Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Was bedeutet unser Nein zur Judenmission für den Umgang mit dem Islam?

Eine Frage, bei der es ''um die Israeltheologie insgesamt und um ihre Beziehung zur Theologie der Religionen'' geht, so Professor Dr. Reinhold Bernhardt, Basel. Dabei entwirft er eine "erneuerte" Bundestheologie für denTrialog zwischen Juden, Christen und Muslimen.

Foto: sxc.hu

Ein klares Nein zur christlichen Mission unter Juden hat die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) bereits 1980 formuliert und 2008 noch einmal bekräftigt: Es gibt "keine biblische Legitimation für eine heidenchristliche Judenmission mit dem Ziel der Bekehrung der Juden zu Jesus Christus und zur Taufe". Doch was für Konsequenzen hat diese theologische Erkenntnis einer Kirche, die sich selbst als "missionarische Volkskirche" versteht, für das Gespräch mit dem Islam?

"Sind wir der jüngsten abrahamitischen Religion gegenüber zur 'Mission' aufgerufen, wie wir das gegenüber den Götzen der Welt sind? Oder stehen Muslime in einer ähnlichen theologischen Nachbarschaft zum Judentum wie wir, so dass wir hier gerade keinen missionarischen Auftrag haben?" Unter diesen Fragen stand im März 2012 eine Tagung der Synodalbeauftragten der EKiR für das christlich-jüdische und das christlich-muslimische Gespräch (1). 
Der aus Basel geladene Professor für Systematische Theologie und Dogmatik, Dr. Reinhold Bernhardt, nahm diese speziellen Fragen zum Anlass, grundsätzliche Gedanken zur "Israeltheologie als Katalysator der Religionstheologie" zu entfalten.

Was ist überhaupt "Mission"?

Der in der Zeit des Kolonialismus geprägten Missionsbegriff ist laut Bernhardt nicht mehr zeitgemäß und theologisch unangemessen. Eine strategische "Konversionsmission", die unter dem Vorzeichen der endzeitlichen Seelenrettung und mit dem Anspruch, das Christentum auf Kosten anderer Religionen zu verbreiten, Menschen zum "Religionswechsel" bewegen will, lehnt er generell ab zu Gunsten einer Mission, die sich als Sendung und Zeugnisgeben versteht und der es nicht um "Christenmachen" geht, sondern "um die Kommunikation der Botschaft von der Unbedingtheit und Universalität der Gnade Gottes, wie sie in Jesus Christus repräsentiert ist" (26).
Zeugnis zu geben von dem, worauf ich mich im Leben und im Sterben verlassen kann (an dieser Stelle ist die Rede in der ersten Person "ganz bewusst" gebraucht (26)) und dies auf eine kommunikative Weise, also im Dialog zu tun, ohne dass aus der "einladenden Frohbotschaft" eine "ausgrenzende Drohbotschaft" wird, das ist nach Bernhardt recht verstandene Mission. Da klingt die anschließende Frage rhetorisch:
"Gibt es einen Grund, Mission nach diesem Verständnis von den Juden fernzuhalten?" (27)

Religionstheologische Überlegungen

Zur theologischen Bestimmung der Beziehung des Christentums zum Judentum und zum Islam geht Bernhardt von zwei Thesen aus:
1) Die Beziehung zum nachbiblischen Judentum lasse sich nicht "unter Absehung von der religionsgeschichtlichen Entwicklung" von Judentum und Christentum bestimmen. Damit sei "die Grundfrage berührt, wie sich eine heilsgeschichtliche zu einer religionsgeschichtlichen Perspektive" verhalte.
2) Es brauche eine "religionsgeschichtliche Rahmentheorie", um zu vermeiden, "dass theologische Grundfragen in den einzelnen Beziehungsbestimmungen unterschiedlich beantwortet werden" (27).

Christologie und die Lehre vom (mit)leidenden Gott

Als theologische Grundfrage steht aus christlicher Sicht an erster Stelle die Bedeutung Jesu Christi.
Werde das solus Christus inklusiv verstanden, ließe sich "nicht nur die Gotteserkenntnis des nachbiblischen Judentums, sondern auch die des Islam dazu in eine positive Beziehung setzen", ist der Basler Dogmatiker überzeugt. Gott werde dann "in Christus als der erkennbar, der das Heil aller Menschen will und der dieses Heil nicht an religiöse Vorbedingungen knüpft" (28).

Die Stärke reformierter Tradition im Dialog mit dem Islam

Dem Einwand, Gott habe sich in Christus als leidender Gott zu erkennen gegeben und dies widerspreche dem Gottesbild des Korans, entgegnet Bernhardt mit der Betonung der Unterschiedenheit der beiden Naturen Christi, wie sie gerade für reformierte Tradition charakteristisch sei. Spreche man nicht "vom Leiden Gottes, sondern von seinem Mitleiden mit dem gefolterten Jesus von Nazareth", sei "der Abstand zum Gottesverständnis des Islam mit seiner Betonung der Barmherzigkeit Gottes nicht mehr allzu groß" (29).

Glauben Christen und Muslime an den selben Gott?

Bei der Frage nach der Selbigkeit Gottes, die christlicherseits in Bezug auf das Judentum bejaht und In Bezug auf den Islam bestritten wird, plädiert Bernhardt dafür, die offenbarungstheologische Perspektive mit der religionsgeschichtlichen Betrachtungsweise zu verbinden. Letztere zeigt den garstigen Graben der Geschichte:
"Die Beziehung zwischen dem heutigen Judentum und dem heutigen Christentum unmittelbar aus der biblischen Überlieferung begründen zu wollen, die die erste Phase des Ablösungsprozesses spiegelt, ist weder historisch noch theologisch überzeugend." (30)
Zweitens ermuntert Bernhardt dazu, die religionsphänomenologische Verschiedenheit der Religionen ernst zu nehmen. Judentum und Islam seinen Observanzreligionen, das Christentum eine Erlösungsreligion.
Drittens erkennt der Theologe die Notwendigkeit, "das Selbstverständnis des Judentums und des Islam bei den Beziehungsbestimmungen zu berücksichtigen". Für das Verhältnis Judentum - Christentum heißt das: Das biblische Judentum ist die "Mutterreligion des Christentums und des rabbinischen Judentums", Christentum und rabbinisches Judentum sind also zwei Töchter, nicht Mutter und Tochter, wie viele kirchliche Stellungnahmen voraussetzen (31).

Der Sinaibund als Spezifikation des Noahbundes

Seinen eigenen religionstheologischen Ansatz entwickelt Bernhardt aus der "Bundestheologie" jüdischer Gelehrten - und zeigt m.E. auch damit seine besondere Achtsamkeit gegenüber der Israeltheologie.
Elliot Dorff, Norman Solomon, David Hartman und Dan Cohn-Sherbok deuten den Sinaibund als eine "Spezifikation des Noahbundes". In dem "allumfassenden Schöpfungsbund" gibt es mehrere spezielle Bünde:
"den Sinaibund mit den Juden, den Christusbund mit den Christen, den Ismaelbund mit den Muslimen. Auch diese Völker sind von Gott erwählt." (32) - Wie schon Jesaja sagte: "denn der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe!" (Jes 19,25).
Fazit: Das Nein zur Judenmission heißt für den Umgang mit dem Islam ...
"Wir sollten die im Übergang vom Judentum zur Völkerwelt bezeugte Heilsbotschaft von der Universalität der Gnade Gottes, d.h. die Erweiterung der Abrahamskindschaft um die Völker ernst nehmen, davon ausgehen, dass Gott in seiner immer weitere Kreise ziehenden Selbtsmitteilung such auch den Muslimen nicht unbezeugt gelassen hat. Das rechtfertigt wohl noch nicht, den Koran als Gottesoffenbarung anzusehen. Er kann aber aus der Sicht des christlichen Glaubens m.E. durchaus als Dokument einer authentischen Gotteserfahrung gewürdigt werden." (32)

Anmerkung
(1) Die Beiträge der Tagung sind abgedruckt in der epd-Dokumentation Nr. 27 vom 3. Juli 2012: Alle reden von Mission ... "Was bedeutet unser Nein zur Judenmission für den Umgang mit dem Islam?". Die Tagung fand statt in der Evangelischen Akademie im Rheinland, Bonn, 16. bis 17. März 2012. Im Text sind hinter den Zitaten die Seitenangaben aus der epd-Dokumentation vermerkt.


Barbara Schenck, Juli 2012
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