Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Keiner springt in die Bresche

Die EKD-Orientierungshilfe zum Thema Familie wird viel kritisiert und nur mutlos verteidigt (Mittwochs-Kolumne von G. Rieger)

Die Römer hinterließen bei der Eroberung der Stadt Gamla eine Bresche in der Stadtmauer. (Foto: Joachim Braun)

Evangelikale nehmen kein Blatt vor den Mund, sehnen sich nach einem römischen Lehramt und unterstellen die Rechtfertigung von jedweder Triebbefriedigung. Aber die überwiegend auf wortwörtlichem Bibelverständnis fußende Kritik bleibt seltsam unwidersprochen.

Die Orientierungshilfe der EKD zum Thema Familie ist nun schon einige Zeit draußen und der evangelikale Widerstand hat sich formiert. Die Foren und Pressemeldungen sind voll von empörten Kommentaren und Stellungnahmen. Die EKD solle das Papier zurücknehmen, fordert z.B. der Generalsekretär der Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb. Biblische Wahrheiten (gemeint ist die Widernatürlichkeit der Homosexualität) würden zugunsten „anscheinend wissenschaftlicher Erkenntnisse“ geopfert und die Ehe als „Stiftung Gottes“ über Bord geworfen.

In Blogs und Kommentaren werden die EKD-Verantwortlichen der Gottlosigkeit oder mindestens der völligen Anpassung an die Welt bezichtigt. Interessante Fakten („Frauen haben z. B. mehr graue Gehirnzellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn“) sollen uns daran erinnern, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, und dass deshalb die Ehe zwischen Mann und Frau die einzige Form bleiben soll.

Immer mehr überlegen katholisch zu werden

Der Missionswissenschaftler Professor Peter Beyerhaus aus Gomaringen fordert gar den EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider zum Rücktritt auf. Käßmanns Vergehen sei vergleichsweise harmlos gewesen: „Sie, Herr Präses Schneider, aber haben sich öffentlich den Ordnungen Gottes widersetzt!“, wettert der Ehrenpräsident der Internationalen Konferenz der Bekennenden Gemeinschaften. Immer mehr glaubenstreue Protestanten spielten mit dem Gedanken, zur katholischen Kirche überzutreten. Das päpstliche und bischöfliche Lehramt sei bisher intakt geblieben, resümiert Beyerhaus.

Auch der oben schon zitierte Hartmut Steeb trägt seine Sorge, „dass es die Evangelische Kirche den ökumenischen Partnerkirchen weltweit schwer macht, noch ernst genommen zu werden“, ausgerechnet im katholischen Internet-Forum kat.net vor, hier scheinen sich ganz neue Koalitionen aufzutun.

Unter der akademischen Gürtellinie

Der bis zu seiner Emeritierung 1996 in Erlangen lehrende Professor für Systematische Theologie, Reinhard Slenczka, verliert gar jede Contenance und schreibt in einer Expertise für die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis, in dem EKD-Papier werde Triebbefriedigung in jeder Form „unter der idyllischen, doch höchst unrealistischen Bedingung von Liebe, Verlässlichkeit und Treue in Partnerschaft und Familie zum Prinzip erhoben“. Es werde die Sünde anstelle des Sünders gerechtfertigt, so Slenczka.

Halbherzige Verteidigungsstrategie

Der arg gescholtenene Ratsvorsitzende und die Ad-hoc-Kommission bekommen von den EKD-Kirchen bisher nur wenig Schützenhilfe. Und die wird wenn dann so mutlos vorgetragen, dass es den Evangelikalen leicht gemacht wird, das Papier als unausgegoren und nicht ordentlich begründet hinzustellen.

Das gesamte Papier stellte der Württembergische Bischof Frank Otfried July in Frage und bezichtigte die EKD, durch die Veröffentlichung eine Diskussion verhindern zu wollen.

Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck, stimmt im Sommer-Interview seines Mediendienstes „nicht in den Chor der prinzipiellen Kritiker ein“, hält die theologische Begründung allerdings für „ausgesprochen dünn“. Warum sie „dünn“ sein soll, lässt er freilich offen. Und warum er nicht theologisch einfach ein bisschen nachlegt? Das Interview wäre eine günstige Gelegenheit gewesen.

Der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, geht in einem Beitrag in den Kieler Nachrichten auf Distanz zu einer „Idealisierung von‚ an Gerechtigkeit orientierten Familienkonzeptionen‘“, weil auch solche Konzeptionen „der Sünde nicht entkommen“. Und der sächsische Landesbischof Jochen Bohl hält fest, dass doch nur die Verbindung von Mann und Frau die Möglichkeit zur Fortpflanzung eröffne. Die Konstatierung von Selbstverständlichkeiten ist freilich eine Form der subtilen Kritik.

Theologische dürftig?

Natürlich hätte die Ad-hoc-Kommission theologisch noch ausgefeilter formulieren können, doch „dünn“ und „dürftig“ ist die Argumentation keinesfalls. Sie verabschiedet sich allerdings von gängigen theologischen Klischees wie der „Stiftung“ der Ehe durch Gott. Hierfür braucht es natürlich noch eine ausführliche Diskussion – auch und vor allem auf der Ebene der Gemeinden. Aber eben dazu ist die Orientierungshilfe gut. Und sie wird ihrem Anspruch eben dadurch gerecht, dass sie Positionen bezieht, an denen sich die Diskussionen abarbeiten können.

Nur schade, dass sich die prominenten Vertreter ihrer Kirchen so schwer damit tun, ihrerseits Position zu beziehen. Das Mäkeln an mangelder theologischer Tiefe wird als Ausflucht benutzt, statt als Ansporn begriffen.

In die Offensive gehen

Dadurch bringt sich „die Kirche“ vor allem in eine Verteidigungshaltung, die gänzlich überflüssig wäre. Denn die Orientierungshilfe hat eine positive Ausrichtung und eine klare Maxime. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bring das sehr gut auf den Punkt, „was wir aus der Sicht christlicher Ethik für alle Beziehungen wünschen müssen: Treue, Verlässlichkeit, Schutz der Schwächeren und ein Umfeld der Geborgenheit für die Erziehung von Kindern.“

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Du sollst nicht ehebrechen!

"Wir müssen das Gebot zurückholen, um unsretwillen, um der Fülle des Lebens, um unserer Hoffnung auf Unverbrüchlichkeit willen. Wir müssen es zurückholen als Grenze gegen die Einbrüche, Ausbrüche und Abbrüche." - von Ilka Werner
Die Tatsache, dass Gott die Menschen als Frauen und Männer sich hat entwickeln lassen, reicht als Indiz nicht aus.

Immer wieder wird gesagt oder suggeriert, die Ehe sei eine von Gott eingesetzte Institution, der die Gläubigen zur Treue verpflichtet seien. Tatsächlich haben sich die Vorstellungen von einer guten Ehe in den Jahrhunderten und Jahrtausenden komplett verändert, so dass die Frage erlaubt sein muss: Was will Gott eigentlich von uns Menschen?
von Johannes Calvin

''In zwei Hauptgedanken faßt Christus das ganze Thema zusammen: Die Ordnung der Schöpfung müsse als Gesetz gelten; nach ihr hat ein Mann seiner Ehefrau das ganze Leben Treue zu halten. Die Ehescheidungen aber seien gestattet, nicht weil sie etwa erlaubt wären, sondern weil man es mit einem starrköpfigen, unbelehrbaren Volk zu tun hatte.''
Auf der Suche nach gemeinschaftsgerechten Lebensformen

"Die christliche Freiheit erlaubt uns Lebensformen zu ändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert." - von Dr. Jochen Denker
 

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