auferstehung her können wir sagen: Nun ist er wirklich allein. Das ist das Eine. Die Gemeinschaft umfasst die Einsamkeit. Das ist das Andere.

Beides ist richtig: Nun ist er wirklich allein. Die Ränder der Hoffnung machen es möglich, realistisch das Leiden und die Einsamkeit zu sehen. Sich nicht daran zu weiden. Nicht zu dramatisieren. Nicht zu abstrahieren. Nicht zu verharmlosen. Das Leiden realistisch sehen. Als etwas, das Leben zerstört, Gemeinschaft zerbricht, Qualen verursacht und in Verzweiflung stürzt. Als etwas, das keinen Sinn hat und auch keinen Sinn macht. Als etwas, was man nicht wollen kann. Aber auch als etwas, das passiert, das geschieht, zu dem es immer wieder kommt, das jeder und jedem geschehen kann. Das es dann auszuhalten gilt. Das wir nicht leugnen dürfen. Das können wir lernen an dem theologischen Bericht des Markusevangeliums: Das Leiden in all seiner Grauenhaftigkeit realistisch sehen. Erkennen, das und was Leiden ist, im Urleiden, im Inbegriff des Leidens.

Das können wir nicht sehen ohne die theologische Deutung, denn ohne die Ränder der Hoffnung können wir diese Stunde nur als die letzte sehen, können wir die Grauenhaftigkeit nicht aushalten, werden wir einen Sinn zu konstruieren versuchen, oder uns zu den Spöttern stellen oder verharmlosen, können wir nicht das Urleiden erkennen oder den Inbegriff der Verlassenheit. Nun ist er wirklich allein. Die Todesstunde bleibt ihm nicht erspart und sie ist nicht harmlos. Wir halten das nicht aus, darum fragen wir immer wieder: Warum geht es nicht ohne? Warum kann nicht sein Leben der Liebe und Gemeinschaft, der Zuwendung und der Weisung weitergehen? Es gibt keine wirkliche Antwort darauf. Nur das Wissen: es gibt Leiden und Tod. Es gibt eine Verlassenheit, die kein Gott mildert. Es gibt die Schreie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Es gibt das Urleiden, die Verlassenheiten des 22. Psalms. Die Welt ist so, wir haben sie dazu gemacht. Wir sollten uns dem stellen, aber wir können es nicht. Darum wollen wir ihn da raus holen. Damit wir nicht mehr hingucken müssen, soll es mit ihm nichts mehr zu tun haben. Aber er stellt sich dem, was die Welt geworden ist. Und weil sie so ist, wie sie ist, ist er in dieses Leiden und diese Verlassenheit hineingegangen.

Und nur in der theologischen Deutung stimmt auch das andere: Die Gemeinschaft umfasst die Einsamkeit. Der Tod hat nicht das letzte Wort, er verewigt nicht die Sterbestunde, er findet in Gott seinen Meister. Es ist nicht vergeblich, dass Jesus im Sterben seinen Gott in die Geschichte hereinholt, indem er an ihm festhält ohne Berechnung, als keine Berechnung mehr möglich ist. Jesu Todesstunde ist nicht die letzte. Und wir, die wir von seinem Hineingehen in das Leiden, die Verlassenheit, den Tod wissen aus dem theologischen Bericht des Markusevangeliums, wir sehen die Ränder der Hoffnung. Wir sehen den einen, der das Urleiden trägt, der zum Inbegriff des Leidenden wird, und wir sehen die Ränder der Hoffnung, die zum Inbegriff der Hoffnung werden für alle, die leiden, die verlassen sind, die getötet werden: dass Gott auch die Gottverlassenheit umfängt.

„Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut des Elenden Elend, hat sein Angesicht nicht vor ihm verborgen, und da er schrie, erhörte er ihn. (…) Erzählen wird man vom Herrn der Generation, die noch kommt, und verkünden seine Gerechtigkeit dem Volk, das noch geboren wird. Er hat es vollbracht.“

Amen.

Predigt für den Gottesdienst nach reformierter Tradition am 08.11.09, Köln/Antoniterkirche; Mk 15, 34 (Kap. 15)


Pfr. Dr. Ilka Werner, Neuss