Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Können wir ohne Bilder von Gott reden?

Von Magdalene L. Frettlöh

Auferstehungsfenster von Johannes Schreiter (2006) in der Peterskirche Heidelberg; Foto: Schenck

Predigt zu den Frageantworten 96–98 des Heidelberger Katechismus

Gehalten im Rahmen einer Predigtreihe zum Heidelberger Katechismus in der Französisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt-Eschersheim am 9. September 2013. Lesungen in diesem Gottesdienst waren Psalm 115 und eine Collage aus 1Mose 5,1b-2; 2Mose 20,4-6; 5Mose 4,10-20; gesungen wurden EG 74,1-4 (Du Morgenstern, du Licht vom Licht) als Eingangslied; EG 179.1 nach dem Gnadenzuspruch; EG 625,1-3 (Wir strecken uns nach dir) nach der Schrift-Lesung; EG 56,1-5 (Weil Gott in tiefster Nacht erschienen) im Anschluss an das Gespräch zur Predigt und EG 140,1-5 (Brunn alles Heils) als trinitarisches, am aaronitischen Segen in 4Mose 6,24-26 orientiertes Segenslied. Mit EG 74,3; 56,3 und 140,4 hatten die Lieder einen expliziten Bezug auf die Bild-thematik.

Die Predigt in Originalformatierung als PDF

 

Frage 96
Was will Gott im zweiten Gebot?

Gott will, dass wir ihn in keiner Weise abbilden,
noch ihn auf irgendeine andere Art verehren,
als er es in seinem Wort befohlen hat.

Frage 97
Darf man denn gar kein Bild machen?

Gott kann und darf in keiner Weise
abgebildet werden.
Die Geschöpfe dürfen abgebildet werden,
aber Gott verbietet,
Bilder von ihnen zu machen und zu haben,
um sie zu verehren oder ihm damit zu dienen. 

Frage 98
Dürfen denn nicht die Bilder als „der Laien Bücher“ in den Kirchen geduldet werden?

Nein;
denn wir sollen uns nicht für weiser halten
als Gott,
der seine Christenheit nicht
durch stumme Götzen,
sondern durch
die lebendige Predigt seines Wortes
unterwiesen haben will.

 

Können wir ohne Bilder von Gott reden? - Predigt von Magdalene L. Frettlöh

Die Anmut des Messias Jesus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft der Heiligen Geistkraft sei mit uns allen! Amen.

 

"Du sollst mich nicht in Bildern fassen. / Wem sollt ich denn vergleichbar sein? / Kannst du dir doch genug sein lassen / an meinem Worte klar und rein."[1] – so, liebe Gemeinde, lautet die Auslegung des zweiten Gebots im reformierten Dekalog-Lied „Erheb dein Herz, tu auf dein Ohren“. Das Bilderverbot ist hier Gott selbst in den Mund gelegt. Nähern wir uns heute Vormittag dem Verständnis des Bilderverbots im Heidelberger Katechismus über diesen Liedvers an.

I.

Seinen Grund hat das Bilderverbot, so lässt uns der Vers in einer rhetorischen Rückfrage wissen, in der Unvergleichlichkeit Gottes mit allem, was uns vertraut ist: „… wem sollt ich denn vergleichbar sein?!“ Wenn wir uns Bilder von Gott machen, dann können wir dafür ja nur aus dem schöpfen, was uns vor Augen liegt, dann haben wir gar kein anderes Material als den gesamten Bereich der Schöpfung. Das Bilderverbot ist Gottes Widerspruch gegen unsere selbst gezimmerten Bilder von Gott, in denen wir doch immer nur ein Stück unserer Welt oder gar uns selbst mit Gott verwechseln. Es untersagt Gottesbilder nach unseren Bedürfnissen, Wünschen und Träumen und allemal nach unserem Maß. „Das Bilderverbot mutet uns zu, Gott als den fremden, unseren Erwartungen an das, was ein Gott ist und zu sein hat, widersprechenden Gott auszuhalten.“[2]
»Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dass ich ihm gleich wäre?«, lässt Jesaja 40,25 den Gott Israels fragen und lädt dann sofort zum staunenden Anblick der schöpferischen Macht Gottes ein. Die besteht gerade darin, dass der Gottheit, die Himmel und Erde gemacht hat, kein einziges Geschöpf verloren geht, sondern jedes namentlich vertraut ist. Im Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen hat Søren Kierkegaard angemerkt: „Vergleich ist die gefährlichste Bekanntschaft, welche die Liebe machen kann; Vergleich ist die schlimmste von allen Verführungen.“[3] Trifft das nicht auch auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch zu: Wer zu vergleichen beginnt, fällt heraus aus der Liebe?!
Mehr noch: sich selbst ein Bild von Gott machen, heißt immer auch, sich Gott nach dem eigenen Bild zu machen. Das aber ist menschliche Selbstvergötzung. Genau um diese Gefahr wusste der Heidelberger Katechismus, wenn er auf die Frage „Darf man denn gar kein Bild machen?“ antwortete: „Gott kann und darf in keiner Weise abgebildet werden. Die Geschöpfe dürfen abgebildet werden, aber Gott verbietet, Bilder von ihnen zu haben, um sie zu verehren und ihm damit zu dienen.“ (FA 97).
Diese Auskunft ist einerseits – und das können wir gar nicht hoch genug schätzen – eine große Erlaubnis zu profaner bildender Kunst. Nicht kirchliche, nicht christliche, nicht religiöse Kunst, sondern ganz und gar weltliche Kunst. Das so verstandene Bilderverbot lädt ins Museum ein; es setzt Freude an darstellender Kunst in ihrer ganzen Weltlichkeit frei – Kunst, die nicht kirchlich oder theologisch bevormundet ist. Das reformierte Bilderverbot und der Besuch des Städel-Museums oder der Schirn schließen sich nicht aus. Im Gegenteil!
Zugleich sieht der Heidelberger Katechismus im Bilderverbot die Abwehr von Menschenverehrung und Menschenkult. Kein Mensch, kein Geschöpf darf vergöttert werden. Welch‘ ein Potential der Kritik an all‘ denen, die sich zu Halbgöttern oder gar zu Herren über Leben und Tod aufspielen und für sich göttergleiche Verehrung beanspruchen?! Das Bilderverbot hat, daran lässt der Katechismus keinen Zweifel, nicht nur mit Gottes­bildern, sondern auch mit Menschenbildern zu tun. Was Gott ganz Gott sein lässt, wahrt in eins damit die Menschlichkeit des Menschen.
Doch wie können wir dann überhaupt noch von Gott reden oder uns Gott vorstellen, wenn wir ihn in kein selbstgemachtes Bild fassen dürfen?

II.

Der eingangs zitierte Vers aus dem Dekaloglied nennt eine Alternative zum Bild: „… kannst du dir doch genug sein lassen / an meinem Worte rein und klar.“ Den von Menschen gemachten Gottesbildern steht das von Gott gesprochene Wort gegenüber. Ihm sollen wir entnehmen, wer und wie Gott ist. Ein solch’ schroffer Gegensatz von Bild und Wort begegnet uns auch in Frageantwort 98 des Heidelberger Katechismus: „Dürfen denn nicht die Bilder als ‚der Laien Bücher‘ in den Kirchen geduldet werden?“ Antwort: „Nein; denn wir sollen uns nicht für weiser halten als Gott, der seine Christenheit nicht durch stumme Götzen, sondern durch die lebendige Predigt seines Wortes unterwiesen haben will.“ Der Heidelberger ist radikal in seiner Auslegung des Bilderverbots, indem er selbst die didaktische, die sinnlich veranschaulichende Funktion von Gottesbildern zurückweist. Er erklärt menschengemachte Gottesbilder, selbst wo sie nur der Illustration und damit dem besseren Verständnis von Texten dienen, rundweg zu stummen Götzen und setzt ihnen die lebendige Predigt des Gotteswortes entgegen.

Eine solche Antithese von Wort und Bild provoziert – und sie steht völlig quer zur gegenwärtigen Hochschätzung von Bildern und dem Bilderreichtum, ja der Bilderflut, mit der wir tagtäglich konfrontiert werden. „Wer Wahrheit sucht, muss Bilder schießen.“ Mit diesem Slogan macht eins unserer öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme Werbung in eigener Sache. Ja, bisweilen vermögen Bilder mehr zu zeigen, als Worte sagen können.[4] Aber haben sie wirklich einen engeren Bezug zur Wahrheit als Worte? Wie Worte lügen können, so vermögen doch auch Bilder zu manipulieren. Auch sie können die Wirklichkeit verschleiern und verändern. Und sie haben nicht weniger Macht über uns als Worte. Oft sind sie sogar von größerer suggestiver Kraft. 

III.

Aber auch im Blick auf die Bibel ist ein so schroffer Gegensatz von Wort und Bild fragwürdig. Es gibt ja auch Bildworte, Sprach- und Hörbilder und nicht nur jene dreidimensionalen gegossenen, gehauenen und geschnitzten Gottesbilder, gegen die sich das Bilderverbot ursprünglich richtete.[5] Ruft nicht gerade das lebendige Wort der Predigt oder auch das Lesen eines biblischen Textes Bilder in uns wach? So wie auch Bilder entstehen, wenn wir ein Buch lesen, weshalb wir ja auch oft so enttäuscht sind, wenn wir dann die Verfilmung dieses Buches sehen, weil die Bilder des Filmes nicht mit unseren eigenen Imaginationen des Gelesenen übereinstimmen. Für Martin Luther war – anders als für Calvin und Zwingli – gerade die bildproduktive Kraft des gepredigten Evangeliums im menschlichen Herzen das Argument dafür, auch Bilder an den Kirchenwänden zuzulassen, solange sie nicht verehrt wurden, ihnen nicht gedient wurde.[6]
Auch Worte können sich sehen lassen. Allemal gilt dies für Gottes Wort. In der Erzählung von der Gottesoffenbarung am Sinai, aus der wir eben in der Lesung gehört haben, heißt es wörtlich: „… eine Stimme von Worten habt ihr gehört, aber eine Gestalt habt ihr nicht gesehen, nur eine Stimme.“[7] Und genau dies wird zur Begründung des Bilderverbots: Dass Israel keine Gestalt seines Gottes am Sinai gesehen hat, macht es ihm unmöglich, diesen Gott figürlich abzubilden. Aber Gottes Stimme, der Schall seiner Worte hat sich sehen lassen.
Gottes Wort kann sich sehen lassen, zumal wenn dieses Wort Buch wird wie in der Tora oder Fleisch, ein lebendiger Mensch mit Hand und Fuß – im Juden Jesus von Nazareth, der Ikone Gottes, an der wir selbst unserer eigenen Bestimmung, zu Bildern Gottes geschaffen zu sein, wieder ansichtig werden können. Sie wundern sich vielleicht, dass wir am 15. Sonntag nach Trinitatis und damit kirchenjahreszeitlich völlig anachronistisch ein Epiphanias- und ein Weihnachtslied anstimmen.[8] Diese Liedwahl hängt genau damit zusammen, dass wir im Blick auf Jesus, die Ikone Gottes, uns selbst wieder als Bilder Gottes erkennen lernen. Und damit sind wir bei der eigentlichen biblisch-kanonischen Herausforderung des Bilderverbots angekommen.

IV.

Das Bilderverbot steht ja in einem Buch, das selbst voller Bilder von Gott ist, Sprach- und Hörbilder, die die Bibel uns vor Augen malt. Und das Bilderverbot steht in einem Buch, das vom Menschen überhaupt und neutestamentlich insbesondere vom auferweckten Gekreuzigten als Bild Gottes redet. Gewiss, im biblischen Text begegnen hier jeweils andere Bild-Vokabeln. Dennoch kommen wir nicht um die Frage herum, wie das zusammen gehen kann: das Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen, der biblische Bilderreichtum im Reden von Gott und die Bestimmung des Menschen, Bild Gottes zu sein?[9] All‘ dies begegnet zusammen in dem einen Kanon unserer Heiligen Schrift.
Der Heidelberger Katechismus verweist uns ja selbst immer wieder an die Bibel zurück, auch wenn es in Frageantwort 96 heißt: „Was will Gott im zweiten Gebot? [Antwort:] Gott will, dass wir ihn in keiner Weise abbilden, noch ihn auf irgendeine andere Weise verehren, als er in seinem Wort befohlen hat.“

Meine Treue zu dem Katechismus, mit dem ich groß geworden bin, den ich im KonfirmandInnenunterricht in einem kleinen Dorf des Wittgensteiner Landes von der ersten bis zur letzten Frage auswendig lernen musste, meist ohne Sinn und Verstand – meine Treue zu diesem Katechismus drückt sich heute nicht darin aus, dass ich einfach nur seinen Wortlaut wiederhole, sondern dass ich seine Frageantworten mit der Bibel und mit unseren gegenwärtigen Lebenswelten ins Gespräch zu bringen suche.
So schlage ich drei Lektüren des Gebots: „Du sollst dir kein Bild machen“ vor. Sie unter-scheiden sich jeweils nur in der Betonung des Satzes.[10]

V.

Die erste Lesart betont: „Du sollst dir kein Bild machen ...!" Wir Menschen sollen uns kein Bild von Gott machen, weil Gott selbst sich längst ein Bild von sich gemacht hat, nämlich in der Erschaffung des Menschen zum Bild Gottes. Unsere selbstgemachten Gottesbilder verfehlen nicht nur Gott, sie missachten auch unsere Mitmenschen. Gottesbilderproduktion ist Menschenverachtung. Wo wir meinen, es nötig zu haben, uns ein eigenes Bild von Gott zu machen, übersehen und verkennen wir nämlich, dass uns tagtäglich die Bilder Gottes begegnen, die Gott selbst gemacht hat.

Aber, so höre ich schon den Einwand der einen oder des anderen, begegnet mir denn wirklich in den Tyrannen, die mit Terror und Gewalt herrschen, und denen, die vor ihnen um ihr Leben fliehen müssen, begegnet mir in der gnadenlos profitorientierten, geizgeilen Konzernleitung und den von ihr entlassenen Arbeitenden, im Kinderschänder und seinen gequälten Opfern, in der Chefärztin, die einen fatalen Behandlungsfehler vertuscht, und den von ihr zeitlebens gezeichneten Patienten, in den Kindersoldaten und in der Ladendiebin, im Drogendealer und den von ihm abhängig Gemachten, im stillgeborenen Foetus wie in der Wachkoma-Patientin … und nicht zuletzt in mir selbst mit all' meinen Fehlern und Abgründen, in meiner ganzen Erbärmlichkeit – begegnet mir da das Bild Gottes? So kann Gott doch nicht sein!

Liebe Gemeinde, dass die lebendigen menschlichen Gottesbilder, sei es fremd- oder selbstverschuldet, verzeichnet und verzerrt, verletzt und entstellt sind, dass ihr Leben beschnitten oder viel zu früh zu Ende ist – das heißt nicht, dass irgendein Mensch in den Augen Gottes aufgehört hat, zum Bild Gottes geschaffen und damit hochgeschätzt und wert geachtet zu sein. Aber uns sind die Augen gehalten. Im Mega-Trend zur Idolisierung haben wir es verlernt, im anderen oder auch uns selbst die Ikone Gottes zu sehen.
Eben darum wurde Gott Mensch, damit wir wieder mit Augen sehen und mit Händen greifen können, wer der Mensch ist, den Gott zum Bild Gottes geschaffen hat. Darum nennt das Neue Testament den auferweckten Gekreuzigten so betont Gottes Ikone. In Jesus von Nazareth hat sich Gott auf alle Verzerrungen und Entstellungen der Bilder Gottes eingelassen, hat sie am eigenen Leib erlitten und sich ihnen bis zum Tod ausgesetzt, um in der Auferweckung des Gekreuzigten jenen Menschen auferstehen zu lassen, aus dessen Antlitz unverhüllt der Glanz Gottes erstrahlt.
Hier können wir erkennen, wer Gott ist und wie Gott sich wahres Menschsein gedacht hat. Was der eine von sich sagt, soll für alle Menschen Wirklichkeit werden: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“[11] Wir alle können als Bilder Gottes Gott in dieser Welt verkörpern und Gott so Gewicht geben.

Zwar geht Gott in den menschlichen Bildern nicht auf, Gott bleibt auch in jedem Bild, das Gott uns von sich gibt, unserem Begreifen und allemal unserem Zugriff entzogen, aber Gott bindet sich an die irdischen Bilder, lässt sich in ihnen finden, berühren, betreffen, angehen … So ruft uns gerade das Bilderverbot in die Verantwortung für unsere Mitmenschen. Eben darum gehören auch die ACAT-Abkündigungen für heute mitten in die Predigt:

Lektorin:

Drüben an unserem ACAT-Tisch liegen heute wieder für Sie unterschriftsfertig in je zwei Exemplaren die beiden ACAT-Briefe aus:

Der eine Brief geht nach Manama ins Königreich Bahrain. Dort wurden vor einigen Wochen die Gesetze zur Teilnahme an Demonstrationen und öffentlichen Versammlungen drastisch verschärft. Wohl auf diesem Hintergrund wird der erst 13-jährige Salman Mahdi Salman seit dem 13. August gefangen gehalten, er wurde geschlagen und zu Geständnissen gezwungen. Am 11. August war er alleine in der Nähe eines Einkaufszentrums festgenommen worden. Es drohen ihm weitere Misshandlungen und Folter.

Der andere Brief geht wieder einmal nach Taschkent bzw. an die usbekische Botschaft. In Usbekistan wird seit fünf Monaten der 38-jährige Tadschike Abdumavlon Abdurakhmonov inhaftiert festgehalten, nachdem er zu einem Verwandtenbesuch eingereist, aber am dritten Tag vom Sicherheitsdienst festgenommen worden war. Seine in Tadschikistan lebenden Angehörigen konnten seither von keiner usbekischen Behörde in Erfahrung bringen, wo er festgehalten und was ihm vorgeworfen wird. Da in Usbekistan Folter zur systematischen Routine gehört und fast immer straffrei bleibt, können auch hier unsere Briefe aus dem Ausland zur Rettung beitragen.

VI.

Bilder Gottes, die Gott gemacht hat, können menschlicherseits nicht hergestellt werden, sie stellen sich vielmehr ein in zwischenmenschlichen Begegnungen voller Achtsamkeit und Aufmerksamkeit. Das haben wir aus der ersten Lesart des Bilderverbots, der es um das Subjekt der Gottesbilder geht, gelernt: „Du sollst dir kein Bild machen …!“
Die zweite Lesart des Bilderverbots betont den Vorgang des Machens: „Du sollst dir kein Bild machen ...!“ Wo nämlich Menschen zu Machern von Gottesbildern werden, stürzen sie die Welt ins Chaos, machen die Schöpfung rückgängig. Wer sich seinen eigenen Gott macht – so können wir es in Jesaja 44,9 lesen –, ist selbst tohu, hat also Teil an jenem tohuwabohu der Welt (1Mose 1,2), bevor Gottes schöpferisches Wort sie als Lebensraum einrichtete.
Und nicht nur die Schöpfung wird rückgängig gemacht, sondern wo Menschen ihre eigenen Gottesbilder herstellen, kehren sie zurück ins Haus der Sklavenarbeit. Nüchtern und realistisch geht die Bibel davon aus: Bilderproduktion hat Bilderdienst im Sinn. Die Bibel entlarvt, dass Menschen vor den selbstgemachten Idolen in die Knie gehen und sie anbeten und dabei ihre eigene, gottgegebene Quicklebendigkeit verlieren.

Das haben Idole, selbstgemachte Götter, ja so an sich, dass wir sie uns zum Vorbild nehmen, ihnen nacheifern und sie möglichst einholen möchten. Indem wir uns ihnen andienen, gleichen wir uns ihnen immer mehr an. Genau das geschieht, so hat uns Psalm 115 anschaulich erinnert, mit denen, die sich ihre eigenen Gottesbilder machen: Das selbstgemachte Gottesbild wirkt auf seine Produzentinnen zurück, bemächtigt sich ihrer und nimmt sie gefangen. Die Macher bedienen ihre leblosen Produkte und werden ihnen dabei immer ähnlicher. Sie versklaven sich an die Götter 'Marke Eigenbau' und verspielen so die Freiheit, die ihnen Gott doch gerade mit der Befreiung aus dem Haus der Sklavenarbeit geschenkt hat, und ziehen dabei ihre Mitmenschen und Mitgeschöpfe in Mitleidenschaft:
Sie haben einen Mund, aber verstummen, wenn es darum geht, lauthals für Gerechtigkeit einzutreten; sie haben Augen, aber sind blind für die Not ihrer Mitmenschen; sie haben Ohren, aber sind schwerhörig, wenn sie jemandem ihr Ohr leihen sollen; sie haben Nasen, doch können ihre Mitmenschen nicht mehr riechen; ihre Hände haben aufgehört behutsam und zupackend zu sein, ihre Füße sind lahm geworden und finden nicht mehr den Weg zur Nächsten 

VII.

Und schließlich meine dritte Lesart des Bilderverbots – sie bezieht sich auf die Bilder selbst: „Du sollst dir kein (d.h. nicht nur ein) Bild machen ...!“ Wenn jeder Mensch, wenn alles, was Menschenantlitz trägt, Bild Gottes ist, gibt es so viele Bilder Gottes wie es Menschen gibt. Darum kann weder ein Bild allein noch ein einseitiges Bild Gott gerecht werden. Wo wir Gott nur mehr in einem Bild sehen, können wir uns einbilden, Gott verstanden, Gott begriffen und also im Griff zu haben. Wo wir meinen, Gott zu kennen, sind wir sehr bald mit Gott fertig. Das ist mit Gott nicht anders als mit Menschen. Wer sich von Gott ein Bild macht, für den oder die hört Gott auf, unbegreiflich und überraschend zu sein, geheimnisvoll und wunderbar, uns staunen zu machen, aber auch zweifeln, loben und klagen. Wie monoton würde die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen werden, wo Gott für uns nur König oder nur Hebamme, nur Weberin oder nur Töpfer, nur in den Wehen liegende Frau oder nur Kriegsmann, nur Bärin oder nur Geier, nur Fels in der Brandung oder nur Fliehburg ... wäre. All' diese Gottesbilder und noch viel mehr begegnen in der Bibel. Fänden wir für Gott nur ein Bild, würde Gott so unbeweglich und leblos werden wie unsere selbstgemachten Gottesbilder. Und wir würden es verlernen, Gott immer wieder mit neuen Augen zu sehen, wie am ersten Tag.

Vermutlich kennen Sie diese Erfahrung auch: Von dem Menschen, den wir am meisten lieben, genügt uns ein Bild am allerwenigsten; und wir ertragen es noch weniger, wenn andere ihn oder sie auf ein Bild festlegen. Um wie viel mehr gilt dies für den lebendigen, beziehungsreichen Gott! Die Sprache der Liebe legt die Geliebten nicht auf ein Bild fest, sondern besingt sie in tausend Bildern. Das Bilderverbot spricht die Sprache der Liebe. Wer ihm folgt, legt sich Gott ebenso wenig zurecht wie die Mitmenschen.[12]
Nicht einfach Bildlosigkeit, sondern Vielfalt der von Gott selbst gegebenen Gottesbilder erfüllt nach der dritten Lesart das Bilderverbot. Wir können Gott nicht in Bildern begreifen, aber wir können uns von den Bildern, die Gott uns von sich gibt, ergreifen und mitnehmen lassen. Die Vielfalt der Bilder meint keine Beliebigkeit, ebenso wenig wie die Vielfalt der Rufnamen Gottes, von denen wir eben gesungen haben: „Schön sind deine Namen …“ Wie ihr Maßstab der eine Eigenname Gottes ist, so bleibt das Wort das Kriterium der Gott entsprechenden Bilder, und zwar das Wort, das Fleisch geworden ist, die Ikone Gottes, und die Worte, die von ihm erzählen, es bezeugen. Die Worte des Buches, in dem auch das Bilderverbot steht. Gott lässt von sich hören, darum gibt es viel zu sehen und zu staunen und mehr noch zu hoffen. Nämlich darauf, dass wir einst Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Bis es soweit ist, begegnen wir der Spur Gottes in jedem Menschen. Dessen Antlitz bedeutet uns: „Gib' Acht auf mich!“ Amen.

Eingangsgebet

Gott, wir leben in einer Welt voller Bilder,

sie reizen uns, sie überfluten uns, sie haben Macht über uns.

Wir können uns kaum dagegen wehren. Wir wissen aber auch:

"Was uns wirklich wichtig ist, davon lässt sich kein Bild machen."

Dennoch machen wir uns von vielem unsere eigenen Bilder,

auch von Dir. Wir werden die Bilder nicht los.

Aber müssen wir denn bilderlos leben?

Wir wollen doch sehen und mit offenen Augen verstehen.

Gott, zeige uns, was es heißt, uns kein Bild von Dir zu machen.

Und öffne uns die Augen für das Gottesbild,

das Du selbst gemacht hast: den Menschen –

in all' seiner Verletzlichkeit, in all' seiner Bedürftigkeit,

in all' seiner Würde.

Gott, wir wollen Lust an Deinem Gebot haben;

es soll uns doch keine Last sein. Amen.[13]


[1] EGref 657,3.

[2] Christian Link, Das Bilderverbot als Kriterium theologischen Redens von Gott, in: ders., Die Spur des Namens. Wege zur Erkenntnis Gottes und zur Erfahrung der Schöpfung. Theologische Studien, Neukirchen-Vluyn 1997, 3-35, 5.

[3] Søren Kierkegaard, Der Liebe Tun. Etliche Erwägungen in Form von Reden. Übersetzt von Hayo Gerdes, Düsseldorf/Köln 1966, 205.

[4] Zur komplexen Beziehung von Wort und Bild siehe Magdalene L. Frettlöh, Wenn (Schrift-)Worte sich in Bilder einschreiben. Zum mehrstelligen Verhältnis von Wort und Bild, in: Theologische Zeitschrift 69/3 (2013), 238-265.

[5] Zum historischen Sinn des Bilderverbots siehe etwa Silvia Schroer, Du sollst dir kein Bildnis machen oder: Welche Bilder verbietet das Bilderverbot?, in: Andreas Hölscher/Rainer Kampling (Hgg.), Religiöse Sprache und ihre Bilder: von der Bibel bis zur modernen Lyrik (Schriften aus der Diözesanakademie Berlin, Bd. 14), Berlin 1998, 101-113; Rolf Rendtorff, Was verbietet das alttestamentliche Bilderverbot?, in: Reinhold Bernhardt/Ulrike Link-Wieczorek (Hgg.), Metapher und Wirklichkeit. Die Logik der Bildhaftigkeit im Reden von Gott, Mensch und Natur. Festschrift für Dietrich Ritschl zum 70. Geburtstag, Göttingen 1999, 54-65.

[6] „So weiß ich auch gewiß, daß Gott will haben, man solle seine Werke hören und lesen, sonderlich das Leiden Christi. Soll ichs aber hören und gedenken, so ist mirs unmöglich, daß ich nicht in meinem Herzen sollte Bilder davon machen. Denn ich wolle oder wolle nicht, wenn ich Christum höre, so entwirft sich in meinem Herzen ein Mannsbild, das am Kreuze hänget [...]. Ists nun nicht Sünde, sondern gut, daß ich Christi Bild im Herzen habe; warum sollts Sünde sein, wenn ichs in Augen habe?“ – Martin Luther, Wider die himmlischen Propheten, von den Bildern und Sakrament (1524/25), in: ders., Der Kampf gegen Schwarm- und Rottengeister (Martin Luther Ausgewählte Werke 4), hrsg. von H.H. Borcherdt/G. Merz, München 21937, 95-258.372-375, 117f. (Hervorhebung MLF).

[7] 5Mose 4,12.

[8] Siehe oben Anm. 1.

[9] Dazu ausführlicher: Magdalene L. Frettlöh, Gott Gewicht geben. Bausteine einer geschlechtergerechten Gotteslehre, Neukirchen-Vluyn 2006, bes. 153-243.

[10] Diese dreifache Lesart des Bilderverbots verdankt sich einer Anregung Jürgen Ebachs: „Hoch und Heilig wohne ich – und bei dem Zermalmten und Geisterniederten.“ Versuch über die Schwere Gottes, in: ders., Hiobs Post. Gesammelte Aufsätze zum Hiobbuch, zu Themen biblischer Theologie und zur Methodik der Exegese, Neukirchen-Vluyn 1995, 183-211, 208f.

[11] Vgl. Johannes 12,45.

[12] Eindrücklich hat der exzellente Bibelkenner Bertolt Brecht dies in einer seiner Keuner-Ge-schichten zum Ausdruck gebracht: "'Was tun Sie', wurde Herr K. gefragt, 'wenn Sie einen Menschen lieben?' 'Ich mache einen Entwurf von ihm' sagte Herr K., 'und sorge dafür, daß er ihm ähnlich wird.' 'Wer? Der Entwurf?' 'Nein', sagte Herr K., 'der Mensch.'" – GW 12 (Prosa 2), Frankfurt a.M. 1967, 386.

[13] Als Gnadenzuspruch erging 2Korinther 3,18*; 4,4*.


Prof. Dr. Magdalene L. Frettlöh, Bern, 9. September 2013

Die Predigt in Originalformatierung als PDF

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