Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Pfingsten - Begeisterung

''Geistlehre für die Zeit nach der Entgeisterung der Neuzeit''

Keith Haring - Skulptur im Lever House New York; Foto: David Shankbone

Begeisterung von der Bibel bis Keith Haring, als religiöse Begeisterung und ekstatische Kultur, als Entgeisterung, in den Bildern von Taube und Feuerzungen leiblich geworden und als Thema der Kunst. Beiträge zur "Begeisterung" in einer online-Publikation der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

Begeisterung, hrsg. von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, Theologica 1, Zürich 2001 – Leider nicht mehr zum Download als PDF

„'An Weihnachten bringt das Christkind Geschenke, an Ostern der Hase seine bunten Eier – an Pfingsten kommt der Heilige Geist, und der bringt nichts.' So lautet eine Kinderweisheit, bei der Heilsökonomie von Weihnachten, Ostern und Pfingsten von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist schlicht in kindliche Warenökonomie umgesetzt wird. Und das Ergebnis ist enttäuschend. Solche Ent-Geisterung kann deprimieren – bis dahin, dass gerade an Pfingsten die Kirchen leerer bleiben als an anderen Festen. Oder die Ent-Geisterung wird kompensiert: Man sucht weiter an den Rändern des Wirklichen nach den verdeckten Gaben des Heiligen und findet dort Zungenreden, Ekstasen, Charismen, wundersame Begebenheiten und Begegnungen – allzu Menschliches, das in postkindlicher Begeisterung schnell zur Geistesgabe wird.

Ent-Geisterung kann aber auch inspirieren. So geschehen in der Aufklärung, als des Menschen Geist aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit erwachte, als er genug davon hatte, auf heilige Geister und ihre Gaben zu warten, und begann, sich selbst zu entdecken. Und in der Kraft des Geistes entdeckte man den Geist überall. Geist, das war dann die Kraft im Denken und Atmen, im Fühlen und Verstehen, wäre das sich selbst organisierende Prinzip des Lebens in Natur und Kultur. Der Geist war dann am Ende alles in allem und alles Geist – und das Menschenkind begeistert mittendrin. Und dieses beweist es, indem es sich kreativ, inspiriert, geistvoll inszeniert. «Be inspired» – lautet dafür ein Werbeslogan. «Inspiration» kann man kaufen, in Form eines Parfüms etwa. Und so löst sich idealistische Geist-Philosophie postmodern in teuren Wohlgeruch des Zeit-Geistes auf.

Demgegenüber ist die Theologie, gerade die westliche, eher sprachlos – und manche werfen ihr vor: auch geistlos. Das mag damit zusammenhängen, dass sie es mit einem Geist zu tun hat, der heilig ist, das heisst: der immer ein Stück weit anders ist, sich unterscheidet, separiert von dieser Welt, damit befremdlich wird und sperrig wirkt. Zwar weiss auch Luther vieles vom Heiligen Geist zu berichten. In der Auslegung zum dritten Artikel des Glaubensbekennntnisses im Kleinen Katechismus macht er den Geist verantwortlich für Berufung, Erleuchtung, Heiligung, Sündenvergebung, Auferweckung und Gabe des ewigen Lebens. Das alles ist jedoch nichts begeisternd Neues, sondern lediglich eine geistvolle Relektüre der Heilsgeschichte für Christ und Gemeinde. Aber vielleicht ist ja gerade dies das Geheimnis einer Geist-Theologie: dass sie nicht darauf wartet, was der Geist so alles mit sich bringt, sondern nachliest, wohin der Geist seine Kinder gebracht hat: in die Gegenwart des Heils. Manches davon ist hoffentlich auch in den Artikeln dieses Heftes nachzulesen und wiederzufinden – Geistlehre für die Zeit nach der Entgeisterung der Neuzeit.“
Dr. Hans Jürgen Luibl im Editorial von „Begeisterung“ (2001)

Das Heft enthält Texte zur „Begeisterung“ bei antiken Philosophen und im Neuen Testament (Samuel Vollenweider), bei Robert Musil (Johannes Fischer) und dem zeitgenössischen Künstler Keith Haring (Franziska Mihram), einen Blick auf Ekstase und Enthusiasmus als außergewöhnliche Erfahrungen, die aufs Diesseits verweisen (Hubert Knoblauch), Gedanken zum Geist, der nicht ungebunden weht, wo er will, sondern, wo der dreieinige Gott will, dessen Geist nicht von seinem Leib, dem Wort der Schrift, zu trennen ist (Philipp Stoellger), und eine Betrachtung von künsterlischen Darstellungen des Geistes im Bild von Taube und Feuerzunge bis zur modernen Darstellung des Pfingstgeschehens als Sprachgeschehen im Pfinstbild von Thomas Zacharias (Pierre Bühler).

Aus dem Inhaltsverzeichnis:
Editorial: Begeisterung - Hans Jürgen Luibl
Begeisterung – Streiflichter aus der Alten Welt - Samuel Vollenweider
Religiöse Begeisterung und ekstatische Kultur - Hubert Knoblauch
Begeisterung - Johannes Fischer
Entgeisterung - Philipp Stoellger
Begeisterung «in leiblicher Gestalt»? - Pfingsten in Bildern - Pierre Bühler
Die Tauben sind ausgeflogen - Franziska Mihram

Begeisterung,
hrsg. von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich,
Theologica 1, Zürich 2001 – Leider nicht mehr zum Download als PDF


Barbara Schenck
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